Steffen Herrmann

Der Putsch. 4. Die Judenfrage

Von seinem Schreibtisch aus schaute er auf das schon wache Berlin. Er genoss es, allein zu sein in seinem Büro, allein mit einer Tasse heissen Kaffees in der Hand. Er genoss es, die Stadt mit seinen Augen zu überfliegen, die friedlich in das Licht der aufgegangenen Sonne getaucht schien.

Stauffenberg hatte sich in seine Rolle gefunden. Er war, ohne es recht zu merken, zu einer Führerfigur geworden, mit einer ähnlichen Machtfülle ausgestattet, wie es Hitler zuvor gewesen war. Gewiss, ihm fehlte das rhetorische Talent und auch der Draht zum Volk, seine seltenen Reden klangen immer irgendwie hölzern und leicht von oben herab. Aber es war auch wahr, dass er stets bemüht war, von seiner Macht vorsichtigen Gebrauch zu machen und er unentwegt für sein Volk arbeitete. Gewiss verstand er sich als Führer, doch mehr noch, erwachsen geworden in langer militärischer Tradition, als erster und hartnäckigster Diener Deutschlands.  

Der Krieg war noch immer in einer dramatischen Phase. Die Russen kämpften mit einer nie gekannten Wucht, es schien, als sei da hinten im Osten ein Drachen erwacht. Ohne die Hilfe der Amerikaner würde der Krieg wohl inzwischen auf deutschem Boden stattfinden.  Aber Roosevelt hatte versprochen, ihnen zwanzigtausend Panzer und fünfzehntausend Flugzeuge zu liefern und er hatte Wort gehalten. Mehr als die Hälfte dieser ausländischen Waffen waren bereits zerstört und jeden Monat fielen zehntausende deutsche Soldaten.

Immerhin hatten sie die Russen bis tief in polnische Hinterland zurückschlagen können. Zuletzt hatten sie wieder Gebiete verloren, eine Gegenoffensive Schukows hatte eine ganze Armee dezimiert.

Nun ja, der heutige Tag begann, wie viele andere, mit einem unangenehmen Gespräch. Jakob Stern, der Vorsitzende des Jüdischen Zentralrates hatte einen Termin erhalten. Das Gespräch war schon oft verschoben worden, aber nun liess er sich nicht mehr abwimmeln.

 

Der Jude betrat sein Büro. Er war gross und hager, hatte wache und traurige Augen. Sie gaben sich die Hände und tauschten Begrüssungsfloskeln aus. Stauffenberg ging zu seinem Stuhl zurück und verschanzte sich hinter seinem Schreibtisch. Mit einer Geste wies er auf den anderen Stuhl und bedeutete Stern so, sich niederzulassen.

«Nein danke, ich bleibe stehen.»

«Bitte.» Staufenberg forderte ihn zum Sprechen auf.

«Sie erinnern sich sicher noch an unser letztes Gespräch vor sechs Monaten.» begann Jakob Stern. «Ich war damals sehr zuversichtlich und hielt Sie für einen grossen Führer, mehr noch, für einen integren Mann. Sie versprachen damals viel, und alles, was sie versprachen, war recht und billig, weil es nur die minimalen rechtlichen Standards für unsere Volksgruppe wiederhergestellt hätte. Mit zunehmendem Unglauben, ja Entsetzen musste ich dann jedoch feststellen, dass von all dem, wofür Sie ihr Wort gegeben hatten, nichts, aber auch gar nichts gehalten worden ist.»

«Ich verstehe Ihren Unmut.» Stauffenberg blieb ruhig. «Doch ich habe weder gelogen, noch mein Wort nicht gehalten. Einiges, was ich Ihnen zugesagt habe, ist verwirklicht, manches dauert etwas länger.»

«Sie führen Hitlers Politik gegen die Juden fort, nur etwas weniger…» Stern suchte nach dem richtigen Wort. «konsequent.» beendete er schliesslich den Satz.  

«Ich habe» entgegnete Stauffenberg, nun aufgebracht. «die Exekutionen in den Lagern …»

«Morde» unterbrach ihn Stern.

«Morde. Meinetwegen. Ich habe das sofort gestoppt.»

«Das ist richtig.» meinte Stern. «Aber es ist noch kein Verdienst, dass Sie nicht wie Ihr Vorgänger zu einem der scheusslichsten Verbrecher geworden sind, den die Menschheitsgeschichte hervorgebracht hat. Entscheidend ist vielmehr, was Sie nicht getan haben. Sie haben die Lager nicht geschlossen. Sie haben den Juden nicht ihre Freiheit wiedergegeben, nicht ihre Rechte, nicht ihre Würde.»

«Und Sie verstehen ganz und gar nicht die Situation, in der Deutschland sich befindet, die Grösse der Gefahr.»

«Schliessen Sie die Lager! Es gibt kein Recht, Hunderttausende, vielleicht Millionen unter menschenunwürdigen Bedingungen zusammenzupferchen, nur weil sie einen bestimmten Glauben haben.»

«Eine Rasse.»

«Eine Rasse» wiederholte Stern höhnisch und spuckte aus. «Sie haben nicht das Recht dazu!»

Stauffenberg war jetzt auch aufgestanden. Er sprach jetzt leise und sehr kontrolliert. «Sie können mir glauben» begann er «dass ich das liebend gern tun würde. Ich bin, glauben Sie es oder glauben Sie es nicht, kein Antisemit. Aber Sie müssen auch verstehen, dass ich der Führer aller Deutschen bin und niemandem ist klarer als mir, dass der jetzige schicksalhafte Krieg auf des Messers Schneide steht. Auf des Messers Schneide! Und mir ist auch klar, dass unsere jüdischen Mitbürger nach allem, was wir ihnen angetan haben, sich nur als Feinde Deutschlands verstehen können. Wenn nun diese vielen, vielen Menschen zurückkehren, unsere Städte fluten mit all ihrem Hass, der nur zu gut verständlich ist, dann würde das unvermeidlich zu einer solchen Schwächung der Kampfkraft im Hinterland führen, dass der Krieg wahrscheinlich verloren wäre. Und ich kann einen solchen Dolchstoss nicht verantworten.»

«Ich hoffe, Sie sind nicht noch stolz auf Ihren klaren Verstand.» erwiderte Jakob Stern. «Er entspringt einem kalten Herzen. Die Geschichte wird über Sie richten, mein Herr. Schämen Sie sich! Sie haben das Blut unschuldiger Kinder an Ihren Händen. Kinder, die in Ihren Lagern das Fleisch von Ratten herunterwürgen und elend an Seuchen verrecken. Sehen Sie zu, wie Sie das mit Ihrem Gewissen vereinbaren können!». Ohne ein weiteres Wort verliess er den Raum.

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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