Hans K. Reiter

Thron und Krönung - Verschwörung im Mittelalter

Thron und Krönung – Verschwörung im Mittelalter

(Egbert Schmitt, Gerd Gherkin, Hans Reiter - jeder für sich, zum selben Thema)

 

Hans Reiter - Gedanken

Zu jener Zeit, als der Wittelsbacher Ludwig, geboren in der Nähe von Fürstenfeldbruck bei München, als römisch-deutscher König Ludwig IV von 1314 bis 1347 in München residierte und seit 1328 auch als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches die Geschicke weit über die Grenzen der heutigen Staatsgebilde hinaus bis nach Rom lenkte, waren die politischen Verhältnisse nicht vergleichbar mit jenen unserer Tage, obwohl an dieser Feststellung durchaus Zweifel angemerkt werden könnten. Zwietracht herrschte allenthalben zwischen den winzigsten Herrschaftsgebieten. In der heutigen Schweiz schlugen sich die benachbarten Volksstämme die Köpfe ein und landauf, landab herrschte Krieg zwischen Königen und Fürsten – der eine nahm dem anderen, was nicht schnell genug versteckt oder weggebracht war, um das Gestohlene kurz darauf schon an neue Eroberer herauszugeben. Nicht zu sprechen von den zahlreichen Halsabschneidern und Wegelagerern, die es scheinbar schon immer gab auf dieser Welt, insbesondere in unserem Geviert.

In dieser Welt voll Zwist und Feindschaft hatte der glorreiche Ludwig den genialen Einfall, unseren Nachbarn ein wenig Verbundenheit angedeihen zu lassen. Also verlieh seine Hoheit huldvoll am 1. Mai 1327 ein Reichsprivileg für die drei Waldstätten Uri, Schwyz und Unterwalden. In Wirklichkeit hat er es jedoch aus ganz banalen Beweggründen getan, nämlich, um sich die Gunst jener drei, nun Privilegierten, zu sichern oder einfach ausgedrückt, weil sie ihn, den Bayernkönig, tatkräftig dabei unterstützten, seine Macht zu behaupten.

Da dies keine historische Abhandlung ist, sei beiläufig nur erwähnt, dass es neben Ludwig noch einen zweiten König im Deutschen Reich gab, nämlich den Habsburger Friedrich. Und so stritten die beiden, was das Zeug hielt, um die königliche Vorherrschaft, die der Ludwig 1322 in der Schlacht von Mühldorf für sich entschied. 1325 einigte man sich schließlich irgendwie auf ein Doppelkönigtum, dessen Taktschläger aber unumstritten der Bayer war. Machtlüstern waren die Herrscher zu jeder Zeit. Und so verfügte der erhabene Ludwig: Die drei Waldstätten mögen sich selbst verwalten, ohne einen Reichsvogt, wie es sonst üblich gewesen war. Nicht Wenige bezeichnen diesen Vorgang deshalb auch als die wahre Geburtsstunde der Schweizer Eidgenossenschaft.

Aber uns interessiert dies nur am Rande, wenn es auch sein könnte, dass schon damals von Bayern heraus globales Denken die Welt durchdrang.

Der Bayernkönig, zweitältester Nachkomme des Fürsten Ludwig II (nicht zu verwechseln mit dem bayerischen Sagenkönig Ludwig II, der im Starnberger See den Tod fand - wobei der Volksmund meint, man habe ihn ertränkt - und der aufgrund seiner zahlreichen Schlösser und anderer Denkmäler der Bayerischen Staatsregierung bis in unsere Tage ein schönes zusätzliches Einkommen beschert und vor allem eine unbezahlbare Werbung) setzte sich in zahlreichen familieninternen Scharmützeln auch gegen den älteren Bruder Rudolf durch, womit der Weg frei war für seine kaiserliche Kariere.

