Klaus Gödtner

Hätte hätte Fahrradkette

Hätte, hätte Fahrradkette

Geschafft und müde setzt sich Michael in den Sessel des Kinderzimmers ohne dabei den Blick von dem kleinen "Wildfang" abzuwenden.

Nun, wo er nach diesem aufregenden Tag zufrieden, bis an den Hals mit der Bettdecke zugedeckt und von einem Ohr bis zum Anderen grinsend in seinem Bettchen liegt, erinnert nichts mehr an die Stunden zuvor.

Träumt er schon?

Vermutlich ja.

Beantwortet Michael seine Frage selbst.

Nun hat Michael ein paar Stunden Zeit sich von den Strapazen zu erholen.

Er klappt seine Flügel zur Seite, richtet ein paar Federn die am heutigen Tage bei den vielen kleinen und größeren Einsätzen gelitten haben zurecht und schließt die Augen.

Augen schließen ist OK, aber nicht schlafen.

Michaels Chef ist in dieser Beziehung sehr streng.

Alle hauptberuflichen Schutzengel haben den Vertrag unterschrieben, dass sie 24 Stunden auf ihren Menschen aufpassen, dass sie auch nachts wachen und bei Gefahr eingreifen.

Wer sich an den Vertrag nicht hält, oder während des Einsatzes versagt wird ohne vorher verwarnt zu werden, versetzt.

Entweder muss er wieder als Wolkenengel arbeiten.

Das muss übrigens jeder Neue, oder wenn es ganz schlecht kommt, geht es ab in die Backstube.

Dort ist es fast so heiß, wie in der Hölle, denn die Backöfen laufen dort das ganze Jahr über auf Hochtouren. Nicht, wie man annehmen könnte, nur zur Weihnachtszeit.

Das es früher andes war, weiß Michael von den älteren Engeln.

Damals wurde nur in der Adventszeit so viel gebacken.

Spritzgebäck, Lebkuchen , Stollen usw.

Aber heutzutage gibt es all diese Sachen, das ganze Jahr über.

Die Verbraucher, - also die Menschen wollen das so, wird immer wieder gesagt.

Ob das wirklich so ist, wird von vielen Engeln in Frage gestellt.

Als Schutzengel ist Michael eigentlich zufrieden, auch wenn seinem Antrag, zu seiner Entlastung einen zweiten Engel für Kurt, (so heißt der Kleine in dem Kinderbettchen),

einzustellen nicht stattgegeben wurde.

So muss er den Job halt weiter alleine machen.

Kurt schmatzt im Schlaf, vermutlich träumt er gerade davon, wie er heute im Kindergarten heimlich das Nutellaglas stibitzt hat und mit einem langen Löffel bewaffnet hinter den Matten, die aufrecht an der Wand in der Turnhalle aufgestellt waren, das Glas leeren wollte.

Als guter und erfahrener Schutzengel wußte Michael natürlich, dass er hier eingreifen musste.

Denn nach einem ganzen Glas Nutella hätte Kurt sich übergeben müssen. Die Erzieherin hätte Kurts Mutter benachrichtigen müssen und das kleine "Leckermäulchen" hätte abgeholt werden müssen.

Hätte, hätte, Fahrradkette-

Das musste Michael auf jeden Fall verhindern, denn Kurt war sehr gerne im Kindergarten.

Und er wäre sehr unglücklich gewesen und hätte vermutlich sehr laut geschrien und hätte einen Tobsuchtsanfall bekommen.

Hätte , hätte , Fahrradkette.

Niemand konnte sich erklären, warum plötzlich die Turnmatte umkippte.

"Na, wen haben wir denn da?" hörte man Tante Guderun sagen.

Die natürlich nicht seine Tante war, aber alle nannten sie so. - schon immer.

"Das ist bestimmt nicht gut, wenn du hier so alleine sitzt und das Glas Nutella verputzt.

Lass uns zu den Anderen gehen!" Sie nahm dem Knirps das Glas aus der Hand und den Löffel aus dem Mund.

Ohne zu murren folgte er der Tante Guderun zu den anderen Kindern.

