Patrick Rabe

Eine dieser Nächte (Vorsicht: heftige satirische Elemente)

 

Sicko und seine Freundin Axtschmutzgirl waren aus der Psychiatrie ausgebrochen. Es war Heilig Abend, und sie wollten mal etwas anderes sehen, als die dumpfen Lügen in ihrer Klapse. Sieben Jahre lang hatte man sie dort nun schon gefangen gehalten, und sie wurden immer malliger. Als der Weihnachtskaffee serviert werden sollte, hatte Sicko dem Pfleger die Kanne aus der Hand gerissen, und sie ihm mit voller Wucht auf den Kopf gedonnert. Dann hatte er sich Axtschmutzgirl geschnappt, die vor Lust kreischte, beide traten dem am Boden liegenden Pfleger nochmal auf den Kopf, rannten Hand in Hand zur Ausgangstür, Sicko kickte mit seinem Stahlfuß dagegen und die Tür flog in tausend Scherben. Immer noch Hand in Hand liefen die beiden durch die Flure der Psychiatrie, immer, wenn ihnen jemand entgegen kam, lachten sie total irre, so dass denen, die sie hätten aufhalten können, sofort das Herz stehen blieb oder in die Hose oder Psych-hose rutschte. Durch die Außentür kamen sie problemlos. Ein verdatterter Pizzabote im Weihnachtsmannkostüm öffnete sie gerade, und das Pärchen rannte durch.

 

Sicko und Axtschmutzgirl fühlten sich frei. Der Himmel war dunkel, von ein paar Sternen abgesehen, die Luft war frisch und angenehm, und sie liefen durch einen dunklen Park und sangen Weihnachtslieder. Ab und zu kamen sie an beleuchteten Reklametafeln vorbei, auf denen Dinge standen wie "Make war, not love!" oder "Allah is an inch tall", oder "The true way of Christinanity is murder!" Dann kreischten sie, lachten laut und rannten in doppeltem Tempo weiter.

 

Manchmal kamen sie an einem alten Mann in einem grauen Mantel vorbei, der, wenn sie ihn passierten, leise und traurig murmelte: "Das Leben ist eine einzige Vergewaltigung!". Während sie durch den Park liefen, begegnete er ihnen drei Mal. Jedes Mal tauchte er vor ihnen auf, obwohl er viel langsamer lief als sie.

 

Schließlich hatten Sicko und Axtschmutzgirl die Shoppingmall erreicht, die am anderen Ende des Parks lag. Sicko, dessen Stahlfuß außerhalb der Psychiatrie versagte,  riss ein Verkehrsschild ab und schmiss es durch die Glastür. Sofort ging ein heulender Alarm los. Mit einem Affenzahn rannten die Verliebten durch die Shoppingmall, und stießen alle Stände, und was da sonst noch im Weg stand um. Immer irrer wurde Axtschmutzgirls Gelächter, und Sickos Lachen war ein tiefer, abgründiger Bass geworden.

 

Schließlich kamen sie bei dem Supermarkt am Ende der Shoppingmall an. Axtschmutzgirl ließ einen gellenden Schrei los, worauf von weit hinten aus der Shoppingmall eine riesige, schmutzige Axt geflogen kam, durch die Glasfront des Supermarktes donnerte, und Sicko und Axtschmutzgirl, die von der schmutzigen Axt nicht mehr zu unterscheiden war, flogen im hohen Bogen in den Supermarkt, in dem das Licht anging und landeten platt in der Gemüseabteilung zwischen stinkenden, welken Salat-und Kohlköpfen aufeinander. Sicko fing sofort an, es mit Axtschmutzgirl zu treiben und sah gierig und geifernd, wie ihre Augen vor Geilheit immer größer wurden und ihr Mund unartikukierte Lach-und Stöhngeräusche von sich gab.

 

Mitlerweile war der alte Mann im grauen Mantel auch in der Shoppingmall angekommen, ging gemächlich durch die Gänge, tickte hier und da an die Lichtgirlanden, die daraufhin begannen, weihnachtlich sanft zu leuchten. An einem Stand nahm er sich einen Christstollen und an einem anderen Gewürztee und ging zum Supermarkt. Dort war es bereits wieder dunkel. Mutig, wie er immer war, ging der alte Mann einfach in dieses Dunkel hinein. Da gingen die Lichter wieder an, und es war der Stall von Bethlehem. Axtschmutzgirl lächelte selig Sicko an, der als Baby in der Krippe lag, neben ihr stand ein muskulöser, farbiger Mann, der schon ordentlich einen Zacken in der Krone hatte und ringsum lagerten sich Schafe, Hirten und Könige.

 

"Na, das machen wir aber jetzt nochmal richtig.", sagte der alte Mann milde lächelnd. "Immerhin habe ich das Drehbuch geschrieben. Ich weiß, wie das geht." Freundlich aber bestimmt schob er den Farbigen zur Seite, der sich sofort darauf in König Melchior verwandelte und zu seinen anderen beiden Freunden ging. Der alte Mann stellte sich, auf einen Stab gestützt als Josef neben die hübsche Frau, der man nun überhaupt nichts schmutziges mehr zutrauen konnte, nicht mal mehr den Satz "Verdammte Axt!". Dass er nun wieder als Ersatzvater und Decker einer Hurerei gelten würde, ach, daran hatte Josef sich gewöhnt. "Nicht, Maria?" fragte er feierlich flüsternd seiner Frau ins Ohr, "Weiß sowieso keiner, wer ich wirklich bin..." "Aber er wird es einmal wissen!", flüsterte ein winziges Stimmchen aus der Hirtenschar. "Hups!", der kleine Hirtenjunge erschrak furchtbar ob seiner Vorlautheit und fing an, zu weinen. "Bin nur ein kleiner Hirtenjunge..." flüsterte er, wie sein puckerndes Herz ihn zu flüstern hieß. "Habe nichts dabei, was es wert wäre, es einem König zu schenken." "Es wird nichts vergessen. Auch du nicht, mein Kleiner!"sagte eine warme Stimme aus dem wohligen Dunkel des Stalles. Friedlich lächelte das Kind in der Krippe, und der kleine Hirtenjunge hörte auf zu weinen. Und Maria trat an seine Seite und sagte: "Ich habe all diese Worte bewahrt, und sie in meinem Herzen bewegt. Aber ich verstehe nun auch das andere. "Wes des Herzens voll ist, des geht der Mund über." Wer zu lange etwas im Herzen bewahrt, ohne es auszusprechen, in dessen Herzen nimmt es faulige Züge an. Und irgendwann will es heraus. Damit es wieder so werden kann, wie es gehört."

 

Für viele herrscht Krieg. Nur nicht in den Augen des kleinen Hirtenjungen, der durch all das hindurch sehen kann und immer die funkelnden Sterne einer Weihnacht  in all dem erkennen kann, an einem wohlig warmen und nahen Himmel. Und der als einziger weiß, dass all das Erdbeben und Kriegsgeschrei nichts sind, als das hilflose Zittern eines alten Mannes, und das traurige Weinen einer alleingelassenen Mutter, die unter der Erde verharren und hoffen, dass die liebende Hand ihres Sohnes sie einmal erreichen wird, sie streicheln, umarmen und trösten kann und ihnen sagen kann, dass Krieg und Hader vorbei sind, und es Weihnachten geworden ist. Und wer jemals dieses Beben, als Beben eines glücklichen, kindlichen Herzens vernommen hat, der weiß, was Gnade, Liebe und Wahrheit sind.

 

 

 

 

Patrick Rabe, 21. Dezember 2019, Hamburg.

 

 

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