Historisch belegt ist, dass damals der Papst, Johannes XXII, residierend in Avignon in Frankreich, verfügte, Kaiser könne nur sein, wer hierfür die päpstliche Anerkennung, sprich Weihen, erhalten habe. Und tatsächlich ist es so gewesen, dass die jeweiligen Herrscher, bis zur Anerkennung durch den Papst, nicht den Titel Kaiser führen durften, sondern nur Könige des römisch-deutschen Reiches waren. Da dreht der Ludwig aus Bayern den Spieß um, bereitet alles vor, um gegen Rom zu ziehen, selbstverständlich mit ansehnlicher Streitmacht im Gefolge, damit er sich dort anstelle des Papstes vom Volke zum Kaiser krönen lasse. Papst Johannes XXII will mit aller Kraft verhindern, was nicht mehr zu verhindern war und so wird der Bayerische König von Vertretern des Römischen Volkes zum Kaiser erkoren und auf den Thron gehoben. Abschätzig nennt ihn der Papst daraufhin den Bavarus. Aus Ludwig IV war König Ludwig der Bayer geworden.
 

Doch bevor es so weit kam, wollen wir in der Chronik ein paar Seiten zurückblättern.

Obwohl es zu jener Zeit die Bezeichnung, Verschwörungstheorie, noch gar nicht gab, spricht vieles dafür, dass gerade Bayern einen hervorragenden Nährboden für Verschwörungen jeglicher Art abgab. Denken wir z. B. in der Folge nur an die Sendlinger Bauernschlacht von 1705, auch Sendlinger Mordweihnacht genannt, die der Überlieferung nach in München-Sendling von einem Schmied aus Kochel angeführt worden sein soll. Und so ist jedem Bayern, vielleicht auch nur jedem Oberbayern, der sagenumwobene Schmied von Kochel ein Begriff. Der Habsburger Kaiser Josef I, hatte den wahrscheinlich legitimen Aufstand der Bayern mit brutalsten Mitteln und Verrat niedergeschlagen – zehntausend oder mehr Männer haben dabei ihr Leben verloren.

Damit der Leser das feinsinnige Gespür der Bayern wenigstens erahnen kann, verstehen wird es ein Nicht-Bayer ohnehin niemals, wird nachfolgend exemplarisch eine Episode aus dem ungeheuerlichen Schatz mündlicher Überlieferungen entliehen.

Dem folgend, soll es ein gegen Ludwig IV gerichtetes Komplott gegeben haben, jenem König also, der später als Ludwig der Bayer in die Annalen eingegangen ist.

 

Anmerkung: Wie es bei mündlichen Überlieferungen so ist, kann die eine oder andere Begebenheit durch Hinzufügen oder Weglassen kleiner Details bei der Weitergabe des Erlebten oder Gehörten im Laufe der Zeit zu kolossalen Veränderungen des Ursprungs führen. Es beginnt schon damit, dass jede Sprache, jeder Wortschatz einem ständigen Wandel unterliegt. Dies berücksichtigt, soll sich das Folgende zugetragen haben:

Konspiration:

Er wird den Thron besteigen und wir werden seine Krönung nicht vereiteln können, wenn nicht sehr bald etwas geschieht, sagte ein finster dreinblickender Hüne von einem Mann. Bewaffnet, wie damals üblich, mit einem furchterregenden Schwert, das wohl mit beiden Händen zu führen war, dazu eine kurze Streitaxt und zu allem Überfluss in einem Futteral aus festem Leder noch eine Klinge von gut mehr als einem Schuh (Schuh, damaliges Längenmaß von 28-32 cm, mancherorts auch 28-34 cm).

Wir müssen etwas tun, pflichteten die versammelten Männer bei.

Auf keinen Fall darf die Geistlichkeit die Salbung mit dem Heiligen Öl vornehmen!, bemerkte einer der Männer. Wenn wir dies nicht verhindern, dann ist er Kaiser und wir können es nicht mehr zurückdrehen!

Klauen wir den Pfaffen das Öl, plärrte einer.

Du Tollpatsch, dann nehmen sie halt ein anderes und niemand wird’s bemerken. Außerdem, der Papst ist sowieso gegen ihn und wird ihm die Weihen schon deshalb verweigern.

