Claudia Savelsberg

Der alte Hund

Er wanderte schon seit vier Tagen allein und ziellos durch die Gegend. Er hatte kein Zuhause mehr. Er war allein und fühlte sich hilflos und verlassen Vor vier Tagen war sein Frauchen plötzlich gestorben, und die Kinder, denen er lästig war und die sich nicht um ihn kümmern wollten, hatten ihn einfach ausgesetzt, auf die Strasse gejagt und seinem Schicksal überlassen. Der alte Hund war vierzehn Jahre alt, seine Augen hatten sich eingetrübt, er konnte nicht mehr viel sehen. Er vermisste sein Frauchen und sein Zuhause. Er konnte nicht begreifen, was mit ihm geschehen war. Er wanderte allein und ziellos durch die Gegend. Fressen fand er nicht, nur manchmal eine Scheibe Brot, die neben einem Abfalleimer lag. Seinen Durst stillte er an Wasserpfützen. Er war ein alter kranker Hund. Er hatte von seinem Frauchen immer seine Tabletten bekommen. Eine gegen seine Arthrose und eine für sein altes Herz. Ja, mit diesen Tabletten war er immer wieder gelaufen wie ein junger Hund, und sein Frauchen hatte sich immer wieder mit ihm gefreut, wenn sie ihn laufen sah. Ja, sie war ein wirklich liebevolles Frauchen gewesen, daran erinnerte er sich noch gut. Sie war immer an seiner Seite, und er war immer an ihrer Seite. Vierzehn Jahre lang hatten sie ihr Leben miteinander geteilt. Und jetzt war er allein, man hatte ihn einfach ausgesetzt und seinem Schicksal überlassen. Wenn er auf seinen einsamen Runden Menschen traf, suchte er deren Nähe. Aber weil er ohne Begleitung und ohne Halsband unterwegs war, fürchteten sich viele Menschen vor ihm. Sie gingen einfach an ihm vorbei, sahen seinen flehenden Blick nicht. Er, der alte Hund, wünschte sich Zuneigung und Liebe. Nur noch einmal in seinem Leben. Er wusste, dass er bald sterben würde. Manchmal ging er abends an Häusern vorbei, deren Fassaden mit weihnachtlichen Lichterketten geschmückt waren. Er sah durch die Fenster in gemütliche Zimmer, in denen eine Familie zusammensaß. Und er wünschte sich, dass ein Mensch ihm die Tür öffnete und ihm ein neues Zuhause geben würde. Aber die Menschen waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Wen kümmerte schon ein alter kranker Hund. Er lief immer weiter in dieser Nacht, konnte nicht mehr viel sehen, hatte Angst. Er lief einfach weiter. Ohne Ziel. Ein einsamer kranker alter Hund, der sich nach Liebe sehnte.

Er war wieder den ganzen Tag unterwegs gewesen auf der Suche nach Nahrung und einem Zuhause. Er war müde und legte sich unter einen Busch, weil er dort schlafen wollte. Er hatte schon einige kalte Nächte unter freiem Himmel geschlafen, und seine Arthrose tat ihm weh. Aber es gab ja niemanden mehr, der ihm seine Tablette hätte geben können. Der alte Hund war ganz allein. Er hatte Angst. Er wusste, dass er bald sterben würde. Plötzlich stand eine junge Frau vor ihm. Sie hatte blonde Locken und strahlend blaue Augen. Sie trug ein weißes Kleid, das mit Sternen bedeckt war. Auf dem Rücken hatte sie weiße Flügel. Der alte Hund knurrte, weil er Angst hatte vor diesem merkwürdigen Wesen. Er kannte keinen Menschen mit Flügeln, es war ihm unheimlich. Die Frau spach zu ihm: „Du bist ein schöner alter Hund. Du hast in deinem Leben viele Menschen glücklich gemacht. Jetzt bist du alt und krank. Die Menschen wollen dich nicht mehr, sie haben dich verlassen. Ich bringe dich nachhause, du musst mir vertrauen.“ Der alte Hund schaute sie an. Ihre Stimme war so sanft, er könnte ihr vertrauen. Sie setzte sich zu ihm, bettete seinen Kopf in ihren Schoß, streichelte ihn liebevoll. Der alte Hund schaute sie an voller Liebe und Vertrauen. Er spürte noch einnmal in seinem Leben Wärme und Geborgenheit. Dann schlief er für immer ein. Der Engel breitete seine Flügel aus und brachte den alten kranken Hund nachhause in den Hundehimmel ….

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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