Ines Wertenbroch

Schritte auf der Treppe


Bevor er die Treppe der Bibliothek hinuntergegangen war, hatte er mich noch einen Moment von der obersten Stufe aus angesehen. Ich stand am Fenster gelehnt. Er konnte im Gegenlicht nur meinen Umriss gesehen haben. Ich aber erkannte ihn deutlich, denn das Licht fiel direkt auf seine ganze Gestalt. Die breiten Schultern unter dem blauen Pullover, das leicht gewellte mittelblonde Haar und die blaugrauen Augen sind mir besonders im Gedächtnis geblieben. Noch in der Erinnerung glitt mein Blick an seinem Körper herab, als könnte ich ihn damit berühren.

Mir war nicht klar gewesen, warum er gegangen war. Störte ihn die Anwesenheit meiner Freundin oder hatte er wirklich noch zu arbeiten? Ich sollte ihn anrufen und fragen, warum er so zeitig gegangen war. Vielleicht hatte er einen ganz anderen Grund gehabt. Ja, ich werde ihn anrufen, sobald ich zu Hause bin.

Auf dem Heimweg versuchte ich, die Wörter zusammenzusetzen, die ich ihm sagen wollte: „Du warst so schnell weg heute Nachmittag. Hättest Du heute Abend ein wenig Zeit? Ist alles in Ordnung?“ Ich sollte vorher fragen, ob alles in Ordnung ist und danach, ob er Zeit hat. Sonst denkt er noch, mich interessiert gar nicht, wie es ihm geht. Aber wie es ihm geht, werde ich ihn nicht fragen, sondern ob alles in Ordnung ist, sonst weiß er nicht, worauf ich hinaus möchte. Ob er wohl denkt, dass ich ihm hinterherlaufe, wenn ich ihn anrufe? Aber wenn er mich nicht mögen würde, hätte er doch bestimmt nicht mehr zu mir hinübergesehen. Doch was heißt das schon? Es kann ja sein, dass er mich nur gern anschaut, weil ich ihm äußerlich gefalle. Das glaube ich nicht, er ist nicht oberflächlich. Es wäre aber auch schön, wenn ich ihm gefalle.

Während des Fahrens achtete ich unwillkürlich auf jedes kleine graue Auto, das mir auf der Straße entgegenkam. Er fuhr auch so eines, nur mit einem Nummernschild, das zeigte, dass er nicht von hier kam. Es gab so viele graue Autos und ich hatte die Buchstaben auf seinem Nummernschild vergessen. Wenn ich ihn zufällig jetzt träfe, dann bräuchte ich ihn nicht mehr anzurufen. Andererseits hätte ich nicht genug Zeit, mir zu überlegen, was ich sagen wollte.

Als ich zu Hause war, setzte ich mich vor das Telefon. Ich atmete tief durch. Was wollte ich noch sagen? Wo waren nur die Sätze, die ich mir zurechtgelegt hatte? Ich holte die Liste mit den Telefonnummern hervor. Sonst kannte ich seine Nummer auswendig. Egal. Ich stand wieder auf und ging ans Fenster. Es war für April ungewöhnlich sonnig. Doch die Wärme täuschte, der Wind war noch kühl. Vor dem Fenster lief ich auf und ab. Ich öffnete es und ein Schwall kühler Luft kam mir entgegen. Jetzt muss ich ihn aber anrufen. Ich ging zurück an den Tisch, auf dem das Telefon lag. Ich nahm den Hörer in die Hand. Sie wurde feucht. Ich sollte doch lieber aufschreiben, was ich sagen wollte. Wenigsten ein paar Stichwörter. Ich nahm einen kleinen Zettel und einen Kugelschreiber. Ich begann, den ersten Buchstaben seines Namens zu zeichnen. Nein, so komme ich nicht weiter. Ich schaute auf die Uhr. Wenn ich jetzt nicht anrufe, wird es zu spät. Dann ist der Abend vorbei. Ich habe doch nichts zu verlieren. Ich kann höchstens eine Zusage bekommen, die Ablehnung habe ich doch schon, auch wenn ich ihn nicht anrufe. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Jetzt rufe ich ihn an. Er freut sich bestimmt, wenn er meine Stimme hört. Es ist schon fast egal, was ich sage. Jetzt drücke ich die Tasten mit seiner Nummer, nahm ich mir vor. Ich schaute auf das Telefon. Es wäre auch nicht schlecht, wenn er sich bei mir meldet. Ich drehte mich vom Tisch weg. Die Blumen bräuchten wieder etwas Wasser. Ich nahm die kleine Gießkanne und füllte Wasser hinein. Langsam ließ ich das klare kalte Wasser auf die Erde in den Töpfen plätschern. Jeder Tropfen ein Wort, dass ich ihm sagen wollte. In Gedanken sah ich ihn wieder auf der Treppe stehen. In Gedanken kam er zu mir herüber, anstatt die Stufen hinunterzugehen.
Ich rufe ihn jetzt an! Mit der rechten Hand nahm den Hörer wieder auf. Ich sprach die Zahlen beim Eingeben mit. Aus dem Hörer kam ein gleichmäßiges Tuten. Ich wartete noch eine Weile, doch es hob niemand ab. Dann legte ich auf.


(Ines Wertenbroch, 19.- 21. April 2003)

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