Monika Litschko

Bei Mama ist das Fenster auf

Ich stand am Fenster und beobachtete den Himmel. Irgendwie sah es nach Schnee aus und auch die Luft roch danach. Wie lange hatten wir keine weiße Weihnacht mehr gehabt? Ach, ich wusste es nicht. Aber als ich ein Kind war, lag zu Weihnachten immer Schnee. Meine Gedanken glitten in die Vergangenheit und ich sah meinen Geschwistern und mir beim Rodeln zu. Wieviel Spaß wir hatten. Mein Gott, lang lang war es her.
Das Handy leuchtete auf. Ich setzte mich wieder und griff nach dem kleinen goldenen Ding, welches uns immer und überall verbindet. Mit unseren Liebsten, den Freunden und den ungeliebten nervtötenden Mitläufern, deren Hauptaufgabe es war, andere permanent zu nerven.
Meine Enkelin hatte mir ein Bild geschickt und es kam mir seltsam bekannt vor. Also vergrößerte ich es und erkannte das Haus, in dem ich groß geworden war. Darunter hatte sie geschrieben, dass sie es aus dem Internet hat. Und dass sie es in meinem Fotoalbum gesehen hätte. Aber nie ganz, sondern immer nur die Fassade oder den Eingang, vor dem wir uns alle positioniert hatten, wenn ein Foto geschossen wurde. Sie meinte ihren Onkel, ihre Tante, Uroma, Uropa und diverse Verwandte.
Eine seltsame Melancholie stieg in mir auf und meine Seele verschmolz mit dem Bild auf meinem Handy. Es war ein rotes Backsteinhaus gewesen, welches fünf Familien beherbergte. Direkt daneben, quasi Wand an Wand gebaut, hatte eine große Fabrik gestanden, in der auch mein Vater arbeitete. Es hatte einen ganz schmalen Vorgarten, den meine Mutter hinter einem schmiedeeiserenen Zaun, hegte und pflegte. Die Häuser in unserer Straße waren alle irgendwie gleich gewesen. Jedes Haus hatte seinen eigenen Hinterhof und ein Stück Rasen, den alle nutzen durften. Eine rote Backsteinmauer, die den Blick auf den hinteren Teil der Fabrik nur halb abschirmte, trennte uns von unseren Vätern, die dort täglich ihrer Arbeit nachgingen. Heute gab es die Fabrik und auch die Häuser nicht mehr, denn unsere kleine Stadt war irgendwann modern geworden. Das alte Stadtbild war teilweise verschwunden und die Gemütlichkeit war der Moderne gewichen. Ich seufzte, denn ich fand es immer schon schade, dass es so war, wie es jetzt war. Das Tor zum Sauerland hätte so bleiben sollen, wie es immer gewesen war. Mit Straßen aus Kopfsteinpflaster und Bürgersteigen, deren Steine wie Parkett gelegt waren. Mit alten Häusern und viel Grün. Jetzt gab es eine Umgehungstraße, schnell hochgezogene Häuserreihen, Supermarktketten, Eisdielen und diverse andere Läden. Nur den kleinen überschaubaren Stadtkern hatte man teilweise erhalten.

Da die Bäume auf dem Foto kahl waren und der Himmel verhangen, konnte ich nicht einschätzen in welchen Monat das nostalgische Foto entstanden war. Ich legte das Handy zur Seite und kochte mir erstmal einen Kaffee, um Abstand von den Gedanken zu bekommen, die mir durch den Kopf gingen.

Eine viertel Stunde später hielt ich mein Handy wieder in der Hand, starrte das Foto an und überlegte, dass die Menschen, die in diesem Haus damals wohnten, unsichtbar hinter der Fassade lebten. Was sie wohl gerade machten? Bei uns war das Wohnzimmerfenster weit auf. War meine Mutter am Aufräumen, kochte sie Mittag oder wusch sie Wäsche? Wieviel Uhr war es wohl? Morgen, Mittag oder Nachmittag? Komisch, was für Gedanken mir durch den Kopf gingen. Meine Mutter war vor drei Monaten verstorben und hielt sich jetzt in der Vergangenheit, in irgendeinem Raum auf. Jung, schön und voller Elan, erledigte sie ihre Arbeit. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Zu Lebzeiten, besonders in jungen Jahren, war sie schwierig gewesen. Sehr herrisch und teilweise unberechenbar. Außerdem rutschte ihr oft die Hand aus, besonders bei mir. Warum auch immer. Später hatten wir ein, naja, unterkühltes Verhältnis. Meinen Geschwistern erging es etwas besser, da sie nicht der Grund waren, weswegen sie heiraten musste. Meine Mutter hatte mir dieses in einem Wutanfall an den Kopf geschmissen. Später stellte sich heraus, dass es meiner Schwester, sie ist die Jüngste im Bunde, an manchen Tagen auch so erging. Meinen Bruder überschüttete sie mit Liebe, bis er davon genervt war und Unsinn machte. Ich meine, harmlosen Unsinn, auf den ich nicht weiter eingehen möchte.
 

