Theodor Jelen

Der Gesang, der von den Sternen kam

Ich verstehe nicht, warum die Menschen nicht allesamt verrückt werden, die Krankheit, die sich um mich herum immer wieder manifestiert, ist für meinen Kopf kaum auszuhalten. Ich sehe sie überall, und wenn ich versuche, meine Gefühle zu unterdrücken, dann hält mein Körper diese Unehrlichkeit nur für extrem kurze Zeit aus. Nur für kurze Zeit kann ich so werden wie sie – wie jeder andere Mensch. Betäubt und zu abgelenkt, um zu sehen, was wirklich um uns herum passiert, was wir uns gegenseitig antun, aus purer Dummheit heraus. Diese Krankheit ist nicht vollkommen heilbar, nicht komplett auszurotten, sie ist immer präsent, wird die arme Menschheit immer begleiten. Der einzige Weg, es zu ertragen, ist scheinbar selber mit dem rammdösigen Strom der Mehrheit zu schwimmen und zuletzt jämmerlich im Unglück zu ertrinken.

Doch es geht anders, denn ich würde schon gar nicht mehr existieren, wenn es nicht anders ginge. Niemand begibt sich freiwillig in die Nähe von jemandem, der krank ist. Somit bin ich viel allein, was soll ich denn sonst machen, wo soll ich denn sonst hin? Heute, am 29. Juni 2005, gehe ich in diesem angenehmen Sommermonat von der Schule nach Hause, und wie immer spüre ich nichts als Leere in mir. Ich stehe morgens auf, steige in den Bus, der mich in eine Kleinstadt namens Bergen bringt, verbringe den Tag gezwungenermaßen in der Schule und hoffe, dass ich zuhause von den typischen Dummheiten der unfähigen Lehrer verschont werde. Ich würde ja auch morgens zur Schule laufen, jedoch komme ich nicht besonders gut aus dem Bett, somit nehme ich den Bus voller langweiliger Gestalten, die mich ab und zu mit leeren Augen anstarren, wenn ich den Fehler mache, meinen Blick zu sehr schweifen zu lassen. Ich schaue dann immer aus dem Fenster, wo die mächtigen Bäume in der Nähe schnell, und in der Ferne langsam an der Scheibe vorbeiziehen, denn auf der Insel Rügen kann man eine unvergleichlich schöne Landschaft beäugen.

Für mich ist es sogar weitaus mehr als nur ein schöner Anblick, doch keiner sieht, was ich sehe, und keiner fühlt, was ich fühle, und so kommt es, dass ich auch heute in der Abenddämmerung allein am Nonnensee entlang spaziere, da das alles ist, was mich nach so einem Tag wieder zu einem glücklichen Wesen macht. Mein Name ist Laura Frieling, ich bin oft in der von Menschen unberührten Natur, denn seitdem ich denken kann, fühle ich mich hier am wohlsten. Die schönste Zeit, draußen zu sein, ist die Abenddämmerung, denn keine andere Tageszeit lässt die Natur auf eine so fremde Art und Weise erscheinen, wie sie. Diese Art und Weise ist mir unbegreiflich, dieser mächtige Kampf zwischen hell und dunkel, zwischen Tag und Nacht. Hier möchte ich sein, im Freien, mit all den Rätseln und Wundern, die man mit den menschlichen Sinnen wahrnehmen kann, so begrenzt diese Wahrnehmung auch sein mag.

Die Natur ist, was mir am meisten Freude bereitet und die Lebenslust in mir weckt, eine unbeschreibliche Neugierde in mir weckt. Wie können sich die Menschen mit so viel Unfug und Dummheit beschäftigen, wenn um sie herum uralte Wälder aus dem noch älteren Erdboden herausragen, die im Antlitz der Sonne und des Mondes unergründliche Schönheiten und Geheimnisse beherbergen, welche sich im verschleiernden Schatten der mächtigen Baumkronen vor unaufmerksamen Blicken bis in die Ewigkeit verstecken?

