Monika Litschko

Leonas und der Weihnachtsmann

Es war einmal ein kleiner Junge, der sehnsüchtig auf den Weihnachtsmann wartete. Jeden Tag fragte er seine Eltern, wann dieser denn käme. Und jeden Tag erzählten ihm seine Eltern eine andere Geschichte.
Sein Vater sagte: „Der Weihnachtsmann hat viel zu tun, denn du bist nicht das einzige Kind auf der Welt, das sehsüchtig auf Geschenke wartet.“
Und seine Mutter sagte: „Der Weg vom Weihnachtsland, bis hinunter zur Erde, ist ganz schön weit. Du musst Geduld haben.“
Seine Oma sagte: „Der Weihnachtsmann beschenkt erst die Tiere des Waldes. Dann beschenkt er alle anderen Tiere und dann erst die Kinder. Vorher muss er aber wieder zum Weihnachtsland, denn alle Geschenke passen nicht auf seinen Schlitten.“

Leonas, der übrigens erst vier Jahre war, überlegte. Was, wenn er dem Weihnachtsmann helfen würde.
„Ich kann doch auch Geschenke an die Tiere verteilen“, sagte er beim Abendbrot.
„Das könntest du“, antwortete sein Vater, „aber ich denke, du bist noch ein wenig zu klein. Du kannst aber den Himmel beobachten. Mit viel Glück siehst du ihn auf seinem Schlitten über den Himmel sausen.“
„Und sieht er mich dann auch? Wenn er mich sieht, könnte er schnell zu mir kommen und mir meine Geschenke geben. So schwupp, ist er unten und kann dann weiterfliegen. Ich war doch immer lieb, oder?“
Seine Eltern lachten und nahmen ihn in den Arm.
„Ach Leonas“, sagte seine Mutter, „du kleiner Schatz. Als ich so klein war wie du, habe ich mich auch sehr auf den Weihnachtsmann gefreut. Besonders auf die Geschenke. Ich war gespannt, ob der Weihnachtsmann an alles gedacht hat.“
„Papa, hast du dich auch auf den Weihnachtsmann gefreut?“, fragte Leonas neugierig.
„Natürlich habe ich das“, antwortete dieser, „und wie. Ich war so aufgeregt, dass ich, bevor er kam, immer eingeschlafen bin. Aber jetzt finde ich, sollten du Zähne putzen und dann ab ins Bett. Komm, wir helfen dir.“

Leonas wuselte sein braunes Haar und kräuselte die Stupsnase.
„Nö, ich will noch nicht ins Bett“, trötete er sauer. „Kann ich bei euch schlafen?“
„Da wir noch nicht schlafen gehen, mein Kleiner, gehst du in dein Bett“, antwortete seine Mutter. „Wenn du später wach wirst, kannst du zu uns kommen. Aber wir lesen dir noch eine Geschichte vor, einverstanden?“
„Ok, aber eine lange Geschichte“, sagte er keck.

Als Leonas sich gewaschen und die Zähne geputzt hatte, brachten seine Eltern ihn ins Bett. Sie setzten sich zu ihm und Leonas zog sich eine Nikolausmütze über den Kopf. Das tat er neuerdings jeden Abend, denn so wollte er auf den Weihnachtsmann warten. Bestimmt würde er ihn sofort erkennen. Die Mütze hatte seine Oma gehäkelt, die fast jeden Tag häkelte. Meistens lustige Tiere. Er hatte noch eine Oma und auch die häkelte. Aber meistens bastelte sie aus Strümpfen Handpuppen. Sie hatte ihm ganz viele Puppen gebastelt und Mama und Papa hatten auch geholfen. Die Beste war ein Krokodil. Leider hatte seine Freundin sie dieses Jahr in den Pool geschmissen und als sein Vater sie rausholte, löste sie sich fast auf. Die Augen fielen ab und die Zähne auch.

Als seine Eltern ihm gemeinsam eine Geschichte vorgelesen hatten, deckten sie ihn richtig zu und gaben ihm einen Kuss.
„Gute Nacht, mein Schatz“, flüsterte seine Mutter, „schlaf gut.“
Und auch sein Vater nahm ihn in den Arm und wünschte ihm eine gute Nacht. Nicht, ohne ihm dabei die Nase zu stehlen, die er ihm aber sofort wiedergab.

