Gherkin

Eine wundersame Begegnung






Nun also begab es sich, dass den Eheleuten Rufus und Annegret Zetterzee ein Mädchen geschenkt wurde. Es war sehr niedlich anzusehen. Kurz nach der sehr schweren Geburt meinte die strahlende Mutter:

„Unsere Tochter ist so unfassbar süß und Engel gleich, wir sollten das Mädchen nun Engeline nennen.“ Der Vater konnte nicht sprechen vor lauter Glück. Er küsste immer nur die nasse Stirn seiner Frau, sah seine Tochter an, weinte ein wenig, und nickte dann schließlich. Ja, Engeline soll sie heißen, da sie doch unleugbar himmlischen Gefilden entsprungen schien. Solch einen Engel hatten sie sich gewünscht, die Zetterzees, und, pardauz, da fiel er auch schon vom Himmel.

Wieder daheim, nunmehr zu dritt, kam es zu merkwürdigen Begebenheiten. Das winzige Mädchen schrie, wann immer es geküsst werden sollte. Die Mutter war so glücklich, dass ihr Herzen und Knuddeln, ihr Küssen und Streicheln kein Ende zu nehmen schien. Es war ihr erstes Kind. Sie konnte nicht fassen, dass es solch winzig kleine Fingerchen geben konnte, solch unfassbar kleine Füßchen.

Engeline ließ sich, sichtlich vergnügt, diese Füßchen gerne küssen, auch ließ sie es zu, wenn man ihr Bäuchlein mit dicken Schmatzern bearbeitete, doch das Geschrei war stets sehr groß, näherte sich ein Mund, so ein erschreckend riesiger Mund eines Erwachsenen, ihrem Gesicht, um ihr einen Kuss auf die Lippen zu drücken.

Die Eltern liebten ihr Kind so sehr, dass man es kaum in Worte zu kleiden vermochte und auch das Kind strahlte seine Eltern glücklich an. Es gab da nur diesen kleinen, etwas irritierenden Aspekt: Das winzige Mädchen wollte sich nicht auf die Lippen küssen lassen. Die Wangen? Ja, das ging gerade eben noch durch. Die Stirn, gerne auch die Öhrchen, sicher, aber der Mund war tabu. Kreischanfall, falls es einer auch nur versuchte.

Da hub ein solches Getöse an, dass allein der Versuch bereits im Ansatz erstickt zu werden drohen musste. Schließlich gaben es die Eltern auf. Dann eben kein Kuss auf die Lippen. Und sie küssten Engelines Füßchen, Händchen, Bäuchlein und die rosig- pausbäckigen Wangen. Schon bei der Stirn wurde das kleine Mädchen unruhig. Die Wangen-Küsse erzeugten leisen Widerwillen. Aber stelle sich einer das Gebrüll vor, wenn Vater oder Mutter einen Kuss auf die Lippen zu geben beabsichtigten.

Wer jemals das volle Konzert erlebt hat, bei einem Neugeborenen, wenn es all diese unerträgliche Not, diesen Kummer und das ganze Elend der noch so jungen Existenz in die Welt hinaus brüllt, der kann, in etwa ermessen, wie heftig Engeline tönte, wenn man sie zu küssen suchte. Diese Lautstärke traut man dem so winzigen Klangkörper eigentlich kaum zu. Und doch schaffte solch eine „Prinzessin Winzigkeit“, wie die Mutter Annegret ihre Tochter gerne nannte, fast 140 Dezibel an Lautstärke, wenn sie, vor Liebe fast überquellend, ihr kleines Mädchen auf den Mund küssen wollte.

War es ein Klagegeschrei? War es Abneigungsgebrüll? War es vielleicht eine Art Notsignal? „Ihr sollt mich nicht auf den Mund küssen!“ Mittlerweile war die Kleine schon so clever, es zu erahnen. Wann immer sich ein Mund dem ihren näherte, erklang die gewaltige Sirene, ertönte das komplette Orchester. Alles, was der kleine Körper aufzubieten in der Lage war an Gewalt, an Lautstärke und an Intensität, das entströmte ihm dann auch. Küssen verboten! Wer es auch nur versuchte, hatte damit zu rechnen, dass dieses Herz zerfetzende und Seelen zermarternde Gebrüll gute 20 bis 30 Minuten anhielt. Eine gewisse Nachhaltigkeit in der Bemühung, allen zu sagen und mitzuteilen: Ihr lernt es sicher noch, ihr dummen Eltern - aber ein für alle Male bitte ich mir dies aus: Küsst mich nicht auf den Mund! Sonst was? Richtig! Heulalarm.