Natürlich schwingt auch immer ein Gefühl von Gefahr mit, aber wie kann es auch anders sein, in solch einer okkulten Umgebung, die mehr und mehr von den abendlichen Sonnenstrahlen verlassen, und von Dunkelheit verschlungen wird.

Ich schaue auf meine Uhr. Es ist 21:04 Uhr, es ist schon spät, denn ich habe in Bergen noch was erledigt. Vor etwa einer halben Stunde habe ich eine SMS an meinen Vater gesendet. Ich werde später kommen.

Ich bin jetzt nicht mehr weit von einem kleinen Ferienhof entfernt, eine bescheidene Häusergruppe im Norden, durch die meistens der Weg führt, den ich wähle, wenn ich mich zu Fuß nach Hause aufmache. Es ist ein schöner Weg, die einsame Ausstrahlung der isolierten Häuser des Ferienhofs ist einladend und abstoßend zugleich. Es scheint ein Ort der Ruhe zu sein, gleichermaßen scheinen die wenigen Häuser den Naturgewalten der umliegenden Äcker, Hügel und Wälder jedoch völlig ausgeliefert zu sein. Einsam und allein durchstreife ich diese Gegenden, wann immer mir danach ist, wann immer sie nach mir rufen.

Die Grillen zirpen rhythmisch und bedrohlich laut in allen Richtungen, so als würden sie versuchen, mich mit ihrem Krach zu verschlingen. Den ganzen Tag habe ich im scheußlichen Gemäuer der Oberschule darauf gewartet, dieser durch nichts zu übertreffenden Atmosphäre in völliger Freiheit ausgesetzt zu sein, und nun warte ich, bis die Finsternis das letzte Licht verzehrt.

Ich spüre die sommerliche Feuchtigkeit, die nach einem warmen, sonnenreichen Tag im Juni aus dem Boden und den Gewässern kriecht und mich mehr und mehr mit dem Zirpen der Grillen umgibt. Ein dicker Nebel zieht über das Land, er erhebt sich über den Nonnensee und schlängelt sich durch das dichte Schilf. Die Windstöße werden durch die Nässe etwas kälter und ich rücke meine Jacke zurecht, die sich durch den Marsch mit dem Rucksack unangenehm verschoben hat. Das leise, kaum hörbare Säuseln des Windes und die Grillen mischen sich mit dem Gezwitscher der Vögel, das mit der Zeit und der Dunkelheit nach und nach absterben wird.

Ich habe keine Angst. Noch ist die Sonne zu sehen, doch auch, wenn die letzten Sonnenstrahlen aufhören, die Nacht fernzuhalten, habe ich keine Angst. Das hier ist, was ich am meisten liebe. In der Schule habe ich manchmal Angst, aber auch nur manchmal, hier jedoch habe ich keine. Ich bin aufgeregt. Mit jedem Schritt, den ich gehe, höre ich, wie etwas im Rucksack leise klappert.

Ich schaue nach links. Der See ist durch das Schilf und den Nebel nicht zu sehen. Etwas weiter in der Ferne sehe ich abgestorbene Bäume, die durch die zerstörerische Behandlung bestimmter Vögel kahl, knochig und stinkend in den Himmel ragen. Die Vögel schreien, als würden sie sich gegenseitig zerfleischen oder etwas mit ihrem Gejohle von ihren toten, weißlichen Bäumen fernhalten wollen, man könnte meinen, sie halten mich zum Narren und lachen mich aus. Ich höre Mücken um mich herum ihr Unwesen treiben, gleich über mir sehe ich eine schwarze Wolke von den blutsaugenden Ameisen der Lüfte, ein leise vor sich hin kreischendes Chaos, das ziellos in einem schwebenden Ball voller flitzender Punkte über mich hinwegzieht.

Ich schaue nach rechts. Ein sich immer mehr verfinsternder Schatten von Bäumen erhebt sich am Rande des Wegs, von dem aus die meisten Vögel zu hören sind, die die Nacht mit süßen, verlockenden, trügerischen Gesängen langsam aber sicher einläuten. Wenn ich den Weg so entlang laufe, meine ich, der Wald will mich verschlingen, es ist, als wenn sich die Bäume auf mich zubewegen, sich über mich beugen.