Nein, nur der Tod kann uns vor diesem Hundsfott bewahren, bekräftigte der Hüne und hieb mit der Faust auf den Tisch, dass die Krüge sprangen und der Wirt herbeieilte, um nachzusehen, ob der Tisch diesen Gewaltausbrüchen gewachsen war.

Immer mehr raffen’s an sich und wir, die Kleinen, müssen‘s blechen!, sagte einer.

Ha, ha, ha, guter Witz! Wann hast du denn dem Obolus-Eintreiber schon je etwas gezahlt?, brüllte eine raue Stimme dazwischen und wüstes Gelächter brandete auf.

Je später es wurde, desto finsterer wurden auch die Vorschläge, wie der angehende Kaiser am besten zu beseitigen wäre.

Als die Versammlung lange nach Mitternacht endlich die Öllampen löschte und nach Hause torkelte, verließ der Hüne an einem finsteren Seitenweg die Komplizen und machte sich davon.

 

Hintergrund:

In der Präfektur des königlichen Anwesens brannte noch Licht. Zwei Männer saßen an einem einfachen Tisch, der eine in der königlichen Uniform der Füsiliere, der andere im feinen Gewand der Stadtbewohner.

Geben wir ihm noch eine Stunde, sagte der Uniformierte.

Eine Stunde, dann machen wir dicht und knöpfen uns den Kerl später vor, presste der Zweite hervor, bevor er treffsicher einen Strahl undefinierbarer, brauner Flüssigkeit in einen am Boden stehenden Napf spie.

Kaum wahrnehmbar schob die Räderuhr an der Wand den Stundenzeiger voran und ihr Ticken verlieh der Unordnung im Raum, die im trüben Licht der Lampe zu erkennen war, eine bizarre Realität.

Zwei Schläge gegen die Türe, dann flog diese mit einem Schwung auf, knallte gegen die Wand, schwang zurück und krachte ins Schloss.

Hier bin ich, hat leider etwas gedauert, aber diese Brut ist kaum noch zu bändigen, sagte der Ankömmling.

Ist sicher, dass sie nicht Lunte gerochen haben und dir noch blind vertrauen?, wollte der Uniformierte wissen.

Das ist es, werter Herr, ich habe sie voll im Griff und Sie können jederzeit zuschlagen und das Pack ausräuchern, grad so, wie wir es vereinbaren, sagte der Mann, dessen hünenhafte Gestalt beinahe völlig den Schein der Lampe verschluckte.

Der Mann im feinen Zwirn war Chef der königlichen Polizei, im Volk auch Büttel oder Schergen genannt. Der Uniformierte befehligte die königlichen Füsiliere.

Von Zuträgern und Gesindel, die mit denen, um die es jetzt ging, nichts zu tun haben wollten, war durchgesickert, dass es verschiedentlich zur Zusammenrottung von Habenichtsen gekommen war, die dem König ans Leder wollten. Und genau das mit allen Mitteln zu verhindern und den Mob dingfest zu machen, war ihre heilige Pflicht.

Wir werden das Nötige tun, sagte der Uniformierte. Meine Füsiliere stehen bereit und werden das Leben unseres Königs bis aufs Blut verteidigen. Mehr noch, wer es auch nur wagen sollte, ihm ein Haar zu krümmen, ist des Todes. Dafür bürge ich!

Ist gut zu hören, zollte der im erlesenen Drillich Beifall. Wir sind an Anzahl zu wenige, um solches sicher zu stellen, aber dafür um so gewiefter, im Auskundschaften, was das Volk im Lande denkt und treibt.

 

Handstreich:

Die Tage flogen dahin, aber nichts geschah. Der König erfreute sich bester Gesundheit und es schien, als habe man die Sicherheitsvorkehrungen nicht erhöht. Persönliche Schutzleute schwirrten stets um den Erlauchten, ob es deren ein paar mehr waren, fiel nicht auf. Ein genauer Kenner hätte jedoch festgestellt, dass um die Residenz mehr Füsiliere zusammengezogen waren, als sonst üblich.

Warten!