Trotzdem waren wir bis zum letzten Atemzug bei unserer Mutter. Das hatte sie sich gewünscht. Mit der schrecklichen Diagnose, Blasensarkom, kam plötzlich das Vertrauen in ihr auf, welches sie vorher nie hatte. Sie ließ sich fallen und legte alles in unsere Hände. Und wir versprachen ihr, sie durch alle Phasen des Sterbens zu begleiten.
Einmal saß ich spät mit meiner Schwester an ihrem Sterbebett, sie war mittlerweile in ein kleines Hospiz umgesiedelt, als uns einfiel, dass wir nicht viel von unserer Mutter wussten. Nur dass ihre Mutter sehr krank wurde und verstarb, als sie noch klein war. Und ihr Vater bei einem Grubenunglück zu Tode kam. Sie wuchs dann bei der Freundin ihrer Mutter auf. Besser gesagt bei den Eltern der besten Freundin, da diese mit Zwillingen schwanger war. Unsere Mutter musste es da sehr gutgehabt haben, denn als sie heiratete, eine eigene Familie gründete und zwei Städte weiterzog, fuhren wir oft in die Hefestadt. Eigentlich fast jedes Wochenende. Aber irgendwie war sie wohl doch immer ein Kind für alle gewesen, welches man mit aufzog. Ein Kind, welches nie die Liebe und Geborgenheit von Mutter und Vater erleben durfte. Nur eine Tante, die in die Familie eingeheiratet hatte, kümmerte sich rührend um sie und später auch um mich. Sie war so lieb, so herzlich und aufopfernd. Und uns wurde klar, dass meine Eltern nicht füreinander geschaffen waren. Sie, die dominante Persönlichkeit und unser Vater mit einem schwachen Charakter, der zu allem ja sagte. Er war der liebende Teil. Ich denke, ein Mensch, der nie richtig geliebt wurde als Kind, kann Liebe nicht weitergeben. Woher soll er wissen was Liebe ist? Wie sich Geborgenheit anfühlt oder die Liebe zu den Eltern. Unsere Eltern trennten sich quasi an ihrem sechzigsten Hochzeitstag räumlich voneinander. Meine Mutter wusste, dass sie sterben musste und hatte alles bis ins kleineste Detail mit uns besprochen. Behandlung palliativ, anonyme Bestattung hier in unserer Stadt, Einäscherung in der Hefestadt. Obendrein hatte sie keine Lust mehr unseren Vater zu sehen, der fast jeden Tag zu ihr wollte. Sie sagte ihm das sogar. Und sollte er es wagen, zu ihr zu ziehen, würde sie vom Balkon springen. Das wäre sowieso nicht gegangen, aber schon ihr ablehnendes Verhalten zeigte dem Personal, dass er seine Besuche besser reduzierte. Es ist klar, dass ihn das traurig und gleichzeitig auch wütend machte.
Sie starb am zwölften September um achtzehn Uhr. Wir drei Kinder waren bei ihr und hielten ihre Hände. Das einzige Geschenk was sie uns noch machen konnte, war, noch einmal die Augen zu öffnen und uns der Reihe nach anzusehen. Punkt achtzehn Uhr, als die Kirchenglocken läuteten, tat sie ihren letzten Atemzug.
Traurig waren wir nicht, denn es ist ihr viel erspart geblieben. Wir waren froh, dass sie gegangen war. Jetzt war sie frei und wir auch. Später fanden wir Geburtsurkunden von unserer Mutter und auch von ihrer Mutter. Dabei stellte sich heraus, dass ihre Mutter nie geheiratet hatte und unsere Mutter unehelich auf die Welt gekommen war. Was heute kein Problem ist, war damals eine Schande. Leider. Komisch, dass unsere Mutter dieses nie bemerkt hatte. Ein paar Tage bevor sie starb, streckte sie die Arme nach oben und sagte mit weinerlicher Stimme … Mama, ich will bleiben …
Und dann endlich, hatte zusammengefunden, was zusammengehörte.

Ich hatte verziehen und ihr dieses auch zugeflüstert. Erst als ich über sie schrieb, fühlte ich die Verlassenheit und das Einsamkeitsgefühl, welches sie ein Leben lang in sich getragen haben musste. Und es fiel mir ein, dass sie früher oft meine Nähe suchte, als ich schon lange aus dem Haus war. Aber sie schaffte es nicht, sich ein Herz zu fassen, um mit mir zu reden. Ich glaube, Gefühle versteckte sie hinter ihrer groben, manchmal verletzenden, aber auch flapsigen Art. Leute veräppeln machte ihr Spaß, das erwähnte sie die letzten Wochen in ihrem Leben des Öfteren.