Ich fühle mich beobachtet und frage mich, wer oder was mich wohl gerade sieht. Dieser Wald beherbergt die gewaltigsten Schönheiten, das weiß ich ganz genau, das wusste ich schon immer.

Der sandige Pfad mündet in einen Plattenweg, wenn man ihm nach Südwesten folgt, kann man den See umrunden und man landet wieder in Bergen, wenn man ihm nach Norden folgt, dann würde man später noch ein ganzes Stück nach Osten gehen, um mein Heimatdorf zu erreichen. Ich gehe Richtung Norden, doch erweckt plötzlich etwas im Wald rechts von mir meine Aufmerksamkeit, eine Öffnung im Wald, die den Blick auf einen unauffälligen Sandweg preisgibt. Allein durch diesen Anblick steht meine Entscheidung für einen Umweg fest, mein Herz schlägt immer höher, je mehr ich in die Dunkelheit starre, die mich bald umgeben wird. Ich schaue mich noch einmal um und genieße den finsteren Anblick aus mächtigem Nebel, nassen Rasenflächen und den abscheulichen weißen Bäumen, die unbekannten Kreaturen gleichen und in ihrem ausgehungerten, fehlerhaften Erscheinen einen verrotteten Gestank von Vergänglichkeit verbreiten. Dann begehe ich den Weg, der in die Schatten der hohen Baumgiganten führt.

Das Zirpen der Grillen folgt mir weiterhin, um mich herum zwitschern die Vögel geheimnisvoll und unsichtbar, hoch oben in den Baumwipfeln, wo sie niemand sehen und erreichen kann. Der Wind pfeift leise, so als wolle er mir den Weg zeigen. Die Bäume winden sich im Angesicht der majestätischen Abendsonne in ihrem rötlichen Lichtschein, wobei sie ein einschüchterndes Knarzen von sich geben, das laut die rätselhaften Schatten durchschneidet, die die Blätter auf den sandigen Boden werfen. Nebelschwaden vom See ziehen in den Wald hinein, schwer und nass schleppen sie sich zwischen breiten Stämmen aus uralten Zeiten hindurch. Dieses Okkulte, dieses Unbekannte, dieses Unbegreifliche, was mich immer wieder in den Wald zieht, lässt mich vor Aufregung leicht zittern. Obwohl ich so etwas oft unternehme, kann ich mich als der Mensch, der ich nun mal bin, niemals völlig an dieses Gefühl von Unbehagen und Einsamkeit gewöhnen, welches einen in so einer ewigen Umgebung voller Macht und Abstraktion heimsucht. Das Adrenalin in meinem Körper ist erhöht, meine Sinne geschärft. Ich schaue mich um, meine Vorstellungskraft gaukelt mir huschende Gestalten vor, deren Schritte ich hinter mir und neben mir zu vernehmen meine. Ab und zu schaue ich nach hinten und sehe nichts außer Blätter, Wald, Bäume und Dunkelheit, wobei die Dunkelheit hier und da von Sonnenstrahlen durchbrochen wird, von Sonnenstrahlen, die den Kampf mit dem Mond schon sehr bald verlieren werden.