Kurts Schlaf wird tiefer und tiefer, die Gesichtszüge entspannen sich und von dem anfänglichen Grinsen und dem Geschmatze ist nichts mehr zu sehen oder zu hören.

Wenn man genau hinsieht, erkennt man nun, dass sich die Pupillen hinter den geschlossenen Augenliedern hin und her bewegen. Michael weiß genau, dass Kurt gerade im Traum die aufregende Außenspielzeit verarbeitet. Nicht nur für Kurt aufregend, sondern auch für Michael.

Ständig passierte irgendetwas. Michael blieb dem Jungen,

für den LANGSAM nicht existent zu sein schien,

dicht auf den Fersen.

Zuerst ist Kurt auf der Leiter des multifunktionalen Spielgerätes abgerutscht und der Schwerkraft folgend auf den Boden geknallt. Das er sich dabei nicht verletzt hat, ist nur der Tatsache geschuldet, dass Michael in Lichtgeschwindigket die Baumrinde, die als Fallschutz unter dem Spielgerät verteilt war, zusammengeschoben hatte.

So fehlte zwar an einigen Stellen die Baumrinde, aber dafür war an der Stelle wo Kurt "gelandet" war ein großer Haufen.

Dadurch wurde der Sturz abgefedert.

Kurt stand auf, klopfte sich den Dreck von den Klamotten und kletterte noch schneller als beim ersten Mal die Leiter rauf. Diesmal funktionerte es unfallfrei. Aber oben drohte das nächste Unheil, denn auf dem Spielgerät thronte Susanne mit einigen ihrer besten Freundinnen.

"Hau ab hier du Blödann, du darfst hier nicht sein, heute ist Mädchentag" blädderte die selbsterernannte Mädchenbandenchefin. "Ja hau ab" blabberten die anderen ihr nach.

Unbeeindruckt ging Kurt seines Weges. Sein Ziel war das Steuerrad und das Fernrohr auf der anderen Seite. Denn das Spielgerät konnte mit ein bischen Phantasie ein Pirateschiff sein.

Nur noch über diese wacklige Hängbrücke und Kurt wäre am Ziel gewesen. Aber genau hier standen die "Hünchen" mit ihren Babypuppen und spielten Mutter, Mutter , Kind. Ja genau, Mutter , Mutter, Kind. Einen Vater gab es in der Welt der Mädchen gerade nicht. Jungen sind doof. Und das ließen sie jeden spüren.

Kurt hatte sich soeben ohne die Mädchen und ihre verbalen Entgleisungen zu beachten, an der Engstelle vorbeigezwängt, als Susanne mit ihrer Babypuppe zum Schlag ausholte.

Sie hob das Plastikschönchen von Matell weit nach oben über ihren Kopf.

Niemand konnte sich erklären warum Susanne das Gleichgewicht verloren hatte und laut schreiend bis ganz nach unten auf den den Boden fiel.

Tante Guderun und eine weitere Erzieherin eilten zu der Unglücksstelle und kümmerten sich um das verletzte Kind.

Sie hatte Schrammen an den Händen, am Knie und am Ellenbogen und sogar eine kleine Platzwunde am Kopf.

"Guderun, kannst du dir erklären, warum ausgerechnet hier an dieser Stelle keine Baumrinde liegt?" fragte die Kollegin.

Übrigens, seit diesem Unfall gab es einen Wolkenengel mehr.

Kurt war unterdessen am Steuerrad seines Piratenschiffes angekommen und hielt Kurs auf sein nächstes Abenteuer.

Durch das Fernrohr hatte er soeben einige rote Beeren an einem Strauch auf der Schatzinsel entdeckt. Die sahen so lecker aus. Also steuerte er mit seinem Schiff auf das Eiland zu.

Die roten Beeren waren Vogelbeeren, und sind als Speise für Menschen nicht geeignet.

Wieder ein Einsatz für Michael, denn hätte Kurt die Beeren gegessen hätte er wohl starke Bauchschmerzen bekommen, und Tante Guderun hätte den Krankenwagen anfordern und die Giftnotrufzentrale anrufen müssen.

Hätte , Hätte Fahrradkette.

Kurt war nur noch zwei Meter vom Vogelbeerenstrauch entfernt, als er plötzlich stoppte, weil er auf dem Boden eine große Tüte Gummibärchen entdeckt hatte.

