Michael Waldow

Die Berthels und der Weihnachtsbaum

Herr Berthels saß in seinem neuen Lehnstuhl, der geradewegs aus dem Baderkatalog vor einer Woche kam und dachte nach; über seinen alten Lehnstuhl, der schon mit seinem Großvater Bekanntschaft schloss und bis zu ihm weitervererbt wurde und nun das Zeitliche segnen sollte. Frau Berthels meinte dann, ihr Mann solle nicht immer an der Vergangenheit hängen und so stellte sie das eine in den Keller und setzte das andere, also ihn, in das neumodische Ding. Eine kleine Träne rollte alsbald über Herrn Berthels Gesicht und er beschloss an etwas anderes zu denken, was gar nicht so einfach war, da der neue Lehnstuhl noch etwas quietschte. „Er ist noch nicht bezahlt“, schmunzelte Frau Berthel und Herr Berthel dachte an Boykott. Doch jetzt musste er sich zusammenreißen, sog an seiner Pfeife und dachte über das vergangene, gegenwärtige und zukünftige Weihnachtsfest nach. Seine Frau wollte etwas Neues haben, einen richtigen Weihnachtsbaum und nicht mehr die Nachwendeplastebäume. Seit dem aber die Berthels seit der Wende solch einen Baum mit elektrischem Licht besaßen, war es mit den alljährlichen kleineren und größeren Bränden vorbei, womit Herr Berthel wieder bei seinem alten Lehnstuhl war, den er im Gegensatz zu anderen Möbelstücken bei solchen Anlässen immer wieder retten konnte. Er erinnerte sich noch an den triumphalen Moment, als er einstmals rußgeschwärzt mit seinem Lehnstuhl in der einen Ecke und der Feuerwehrmann mit seinem Schlauch in der anderen Ecke des abgebrannten Zimmers stand und Herrn Berthel entgeistert und seltsam starr ansah. Das war an einem 27. Dezember vor 30 Jahren.
„Na, hast du über meinen Vorschlag nachgedacht“, riss Frau Berthel ihn aus seinen Gedanken. „Na klar“, brummte Herr Berthel und setzte hinzu, „dein Wunsch ist mir Befehl. Ich werde mit Käseblech in den Wald gehen, um einen Baum zu schlagen.“ „Ach du Gott“, kicherte Frau Berthel, „ihr werdet euch höchstens mit dem Baum schlagen. Denke daran, er soll bis fast unter die Decke gehen. Wie hoch ist die eigentlich?“, schaute Frau Berthel ratlos nach oben. „Wenn du drunter durchgehen kannst, ist sie höher als du.“, bemerkte Herr Berthel. „Wenn du dich auf den Boden legst, könnte dein Bauch die Decke streifen“, meinte Frau Berthel ohne ihren Blick nach oben abzuwenden. „Wenn du weiter zur Decke starrst, bekommst du einen steifen Hals“, ärgerte sich Herr Berthel.

