Nicht, dass ich Einkaufen wirklich für etwas besonders Angenehmes halte, nein. Da ändert auch die dezente, manchmal sogar meinem Geschmack entsprechende Musik nichts dran, die der Rewe-Markt seinen Gästen ins Ohr säuselt . Trotzdem empfinde ich hin und wieder so etwas wie Zuneigung für die Regale mit den vielen Lebensmitteln. Besonders an heißen Sommertagen empfängt der Rewe seine Gäste mit wohltuenden Temperaturen. Nette Damen bewegen sich flink, wenn es gilt, eine weitere Kasse zu besetzen oder die Störung des Leergut-Automaten abzustellen.
Zwischen den Chips Tüten, die dem Kunden direkt beim Betreten ins Auge fallen, war irgendetwas anders an diesem Tag. Schon der Umstand, dass mein Blick, der für Veränderungen geschult ist, dort verweilte, ließ mich aufmerken. Auf kleine weiße Spitzen fiel glänzend dunkles Haar wie Seide herab, das am Hinterkopf mit ein paar Strähnen zu einem Kranz gebunden war. Die Spitzen umrahmten braune Schultern und setzten sich in einer weißen Bluse fort, die angenehm geformt vom Regalhintergrund abstach. Die Bewegung, die mein Blick auffing, sagte mir, dass es sich um etwas Lebendiges handeln musste. Und dieses Lebendige schien so neu zu sein, dass es meine Aufmerksamkeit erregte. Auch war die Dame scheinbar keine Angestellte, denn Spitzen gehören nicht zur Ausstattung der Mitarbeiter im Rewe.
Diese Beobachtungen währten ein paar Sekunden, die in meiner Welt allerdings wie eine Ewigkeit erschienen. Und obwohl ich nicht einmal stehen geblieben war, kam es mir doch vor, als hätte ich meinen Schritt leicht in Richtung Chipstüten gelenkt. Aber Chips standen heute nicht auf meinem Einkaufszettel und so begnügte ich mich damit, etwas Eile an den Tag zu legen, um vielleicht an der Kasse einen weiteren Augenblick erleben zu können, vielleicht sogar als nächster Kunde hinter diesem Geschöpf.
Im Getränkemarkt untertauchend, verlor ich sie aus dem Blick. Eine seltsame Unruhe befiel mich, die sich aber legte, als ich von der Konservenabteilung aus ihre Anwesenheit noch einmal wahrnehmen konnte. Diesmal im Profil. Zwar wurde mir jetzt klar, dass es für ein Kassen-Zusammentreffen nicht mehr reichen würde, aber die Gesichtszüge ließen mich für einen weiteren Moment verharren. Harmonisch passten sich zwei braune Augen in den spitzenumrahmten ersten Eindruck und das kleine Muttermal in Augenhöhe der linken Gesichtshälfte tanzte mit den Lichtern, die auch tagsüber im Rewe eingeschaltet sind. Ein kurzer Blick traf mich aus der Ferne, bevor ich in der Kühlabteilung die letzten Punkte meiner Einkaufsliste anging.
Die Kasse war heute seltsam leer und die Unruhe, die mich ergriffen hatte, ließ den Akt des Zahlens zu einem aufgeregten Vorgang werden. Schnell verstaute ich die wenigen Lebensmittel im Einkaufswagen, in der Hoffnung auf eine dritte Begegnung auf dem Parkplatz.
Sonnenschein empfing mich auf dem Hof. Aber so sehr mein Blick auch suchte, er fand die Spitzen nicht. Das beruhigte mich etwas. Denn was hätte ich getan, wenn unsere Einkaufswagen sich unter dem kleinen Dach neben dem Parkplatz getroffen hätten ? Wie der Nachspann eines besonderen Films kam mir das Verstauen der Lebensmittel im Mitsubishi vor. Spitzenblues, so hätte sein Titel lauten können, aber das Drehbuch des Lebens hatte diesmal nur Augenblicke vorgesehen. Augenblicke eines besonderen Einkaufs.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.09.2003.
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