Diese Tüte war natürlich viel interessanter als die Beeren.

Er nahm die Tüte und rannte mit seiner Beute zu Tante Guderun.

"Schau mal, was ich gefunden habe"

Tante Guderun nahm die Tüte Haribo an sich und fragte ihre Kolleginnen.

"Kann sich jemand erklären, wie die Tüte dahin gekommen ist?"

Nein, niemand konnte sich das erklären.

Unter der Bettdecke beginnen Kurts Beine zu strampeln und zu treten.

Seine Traumreise ist gerade dort angekommen, wo Kurts Mutter mit ihrem Fahrrad vor der Kita steht und auf ihren "kleinen Sonnenschein" wartet.

Kurt fühlte sich schon groß und wollte nicht, dass seine Mutter ihn in der Kita abholt.

Er konnte sich doch schon alleine die Jacke anziehen und den Fahrradhelm aufsetzen.

In der Geschwindigkeit, die man von Kurt gewohnt war lief er durch die Tür über den Spielplatz bis zum Törchen. Mit einem Satz sprang er in den Fahrradanhänger und rief : " Los gehts, Pferdchen, los gehts" Seine Mutter als Pferdchen zu betiteln, war nicht besonders nett, aber es gehörte zum Spiel, denn Kurt war gerade ein Gladiator in seinem Streitwagen.

Michael setzte sich auf den Gepäckträger und konnte sich so etwas ausruhen und seine Flügel schonen.

Die Schranke am Bahnübergang war noch geöffnet, so dass Kurts Mutter noch einmal richtig Gas gab, denn oft genug musste sie ihre Fahrt hier wegen des 14 Uhr Zugs unterbrechen.

Es war zwar nur eine leichte Steigung, aber mit dem Fahrradanhänger neu anzufahren wollte sie auf jeden Fall verhindern.

Das es ein technischer Defekt war, der die Schranke blockiert hatte, konnte sie nicht ahnen.

Ein Zusammenstoß zwischen "Streitwagen" und 14 Uhr Zug war fast unvermeidlich.

Wieder musste Michael in Lichtgeschwindigkeit arbeiten.

Hinten hörte man immer noch " Schneller, schneller, lauft Pferdchen" und mit dem Arm wedelte er in der Luft herum, gleich so, als ob eine Peitsche schwingen würde.

Und die Mutter stellte sich auf die Pedalen um ihr Körpergewicht beim Trampeln optimal auszutzen zu können und so die Geschwindigkeit noch zu erhöhen.

Sie war sich sicher, dass sie die Gleise überqueren würde, bevor die Schrankeautomatik die Aluminiumgstangen absenken würde.

Plötzlich krachte es- und das Gespann blieb mit einem Ruck stehen.

Die Fahrradkette war gerissen. Kurts Mutter prellte sich ihr Hinterteil am Sattel. Michael verlor bei seinem Einsatz ein paar Federn -und Kurt?

Kurt schwang seinen Arm mit der Peitsche noch heftiger und rief noch lauter:

"Schneller, schneller, lauft Pferdchen, nicht stehen bleiben!"

In dem Moment raste der 14 Uhr Zug an ihnen vorbei, ohne dass sich die Schranken gesenkt hatten.

Abends erzählte Kurts Mutter ihrem Mann, von dem Ereignis.

Der Schreck war ihr noch ins Gesicht geschrieben.

Kaum vorzustellen, was hätte passieren können. Du hättest nun keine Familie mehr. Ich hätte besser aufpassen müssen.

"Hätte , hätte, Fahrradkette." antwortete ihr Mann und nahm sie in den Arm.

Wir bringen Kurt heute gemeinsam ins Bett, OK?

Sie deckten den kleinen Helden mit der Decke bis zum Hals zu und so schlief er zufrieden und von einem Ohr bis zum anderen grinsend ein.


 

Anmerkung des Autors:

Nicht jeder Engel kann in Lichtgeschwindigkeit agieren.

Nicht jeder Engel hat Flügel und kann fliegen.

Nicht jeder Engel ist für die Menschen unsichtbar.

Die meisten Engel wohnen nebenan und werden Freunde genannt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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