Ob Oma, Tante oder später im Kindergarten der kleine Junge, keiner durfte, aber alle wollten. Diese süßen Lippen waren ja gar zu aufgeworfen, knuffig und lieblich. Sie schienen zum Küssen wie geschaffen. Doch die Besitzerin, kess, kokett und keck, lehnte jeden Antrag ab! Jeden. Selbst dann, als in der Grundschule der unglaublich süße Jan-Peter sie bezirzte und umgarnte, sie war mittlerweile zu einer entzückend- unschuldigen Prinzessin heran gereift, konnte dies ihr junges Herz nicht erweichen. Alle Mädchen träumten von einem Jan-Peter-Kuss. Doch Engeline blieb hart. Keine Küsse! Never! No way! Nada! No beses!

Als Engeline schließlich 18 wurde, gab es eine große Geburtstags-Party für sie. Sie hatte den einen oder anderen Freund gehabt, seit sie mit 14 ihren Fokus verlagert hatte, von den Puppen, Kinder-Schminktischen und -koffern hin zu den Jungs und all den Geheimnissen, die diese so umgaben. Mal waren sie unverschämt süß, dann wieder widerborstig und gemein. Aber genau das machte ja auch diese immense Anziehungskraft aus. Noch verstand sie kaum etwas. Blickt einer hinterher, während er die andere an der Hand durch den Park führt. Diese Jungs... Welches junge Herz sollte das begreifen? In ihr entdeckte sie bald ein so starkes Sehnen, und ein merkwürdiges, sehr heftiges Begehren. Sie sehnte sich nach einer leidenschaftlichen Umarmung, auch nach körperlicher Liebe, nach Zuneigung, Verständnis und Geborgenheit, nach Nähe und Wärme, nach Zärtlichkeit und nach so vielem Unbekanntem, aber eben nicht nach Küssen. Das unterschied sie sehr von ihren Geschlechtsgenossinnen.

Die hatten Ranglisten im Umlauf. Und es gab ständig Updates. Wer küsst besser als Bennie? Denn Bennie war der absolute Traumprinz. Aber das Küssen hatte er nicht erfunden. Er küsste zu nass, zu lasch, zu lustlos. Kein Feuerwerk. Dagegen hatte Paul nicht gerade das hübscheste Gesicht, aber küssen konnte er wie der Teufel persönlich. Die Rangliste changierte nahezu wöchentlich. Engeline hatte keinen Beitrag dazu leisten können, eben der fehlenden „Experience“ wegen; im Englisch-Unterricht wurde gelehrt, es so auszusprechen: ikˈspi(ə)rēəns.

Natürlich fanden es die anderen merkwürdig. Sehr merkwürdig. Ein Mädchen, das nicht küssen wollte? Die Jungs mieden sie alsbald. Engeline vereinsamte. Zu all den Knutsch- und Fummel-Partys wurde sie nicht mehr eingeladen. Das Gerücht ging um: Engeline ist lesbisch. Doch das war überhaupt nicht der Fall. Sie sehnte sich ebenso wie alle anderen Mädchen nach Liebe und Zärtlichkeit, nach Körperlichkeit und nach Leidenschaft. Doch das Küssen lehnte sie strikt ab. Wie Paul es gern sagte: „Ein Junge möchte doch sein Mädchen küssen! Ehrensache! Küssen ist die halbe Miete. Das ganze Potenzial an Zuneigung... Die Akkus werden durch nur einen Kuss wieder voll aufgeladen!“ So viel dazu, von Paul. Dem besten Küsser der Klasse.

Drei feste Freunde hatte sie gehabt, bisher. Doch machten die Jungs spätestens nach 2 oder 3 Monaten Schluss, wenn sie über die Zeit, nach 50 - 60 Anläufen, immer noch keinen Kuss erlaubt bekamen. Nicht mal knutschen wollte die Braut, meinte Bennie, der Klassenprimus. Ja, auch Bennie war mit Engeline gegangen. Aber nur gerade mal 12 Tage. Die anderen Mädchen konnten Engeline verstehen. Der Nassküsser war nicht gerade der Hit. Als sie dann aber erfuhren, dass Engeline den Bennie nicht einmal getestet hatte, nicht einen Kuss von ihm erhalten hatte, da waren sie allesamt ratlos. Was sollte das denn jetzt? Ist die meschugge?