Habt Acht! Sie versuchen es am Tag der Heiligen Jungfrau, wenn die große Prozession durch die Stadt zieht und der König nebst Ihrer Hoheit, der Königin, in offener Kalesche inmitten der Leute sich bewegen, polterte der Hüne und Scherge mit gewichtiger Stimme, dass es die Anwesenden in der Präfektur von den Stühlen riss.

Aber nichts passierte! Die Füsiliere klotzten sich die Augen aus dem Kopf und die Geheimen schnüffelten in allen Ecken: nichts!

Am nächsten Tag jedoch vermeldete eine aufgeregte Frau, dass hinten am Brunnen im Garten nächst der Residenz im Gebüsch ein Mann liege, ein riesiger Koloss von einem Mann, der sich auch auf Zuruf nicht bewege.

Ein Trupp Füsiliere, ein paar Geheime und die beiden Chefs machten sich sogleich auf den Weg. Zweifellos, es war ihr Mann, brutal ermordet mit Messerstichen in Brust und Rücken.

Hat sich vermutlich heftig gewehrt, meinte der Uniformierte, aber zwecklos!

Ja, zwecklos!, pflichtete der Polizeichef bei.

 

Aufklärung:

Als die Leiche abtransportiert war und die Schaulustigen sich wieder zerstreut hatten, nahm der Uniformierte den Polizeichef beiseite, zwinkerte und fragte rundheraus, wie er es denn angestellt habe.

Meine Leute sind überall und gefügige Zuträger gibt es zuhauf. Mal einen Silberling da, mal ein zugedrücktes Auge dort. Und so haben wir es schon sehr bald gewusst: Es war der abgefeimte Plan des Hünen, sich unter dem Deckmantel der Polizei an den König heranzumachen und die schaurige Tat zu verrichten. In Bayern aber gehen solche Pläne nicht auf. Nicht, wenn sie gegen die Obrigkeit gerichtet sind und schon gar nicht, wenn das Ziel der König selbst ist.

Der Uniformierte nickte zustimmend und meinte: Das Volk geht den König nicht an, höchstens aus der eigenen königlichen Sippschaft möchte einer aus Macht- und Rachsucht derart Frevelhaftes im Kopfe tragen.

Und genau das hat ihn verraten, den Meuchelmörder in spe. Da haben wir nachgeforscht und schnell herausgefunden, dass er nicht der war, der er vorgab, zu sein, fügte der Polizeichef an. Das Resultat unserer Arbeit haben sie gesehen. Zwei meiner besten Männer haben es auf ihre Art erledigt.

Spannen Sie mich nicht zu sehr auf die Folter, bat der Uniformierte, und verraten mir, wer der Abgefeimte denn gewesen war!

Der Polizeichef zögerte ein wenig, beugte sich etwas vor und dämpfte seine Stimme zu einem kaum wahrnehmbaren Flüstern: Tragisch, der Hüne, so wird gesagt, sei ein Neffe des Königs gewesen, der dem eignen Vater den Thron verschaffen wollte und sich selbst damit so manche Pfründe sichern. Tragisch auch, dass der königliche Bruder nun im Kerker schmachtet und sein Leben von des Königs Gnaden abhängt.

Nur zwei Tage später wurde das Urteil vollstreckt. Tot durch Erhängen. Den Bruder gab’s nicht mehr. Den Bruder...?

 

Rätsel:

So jedenfalls wurde es hinter vorgehaltener Hand im Volke kolportiert. Niemand weiß zu sagen, ob’s tatsächlich so gewesen ist, denn Aufzeichnungen, die das Frevelhafte bestätigen könnten, hat man bis heute nicht gefunden – so wenig, wie man weiß, ob es überhaupt neben Rudolf einen weiteren Bruder des Bayern-Königs gegeben hat. Rudolf, der ältere Bruder des Königs, so die Geschichtsschreibung, war 1322 verstorben - regulär, wie’s vermerkt ist.

So wird es wohl für alle Zeit ein Rätsel bleiben, was sich tatsächlich zugetragen hat.

 

Nachwort:

Was den Leser vielleicht schaurig anmuten mag, derlei Urteile waren nicht ungewöhnlich. Macht kannte keine Gnade, schon gar nicht für Widersacher aus der eigenen Familie!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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