Ich komme auf eine große Lichtung und sehe mehrere Häuser. Ein Reiterhof, einsam und allein, mitten im Wald, nichts als ein paar Häuser und eingezäunte Flächen. Ich höre keine Tiere und auch keine Menschen, in den Häusern brennen geheimnisvolle Lichter. Innerhalb kurzer Zeit habe ich die Lichtung überquert, bevor ich jedoch wieder in den Wald gehe, schlage ich einen Weg nach Nordwesten ein, der an der Lichtung entlang führt, um so tiefer in den Wald zu gelangen. Wenn ich dem ursprünglichen Weg direkt folge, würde ich schneller auf ein Feld stoßen, am Wald entlang würde ich dann mehrere Äcker überqueren, bis mein Heimatdorf erreicht ist. Doch ich werde nicht zulassen, dass die hölzernen Riesen mich nach so kurzer Zeit schon freilassen, ich werde es mir beweisen, so wie immer, denn ich habe keine Angst, muss keine Angst haben. Hier bekomme ich die Geheimnisse und das unvorstellbare Alter der Natur zu spüren, hier bekomme ich Erleuchtung durch die Dunkelheit und Klarheit durch die Schatten, die die Orientierung für all jene vernichten würden, die sich in solch einem Umfeld nicht auskennen. Man könnte hier in Panik verfallen, doch wer so fühlt und denkt wie ich, bahnt sich einen Weg voller Wunder.

Ich schaue auf die Uhr. Es ist 21:43 Uhr. Ich habe mir Zeit gelassen und beschließe, mein Schritttempo beizubehalten. Ich gehe jetzt wieder Richtung Norden und habe den Reiterhof auf der Waldlichtung hinter mir gelassen. Die Vögel begleiten meinen Weg und die Grillen umgeben mich mit den Geräuschen, die sie mit ihren nächtlichen Tänzen im dichten Grün verursachen. Ich schrecke auf, als ein Baum direkt neben mir höllisch zu knarzen und quietschen beginnt, und spähe panisch in die Dunkelheit, sehe jedoch nichts als sich rasch bewegende Äste, die von heftigen Windstößen aus ihrem lügenhaften Schlaf gerissen werden. Es raschelt und vereinzelte Blätter finden ihren Weg auf den Waldboden und in meine Kapuze. Ich schaue hinauf und sehe die geisterhaften Baumwipfel, wie sie sich im Rhythmus des Windes winden und fein und leise das Lied von Dämmerung und Heimlichkeit vor sich hin säuseln, es ist von unbeschreiblicher Schönheit und magischer Anziehungskraft. Ich möchte eins mit dieser Schönheit werden, will dieses normale Leben voller Krankheit hinter mir lassen.

Ich bin allein und einsam in diesem Wald voller Dinge, meine Sinne aber lassen nicht zu, dass ich sie alle in ihrem vollen Ausmaß wahrnehmen kann. Ich werde gesehen, gehört, gerochen und gespürt, dessen bin ich mir sicher.

Der Weg mündet in einen weiteren Pfad, der nach Osten oder Westen eingeschlagen werden kann. In östlicher Richtung ist das Ackerland nicht mehr weit. Ich würde so auf den Weg kommen, den ich ursprünglich verlassen hatte, um nicht zu schnell eine Feldfläche zu erreichen, somit gehe ich nach Westen, noch weiter in den Wald hinein. Ich habe gerade einen Pfad erreicht, der weiter nach Norden führt, bleibe jedoch stehen, weil etwas meine Aufmerksamkeit erregt. Ich denke erst, es ist der Wind oder der Wald, der in gewohnter abendlicher Manier stimmungsvoll musiziert, aber irgendetwas anderes muss es sein. Was, wenn mein Kopf sich nur verschätzt, meine unerwartete Angst nur die Antwort auf eine Einbildung ist? Wenn ich hier bin, bin ich doch Teil des Waldes, ich muss mich doch nicht fürchten? Wovor fürchte ich mich dann? Ich gehe weiter und bemerke, dass keine Vögel mehr zwitschern, keine Grillen mehr zirpen. Ich schaue mich um und lausche dabei ganz aufmerksam der Umgebung, da ist der Wind, der gewaltsam durch die raschelnden Bäume fährt und ein abscheuliches Pfeifen ertönen lässt. Mein Herz klopft schneller, denn ich höre etwas Sonderliches, etwas ist anders als sonst. Ich bleibe stehen und kann meinen Ohren nicht glauben. Es muss Gesang sein.