Leonas wartete, bis Mama und Papa die Treppe herunter gingen. Als er ihre Schritte nicht mehr hörte, setzte er sich ins Bett und schaute aus dem Fenster. Das ging, da sein Bett direkt neben dem Fenster stand und ein Schieberollo nur halb unten war. Das mochte er. Mit der Nikolausmütze auf dem Kopf, wartete er auf den Weihnachtsmann. Er wartete und wartete und wartete. Doch irgendwann fielen seine Äuglein zu und er schlief ein. Er kuschelte sich auf die Seite. Sein Köpfchen lehnte am Kopfteil des Bettes und seine Beine baumelten aus dem Bett. Und es kam, wie es kommen musste, Leonas träumte vom Weihnachtsmann.

Ein dicker Mann in einem roten Mantel und einem weißen Bart, rüttelte an seiner Schulter.
„Wach auf, kleiner Mann. Möchtest du mit mir die Tiere des Waldes beschenken?“
„Weihnachtsmann!“, rief Leonas. „Du hast auch eine rote Mütze auf! Guck mal, ich auch!“
„Ja, ich habe auch eine rote Mütze auf. Möchtest du jetzt mit mir kommen?“
Das Fenster, welches eigentlich immer abgeschlossen war, stand weit auf. Leonas sah den wunderschönen Schlitten des Weihnachtsmanns und Rentiere, die hin und her tänzelten.
„Ja, ich will“, flüsterte er andächtig. „Aber ich darf nicht einfach weggehen.“
„Du darfst auch nie mit fremden Menschen gehen, die dich ansprechen. Auch nicht mit einem Weihnachtsmann, versprichst du mir das?“
Leonas nickte und versprach es.
„Weiß du, ich bin in deinem Traum. Auch wenn du jetzt mit mir kommst, liegst du doch noch in deinem Bettchen.“
Der Weihnachtsmann nahm Leonas auf seinen starken Arm und hüpfte mit ihm in den Schlitten.
„Bereit, du Miniweihnachtsmann?“
„Bereit!“, rief Leonas und klatschte in die Hände.

Der Weihnachtsmann flüsterte seinen Rentieren etwas zu und schon begann die aufregende Schlittenfahrt über den sternenklaren Nachthimmel.
Die Häuser wurden immer kleiner und Sternschnuppen sausten über den Himmel.
„Hoho!“, rief der Weihnachtsmann. „Gefällt es dir?“
Leonas lachte fröhlich. „Juchhu, ja, es gefällt mir. Das werde ich im Kindergarten erzählen.“
„Achtung, wir landen im Wald!“, rief der Weihnachtsmann schmunzelnd. „Ähm, möchtest du, dass es schneit?“
„Ja, Schnee, bitte. Oh Menno, ich habe gar keinen Schlitten mitgenommen.“
„Den brauchst du auch nicht, schließlich beschenken wir die Tiere. Hier kommt dein Schnee.“

Weiße dicke Flocken fielen vom Himmel und bedeckten innerhalb kurzer Zeit den Waldboden. Immer mehr und mehr Schnee fiel vom Himmel. Solange, bis der Weihnachtsmann fand, dass es genug sei.
Er hob Leonas aus dem Schlitten und reichte ihm eine kleine Schüssel.
„Das sind Kastanien. Eicheln und Heu haben wir auch noch. Ach ja, und Wurzeln. Die Tiere haben Hunger.“
„Warum nicht Würstchen und Kartoffelsalat? Das kocht meine Mama, hat sie gesagt.“
„Weil Tiere immer etwas anderes essen als die Menschen“, antwortete der Weihnachtsmann geduldig. „Und jetzt können wir losgehen.“

