Claudia Savelsberg

Die K.-o.-Tropfen

Markus war 18 Jahre und für sein Alter relativ klein und schmächtig. Sein Gesicht war von tiefen Akenarben überzogen, und sein Bart sah immer noch aus wie pubertärer Flaum. Markus fand sich häßlich, er verabscheute sein Spiegelbild geradezu. Oft trug er Sneakers mit Plateausohlen, um größer zu wirken, und er meldete sich in einem Fitness-Studio an, um seinen Körper zu trainieren. Als er dort die anderen Männer sah, die ihm so athletisch vorkamen, verließ ihn der Mut, und er ging wieder nach Hause. Er fand sich einfach nur hässlich.

Markus machte eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. In der Werkstatt hing ein etwas schmuddeliger Kalender, jedes Foto zeigte eine leicht bekleidete Frau in lasziver Pose. Im Frühstücksraum hatten die Kollegen ein Poster an die Wand geheftet: eine halbnackte Frau räkelte sich mit weit gespreizten Beinen auf der Kühlerhaube eines Autos. Die Kollegen mochten dieses Bild und rissen immer wieder Witze über Frauen. Montagsmorgens gab es in der Werkstatt nur ein Thema, die Kollegen von Markus erzählten von ihren Eroberungen. Einer meinte lässig: „Ich hab 'ne wirklich geile Alte flach gelegt.“ Der andere wollte ihm nicht nachstehen: „Ich hatte 'ne Sahneschnitte am Start mit heißer Muschi und Riesentitten.“ Markus war verlegen und schwieg; denn er hatte wenig Erfahrung mit Frauen. Seine erste Freundin hatte er sehr gerne gemocht, ihr ein teures Smartphone geschenkt, sie zum Essen eingeladen. Sie hatten sich geküsst und wild geknutscht. Es fühlte sich für Markus gut an, den warmen weichen Körper einer Frau im Arm zu halten und zu streicheln. Als sie zum ersten Mal zusammen im Bett lagen, hatte er versagt. Seine Freundin beschimpfte ihn höhnisch als „elenden Schlappschwanz“ und trennte sich von ihm. Einige Monate später hatte er die Schwester eines Arbeitskollegen angesprochen und ins Kino eingeladen. Sie sah ihn abschätzig von oben bis unten an: „Was willst du denn von mir? Schau doch mal in den Spiegel. Komm wieder, wenn du erwachsen bist.“ Markus litt fürchterlich, und er hatte niemanden, mit dem er reden konnte. Seine Mutter schaute ihn nur an und sagte, dass es mit Frauen irgendwann klappen würde. Auch wenn er als Mann nicht besonders hübsch wäre. Dabei seufzte sie theatralisch. Der Vater beschränkte sich auf den Hinweis: „Pass mit den Weibern auf, sonst wollen sie dir noch ein Kind anhängen. Verstanden?“ Markus war am Ende, er wollte endlich eine Frau haben. Die Verzweiflung ließ in ihm einen unheimlichen Plan reifen. Er hatte von diesen K.-o.-Tropfen gehört, die jungen Frauen oft in ein Getränk gemischt wurden, um sie willenlos zu machen. Am nächsten Tag hatten sie dann keine Erinnerung mehr, und die Substanz konnte im Blut auch nicht mehr nachgewiesen werden. Das alles wußte Markus, und er wußte auch, dass er eine Straftat beging, wenn er diese Tropfen zum Einsatz brachte. Aber er wollte unbedingt eine Frau haben, um sich selbst zu beweisen und endlich mit seinen Kumpels mithalten zu können, wenn sie mit ihren Eroberungen prahlten. Kurz entschlosssen bestellte er die Tropfen im Internet und las die Gebrauchsanweisung sehr sorgfältig durch.

Heute war Samstag, und er machte sich auf den Weg in die nächste Diskothek. Das Fläschchen mit den Tropfen hatte er in der Jackentasche. Heute Abend würde es passieren. Da er nicht tanzen konnte, setzte er sich an die Theke, bestellte ein Bier und beobachtete die jungen Frauen. Welche könnte er ansprechen? Welche würde sich überhaupt von ihm ansprechen lassen? Er griff nach dem Fläschchen in seiner Jackentasche. Heute Abend musste es passieren! Plötzlich setzte sich eine junge Frau neben ihn und bestellte eine Cola. Sie war ganz hübsch, vielleicht ein bisschen pummelig, aber sie lächelte ihn gleich an und sagte etwas verlegen: „Ich weiß nicht, warum ich überhaupt hier bin; denn ich kann nicht tanzen. Du? Ich heiße Angela.“ Markus fand sie sympathisch, und sie kamen ins Gespräch. Sie war ein Jahr jünger als er und machte eine Lehre als Friseurin. Er erzählte von seiner Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker, was sie aufregend fand. Angela liebte Autos, und die Vorstellung, dass Markus diese umlackieren und tunen konnte, fand sie einfach hinreißend. Dann entschuldigte sie sich kurz, sie wollte zur Toilette. Unbemerkt nahm Markus ihre Cola und schüttete eine bestimmte Dosis der K.-o.-Tropfen ins Glas. Davon würde sie sicher bald benebelt werden, dachte er. Dann würde ihr schlecht, und er würde sie nach draußen begleiten in den dunklen Hinterhof der Diskothek. In seiner Phantasie sah er Angela schon ohnmächtig vor sich liegen. Er würde ihr die Bluse aufreißen, ihren BH hochschieben und ihre Brüste streicheln. Dann würde er ihren Rock hochschieben und ihr den Slip ausziehen. Und dann … ?!? In Markus Kopf wirbelten die Gedanken, und plötzlich wusste er nicht mehr, was er wirklich wollte.

Angela kam zurück , lächelte ihn an, dann sah sie auf die Uhr: „Mensch, es ist schon spät, ich muss gleich los. Wenn ich nicht pünktlich zuhause bin, dann machen meine Alten Terror. Aber die Cola trink' ich vorher noch aus.“ Markus starrte auf das Glas und gab keine Antwort. Wann würde sie davon trinken? Sie lächelte wieder und legte ihre Hand auf seine: „Weißt du, du bist echt ein netter und sympathischer Typ, Markus. Andere Kerle wollen einem gleich an die Wäsche. Ich find' dich einfach süß.“ Er schaute sie ungläubig an. Das hatte noch nie eine Frau zu ihm gesagt. Als Angela zu ihrer Cola greifen wollte, umarmte er sie und stieß dabei wie unabsichtlich das Glas vom Tresen. Zwischen den Glasscherben versickerte die Cola im Fußboden. Angela lachte, und sie tauschten beim Abschied ihre Handy-Nummern aus. Markus hatte eine Frau gefunden.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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