Ein Windstoß lässt mich für einen Moment mehr als sonst erzittern und schreckt viele Äste auf, die mit einem lautstarken Knarren wehmütig antworten. Es fällt mir schwer, genau hinzuhören, denn jetzt, wo die Tiere schweigen, scheint der Wind und die Bäume mit ihren sich biegenden Stämmen alles zu übertönen. In mir zieht sich alles zusammen, als sich meine Vermutung bestätigt. Es ist weiblicher Gesang. Es kommt vom Nonnensee, es ist wie ein Chor, es müssen mehrere Frauen sein, die sich dort versammelt haben, um gemeinsam zu singen, doch macht es für mich keinen Sinn. Noch nie in dieser Gegend habe ich mit meinen Ohren so etwas vernommen. So etwas... Wunderschönes und gleichzeitig so Schauerliches.

Der Gesang ist inspirierend und düster und passt perfekt hierher, so unerwartet er auch sein mag. Es ist, als wenn er für den See und den umliegenden Wald gemacht ist. Ich bleibe noch etwas stehen, um dem süßen, fantastischen Wohlklang weiter Gehör zu schenken. Der Drang, dem Gesang zu folgen, und wieder zurück zu gehen, ist kaum zu bändigen, auch wenn eine Angst mitschwingt, die mir zeigt, dass das hier fernab von allem ist, was ich in diesen Wäldern bisher erlebt habe. Das muss eines der Geheimnisse sein, die dieser Wald vor mir versteckt hat, all die Zeit, die ich schon hier bin, in all den Momenten, die ich hier bereits verbracht habe.

Die Melodie ist unglaublich schön und mystisch, und ich möchte wissen, wo genau sie herkommt, um ihr aus nächster Nähe zu lauschen. Kaum habe ich diesen Gedanken gedacht, ändert sich etwas an der musikalischen Schönheit auf unerklärliche und schockierende Weise.

Ungläubig starre ich in die Finsternis, in die Richtung, aus der ich gekommen bin, in die Richtung, aus der der Gesang kommt. Er hat nicht an Glanz und Herrlichkeit verloren, doch ist er zu mir gekommen oder möchte zu mir kommen. Die Töne sind engelsgleich, eine himmlische Melodie, wobei ich mehr und mehr davon überzeugt bin, dass sie nicht von dieser Welt stammen kann, doch wie kann diese klangliche Pracht dann noch erklärt werden? Es müssen Frauen sein, die den Wald als einen würdigen Ort für ihre Gesänge auserkoren haben. Die teuflisch schönen Klänge hallen nun aus der Richtung der winzigen Häusergruppe auf der Lichtung, es scheint, als wären sie ganz plötzlich auf unfassbare Weise aus der Ferne in meine Nähe vorgedrungen.

Noch immer spüre ich den dicken, triefenden Nebel, der sich an meiner Kleidung festsetzt, als möchte er mir etwas mitteilen, mich warnen. Die Bäume haben aufgehört, zu knarzen, ich kann den Wind nicht mehr hören, die Bäume stehen still, die Blätter haben aufgehört, zu rascheln und sich zu bewegen.

Ich kann keinen Wind mehr spüren, der mir die langen Haare um den Kopf weht, zerzaust von den abgestorbenen Böen der Felder fallen mir wilde Strähnen ins Gesicht. Mir wird unerträglich warm. Ich meine zwar immer noch die Kälte des Bodens und des Nebels zu spüren, allerdings vermischt sich diese nun mit einer merkwürdigen Wärme, die einfach nicht real sein kann. Mir wird kalt und warm im Wechsel. Ich schaue auf meine Hände, und spüre, wie sie feucht werden, lähmende Angst schleicht sich nun langsam in meinen Körper. Meine Gedanken sind fantastisch und unsinnig, während sie in schierer Verzweiflung versuchen, die Wirklichkeit zu erfassen.

Noch immer bin ich dem Gesang zugewandt, und muss feststellen, dass nun auch links von mir ein ähnlicher engelsgleicher Chor zu vernehmen ist. Rechts von mir höre ich weitere diabolische Melodien in der Ferne. Es kommt näher. Obwohl eine unerklärliche Wärme mit dem feuchten Nebel durch den Wald zieht, zitter ich am ganzen Körper, und spüre schmerzhafte Angst, die mich langsam und absolut bis in die Kontrolllosigkeit verzehrt. Meine Beine wollen mich nicht mehr tragen. Mein Kopf kann nicht verstehen, was passiert, denn das hier kann nicht passieren.