Draußen war es mittlerweile schon dunkel und ich machte die Weihnachtsbeleuchtung an. In vierzehn Tagen war der Heilige Abend und die letzten drei Monate waren wie im Flug vergangen. Das Leben floss, wie ein Fluss. Der Fluss des Lebens. Manchmal war es wie der wilde Ozean, der alles mit sich reißt und dann wieder wie ein stiller See, an dem wir verweilen, bevor unsere Reise weiter geht. Zeit spielte gerade keine Rolle mehr für mich und ich nahm noch einmal mein Handy in die Hand. Ich vergrößerte das Bild und hauchte ihm Leben ein.

Flocken rieselten vom Himmel und legten sich auf den schon gefallenen Schnee. Die Hausdächer waren weiß gepudert und Qualm stieg aus allen Schonsteinen. Ich ging über den Hof, stieg die Treppen herauf und öffnete die Tür. Wie klein die Wohnung war. Als Kind erschien sie mir riesig, aber mehr wie fünfzig oder fünfundfünfzig Quadratmeter waren es nicht. Der schmale kurze Flur war bis zur Hälfte in Lincrusta grün gestrichen. Rechts war mein Zimmer. Ein Bett, ein kleiner Schrank und eine alte Schminkkommode. Über meinem Bett war ein Bücheregal, das voll mit Mädchenbücher war. Rechts war das Schlafzimmer meiner Eltern. Neben meinem Zimmer lag die Küche. Ein Spülstein, ein Kühlschrank und ein gewaltiger Kachelofen, passten an eine Wand. An der anderen Wand stand ein Küchenschrank mit rosa, gelb und lindgrünen Türen. In der Mitte ein Esstisch mit vier Stühlen. Meine Mutter war im Wohnzimmer und schaute aus dem Fenster, welches weit aufstand. Sie erfreute sich an dem Schnee und schaute zu den Päckchen, die hübsch verpackt auf dem Tisch standen. Ich schaute mich um. Da stand es, unser grünes Sofa. Zwei passende Sessel waren links und rechts um den grauen Nierentisch drapiert. Links stand ein alter Wohnzimmerschrank, auf dem ich erst mit sechszehn Jahren mühelos gucken konnte. Und ein kompliziert aussehender Fernseher, der auf einer Musiktruhe stand. Ein kleiner Kachelofen knisterte und verbreitete eine wohlliege Wärme. Meine Mutter trug eine Bluejeans und dazu einen weißen Pullover. Ihr rotes Haar war lockig und kringelte sich um ihr hübsches Gesicht, das immer leicht geschminkt war. Darauf legte sie viel Wert. Alles in allem stand da eine junge Frau, die mit der Mode ging. Die kurz vorher, liebevoll die Wohnung dekoriert hatte, um dann in Ruhe Weihnachtsgeschenke einpacken zu können. Die sie nun vom Tisch nahm und im Schlafzimmer versteckte. Sie war nicht gestresst oder trübsinnig, so wie früher, sondern entspannt und glücklich. Das grüne Telefon mit Wählscheibe schrillte und sie eilte ins Wohnzimmer.
„Hallo Mama, schön dass du anrufst.“
„Ich habe gerade die Geschenke der Kinder hübsch eingepackt.“
„Du musst Weihnachten nichts mitbringen, ich habe doch alles da.“
„Wir freuen uns so auf das gemeinsame Fest.“
„Ich habe dich auch lieb, Mama.“
Sie legte auf und suchte weiter nach passenden Verstecken. Ihr Blick wurde weich, als sie ein Bild von der Wand nahm, auf dem wir Kinder waren. Sie drückte es an ihre Brust und lächelte.

Ich lächelte ebenfalls und nahm schweren Herzens Abschied. Endgültig.
„Du solltest dir eine Platte mit Weihnachtsmusik auflegen“, sagte ich. Natürlich hörte meine Mutter das nicht, aber irgendwie musste ich es sagen. Ich verließ die kleine Wohnung und stapfte durch den Schnee, bis zu dem offenen Fenster, um einen letzten Blick hineinzuwerfen. Da stand sie plötzlich und schaute mich an. Schneeflöckchen Weißröckchen, dieses Lied rieselte auf mich herab, als sie mir mit leuchtenden Augen zunickte und das Fenster zumachte.

Das Foto hatte mich so beschäftigt, dass ich mich dorthin geträumt hatte. Aber wenn es auch nur ein Traum gewesen war, lebte sie vielleicht doch glücklich hinter den alten Backsteinmauern ihr Leben so, wie sie es sich immer gewünscht hat.

Und ich wünschte mir, dass meine Kinder später auch einmal ein Foto im Internet finden, wo mein Fenster offensteht. Denn hinter den Mauern, lebt dann auch ein Teil von mir.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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