Das Geheimnis kam ans Tageslicht. Ab dieser Zeit war Miss Zetterzee, despektierlich auch mitunter „Miss Zitterknie“, so wurde sie nur noch genannt, eine Art Unikum, eine tragische Figur, eine arge Scheinheilige, ein seltsam-befremdendes Mädchen, eine Außenseiterin. Wie kann man denn nur NICHT küssen wollen?!

Wer lehnt denn das Küssen ab? Das ist ja fast so, als würde einer sagen: Mir reicht´s jetzt, ich werde nicht mehr atmen! Das Atmen liegt mir nicht. Ich will das nicht. Nein, mit mir nicht mehr. Ab heute atme ich nicht mehr! So!

Engeline, sorgfältig befragt, meinte nur: „Ich bin nicht interessiert. Wenn ich andere sehe, ich meine, beim Küssen, dann wird mir schlecht. Ich finde diese Küsserei ganz einfach schrecklich, widerlich, furchtbar...“ Es war nicht so sehr die Angst vor all den Krankheitserregern, die sie umtrieb. Nein, es war einfach das Küssen an und für sich. Dieser „Vorgang“ eben. Das Aufeinanderpressen der Lippen, das Geschmatze und Gesabber, all das nass-feuchte Geschleime. Für sie war das ultra-eklig. Wirklich ganz extrem eklig.

Mit dieser Meinung war Engeline natürlich allein. Die anderen konnten sich nichts Schöneres vorstellen, als im Arm eines richtig süßen Jungen zu liegen und sich hemmungslos seinen feuchten Zungenküssen hinzugeben. Engeline erschauderte bei solchen Gedankengängen. Ihr war das zuwider. Wieso überhaupt küssen? Man konnte sich doch streicheln, zärtlich anfassen, auch mal fest drücken. Aber küssen? Nein, das war nichts für sie. Igittigitt.

Und so blieb sie allein. An ihrem 18. Geburtstag waren lediglich 4 Hardcore-Fans zu ihrer Fete gekommen, mehr leider nicht. Trotz Zusage von immerhin 11 Personen. Es waren nur 4 Freunde da, 2 Mädchen und 2 Jungs. Und das waren 2 Pärchen. So also stand Engeline an ihrem 18. Geburtstag allein im wunderschön geschmückten Zimmer und schaute, innerlich bebend, all dem Geknutsche und Abgeschlecke zu. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus. Sie verschwand aus ihrer eigenen Party, ging zum Stadtbrunnen hinunter und setzte sich dort weinend hin. 18 Jahre alt ist sie jetzt, und sie würde niemals einen Jungen, einen Mann für sich haben. Niemand würde sie haben wollen, sie, die peinliche Nicht-Küsserin, die strikte Kuss-Gegnerin, die Kuss-Phobikerin (Filemaphobie genannt) Engeline.

In der Tat hatten, seit sie bewusst lebte, niemals fremde oder verwandte Lippen die ihren berührt, mit einer deutlichen Kuss-Absicht. Nie. NIEMALS. Darauf war sie nicht unerheblich stolz. Das Tragische daran: Engeline war zu einem wunderschönen Mädchen heran gereift. Engeline war ein Fleisch gewordener Männertraum. So schön und so wundervoll, dass es fast schon ein wenig schmerzte hinterm Sternum, verfiel man der süßen jungen Frau in tiefer Liebe. Wie konnte ein einziges Mädchen nur so unfassbar süß und niedlich sein, so anmutig und hübsch?

Es gab nicht wenige, die in den Grundfesten erschüttert schienen, weil sie so sehr in Engeline verliebt waren. Dutzende davon gab es. Doch die unnahbare Miss Zetterzee gab allen einen Korb. Wusste sie doch, worauf all das hinaus laufen würde. Am Ende stand doch immer der Kuss. Den sie nicht wollte. Den sie so sehr hasste. Den sie nun einmal nicht ertragen konnte und wollte. Daher, leider: Solitude, Loneliness und Anthropophobie umgaben das hübsche Mädchen. Eine leicht tragische Nuance hielt Einzug in ihren Blick, Schwermut im Auge, eine gewisse Melancholie begleitete all ihre Worte, ihr Handeln, das Fluidum ganz allgemein. Die Jungs meinten: Die zieht einen echt runter. Wenn man mit der länger als 15 Minuten allein ist, bist du für den kompletten Tag deprimiert. Und die Mädchen sagten: Gib dich bloß nicht mit der ab. Miss Zitterknie ist die „dark princess“, immerzu voll Goth, ohne wirklich Goth zu sein.

