Angela Redeker

Ein Wochenende in Rom

Persönlicher Reisebericht
Rom
06.September 2002 bis 08.September 2002

Früh morgens, der Tag ist noch nicht richtig wach, verabschieden wir uns von einer noch ziemlich müden Carrie und machen uns auf den Weg. Obwohl ich gerade diese Jahreszeit sehr mag, wenn sich der Sommer allmählich verabschiedet und der Herbst mit Bodennebel, die in der Frühe über die Felder kriechen, Einzug hält, habe ich für die weißen Schleier, die sich wabbernd dem Licht entgegen heben, kaum einen Blick. Heute ist nur Sonne in meinem Kopf, ein letztes Mal der Geruch von Sonnencreme auf meiner nackten Haut, denn heute geht es nach Rom. Ein Traum vergessener Mädchenjahre, seit ich mit Audrey Hepburn in „Ein Herz und eine Krone“, mitgelitten habe, geht in Erfüllung.
Voller Ungeduld und Kribbeln im Bauch besteigen wir nach kurzem Zwischenstopp in Mailand, wo mein Mann wie ein Schuljung heimlich auf der Toilette geraucht hat (auf Flughäfen herrscht absolutes Rauchverbot) und wir uns unseren ersten italienischen Cappuccino schmecken ließen, den Flieger in die Hauptstadt meines Herzens.
Gott sein Dank habe ich einen Fensterplatz, bei klarer Sicht tauche ich ein in ein Märchen-Wolken-Land, fühle mich dem Himmel so nah. Fliege vorbei an Eisfeen, die über einem weißen Meer schweben, entdecke Krieger, die sich mutig einem Drachen entgegen stellen, beobachte stolze Löwen, die vor einem imaginären Schloss Wache halten, mir scheint fast als könnte ich das Dach der Welt berühren, bis mich ein wirklich gut aussehender Steward mit der Frage, was ich trinken möchte in die Wirklichkeit zurückholt und ich bemerke, wie mich mein Mann verstohlen angrinst.
Dann endlich landen wir, Rom empfängt uns mit Wärme und strahlend blauem Himmel. Der Flughafen liegt etwas außerhalb der Stadt und wir machen uns auf zu unserem ersten Abenteuer Bahnfahrt. Nach einigen Verständigungsschwierigkeiten , weder mein Mann noch ich sind der italienischen Sprache mächtig und auch unser Englisch weist große Lücken auf, sind wir stolze Besitzer zweier Bahnkarten. Schweigend lassen wir die ersten Häuser Roms an uns vorbei ziehen, bis ich lächeln muss “Schau, es ist genau wie in den Filmen immer dargestellt“, wir fahren vorbei an Häuserfronten, die mit bunter Wäsche, die auf kreuz und quer gespannten Leinen hängt, geschmückt sind. Fasziniert von diesem Anblick „Leben“, entdecken wir immer wieder neue liebenswürdige Kleinigkeiten, staunen über die vielen Antennen auf den Dächern, betrachten verträumt die Fensterläden, teils geschlossen, teils offen hinter denen sich ein Stück Italien verbirgt.

Im Hotel angekommen, lasse ich erst einmal das wunderbar, Befremdliche auf mich wirken, lächle über die entschuldigende Geste des Hoteliers, als ich auf den Hinterhof mit Wäsche schaue und denke, genau das ist es was ich wollte. Schnell ziehen wir uns um und dann hält uns nichts mehr, Hand in Hand treten wir hinaus auf die Straße und genießen eine Stadt so voller unterschiedlicher Facetten des Lebens ,und so viel Liebe, dass einem das Herz aufgeht. Da sind die vielen wunderbaren, alten Kirchen, die ich nicht betreten darf, weil ich kurze Hosen tragen (morgen ziehe ich den extra mitgebrachten langen Rock an), die Nonne, die einer stillenden Bettlerin nicht nur ein paar Euro in die Hand drückt, sondern auch liebevolle Worte zuflüstert und dem Baby sanft über den Kopf streicht, der Priester, der an der Ampel steht und von einer Frau mit den Worten „He, Padre...“, mehr habe ich nicht verstanden aufgefordert wird sich ihrer Sorgen anzunehmen, was er auch tat. Geduldig hörte er der Frau zu, die aufgeregt auf ihn einsprach. Ich habe kein Wort von dem Gespräch verstanden doch in ihren Gesten und Gesichtsausdrücken konnte ich so viel Herzlichkeit erkennen, dass ich einfach stehen bleiben musste.
Nach einiger Zeit haben wir Hunger und kehren in eines der vielen kleinen Straßenrestaurants ein, trinken am frühen Nachmittag Rotwein und lassen uns die italienische Küche schmecken. Während mein Mann fasziniert den Fahrstil und die Fahrkünste der Italiener betrachtet, bzw. mit dem kleinen Sohn des Besitzers Valentino mit Kaugummis Tischfußball spielt, der Kleine kann so herrlich „Goal“, (Tor) rufen, fühle ich mich wie Prinzessin Anne und lasse alle Eindrücke auf mich wirken, sauge wie ein trockener Schwamm Rom in mich ein.