Die Chorgesänge kommen mit unnatürlich hoher Geschwindigkeit näher, ich kann sie hinter mir hören, sie sind überall, sie sind alles, was ich in diesem Wald jetzt noch vernehmen kann. Was ich jetzt noch spüre, ist nackte Panik.

Ich fange an zu rennen. Meine Beine lassen nicht zu, dass ich mich schnell bewege, das Zittern, das meinen Körper durchfährt, hindert mich daran. Es sind satanische Gesänge aus unbekannten Tiefen und Leeren, die nicht von Menschen ausgehen können, denn sie erklangen erst in der Ferne und sind jetzt bei mir und überall um mich herum, hinter mir, vor mir, neben mir. Ich schaue mich panisch und krankhaft um und suche visuelle Anhaltspunkte, doch kann keine Lichter oder Frauen sehen, keine Indizien dafür, dass Menschen um mich herum sind, es ist nichts um mich herum. Nur die absolute, dunkle Leere, ein Äther des Grauens, ein Vakuum des Übernatürlichen.

Ich starre in die Dunkelheit und die Dunkelheit starrt zurück, mit einer so grässlichen Fratze, dass man in den Wahnsinn getrieben wird. Doch weiß ich nicht, was ich tun soll, was ich denken soll. Was geschieht mit mir?

Meine Atmung ist unkontrolliert, ich weine und sehe nichts als die Finsternis. Gleich hinter mir sind die entsetzlichen Gesänge am lautesten, ich versuche, vor ihnen zu fliehen, aber meine Beine lassen mich einfach nicht schneller rennen. Es ist wie in einem bösen Traum, der einem klarmacht, wie machtlos und klein der Mensch doch sein kann – der einem die Fähigkeit nimmt, vor dem Bösen die Flucht zu ergreifen und zu siegen, vor dem Bösen, das einen gnadenlos bis ans Ende der Angst verfolgt. Mir gehen so viele impulsive Gedanken durch den Kopf, dass ich sie nicht ordnen kann, nicht sagen kann, was sie von mir wollen. Angsterfüllt stoße ich einen verstörten Schrei aus und renne weiterhin blind in die Finsternis des tiefen, scheinbar endlosen Waldes. Wohin versuche ich, zu gelangen? Alles in mir weiß, dass ich bereits verloren bin. Ich bin auf dem Spielfeld des Waldes, er ist mächtig und unerklärlich, und er spielt mit mir und macht sich auf die grauenhafteste Art und Weise über die Menschheit lustig, denn wir können seine mächtigsten Geheimnisse nicht ergründen, ohne den Verstand zu verlieren, Geheimnisse, so alt, ewig und fern, dass sie jedes bekannte Lebewesen übertreffen. Werde ich aus diesem Traum jemals erwachen?

Ich kann mein eigenes pathologisches Schluchzen und Wimmern hören, nur ganz leise, denn alles wird von Dunkelheit geschluckt und von brennenden, luziferischen Tönen niedergerungen. Ich weiß nicht, wie lange ich so über die finsteren Pfade stolpere, jegliches Empfinden für Zeit und Raum ist tot.

Die Lobgesänge, die die heiligen Bäume unter dem Firmament der Sterne zu preisen scheinen und mich foltern und quälen, versickern langsam in der Weite. Sie verschwinden in die unergründlichen Tiefen der Wälder, aus denen sie gekommen sind, und für einen naiven Moment gaukelt mir mein überfordertes Menschenhirn vor, in Sicherheit zu sein, da die Dämonen von mir abzulassen scheinen. Es wird immer wärmer. Seit einer gefühlten Ewigkeit läuft mir der eiskalte Schweiß meinen ganzen Körper hinunter, doch die Wärme, die bisher mit hohen Geschwindigkeiten von Kältestößen durchbrochen wurde, scheint mich nun vollends einhüllen zu wollen. Noch immer zelebrieren die durchdringenden Lobgesänge die Nacht, irgendwo in der Ferne hinter mir. Ich renne einfach weiter und schaue nicht zurück.

