Helga Asmuß

Macht hoch die Tür...

„Macht hoch die Tür…“

 

(…auch eine Weihnachtsgeschichte)

 

Dreißig Jahre ist das her – fast genau auf den Tag. Anlaß genug, finde ich, mich an dieses denkwürdige Ereignis zu erinnern, an dem das Brandenburger Tor für die Fußgänger geöffnet wurde…

 

Natürlich regnet es. Wenn man draußen vor dem Tor steht und nicht nur vor Sehnsucht triefend auf dessen Öffnung wartet, Kälte und Nässe in die Knochen kriechen und den Körper allmählich in Starre versetzen, wenn sich die kahlen Äste in den kalten, grauen Himmel krallen, dann ist es Winter in Berlin. Und Regen gehört zum Spiel – der Schnee wartet draußen, weiter südlich bleibt er hängen in den welligen Wäldern, weit vor den Toren der großen Stadt…

Winter 1989. Ganz genau der 22. Dezember, zwei Tage vor dem großen Fest, voll Spannung erwartet. Es ist dies ein wichtiger Termin, vielleicht der wichtigste überhaupt für die Menschen in Ost und West. Und kein Winterregen könnte diese Jubelstimmung trüben, die unbändige Freude der wartenden Menschen, hüben wie drüben. Der Tag ist gekommen, an dem die letzte Hürde fällt. Von allen Seiten skandieren sie lauthals aus rauen Kehlen: „Helmut, Helmut! Mach das Tor auf!“

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, steht da auf dem Plakat neben mir in bunten Lettern, und die Farbe tropft schon aus den ungelenken Buchstaben. Das Tor – es ist Symbol der Freiheit, damals wie heute, die Hoffnung auf Frieden, der wiedergewonnen wurde durch die Macht des guten Willens von den vielen Menschen in diesem ereignisvollen Jahr für Berlin. Das Brandenburger Tor ist der letzte Grenzübergang, alle anderen sind bereits unter Jubel und Trompetenklängen geöffnet worden nach dem spektakulären Mauerfall im Oktober. Egon Krenz als Nachfolger Honeckers hätte diesen symbolischen Akt des Friedens wohl gern noch hinausgezögert, aber nun gibt es kein Halten, kein Zurück mehr! Heute fällt das letzte Tor, das Ost und West trennte. Die versprochene „Herrlichkeit“ wird kommen, eine neue Zeit wird anbrechen, egal, was sie im Gepäck hat.

Die vielen Menschen um mich herum sind jedenfalls voller Begeisterung, voll Spannung und Dankbarkeit – grad so wie vor der Tür zur Weihnachtsstube. Da stört der Regen kaum. Manche halten Schirme hoch und teilen das schützende Dach mit den Nebenstehenden. Manche haben die Mauer erklommen, andere sitzen in den Bäumen, die Kleinen auf Vaters Schulter, und gar die Straßenschilder sind weder zu hoch noch zu unbequem. Hauptsache man sieht es rechtzeitig, wenn Helmut Kohl, der Regierende Bürgermeister Walter Momper und all die anderen wichtigen Personen im Geleit von unzähligen Journalisten aus aller Welt durchs Brandenburger Tor schreiten. Ich kann von meiner Seite die Tribüne leider nicht sehen, eine Wand von nassen Rücken versperrt mir die Sicht, aber dabei sein ist alles, und in wenigen Minuten wird sich mein alter Traum erfüllen: Einmal durch das Brandenburger Tor gehen! 28 Jahre haben Berliner von beiden Seiten in Ungewissheit auf diesen fernen Tag gewartet…

 

„Und ich gehe da hin! Du kannst mich nicht abhalten! Ich will dabei sein an so einem Tag! Ich gehe durch das Tor, egal wie!“

„Aber übermorgen fliegen wir nach Hawaii, hast du das vergessen? Die Tickets ersetzt uns keiner, wenn etwas passiert in dieser aufgeheizten Menschenmasse! Und es regnet – schau doch mal aus dem Fenster!“

„Das passt schon, Mann, ich habe die dicke, rosa Daunenjacke, im Schnee erprobt, die wird auch mit Regen fertig! Laß mich gehen! Ich komme wieder, wie auch immer, aber in jedem Fall reicher“, entgegne ich lachend. Und dann vergesse ich vor lauter Eifer den Schirm ! Zu spät! Die Jacke muß es schaffen!

