Hans K. Reiter

Vergessen - ein Mord bleibt rätselhaft

YOGTZE schrieb Günther Stoll am 25. Oktober 1984 auf einen Zettel. So begann die Geschichte, die ich am 1. September 2015 mit dem Titel  Der Zettel veröffentlich hatte. Wenngleich dieser Mord beinahe in Vergessenheit geraten ist und von den zuständigen Behörden bis heute nicht aufgeklärt werden konnte, haben meine Nachforschungen wertvolle Hinweise erbracht, die letztlich dafür ausschlaggebend waren, dass es Dagmar Hochfellner, Kriminalhauptkommissarin am LKA in München, entgegen jeder Wahrscheinlichkeit doch noch gelang, den Fall insoweit abzuschließen, als er der Bundesanwaltschaft als gelöst per ficta übergeben werden konnte. Zu erwähnen ist, dass es den hier geschilderten Vorgang ohne die nachdrückliche Aufforderung, den alten Fall erneut aufzugreifen, durch  den Rechtsberater des Konklomerats für allfällige Absonderlichkeiten des Staatsministeriums für inneres Befinden und Unwohlsein, Dr. Dr. h.c. Gerd G. (Aus Gründen des Schutzes persönlicher Daten, kann der volle Name an dieser Stelle nicht genannt werden.), nicht gegeben hätte.

 

YOGTZE, weniger als sieben Buchstaben, das müsste zu schaffen sein!, wurde Paul Breitmoser, Professor an der TU in München und Direktor der Denkfabrik BALLAST am Max Planck Institut in München Garching, nicht müde, immer wieder zu betonen und anzumerken, dass, sollte es niemandem sonst gelingen, er höchst selbst des Rätsels Lösung präsentieren werde und zwar binnen vierundzwanzig Stunden, gerechnet ab Null Uhr des 21. Dezembers 2019.

Der Schlaumeier rechnete natürlich nicht ohne gewisse Berechtigung damit, dass die meisten Büros, so kurz vor Weihnachten entleert sein würden und, selbst wenn sich doch noch einer oder eine jener besonders Fleißigen, die es hin und wieder gab,  hinein verirrt hätte in den Bürokratiestrudel halbvoller bis voller und überlaufender Schreibtische, er oder sie keine Zeit für die gestellte Herausforderung gefunden hätte. Der Kopf stand allen nach Weihnachten, nach Familie, nach Nichtstun und bei Leibe nicht nach Arbeit.

Breitmosers Ansicht nach war das Rätsel mittels des neu installierten Systems zur unbegrenzten Analyse eigentlich nicht vorhandener Daten binnen Stunden, wenn nicht sogar nur Minuten, zu lösen. Was ihn so sicher machte, war die Tatsache, dass der Begriff YOGTZE aus weniger als sieben Buchstaben bestand, denn bis zu diesem Limit war das System interlinear und cybercosmisch getestet. Vorstellen durfte man sich dabei natürlich  nicht, wie Eingeweihte wussten, die profane Vermutung von sechs Buchstaben im Sinne der Zahl sechs und Buchstaben im Sinne des Alphabetes. Nein, hierbei handelte es sich um den nur wenigen bekannten intergalaktischen Code für intransparente, phraseologisch nicht eindeutig zuordenbare Transmissionsparameter der Einsteinschen Relativitätstheorie. Dies aber nur am Rande und zum besseren Verständnis der entsprechend vorgebildeten Leserschaft aus dem akademischen Sprengel.

Dagmar Hochfellner wollte jedoch weder auf die Resultate des umtriebigen Professors warten, noch auf solche anderer am Wettstreit Teilnehmenden.

Sie beabsichtigte schlicht, den Polizeicomputer zu füttern, der im Gegensatz zu früheren Jahren schon wegen der ständig zunehmenden Gefährdungslage, was immer das auch war und ist, auf das Äusserste hochgerüstet worden war.

So gab es kaum eine Verknüpfung, Analyse und Resultataufbereitung, schlicht auch Lösung genannt, die nicht innerhalb kürzester Zeit zur Verfügung stehen sollte. Das einzige Problem war (stimmt nicht ganz, denn es gab noch andere Probleme, die aber hier nichts zur Sache tun), dass der fast einzige Spezialist, genannt der Experte oder kurz im bayerischen Polizeijargon Ex genannt, was im Übrigen für viel Heiterkeit im Betrieb sorgte, wie man sich leicht vorstellen kann, auch verfügbar war und nicht gerade an einer Schulung, einem Fortbildungskurs oder einer internen Weiterbildungsmaßnahme teilnahm und deshalb als nA (nicht Anwesend) geführt wurde.

Dagmar hatte Glück und der Ex stand nur wenig später bei ihr im Büro. Da werden wir wohl oder übel  MP (für Max Plank) in Garching anzapfen müssen und das wird nicht funktionieren. Generell schon, aber heute eben nicht, weil, wie wir wissen, auch der Breitmoser daran arbeitet, YOGTZE zu entschlüsseln. Jedenfalls hat er überall herumposaunt, dass man doch bitteschön sich mit ihm und seinem Think Tank BALLAST in Wettstreit begeben wolle, wer immer meint, er sei dazu befähigt und in der Lage, bemerkte der EX ohne Zögern. Und fügte noch an: Unsere, trotz Hochrüstung, schwächelnden Polizeirechner stemmen das nicht unter wenigsten ein paar Tagen und da darf nichts, aber auch gar nichts dazwischen kommen, sonst steigen sie ganz aus.