Plötzlich trifft eine wuchtige Hitzewelle meinen Rücken und reißt mich mit unwirklicher Kraft von den Füßen. Sie ist von massiger Gewalt und lässt sämtliche Bäume um mich herum widerspenstig ächzen. Ich werde von unvorstellbarer Schwäche heimgesucht und werde gewaltsam zu Boden geworfen. Wie gelähmt und mit vehementer Taubheit und Gefühllosigkeit in meinen Muskeln hält der Waldboden mich gefangen, doch rappel ich mich mit all meiner noch verbleibenden Kraft auf. Meine Augen tränen und ich kann den schweren, mächtigen Nebel in meinem stark eingeschränkten Sichtfeld erahnen. Was liegt in der Ferne? Wie kann es nur so dunkel sein? Mein Gesicht schmerzt von der Hitzewelle, deren glühende, vor Nässe triefende Wärme nun langsam wieder eins mit dem Nebel wird. Sind die Gesänge in der Ferne verstummt?

Ich renne weiter und höre hinter mir anstelle der Melodien etwas, das meine Vorstellungskraft und meine dunkelsten Träume so weit übersteigt, dass nichts auf dieser Erde soviel Schmerz, Last und Folter enthüllen kann, wie dieser Schrei. Es ist ein Schrei so kosmisch, furchtbar und dunkel, dass meine Ohren schmerzen und ich sie mir zuhalten möchte, falls er erneut die Nacht zerreißen sollte. Meine Augen erahnen, dass mich der Wald nun allein lässt und mich dem unendlichen Nebel der weiten Felder preisgibt. Erneut bricht der scheppernde Schrei aus der Ferne durch die alles umschließende Schwärze, ich stoße erstickte Laute aus und weiß durch den schweren Schimmer meiner Tränen nicht, wohin ich laufe.

Der Untergrund versucht mir mitzuteilen, dass ich mich nun auf Ackerboden befinde, eine Eiseskälte geht von ihm aus und versteift meine Knochen. Wieder durchtrennt der übernatürliche Schrei mein lautes Schluchzen, er erklingt irgendwo hinter mir und ist unerträglich brünstig. Irgendetwas Großes lässt Äste zerbersten, ich spüre schnelle, tiefe Aufschläge von mächtigen Beinen, die sich mir mit rapider Geschwindigkeit von hinten nähern. Pures Adrenalin durchfließt meinen Körper und ich drehe mich entsetzt um, ohne Zeit für einen klaren Gedanken zu haben. Meine krankhaften, verheulten Laute begleiten das Schauspiel.

Eine Masse von schwarzem Fleisch breitet hinter mir im dichten Nebel ihre gigantischen Schwingen aus und bevor ich in die tiefen, weißlich glühenden Augen blicken kann, durchfährt ein stechender Schmerz meinen Oberkörper. Ich wehre mich mit aller Kraft gegen die knochigen Pranken, die sich in meine Brust und meinen Rücken bohren und mir meine Arme ausrenken und sämtliche Knochen mit schierer Gewalt brechen. Heiße Flüssigkeit läuft an meinem Leib herab.

Das Letzte, was ich sehe, sind gewaltige Schwingen, so schwarz wie Schatten.

Das Letzte, was ich höre, ist unvorstellbares Gebrüll, das in uralter Sprache ferner Welten zum unendlichen Himmelsgewölbe zu sprechen scheint, und das Schlagen von Flügeln, die die Luft mit undenkbarer Kraft zerdrücken.

Das Letzte, was ich spüre, ist die Kälte der nächtlichen Leere, die mich betäubt, mir die Schmerzen nimmt, mir das Leben nimmt, hoch oben, im Angesicht der schimmernden Sterne.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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