Am späten Abend auf dem Rückweg zu unserem Hotel befinden wir uns plötzlich in einem Viertel der Stadt, in dem allem Anschein nach nur Afrikaner leben. Wenn man auch am Tage in Rom viele hübsche, leicht bekleidetet Frauen sieht so scheint hier nur die männliche Bevölkerung auf den Beinen zu sein, sie stehen in Gruppen auf den Straßen rauchen, lachen und diskutieren. In meinen kurzen Hosen und ärmellosen T-Shirt fühle ich mich nicht ganz wohl, spüre ihre Blicke auf meiner Haut, habe den Eindruck als ob Frauen in diesem Viertel nicht erwünscht sind, aber mein Mann hält mich im Arm und leitet mich wohlbehalten nach Hause.

Trotz des Deckenventilator und der dicken Vorhänge an den Fenstern ist es auch nachts so warm in unserem Zimmer, dass wir zunächst nicht einschlafen können. Kichernd genehmigen wir uns noch den heimlich mitgebrachten Rotwein, besprechen was wir uns am nächsten Tag alles ansehen wollen und schlafen dann nur mit einem Bettlaken zugedeckt ein.

Am Morgen, eine kleine Enttäuschung, ein italienisches Frühstück besteht aus Keksen und einem Espresso, das ist nichts für mich, hungrig machen wir uns auf die Suche nach einem Restaurant, meine Befürchtung, dass diese so früh noch nicht geöffnet haben ist unbegründet. Wir entdecken ein Straßencafe, das an einem herrlichen Brunnen gelegen ist, lassen die Morgensonne unsere Haut streicheln und genießen große Thunfischsandwichs mit heißen Cappuccino.

Dann nimmt mein Mann die Kamera in die Hand und los geht es. Wir schlendern durch die Straßen, beim Anblick der uralten Häuser ist es nicht schwer, der Gegenwart zu entschwinden und in die Geschichte Roms zu tauchen, überall entdeckt man Zeugen der Zeit, die einem auf ihre Art und sicher für jeden anders von ihrer Vergangenheit erzählen.
Plötzlich am Ende einer kleinen Gasse stehen wir vor dem Fontana di Trevi (dem Wunschbrunnen), der Brunnen von dem es heißt, dass man, wenn man hier eine Münze wirft, eines Tages nach Rom zurückkehrt. Natürlich haben wir dies getan, uns von einer freundlichen Touristin fotografieren lassen und ich habe sehr zum Ärger meines Mannes (du trittst die Wünsche anderer mit Füßen) die Gelegenheit genutzt meine Füße zu kühlen.

Im leuchtend weißen, herrlich kühlen Marmorbau für Vittorio Emanuele II, dem ersten König nach der Einigung Italiens 1870, dem Monumento Nazionale a Vittoriro Emanuele, habe ich zur Belustigung meines Mannes die vielen nackten Männer an den Decken bestaunt und mich vor dem Reiterstandbild des Königs fotografieren lassen.