„Vielleicht sollten das du und dein kleiner Freund auch mal versuchen.“ Frau Berthel nahm eine bedrohliche Figur ein und musterte ihren Mann eindringlich, der sich seinerseits versuchte in seinem neuen Lehnstuhl zu verkriechen, was erstens mit dem Ding nicht gelang und es zweitens einem fürchterlichen Quietschton von sich gab. „Ich rufe Käseblech an“, versuchte Herr Berthel die Situation zu entschärfen. „Du kannst auch rüber gehen, es würde deinem Bauch guttun, außerdem wohnt er in Rufweite. Versuch es doch mal mit deinem Büchsentelefon aus deiner Kindheit“, maulte Frau Berthel. 'Nur in meinem alten Lehnstuhl', dachte Herr Berthel und zog es vor, sich vorerst aus weiteren Disputen herauszuhalten. Herr Berthel dachte also kurz nach, schälte sich aus seinem neuen Lehnstuhl, der diese Aktion mit einem weiteren Quietschen beantwortete. Herr Berthel seufzte, weil ihm bewusst war, dass er sein verbleibendes Leben an einem quietschenden Lehnstuhl, einer kussfeuchten Schwiegertochter und einer zu kurzen Frau vergeuden musste. „Weißt du, wo mein Werkzeugkasten ist?“, fragte er seiner Frau hinterher, die gerade in Richtung Küche verschwand. „Du hältst dich nur an zwei Orten auf, in deinem Lehnstuhl und deinem Bett, ach ich vergaß noch – aufm Klo da ist auch noch so ein Lieblingsort.“ „Gut dann ist er im Klo“, wusste Herr Berthel sofort, denn dem quietschenden Lehnstuhl traute er die Übernahme solch wichtiger Aufgabe keineswegs zu und das Bett war ihm heilig – ohne Werkzeugkasten, da gab es eh nichts zu reparieren. Einen kurzen Moment später hatte er seine Säge gefunden, als es an der Tür klingelte. Eine leichte Gänsehaut überkam ihn, da er sofort an seine kussfeuchte Schwiegertochter dachte, die in diesem Monet wohl sprungbereit vor der Tür stand, um in die Wohnung zu stürmen und ihm einen dieser fiesen Schmatzer auf die Wange drücken würde, welche man erst nach stundenlangen Wischen wieder abbekam. Sicherheitshalber ging er mit gezogener Säge zur Tür und öffnete sie vorsichtig. „Dass an dir der Zahn der Zeit nagt, wusste ich, aber du musst das nicht wörtlich nehmen.“, Käseblech sah mitleidig auf die Säge herab und setzte dabei sein gewohnt dümmliches Gesicht auf. „Ich will einen Weihnachtsbaum sägen – im Wald“, brummte Herr Berthel. „Darfst du nicht, musst du beim Förster genehmigen lassen“, wusste Käseblech und drängelte sich an Herrn Berthel vorbei. „Ach was, Brackstein schuldet mir noch einen Gefallen, ich zog ihn aus dem Bach.“ winkte Herr Berthel beruhigend ab. „Das war vor 50 Jahren, selbst den Bach gibt es nicht mehr“, schüttelte Käseblech bedauernd den Kopf. „Sei nicht so pingelig. Was willst du eigentlich?“, fragte Herr Berthel. „Ich bräuchte ein bisschen Weihnachtsschmuck, du hast doch alles doppelt“, bettelte Käseblech. Herr Berthel schnaufte vernehmlich, „Ja, weil du dir voriges und vorvoriges Jahr und davor die vorigen Jahre immer wieder etwas ausgeborgt hast und deine Ingeborg den verdammten Baum einseitig belastete und damit das Ding zum Kippen brachte. Alles wurde zerschlagen und WIR mussten nachkaufen.“ „Na, wenn das alles so schwer ist“, versuchte Käseblech sich zu entschuldigen. „Man hängt keine Kettensägen und anderes Werkzeug an den Tannenbaum“, fauchte Herr Berthel. „Elfriede liebt mich eben“, meinte schüchtern Käseblech. „Dann gieß dir einen Baum aus Beton“, erwiderte dieser. Herr Berthel rang nach Luft, dachte kurz nach, beruhigte sich und ihm kam wieder das vergangene, gegenwärtige und zukünftige Weihnachten in den Sinn. „Also gut, du bekommst etwas von dem Kram, wenn du mir beim Schlagen des Weihnachtsbaumes hilfst.“ Käseblech kratzte sich an den Kopf, setzte ein dümmliches Gesicht auf, was Herr Berthel umgehend als Zustimmung wertete. „Wir müssen die Höhe zur Decke messen, Elfriede will ihn bis 20 cm unter der Decke.“ Käseblech dachte nach, was mit seinem Gesicht schon ein Wunder war und dröhnte kurz darauf: „Dazu brauchen wir ein Messband.“ „Ach was“, Herr Berthel war fassungslos ob dieser intellektuellen Anstrengung seines Freundes, der zufrieden grinste, was in seinem Gesicht trotzdem etwas dümmlich aussah. „Der Werkzeugkasten ist auf dem Klo“, sagte Herr Berthel. „Wo du bitte alleine draufgehst, ich folg dir überallhin, aber dahin nur einmal, das reichte fürs Leben“, entgegnete Käseblech sehr bestimmt. “Elfi macht das nichts aus“, murmelte Herr Berthel.

„Ihr sieht man auch nicht an, wenn sie dann schneller altert“, murmelte Käseblech zurück. Für einen Moment sahen sich beide Kontrahenten drohend an, dachte ans gegenwärtige Weihnachten, strafften sich und hatten sich einen weiteren Moment später wieder unter Kontrolle. Und ein Maßband in den Händen. „Hast du eine Leiter?“, fragte Käseblech. „Ach was, richtige Männer kriegen das so hin. Ich nehme dich auf die Schulter.“ Herr Berthel war sich seiner Sache sicher. Er stellte Käseblech in Position, ließ ihn die Beine spreizen, beugte sich nach unten, schob seinen Kopf durch, bekam einen puterroten Kopf beim Versuch Käseblech hochzudrücken, als Frau Berthel mit einem Zettel die Wohnung betrat und verkündete: „2 Meter 60 hoch.“ Doch es war zu spät, der puterrot anlaufende Herr Berthels drückte Käseblech in diesem Moment hoch. Der schaute mit seinem dümmlichem Gesicht stur geradeaus, um dann langsam nach vorne zu kippen. Frau Berthel schrie auf, Herr Berthel schnaufte, taumelte zurück und setzte sich mit einem lauten Aufschrei auf den Boden. Käseblech schlug auf den Teppich auf, allerdings mit einem nur sehr kurzen Schrei und einem ziemlich langen Stöhnen. Dann trat erst mal Ruhe ein. „Du hättest schneller sein können“, tadelte Herr Berthel seine Frau und rappelte sich hoch. “Etwa so schnell, wie ihr beide auf den Boden aufgeschlagen seid?“, fragte Frau Berthel spitz, wandte den traurigen Gestalten ihr rundliches Hinterteil zu und verließ beleidigt das Wohnzimmer. Inzwischen stand auch Käseblech, noch etwas wacklig, aufrecht. „Ich denke ...“, sagte Herr Berthel und dachte nach, „...es ist für mein und dein Leben sicherer ...“, „... wenn wir einen Weihnachtsbaum kaufen“, setzte Käseblech fort.


„Ich sehe, du denkst mit“, nickte Herr Berthel. „Ich hol dann mal ein Messband und eine Leiter.“, bedeutete Käseblech. Herr Berthel war nun doch etwas verwundert: “Wozu denn das bitte?“ „Na du glaubst doch wohl nicht etwa, ich steige noch einmal auf deine Schultern, um den Baum abzumessen“, verteidigte sich Käseblech und sein Gesicht schien um einen Deut dümmlicher als üblicherweise.
„Man Käseblech, womit habe ich dich bloß verdient?“, murmelte Herr Berthels und nahm sich vor in diesem Jahr nicht mehr zu denken.

  • Ende 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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