Hans K. Reiter

Weihnachtsboten - eine bayerische Adventsgeschichte

Imposante Gestalten und weniger glorreiche Figuren:

Igelhofer Ignaz            – Großbauer
Reitmoser Sebastian  – hinterkünftiger Tagelöhner
Schwingdi Maria         – Magd und vieles mehr

daneben:    – Seine Hochwürden der Herr Pfarrer
                   – Der ehrenwerte Herr Bürgermeister
                   – Der Herr Gendarm oder Dorfpolizist

und andere, nicht namentlich Genannte.
 

Am dritten Advent ist’s passiert. D‘ Maria Schwingdi hat den Hof verlassen müssen, der hochwürdige Herr Pfarrer hat Angst um sei Kutt’n kriagt, der Ignaz Igelhofer hat nix mehr begriffen und der Reitmoser Sebastian ist Tagelöhner geblieben.

 

Aber der Reihe nach, gemäß der Chronik aus Dingharting, im Jahre des Herrn 2019.

Eigentlich war es Zeit für die sonntägliche Beichte und so machte sich seine Hochwürden der Herr Pfarrer auf und begab sich zum Beichtstuhl. Hin und wieder kam es nämlich tatsächlich vor, dass sich jemand dorthin verirrte und um Absolution für seine Sünden nachsuchte. Früher, ja früher hatten sie zwei, manchmal sogar drei Beichtstühle in Betrieb. Das war noch zu Zeiten, als es neben dem Herrn Monsignore noch einen Kaplan als Hilfspfarrer gab und, wenn nötig, sogar noch einer aus München angereist kam, um auszuhelfen. Für diesen Fall schleppten sie dann den Hilfsbeichtstuhl vor den Nebenaltar zu Ehren der Heiligen Jungfrau Maria.

Maria, die Patronin des Altars, vor dem nun der Hilfsbeichtstuhl seiner Verwendung harrte, galt aus zweierlei, unverrückbaren Gründen als heilig. Der eine Grund war, dass Maria seinerzeit vor rund zweitausend Jahren Christus zur Welt gebracht hatte und der andere, dass die Leute bis in die heutigen Tage hinein ganz fest daran glauben, dass selbiges ein Mysterium gewesen sein muss, weil es im Auftrag Gottes durch den Heiligen Geist zu einer Empfängnis gekommen war, die eigentlich keine gewesen ist und deshalb als die Jungfrauengeburt in die Bibel Einsaß gefunden hat. Unbefleckt…, nun, es sei kurz erläutert, damit das Unwesen ständiger Verwechslung mit der Jungfrauengeburt beseitigt wird. Der Herr und Gott hat Maria bei deren Geburt von der Erbsünde befreit, also unbefleckt von der selbigen das Licht der Welt erblicken lassen, damit sie, wenn die Zeit gekommen war, Christus, den Sohn Gottes gebären könnte, was im Zustand einer mit der Erbsünde behafteten Frau nicht möglich gewesen wäre.

Schwierig, aber, wer guten Willens ist…, kann und mag es auch es glauben.

 

Die andere Maria, jene aus Dingharting, alles andere als heilig, quetschte sich unversehens in den Beichtstuhl, was den Herrn Pfarrer ad hoc aus dem sanften Hinwegdämmern ins Reich der Träume entrückte.

„Ahh…, ahh“, war wohl deshalb alles, was er zunächst hervorbrachte, bevor er schließlich in die allseits bekannte Floskel einmündete: „Nun meine Tochter, was führt dich zu mir?“

Maria, die natürlich wusste, wer ihr Vater war, und die deshalb nicht der Versuchung anheimfiel, seine Hochwürden entsprechen zu begrüßen, gab sich betont demütig und bekannte, dass sie gesündigt habe.

„Ja, freilich“, antwortete der Pfarrer flüsternd, dabei ein Tuch vor den Mund haltend, sodass das halbe Gesicht bedeckt war. Nach ein paar Einlassungen in Latein und dem folgenden „Im Namen des Vaters und des Sohnes…“, flüsterte er noch um eine Spur leiser, „so denn, meine Tochter, so bekenne und der Herr, unser Gott, wird dir vergeben.“

Herr Hochwürden, der mittlerweile natürlich bemerkte, welch‘ Sünderin da vor ihm saß, und den alles andere, als das, was er nun zu hören bekam, verwundert hätte, konnte nicht umhin, als das Thema Fleischeslust vielleicht um eine Spur zu tief anzugehen. Am Ende jedenfalls war er sehr genau darüber im Bilde, mit wem die Maria es dieses Mal getrieben hatte und nicht nur das. Maria war bei der Schilderung von Details nicht zimperlich gewesen, weil sie ja schließlich die Absolution erhalten wollte und aus früherer Erziehung behalten hatte, dass man bei der Beichte nicht lügen durfte und sein Herz dem Stellvertreter Christi auf Erden, also dem Herrn Pfarrer, öffnen musste.

Keinesfalls war ihr entgangen, dass seiner Hochwürden Atem beständig an Frequenz zunahm, weshalb sie die Sorge befiel, es könne etwas mit seinem Gesundheitszustand nicht in Ordnung sein.

„Hochwürden, ist alles in Ordnung“, fragte sie deshalb rundheraus.

„Ja, ja…“, stammelte der Angesprochene, „meine Bronchitis…“.

