Angie Pfeiffer

Vater auf Schnäppchenjagd

In unserer Familie gab es in jedem Jahr um die Weihnachtszeit die gleichen Probleme, denn mein Vater war ein ausgesprochener Schnäppchenjäger. Trotz der Gegenwehr meiner Mutter bekam er es immer hin, in letzter Sekunde einen besonders preisgünstigen, aber dafür auch besonders hässlichen Christbaum zu ergattern.
Das waren wir schon gewohnt, aber in diesem Jahr gab es einen verschärften Tannenbaumalarm:
Alles fing an wie immer 14 Tage vor Weihnachten mit Mutters Feststellung an:
„Wir brauchen einen Tannenbaum!“

„Ja, Liebes, ich kümmere mich darum“, antwortete Vater routiniert und tat erst mal nichts.

Eine Woche vor Weihnachten, überall in der Nachbarschaft lugten die vom Familienoberhaupt vorsorglich beschafften Tannenbäume über die Balkonbrüstung, war unsere Familie immer noch baumlos und Mutter wurde langsam nervös.
„Kalle Jollenbeck! Wenn du nicht s o f o r t einen schönen Weihnachtsbaum besorgst, dann gehe i c h los und kaufe einen. Und wenn ich nachher an einem Herzinfarkt sterbe…“ Mutter hatte ein schwaches Herz, jedenfalls wenn es ihr in dem Kram passte.

„Ja Liebes“, der so Gescholtene war die Ruhe selbst. „Ich habe mich schon umgeschaut, den perfekten Baum aber noch nicht gefunden. In diesem Jahr sind die Preise wirklich unverschämt hoch. Ich verspreche dir hoch und heilig, dass zu zum Fest die schönste Blautanne haben wirst.“

So und ähnlich schaffte Vater es, seine immer panischer werdendere Frau bis zum heiligen Morgen hinzuhalten. 
Dann allerdings eskalierte die ganze Sache. Mutter brach zum ersten Mal in Tränen aus und drohte damit, das Weihnachtsfest ausfallen zu lassen, was wiederum uns Kinder in helle Aufregung versetzte. Wir heulten mit Mutter um die Wette. Kein Weihnachten bedeutete schließlich auch keine Geschenke.

So viele Tränen ließen unseren Vater aktiv werden. Er verbrachte den Vormittag damit, alle Verkaufsstände für Tannenbäume in der Umgebung abzuklappern, um das schönste und günstigste Angebot zu ergattern.
 Zugegeben: Die Auswahl war beschränkt, die meisten Bäume schon fast geschmückt, aber der Unerschütterliche war fest davon überzeugt, jetzt das Superschnäppchen machen zu können. Wirklich gelang es ihm immer, einen günstigen Christbaum zu erwerben, der hatte dann allerdings mehr Ähnlichkeit mit einer Krüppelkiefer, als mit einer Tanne .
Kam er mit der Missgeburt nach Hause, so war schon die nächste Katastrophe vorprogrammiert. Mutter brach erneut in heiße Tränen aus und bejammerte ihr herbes Los. 
„Was bist du doch für ein erbärmlicher Knicker! Einmal im Jahr möchte ich etwas Schönes haben – und du bringst mir DAS da!“

Jetzt kam Vaters kreative Ader zum Vorschein. Er holte seine Werkzeugkiste aus der Kammer, schnitt unter Zweige ab und stutzte sie auf das richtige Format. Anschließend bohrte er kleine Löcher in den Baumstamm und stopfte die getunten Zweige hinein, um dem Baum mehr Dichte zu verleihen.
Das fertige Werk sah schon besser aus und Mutter beruhigte sich etwas.

So war es auch in diesem Jahr gewesen. Vater kam mit dem günstigsten und hässlichsten Baum nach Hause. Das kannte die Familie schon und Mutter beruhigte sich bemerkenswert schnell. Doch dieses Mal ließ sich, trotz aller Fahndungsversuche, der Christbaumständer nicht finden.

Einmal mehr klagte Mutter ihr Leid. „Du versaust uns schon wieder das Fest. Erst kommst du so spät mit diesem komischen Krüppel an und jetzt ist der Ständer auch noch weg! Inzwischen haben alle Läden geschlossen, kannst du mir mal sagen, was wir jetzt machen sollen?“ Dass auch sie sich vorher um das nötige Zubehör hätte kümmern können, vergaß sie geflissentlich.

„Keine Panik, Liebes, ich habe alles im Griff“, mit dieser Aussage packte Vater sich einen Wischeimer und verließ die Wohnung um wenig später strahlend wieder zu erscheinen. 
„Man muss sich nur zu helfen wissen, ich habe den Eimer voll Sand gemacht, nebenan ist doch die Baustelle…“

Noch immer strahlend und sichtlich stolz auf seine Findigkeit versuchte er nun den unglücklichen Tannenbaum in den Eimer mit Sand zu stopfen. Das gelang nun leider gar nicht. Das Teil fiel immer um, weil der Stumpf unten einfach nicht lang genug war. 
Doch Vater gab nicht auf. Wieder kam seine kreative Ader zum Tragen, wieder griff er in seine Werkzeug-, bzw. Trickkiste. Er stellte den Baum samt Eimer in eine Zimmerecke, schlug rechts und links einen Nagel in die Wand und seilte den Baum an. Unglaublich aber wahr – das gute Stück stand wie eine Eins und unser Weihnachtsfest war gerettet.
 Allerdings brauchten wir zum Schmücken ein wenig Fingerspitzengefühl, denn bei einseitiger Belastung neigte sich der Baum bedrohlich zu einer Seite.

Später, als wir Kinder erwachsen waren, haben mein Bruder und ich vorsorglich einen Tannenbaum besorgt, was unseren Vater aber nicht daran hinderte, am heiligen Mittag mit dem obligatorischen Superschnäppchen aufzulaufen…
©Angie

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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