Ralph Bruse

Sternenhimmel

Sternenhimmel


Schon als sie zur Tür herein kam, wusste er: das ist die Frau seines Lebens!
Barne konnte garnicht anders: er starrte sie an, als käme sie direkt aus dem
Brautkleiderladen, nebenan, um noch flink und strahlend allerletzte Hoch-
zeits-Vorbereitungen zu treffen.
Leider war es so, daß sie weder Schärpe, noch Hochzeitskleid trug, sondern
Uniform in blauweiss. Ihr Strahlen war wohl auch eher mürrischer Natur, 
denn hier befand sie sich im Detektivbüro einer Discounterkette - immerhin
aber nur wenige Luftmeter von besagtem Brautmodenladen, nebenan, ent-
fernt.
Barnes´ Zuversicht ist dennoch unerschütterlich: hinter der amtlichen Stren-
ge, die ihre Gesichtszüge ausdrücken, verbergen sich eine Menge Güte, Sanft-
heit, innere Schönheit ohnehin - da ist er sich ganz sicher. Und auch, daß sie
beide sich auf Anhieb blendend verstehen werden, sobald sie aus dem ver-
qualmten Detektiv-Kabuff, hier, heraus sind, um im Polizeipräsidium unge-
zwungen weiter plaudern zu können.
> Der Mann hat drei Päckchen Stopftabak und ein Pack Cervelatwurst gestoh-
len. Ausweis hat er auch nicht dabei, < maulte der Detektiv.
> Wir nehmen ihn mit, < meinte die Polizistin mit fester Stimme; sah dabei 
erst ihren jungen Kollegen an, dann Barne. 
Wie schön, dachte Barne, sie nimmt mich mit - sicher auch überall hin, wenn
sie nur erst versteht, daß wir zusammengehören. Dann nimmt auch das Glück
richtig Fahrt auf, in gute, hell leuchtende Bahnen.
Er wurde in den Streifenwagen verfrachtet. Die schöne Polizistin fuhr selbst,
blickte auch gelegentlich in den Rückspiegel, um festzustellen, daß der vorläu-
fig Festgenommene auf der Rückbank bloß keinerlei Anstalten machte, zu flie-
hen.
Wohin sollte Barne auch türmen? Es gab nicht viel, das er als Zuhause oder 
seinen Besitz nennen konnte. Lediglich ein großer Army-Rucksack war sein
ganzer Reichtum. Darin befand sich auch schon alles, was der Mensch an Nö-
tigstem braucht...Das Dach über´m Kopf, also: ein Zeltdach, ein paar Kleider,
Zahnbürste, Seife, Rasierzeug und...sein Glücksbringer. Glücksbringerin, genau-
er gesagt: die Jungfrau Maria, etwa handgroß, zwar ohne Kind im Arm - weil 
das irgendwann abfiel und zu Bruch ging - dafür mit zartem, herzzerfetzendem 
Lächeln in ihren Mundwinkeln, aus Billigkeramik. Sie hat ihn schon oft vor 
manch Schlimmem bewahrt und ihm immer mal wieder glückliche Fügungen 
beschert, so glaubte er fest. Auch jetzt, auf der Fahrt ins Polizeipräsidium, war 
sie bei ihm, wachte, behutsam im Rucksack verstaut und sah sozusagen durch 
Wände und alles hindurch, was da die Sicht versperrte.
Wie auch immer: Barne freute sich schon diebisch auf das, was nun gleich fol-
gen wird: die Vernehmung und Protokollaufnahme durch die hübsche, junge 
Polizistin.

Pustekuchen...Seine Schutzpatronin im Rucksack verpasste ihren Einsatz, weil 
sie scheinbar schlief und deshalb auch nichts sieht. Kaum angekommen, ver-
schwindet die Polizistin im großen Saal des Präsidium-Eingangsbereichs, offen-
bar die Kantine. Und ihr äußerst schlecht gelaunter Kollege übernimmt die Ver-
nehmung.
> Name? <
> Barne. <
> Wie weiter? <
> Nasshahn. <
> Geboren? <
> Ja. <
> Wann geboren?!, < schnauzt der launische Kerl.
So geht das etwa eine halbe Stunde hin und her. Keine Freundlichkeiten, keine
schöne Polizistin mehr, nichts. Barne darf  wieder gehen. Verlässt das Präsidium 
als freier Mann.
Er weiß, was zu tun ist. Lächelt schon, während er die ersten Schritte in frischer
Luft absolviert.

Am nächsten Tag sitzt er wieder als gefasster Ladendieb im verrauchten Kabuff
desselben Detektivs. Und diesmal meinen es Schutzpatronin und Schicksal wirk-
lich gut mit Barne - nur, daß es dann doch etwas eigenwilliger ist und kommt, als
am Vortag.
Zunächst die eine Tatsache, die schon mal anders ist: der Strauß Nelken in seinem
Schoß wurde ordnungsgemäß bezahlt. Die große, sündhaft teure Pralinenschach-
tel, zur Rechten, auf dem Tisch, nicht.
Die schöne Polizistin (sie heißt übrigens Laura, wie er später nach einigen Schwü-
ren, es niemandem sonst zu erzählen) lächelt immerhin knapp, als sie ihn aber-
mals vorläufig festnimmt und zum bereit stehenden Dienstwagen führt. Ihr Kolle-
ge - ebenfalls derselbe wie gestern - lächelt nicht - im Gegenteil: er hat die Schnau-
ze gestrichen voll und überzieht Barne mit Flüchen der übelsten Sorte. > Hab Bes-
seres zu tun, als mit Pennern, wie dich, die Zeit zu vertrödeln!, < motzt er zum En-
de hin, als ihm die Luft im Hals langsam knapp wird.
Sie aber - die Polizistin - lächelt wahrhaftig - nicht begeistert, aber doch amüsiert.
Ist ja auch kein Wunder, wenn man gerade erst einen Strauß Nelken geschenkt be-
kam...

Sie fahren - Richtung Präsidium.
Barne bricht fast in Freudentränen aus, als sie ihm kurze Zeit später im Verneh-
mungszimmer gegenüber sitzt. Sie lächelt schwach - immer noch.



29. Dezember.
Keine nennenswerten Vorkommnisse im Discounter-Markt.
Wen wundert´s: es war Sonntag. Alle Geschäfte zu.


Montag. 30. Dezember.
Nichts ist passiert. Scheinbar kein hungernder Desperado unterwegs.

Dienstag. 31. Dezember. Berlin Mitte. Kurz vor Mitternacht.
Im Zelt ist es nicht viel wärmer, als draußen.
Laura hat belegte Brötchen mitgebracht, heissen Tee, drei dicke Decken und:
ihr sanftes Lächeln.
> Gutes Neues, Barne. <
Sie öffnen den Zeltreissverschluss einen Spalt weit, sehen rauf, zum Himmel.
Der ist beinah taghell. Überall Spritzlichter, Raketen, Sterne...Hoffnung.




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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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