Das fand Dagmar nun gar nicht nach ihrem Geschmack, entließ den Ex und besann sich auf ihre Seilschaften, ohne die es nun einmal nicht geht auf dieser Welt.

LA Police Headquarters oder so ähnlich vernahm Dagmar eine jugendlich klingende Frauenstimme und bat (in Englisch natürlich), mit keinem Geringeren als dem Chief höchstpersönlich verbunden zu werden.

Hallo Dagmar, my dear, das ist ja eine Überraschung…und in dem Stil ging es noch eine ganze Weile weiter, bevor Dagmar überhaupt nur eine winzige Chance bekam, ihr Anliegen vorzutragen. Der Chief sprach fließend Deutsch, klar mit dem üblichen Akzent, und das, weil Opa und Oma aus Deutschland stammten, genau genommen aus München vor vielen Jahren in die Staaten ausgewandert waren und man zuhause weiterhin das Deutsche pflegte. Bei genauer Betrachtung war es eher das Bayerische, denn der eine oder andere Ausdruck war doch sehr stark südländisch gefärbt.

Kein Problem, natürlich helfe ich dir gerne, sagte der Chief fröhlich, ich gebe es weiter an einen Freund oder soll ich sagen Spezi, und er lachte sekundenlang, dass es nur so gluckste und er kaum noch Luft bekam, wie es schien, also an einen Spezi bei der NSA. Wir kennen uns und helfen uns immer wieder mal aus. Weißt du, bei ihm ist es wie bei mir, seine Großeltern kommen auch aus Bayern, aus Ingolstadt, soviel ich weiß.

Dagmar merkte sich alles sehr gut, denn damit war ihre Seilschaft um ein gewaltiges Stück gewachsen und in eine Dimension vorgestossen, die sie niemals für möglich gehalten hätte. Die NSA…

Seit Edward Snowden wusste sie, wie jedermann, dass die National Security Agency von jedem Menschen, der jemals sich im Internet bewegte, egal auf welche Weise, alle verfügbaren Daten, Verbindungen und Verknüpfungen und vielleicht mittlerweile noch viel mehr, in kaum vorstellbaren, überdimensionalen Rechnersystemen gespeichert hat.

Na, wenn die nicht herausfinden, was YOGTZE bedeutete, dann konnte es niemand auf der Welt.

Nur fünf Minuten nach ihrem Gespräch mit dem Chief, den sie übrigens während einer Ausbildung beim FBI kennen gelernt hatte (dazu in einer separaten Geschichte mehr, um nicht den Rahmen dieser Geschichte zu sprengen), hatte sie das Ergebnis auf ihrem Rechner am Schreibtisch. Es sollte vielleicht noch erwähnt werden, dass jeglicher Informationsaustausch zwischen den übergeordneten Dienststellen, und das LKA zählte dazu, verschlüsselt erfolgte, was nicht bedeutete, falls das jemand angenommen hätte, dass nicht zumindest die NSA, den Klartext in ihren Speichern versenken konnte.

Ergebnis Ihrer Anfrage:

YOGTZE ist der Tarnname einer Geheimorganisation, die in dieser Form seit Mitte der Neunziger Jahre nicht mehr existiert. YOGTZE war Teil der von der Amerikanischen CIA und dem Britische Geheimdienst SIS / M16 innerhalb der NATO gegründeten Geheimarmee zur Bekämpfung des Kommunismus in Westeuropa.

YOGTZE (Y-OrganizationGehlenTacticalZoneEurope): Organisation Gehlen 1946 von den Amerikanern als Nachrichtendienst unter der Leitung von Reinhard Gehlen, ehemals Chef der Abteilung Fremde Heere Ost, gegründet und 1956 als Bundesnachrichtendienst (BND) von der Bundesrepublik Deutschland übernommen. Y ist die gebräuchliche militärische Abkürzung für Deutsche Bundeswehr.

Weitere Informationen stehen aufgrund der Klassifizierung als Geheim nicht zur Verfügung.

Ende

Dagmar Hochfellner staunte nicht schlecht. Mit diesem Ergebnis hatte sie nicht gerechnet. Wer immer der Mann gewesen war, der diesen ominösen Zettel in der Tasche getragen hatte. Die Aufklärung eines Mordfes unter diesen Vorzeichen und nach dieser Zeitspanne war realistisch nicht mehr zu erwarten.

Und genau dies schrieb Dagmar im Schlussbericht an ihren Vorgesetzten.

YOGTZE war hiermit als Fall beendet.

Gewonnen war allerdings der Wettstreit mit dem Professor aus Garching,  Paul Breitmoser. Denn ohne Seilschaft nütze ihm der schnellste Rechner nichts und so ging schon sehr bald das Gerücht umher, BALLAST sei nicht viel wert, wahrscheinlich sogar eine Denkfabrik ohne Zukunft.

 

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