Hans Raasch

Die Lichtkönigin

 

Eigentlich ist es merkwürdig, dass eine sizilianische junge Frau aus Syracus - um 280 geboren - zur nordischen Winternachtfigur geworden ist. Zu dieser Zeit war es eine Straftat dem christlichen Glauben anzugehören. Luzia wollte ins Kloster, niemals heiraten und sich um die Armen und Gebrechlichen kümmern. Ihr beleidigter Verlobter hatte entschieden etwas dagegen, dass sie ihre Aussteuer verschenkte und ihn selber weiterschickte. Daraufhin wurde sie grausam enthauptet. Möglicherweise wurde ihr auch Schaden an den Augenlichtern angetan, denn Lucia wurde zur Schutzheiligen der Augenleidenden und der Blinden.

Die Christianisierung Schwedens war im 1300 Jahrhundert vervollständigt und spätestens ab da wurden auch viele Heilige verehrt. Der Namenstag der heiligen Lucia ist der 13. Dezember und dieser Tag fiel auch mit der heidnischen Mitwinternacht zusammen. Erst 1753 beim Übergang zum gregorianischen Kalender wurde der Wintersonnenstand auf den 22. Dezember festgelegt.

Der Luziatag blieb und mit ihm der Aberglaube an allerlei unnatürliche, böse Kräfte in dieser dunkelsten Nacht. Da galt es, sich am Besten im beschützten und beleuchteten Haus aufzuhalten. Der 13. Dezember war im christianisierten Norden auch der Anfang der Weihnachtszeit. Alle Vorbereitungen wie schlachten, backen und brauen sollten bis dahin erledigt sein. Dieser Termin, in Schweden auch „Klein Weihnachten“ oder auf Schwedisch „Lillajul“ genannt, war ein Tag des Prassens, denn alles sollte auch entsprechend gut schmecken. Auch das Trinken kam nicht zu kurz.

In verschiedenen Gegenden des heutigen Südwestens von Schweden hatte das Luzia-Feiern auch schon eine lange, wahrscheinlich vorchristliche Tradition in Form einer heidnischen, lichterbringenden Göttin. Belege dafür sind aber sehr spärlich.

Obwohl also das „Lussefeiern“ schon vorher in Schweden und auch den schwedischsprachigen Teilen Finnlands bekannt war, bekam Luzia einen ordentlichen Schub, als die Zeitung „Stockholms Dagblad“ 1927 einen Wettbewerb ausrief und von den Lesern Stockholms erste Luzia wählen ließ. In weißem Gewand mit einer roten Schärpe und der Kerzenkrone gekleidet, ihr mitkandidierenden ebenfalls in Weiß gekleideten Lusse-Jungfern mit Kerzen in der Hand im Gefolge ging die Prozession in Richtung Skansen, einem auch heute noch existierenden beliebten Freizeitmuseum.

Die Luzia-Wahl hat sich als großartiger Erfolg herausgestellt und hat einen festen Platz im modernen schwedischen Brauchtum. Mit der schwedisch-lutherischen Kirche hat der Feiertag im heute weitgehend säkularisierten Land nichts mehr zu tun. Heute werden Luzia-Kandidatinnen schon Wochen vor dem Feiertag im Fernsehen vorgestellt. Auch jede Gemeinde, jede Schule und jeder Verein wählt seine eigene Luzia. Familienintern wird auch die Jüngste zur Luzia verwandelt und serviert singend zusammen mit ihren Geschwistern den Eltern, Großeltern aber auch lieben Nachbarn Kaffee und „Lussekatter“ an ihre Betten.

 

Krankenhäuser, Pflegeheime und sonstige Institutionen werden an diesem Tag von den verschiedensten Luziagruppierungen besucht. „Lussekatter“ auf Deutsch Luziakatzen genannt -ist ein Safran-Hefegebäck, zu einer Art S geformtes Kringel. Jede Hausfrau wird einen schweren Hefeteig mit Safranpulver zustande bringen, der nach dem Gehen in ca. 15 cm lange Stangen gewalzt wie ein oberer Teil eines Geigenschlüssels und sodann spiegelverkehrt mit demselben Verfahren unten geformt wird. Nach dem weiteren Gehen der Teile wird das Gebäck mit Eigelb bestrichen und mit Rosinen im jeweiligen Schneckenzentrum garniert und bei 200° ausgebacken. So wird eine populäre Luzia-Delikatesse daraus.

In früheren Jahren vor 1927 kamen in manchen Universitäten und Internaten hin und wieder männliche Luzien vor, dies gefiel den s.g. Traditionalisten weniger gut. Man wollte die Buben trotz allem nicht außenvor halten, deshalb wurde zu den Gruppen noch „Stjärngossar“ (Sternenknaben) hinzugefügt, welche sich um den Stefans Gesang „Staffanssjungningen“ kümmerten, der an den Heiligen am zweiten Weihnachtsfeiertag erinnert. In den frühen Zweitausenderjahren kamen auch kurzfristig bärtige „Luzien“ in Mode. Aber auch der Trend hat sich trotz aller Gleichberechtigung nicht wirklich durchgesetzt.

Und jetzt kommen wir zu einem wichtigen Detail des Feierns, dem Glögg (Glühwein): Prinzipiell haben wir es mit zwei Varianten zu tun

  • Alkoholfrei für Kinder jeden Alters, sowie ältere Leute hauptsächlich in Pflegeinstitutionen. Diese Älteren hatten schon vorher genug von der anderen Variante genossen - schmeckt aber trotzdem nicht schlecht. Außer den klassischen Weihnachtsgewürzen wie Nelke, Zimtstange, Kardamom-Kapseln, Sternanis und Pomeranze sowie Honig oder Zucker zum Süßen werden Säfte wie Holunder, Heidelbeere und andere Fruchtsäfte gemischt. Orangensaft sollte nicht fehlen.
  • „Klassisch“ – für alle, die sich nicht an die ärztliche Empfehlung halten wollen, dass Alkohol schädlich insbesonders für die Leber ist: Außer den o. g. Weihnachtsgewürzen, Honig und Orangensaft sollte eine Flasche Rotwein und Schnaps oder Wodka je nach Geschmack nicht fehlen. Bitte denkt daran, Alkohol verdampft während er erhitzt wird. Um die gewünschte Wirkung zu erreichen, sollte das Hochprozentige erst ganz zum Schluss zugefügt werden. Es sollte noch erwähnt werden, dass es auch Fertigprodukte von Glögg gibt, die nach entsprechender Nachbehandlung auch trinkbar sind.

Das Luziafest hat sich in ganz Nordeuropa durchgesetzt, wobei Luzia heutzutage sicher ganz anders und blonder aussieht wie die ursprüngliche, gequälte Heilige aus Sizilien.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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