Am Nachmittag desselben Tages betrat der Großbauer Ignaz Igelhofer das Wirtshaus Zum Adler, nicht weit von der Kirche, um eine kleine Brotzeit zu sich zu nehmen. Klein gibt vielleicht nicht richtig wieder, was der Ignaz binnen kurzer Zeit in sich hinein schaufelte. Er war gut gelaunt. Seine Frau zu Besuch bei einer Base und die Maria…, ja die Maria! Der dritte Advent, ein herrlicher Tag, wie er fand.

„Na, Ignaz“, riss ihn eine Stimme aus seinen Träumereien, „bist allein, heut‘? D‘ Frau net da?“

„Servus Hochwürden“, sagte er, „setz di her da und iss was mit, damit’st net vom Fleisch fällst, wo du di jetzt selber versorgen musst, weil’s dei Köchin nimma ausg’hoiten hat, wie Leut‘ erzählen“.

„Ja, ja, d’Leut“, sagte der Pfarrer. „Und bei dir, was sagen da die Leut‘? I mein ja bloß, wo alle g’sehn ham, wie’d Maria heut früh übern Platz in Kirch’n g’laufen is!“

Mist, jetzt war es raus und der Ignaz wird eins und eins zusammenzählen können.

„Hat’s dir was erzählt, die Maria, aber du kannst nix damit anfangen, weil’st es niemanden sagen darfst, wenn’s in der Beichte war!“, entgegnete der Ignaz leise und lachte spöttisch auf den Pfarrer hernieder.

Am Nachbartisch hatte inzwischen ein Tagelöhner, so wie er gekleidet war, die Ohren gespitzt, allerhand verstanden und sich den Rest zusammengereimt. Ungeniert stand er auf, stellte sich vor die beiden und sagte: „Gestatten, Reitmoser, Sebastian Reitmoser.“

„Na und, was willst?“, fragte der Ignaz derb.

„Mich ein wenig einmischen, weil ich grad a bissi klamm bin! Und bald ist doch Weihnachten, da dachte ich, die Herrn mögen mir vielleicht an kleinen Obolus zahlen. Ich hätt‘ dann a nix g’hört von dem. was i grad g’hört hab!“

„Aha“, sagte der Pfarrer nur und verspürte ein gewisses Unbehagen. Wenn da was in die Öffentlichkeit sickerte. Mist, er hät‘ einfach seinen Mund halten sollen.

„So, so, erpressen will der werte Zeitgenosse uns, weil er glaubt, dass er was gehört hat, was keiner g’sagt hat. Ich jedenfalls weiß von nix und der Pfarrer wird’s bestätigen. Und was willst dann noch? Soll i a paar Knecht ruaffa, damit’s di weiterstampern, du Nichtsnutz?“, zischte der Ignaz dem Sebastian mit bier- und tabakgeschwängerter Luft ins Gesicht.

„Na, na, so weit braucht’s net gehen. Lassen’s Ihre Knecht, wo’s san. I‘ sollt vielleicht no anmerken, dass der Herr Gendarm, euer Dorfpolizist also, mei Schwager is. Da werd‘ a schaun, der Herr Bischof, wenn er’s vernimmt. Und die werte Frau Gemahlin erst, von der Maria gar net zu reden! So a Beichtgeheimnis, i woass net…?

Du Dreckhamme, fauchte der Ignaz, stemmte sich hoch und war schon dabei, eine seiner unförmigen Pranken im Gesicht des Sebastian zu versenken, als ihn die Hand des Pfarrers gerade noch daran hinderte und seinen Arm auf den Tisch presste.

„Lass guad sei und geben wir ihm was, wegen Weihnachten. Ist doch das Fest der Liebe, wer werd‘ se do prügeln? Des ham mia doch gar net nötig!“

Der Ignaz verstand die Welt nicht mehr. Was war bloß mit dem Pfarrer los. Solche Sachen regelte man doch auf dem Lande nach hergebrachter Weise. A paar Watschen. Vielleicht, wenn‘s unbedingt nötig war, a kaputte Nasen und eine gebrochene Rippe oder zwei. Aber zahlen…?

„Denk an deine Frau“, ermunterte seine Hochwürden den Gedankenprozess des Ignaz zu einer anderen Entscheidung, als der üblichen.

„Von mir aus, wenn’st meinst, Hochwürden“, lenkte der Ignaz ein, zückte seinen Geldbeutel, nahm zwei Scheine heraus und drückte sie dem Reitmoser in die Hand. „Und jetzt verschwind, bevor i mir’s no anders überleg!“

In diesem Augenblick betrat zu allem Überfluss auch noch der Bürgermeister die Wirtschaft. Grüßend steuerte er auf den Tisch der Kontrahenten zu.

„Da schau her, a neues G’sicht bei uns im Ort oder soll’t ich Sie kennen?“, fragte er den Tagelöhner.

„Na, na“, beeilte sich der Ignaz, zu versichern, „nur einer von meine Helfer. Do, hast dein Lohn“, bemerkte er, nahm noch zwei Scheine aus der Börse, drückte sie dem Sebastian in die Hand und meinte: „Dann san mir quitt. Gehabe dich wohl!“

„Nobel, nobel“, sagte der Bürgermeister, „ein schönes Geld für einen Tagelöhner. Übrigens, was is mit der Maria? I hab‘ sie grad g’sehen, wie sie rüber ist zum Postbus, mit einer Reisetasche.“

„Sie muss zu irgendeiner Verwandtschaft“, erklärte der Ignaz, während der Pfarrer den Atem anhielt. „Ob’s wieder kommt, woass sie no net.“

„Schade“, meinte der Bürgermeister, „so vielseitiges Personal, wie die Maria, is doch eher selten. Wirklich schade, dass mia sie verlieren!“

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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