So entschied sich Engeline Zetterzee also, den Menschen fürderhin dienlich zu sein. Ihr Berufswunsch war gefasst: Krankenschwester. Sie begann somit eine Ausbildung im Jockel-Anschütz-Hospital in Schöllkrippen-West, wohnte in dieser Zeit im Schwesternheim in Schabernack, einem Ortsteil Schöllkrippens, nur 2,4 km vom großen Hospital-Komplex entfernt. Engeline fühlte sich wohl dort. Endlich einmal ging es nicht um Jungs, um all das, was sie selbst gerne „Viel Lärm um Nichts“ nannte, Liebelei und Tändelei, Knutschen und Küssen. Endlich ging es um ihre Zukunft, um die wichtigen Fragen im Leben: Wovon bezahle ich meine Miete? Wie kann ich den Menschen sinnvoll helfen? Welche Aufgabe hat Gott für mich in diesem Leben bereit gestellt?

Mit echtem Eifer und großer Freude widmete sie sich der bisweilen anstrengenden Ausbildung. Während der dreijährigen Ausbildung müssen 2.100 Stunden in die Theorie und 2.500 Stunden in die Praxis investiert werden. Eines Morgens, es war erst der 2. Ausbildungsmonat, wurde das Beatmen eingeübt. An einer Silikon-Puppe.

Die bekannte A-B-C Methode (für: Airway = Atemwege freimachen; Breathing = Beatmen; Chest compressions = Herzdruckmassage) sollte geübt werden. Und alle Mädchen hier waren verpflichtet, diese Methode unter Aufsicht zu demonstrieren.

Während die Ausbildungsleiterin ihren Text, zum wahrscheinlich 724. Male, aufsagte: „Legen Sie eine Hand auf die Stirn des Patienten, Mittel- und Zeigefinger der anderen Hand platzieren Sie dann unter die Kinnspitze...“, hatte Engeline nur Augen für diese, in ihren Augen wunderschöne Gestalt dort. Den Beatmungs-Dummy. Ja, es war nur eine Silikon-Puppe. Und noch nicht einmal komplett. Da lag nur ein Oberkörper und ein Kopf. Aber dieser Kopf, dieser Oberkörper... Du meine Güte... Blut schoss in ihre Wangen, sie errötete so stark, dass einige der insgesamt 9 Schwesternschülerinnen im Raum es bemerkten, nicht aber die Übungsleiterin. Keiner kannte ihr Geheimnis. Sie hatte es sehr sorgsam vermieden, jemals davon zu erzählen. Eines der Mädchen neben ihr meinte scherzhaft: „Keine Angst, du musst ja nicht die Nacht mit „Charly“  verbringen. Du musst ihn nur küssen. Und danach, Süße, eine Zigarette angesteckt und ab dafür... Schon hast du´s hinter dir!“ Und sie lachte herzhaft. Engeline war ihr dankbar. Immerhin kannte sie jetzt den Namen des hübschen Jünglings - Charly.

Dieses edle Antlitz. Dieser klassisch schöne Kopf, nahezu griechisch. Engeline hatte sich Hals über Kopf in die Puppe verliebt. Sie sehnte den Augenblick herbei, da sie endlich an die Reihe kommen würde.

Als sie dann dran war, als Vorletzte, hämmerten ihre Schläfen, das Herz raste. Sie würde Charly jetzt küssen. Auf ihrer niedlichen Stupsnase zeigten sich einige kleine Schweißperlen, die Nasenflügel bebten, aber sie ging es tapfer an. Immerhin werde ich ja nicht geküsst, dachte Miss Zitterknie. Nein! Ich küsse einen Mann. Und nicht umgekehrt. Also beugte sie sich zu Charly hinab, legte zärtlich ihre Lippen auf die seinen - und küsste diese wundervollen, sanft geschwungenen, schönen Lippen.