 

Doch es werden ganze zwei Stunden im Regen, eingekeilt in einer begeisterten Menge, die drängt mit Macht gegen den Maschenzaun, mit dem die Lücke in der Mauer provisorisch geschlossen wurde. „Helmut! Helmut! Mach das Tor auf! Immer unruhiger werden die Menschen, drängen entschlossen nach vorn. Ich schiebe mit, gröle mit, lache und winke. Der Jubel kennt keine Grenzen, und wenige Minuten vor drei ist es soweit: Der Regierende Bürgermeister Walter Momper, Bundeskanzler Helmut Kohl, Karl Carstens und Walter Scheel schreiten durch das Tor, von der östlichen Seite kommen der DDR-Ministerpräsident Hans Modrow und der Oberbürgermeister Erhard Krack entgegen. Die bewegenden Reden gehen förmlich unter im Jubel der Menschen, die immer entschlossener gegen den Zaun treten. Der gibt schließlich nach und nun sind die Menschen nicht mehr zu halten. Johlend ergießen sich die Massen auf den Pariser Platz. Von drüben strömen die Ostberliner entgegen – kaum zu entwirren das riesige Knäuel! Im Strom der Menschen werde ich einfach mitgerissen, kaum dass ich sehen kann, wohin es mich treibt „Unter den Linden“, das kann ich soeben lesen. Ein mächtiges Gefühl, auf dieser geschichtsträchtigen Prachtstraße Berlins zu stehen, förmlich geschubst in dieses „Spiel“, so ganz ohne Grenze, ohne Passierschein und ohne passendes Geld…

Nach wenigen Schritten schon die rettende Bar, reichlich gefüllt, aber ich dränge mich hinein. Wenigstens trocken hier! Einmal kurz durchatmen und dann zurück, denke ich klopfenden Herzens. Da drückt mir jemand ein Glas Sekt in die Hand, ich stoße an mit wildfremden Menschen, Umarmungen nach rechts und links, strahlend gratuliert man einander, Wasser rinnt aus Haar und Augen in das perlende Naß, die Herzen übervoll von Begeisterung.

 

Aber nun schnell hinaus, denn ich will ja eigentlich durch das Tor, darauf habe ich reichlich lange gewartet! Doch dies wollen auch alle anderen und so wird das Tor zum Nadelöhr, das die Mengen jetzt gnadenlos erstürmen. Ich werde einfach mitgerissen in dem unübersehbaren Heer von Menschen, kann die Arme nicht mehr heben, Mann an Mann schieben wir uns zentimeterweise vorwärts, ein Umfallen ist unmöglich, das ist vielleicht sogar ein Trost in meiner Lage. Die Warnung von meinem Mann klopft energisch an mein „Hintertürchen“ und als jetzt die Menschenmasse verdächtig zu wogen beginnt, steigt Panik hoch – ein schlimmes Gefühl, nie vorher erlebt!

Aber ich muß da durch, ein Zurück gibt es hier ohnehin nicht mehr, und ganz allmählich beruhigt sich auch die Menge. Es dämmert schon, keuchendes Atmen neben mir, die Blicke angstvoll auf das Ziel gerichtet. Nun jubelt keiner mehr, lähmendes Murmeln hängt über den Köpfen. Ganz langsam rückt das Tor näher und schließlich ist es erreicht. Ich gehe nicht wirklich selbst, ich werde geschoben, hab keine Wahl. Nur mit großer Mühe erreichen meine Fingerspitzen endlich die Wand, streichen am kalten Stein des Brandenburger Tores entlang, es kribbelt ordentlich im Bauch, tief einatmen, schieben, schieben - und jetzt durch! Geschafft! Zum ersten Mal im Leben bin ich bewusst durchs Brandenburger Tor gelaufen! Ein bewegendes Gefühl!

Zügig verlaufen sich die Scharen auf der westberliner Seite, und noch ganz benommen strebe ich der Bushaltestelle zu. Jetzt spüre ich die nasse Jacke durchaus, aber die Kälte erreicht doch nicht das Herz. Das ist nämlich angefüllt mit warmer Begeisterung über das Erlebte, die schützt besser als jede Regenjacke. Ich war dabei, nur das zählt. Nun können wir beruhigt nach Hawaii fliegen!

 

Die Stewardess im fast leeren Flieger am Heiligabend hat Zeit zum Plaudern. Auch sie ist bewegt von dem Geschehen in der Stadt, und als ich ihr einen Mauerstein schenke, läuft sie nach vorn zur ersten Klasse, besorgt eine Flasche Champagner und schenkt sie uns als Weihnachtsgruß, ein kleines Zeichen der Verbundenheit mit den Menschen der Stadt, die in diesen Tagen die Welt so tief berührt hat.

„Berlin, nun freue dich!“, hatte Walter Momper in seiner denkwürdigen Rede den Menschen zugerufen. Ja, wir freuen uns….

 

 

 

Helga Asmuß

18. Dezember 2019

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