Sie stapften zusammen durch den Schnee und Leonas hielt stolz die kleine Schüssel mit den Kastanien fest. Er würde den Tieren nun zu essen bringen und das erfüllte ihn mit Stolz. Als sie mitten im Wald standen, füllte der Weihnachtsmann große Holzschüsseln mit Kastanien, Eicheln, Wurzeln und Heu. Diese stellte er dann unter einen Baum oder vor einen Busch. Leonas hielt sein Schüsselchen immer noch fest in seinen kleinen Händen und schaute ihm zu.
„Wo sind denn die Tiere?“, fragte er enttäuscht. „Ich sehe sie nicht.“
„Sie kommen, wenn wir fort sind. Waldtiere sind scheu, musst du wissen.“

Der Weihnachtsmann sah die Enttäuschung in Leonas Gesicht und es tat ihm leid, dass der kleine Mann kein einziges Tier zu Gesicht bekam.

„Hm, weißt du Leonas, hier im Wald liegt Zauberschnee. Wenn du ihn in die Luft schmeißt, zeigt er dir ein Geheimnis. Aber nur ein einziges.“
„Ehrlich?“
„Ehrlich, ich schwöre es dir. Probiere es aus. Stell deine Schüssel ab und dann los. Oder willst du das Geheimnis nicht sehen?“
Leonas zog seine Mütze tiefer ins Gesicht und strahlte den Weihnachtsmann an.
„Ich will Schnee schmeißen. Jetzt?“
„Klar, jetzt schmeiß ihn schon.“

Leonas stellte die Schüssel ab, griff in den Schnee und schmiss ihn so hoch er konnte.
„Wo ist das Geheimnis? Ich sehe es nicht. Siehst du es?“
Der Weihnachtsmann legte den Finger an die Lippen und zeigte auf ein Licht, das aus einem großen alten Baum schien.
„Komm,“ flüsterte er „ich möchte dir etwas zeigen.“

Gemeinsam gingen sie auf den alten leuchtenden Baum zu, in dessen Stamm ein Loch war. Auf Stroh gebettet lag ein Reh und schlief.
„Sie bekommt im April ein Baby“, sagte der Nicolaus. „Stelle dein Schüsselchen in ihren Bau und ich stelle ihr noch anderes dazu. Sie muss jetzt viel essen, musst du wissen.“
Leonas betrachtete die schlafende Rehmutter und streichelte ihr den Kopf.
„Jetzt bekommst du essen, Rehlein. Die Schüssel ist von mir.“
Der Weihnachtsmann packte noch einige Leckereien in den Baum und sie ließen die werdende Mama wieder allein.
„So, kleiner Mann, nun bringe ich dich wieder zurück. Und ich möchte, dass du von nun an geduldiger bist. Ich komme ja bald zu dir und lege deine Geschenke unter den Baum. Gott sei Dank habt ihr keinen Kamin.“
„Was ist ein Kamin?“
„Etwas, was kein Weihnachtsmann braucht und du auch nicht. Steig in den Schlitten, schnell. Du wirst gleich aufwachen.“

Als Leonas Eltern zu Bett gingen schauten sie nach ihm und fanden ihren ungeduldigen Sohn sitzend im Bett vor. Das rote Mützchen war verrutscht und seine Beine baumelten aus dem Bett. Als sein Vater ihn richtig hinlegen wollte, öffnete Leonas die Augen und schaute ihn verschlafen an.
„Der Weihnachtsmann hat mich abgeholt und wir waren im Wald. Ich habe Zauberschnee geschmissen und einer Rehmutter etwas zu essen gebracht. Papa, du hast gesagt, wenn ihr ins Bett geht, darf ich zu euch kommen.“

„Alles gut, meine Kleiner“, sagte er, als er seinen Sohn auf den Arm nahm und rüber trug. „Du hast ja eiskalte Hände und Füße und eine rote kalte Nase.“
„Es lag ja auch Schnee“, antwortete Leonas müde und kuschelte sich in die Kissen. Dann schlief er selig ein.

Der Weihnachtsmann lachte, als er über Leonas Haus kreiste.
„Dasher, Dancer, Prancer, Vixem, Comet, Cupid, Donner, Blitzen und Rudolph, jetzt aber schnell nach Hause!“, rief er lachend.

Denn auch der Weihnachtsmann wird manchmal sehr müde.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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