Es war einer jener Augenblicke im Leben eines Menschen... Unvergesslich schön.

Dabei hörte sie den zähen Laber-Quark der Leiterin sanft in ihr Ohr tröpfeln: „Falls der Mund des Patienten nicht geöffnet ist, öffnen Sie ihn etwas. Anschließend drehen Sie die Hand auf der Stirn so, dass Sie mit Zeigefinger und Daumen die Nasenflügel des zu Beatmenden erreichen... Gut so. Mit Zeigefinger und mit dem Daumen halten sie nun vorsichtig die Nase des Patienten zu...“ Wie verschwommen, aus einem Dickicht von weiß-fluffigen Wattebäuschchen drang die Stimme herüber. Engeline achtete nicht sonderlich darauf. Sie küsste... Und wie sie küsste. Ekstatisch, entfesselt, gierig und sehr feucht. Schier endlos lang, sehr heftig und immer und immer wieder küsste sie diesen herrlichen, wunderschönen Jüngling, der so hübsch, nackt und bloß, so verletzlich vor ihr lag und sie mit einem bezauberndem Blick voller Bewunderung und, ja auch, mit tiefster Zuneigung bedachte. Charlys Brust tastete sie dabei leidenschaftlich ab. Das war mal ein Sixpack... Ihre Erregung konnte sie nicht mehr verstecken. Nahezu wollüstig umfing sie die Puppe. Schwer atmend, fast keuchend.

Gelächter brach los. Das reinste Gewieher. „Die ist ja in Charly verliebt!“ hörte sie. Es war die pure Hölle. Und die Übungsleiterin warf ihr einen Blick zu, der zu verheißen schien: „Das ist mir einen Eintrag in deine Akte wert, mein Fräulein Sonderbar!“

Engeline nahm den Dummy an sich, rannte schnurstracks aus dem Saal, aus dem Haus, runter auf die Straße, und flitzte, so schnell sie nur konnte, zu ihrem Auto, einem neongrünen Mini One. Dort setzte sie Charly neben sich auf den Beifahrersitz, redete ihm gut zu. „Nur keine Angst, mein Liebling. Wir sind bald in Sicherheit. Ich bringe dich an einen Ort, an dem du nicht ständig von hungrigen Mäulern umgeben bist, die dich unentwegt zu küssen suchen. Wir sind bald ganz allein. Dann gibt es nur noch dich und mich... Und nur noch ICH werde dich ab heute küssen!“

Und ihr wurde fast schwindlig vor lauter Glück. Charly und Engeline. Engeline und Charly. Das klang wie Musik. Sie strahlte. Ihr war es egal, dass sie nun eine Ex- Schwesternschülerin war, zudem als Diebin gebrandmarkt. Ihr war es egal, dass die Zukunft nun nicht mehr ganz so rosig ausfiel. Und ihr war es auch egal, dass sie ihre Mutter und auch ihren Vater nun sehr schwer enttäuschen würde. Den beiden hatte sie bisher nichts als Freude gemacht. Immer anständig geblieben, nie geraucht und niemals getrunken, keine Eskapaden, keine Aufmüpfigkeiten, kein Rebellieren, nie ein Widerwort. Sie hatte ein sehr gutes Zeugnis nach Hause gebracht, Jahr für Jahr, und sie bestand auch die Prüfungen für den mittleren Bildungsabschluss. Ihre Mutter freute sich sehr, als Engeline dann verkündete, Krankenschwester werden zu wollen.

Und nun das... Die Ausbildung abrupt abgebrochen. Den Dummy gestohlen. Alles schien aus und vorbei zu sein. Von nur einer Minute zur anderen.

Wenn das Herz spricht, ach was, wenn es in dieser Form schreit und brüllt, dann ist alles andere Nebensache, Mumpitz und Larifari. Wenn sie eines gelernt hatte in ihrem Leben, dann doch dies: Höre auf dein Herz, auf deine innere Stimme. Und die sprach jetzt munter auf Engeline ein: Das machst du richtig, Mädchen! Genau so soll es ja auch sein. Den Traumprinzen gefunden, und ab mit ihm ins ungewisse Morgen! Es zählt nur das Jetzt und das Heute. Was morgen sein wird, findet sich dann schon. Mach Strecke, Mädchen, verschwinde aus dem bisherigen Leben in ein neues, sicher sehr aufregendes, wunderbares Leben zu zweit!

Diese wundersame Begegnung, sie veränderte das Leben der jungen Engeline M. Zetterzee komplett. Sie lebte fortan mit Charly, an ständig wechselnden Adressen, unter permanent wechselnden Namen, in ständiger Angst vor dem Gesetz. Ihre Eltern kontaktiere sie nicht mehr, was ihr sehr schwer fiel. Sie wurde sonderbar. Lebte nur noch in billigen Hotels, verkaufte ihren wunderschönen Körper an mehr als schmierige Typen, die nach billigem Fusel und Zigarettenqualm stanken. Ihr erster Satz, gleich zur Begrüßung, lautete: „Das Küssen ist verboten!“ Wer das nicht akzeptierte, musste wieder gehen, unverrichteter Dinge. Sie kam über die Runden. Aber leider begann sie auch zu trinken und zu rauchen. Ab und an sogar illegale Substanzen.

Aber Charly blieb immer bei ihr. Er war treu, loyal und integer. Er ging nicht fremd, er blickte keiner anderen hinterher, er verhielt sich so, wie man es von einem „sicheren Hafen“ erwarten durfte: Er bot seine breite Brust an, zum Trost und zum Aufladen der Energie-Akkus, er alterte nicht, hatte einen wunderbaren Teint, lächelte stets, ganz egal, in welch ekelhaftem Raum über welch verräucherten und sogar verruchten Kaschemme - oder in welcher übel beleumdeten Absteige Engeline sie gerade untergebracht hatte, er hatte immer Zeit für seine nach und nach nicht mehr gar so wunderschöne Geliebte, machte alles mit und sprach dazu kein einziges Wort, kurz, Charly war der ultimative Lebensgefährte, schweigsam, schön und herrlich schlank.

Jetzt hatte sie sich im „Altstädter Hof“ unter dem Namen Beatrice M. Nebenhöhler eingetragen. Sie hatte sofort eine Flasche Whiskey geordert. Als die dann vor ihr stand, standen Engeline die Tränen in den Augen: „Ach ja, wenn die einzigen Vertrauten ihr seid, Jim Beam, Jack Daniel´s und Johnnie Walker, neben meinem geliebten Charly, so ist das Leben wohl verpfuscht. Doch werde ich, der Abwechslung zuliebe, auch einmal eine Frau in mein Leben lassen. Die gute alte Maria wird Einzug halten. Mariacron!  Aus der Nähe von Oppenheim. Vom Kloster Mariacron. Ja, ich glaube, eine solche Freundschaft könnte meinem Leben ein wenig Auftrieb geben...“ Sie musste jetzt doch lachen. Und Engeline lachte, mit Tränen in den Augen. Angeheitert, traurig und dennoch stark belustigt schaute sie auf ihren Geliebten, den Silikon-Mann Charly, ihrem Mann (oft abschätzig Übungspuppe genannt, oder Reanimations-Torso):

„Du, mein Schatz, bist die einzige Konstante in meinem ganzen peinlichen Leben. Du allein bietest mir Sicherheit und beständige Freude. Ich liebe dich sehr, Charly!“ Prostend nickte sie, mit dem Glas in der Hand, ihrem Gatten zu. Ja, das war er für sie. Ihr Gatte. Und gleichzeitig der einzig geküsste Mann in ihrem ganzen Leben.

Das Telefon klingelte. Sie hob ab: „Nebenhöhler?“ Der Portier meldete sich und entschuldigte sich für die Störung. „Ein Herr Müller möchte sie gerne sprechen. Meinte, er habe einen Termin. Darf er zu Ihnen raufkommen?“ Müde sagte Beatrice Nebenhöhler: „Ja sicher, schicken Sie ihn ruhig hoch...“ Sie trug Charly zum Schrank, wickelte ihn dort in einen großen Schal, verschloss den Schrank sorgfältig und legte den Schlüssel in ein Seitenfach ihres Koffers, und richtete sich dann ein wenig her. Immer hießen sie Müller, Schmidt oder Meier. Immer. Sie seufzte. Man muss ja leben auch... Es klopfte zaghaft an der Tür. Sie öffnete, mit einem leicht vergilbt wirkenden, „strahlenden“ Lächeln: „Küssen ist nicht bei mir, Herr Müller!“



Ende

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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