Bei einer Tour durch Rom darf der Besuch des Colosseum nicht fehlen. Langsam und in Träumen versunken schreite ich über den großen Platz. Während mein Mann neben mir über die lange Schlange an der Kasse stöhnt, bin ich dieser Zeit um Jahrhunderte entrückt, stelle mir vor wie sich die kaiserlichen Prinzessinnen zum Besuch einer der zahlreichen Kämpfe auf ihrem Weg in ihre Loge befinden, höre beinahe die Schreie und Jubelrufe als gelten sie mir. Auf einmal zeigt ein kleines Mädchen in meine Richtung und ruft „Mama, Prinzessin“, erstaunt bleibe ich stehen, bis ich bemerke, dass sich hinter mir ein Brautpaar befindet, das sich diesen wundervollen Ort als Hintergrund für ihre Hochzeitsfotos ausgesucht hat, schnell und etwas beschämt mache ich Platz, lächle der strahlenden Braut zu und wünsche ihnen in Gedanken Glück.

Der Mund der Wahrheit(Bocca della Veritá), eine Legende sagt: Wenn jemand nicht die Wahrheit spricht und seine Hand in diese Öffnung steckt so wird sie ihm abgebissen. Wer glaubt schon an Legenden...aber zugegeben es war ein eigenartiges Gefühl meine Hand in diese dunkle Höhle zu stecken und dabei auch noch von so vielen fremden Menschen beobachtet zu werden, ich dachte noch einmal schnell nach ob nicht doch irgendwo in meinem Leben eine vergessene Lüge war, aber natürlich blieb meine Hand dran, mein Mann grinste mich an und stellte sich dann etwas cooler dieser Herausforderung. Dann entdecken wir einen Seiteneingang einer kleinen Kapelle, da ich diesmal bedeckte Beine und Schultern habe treten wir ein. Angenehme Kühle nimmt uns auf, nachdem unsere Augen sich an das gedämpfte Licht gewöhnt haben, staunten wir über die Schönheit der kleinen Kapelle, treten an den Altar zünden eine Kerze an und beten für die, die nicht mehr bei uns sind. Ein leiser monotoner Gesang lässt mich tiefer in die Kapelle gehen, in einer Seitennische befindet sich eine Gruppe von Menschen, für die eine Messe gehalten wird, einen Moment nehme ich diesen Anblick in meinem Herzen auf, da ich aber nicht stören will ziehe ich mich leise zurück.
Als wir wieder auf die Straße treten meint mein Mann, nun haben wir so viele kleine Kirchen gesehen jetzt ist es an der Zeit für die Kirche, den Vatikan. Meine Füße schmerzen und so nehmen wir ein Taxi, eine rasante Fahrt, die wir wohl nie vergessen werden. Am Vatikan angekommen bestaunen wir wieder einmal die Größe, schlendern über den Platz, kühlen unserer Hände in einem der Brunnen bevor wir uns aufmachen die Kirche zu besichtigen. Es ist schon ein eigenartiges Gefühl wenn man die Sicherheitskontrollen, die strenger als auf den Flughäfen sind passiert, Security Männer mit Metalldetektoren tasten einem ab, Flaschen (ich hatte eine Seltersflasche dabei) sind in Taschen zu verstauen und immer wieder die Überprüfung der Kleidung, selbst Männer in Shorts haben keine Chance, dass ihnen Einlass gewährt wird, aber unser Kleidung ist OK. Es wird einem die Möglichkeit geboten auch die Kuppel, der Kirche zu besichtigen, sowie aufs Dach zusteigen, man fährt gegen ein kleines Entgeld mit einem Fahrstuhl nach oben und muss dann nach 320 kleine Stufen (ich habe sie gezählt) hochsteigen. Eine anstrengende Angelegenheit, aber oben angekommen wird man mit einem atemberaubenden Blick auf Rom belohnt, so schön, dass einem die Fähigkeit fehlt es zu beschreiben. Schweigend genießen wir diesen Moment, fühlen uns von dem leichten Wind, der dort oben herrscht umarmt, schauen den dunklen Wolken, die sich zusammen schieben zu. Im Inneren der Kirche sind wir überwältigt von den Bildern, den Schätzen, lesen auf einer großen Tafel die Namen der Päpste, verlieren uns in immer mehr Kleinigkeiten, so dass uns das eigentlich vertraute Geräusch erst gar nicht bewusst wird, es regnet. Wie ein Vorhang hat sich der Regen vor die Sonne, die im Hintergrund immer noch zu erkennen ist geschoben und lässt einen wundervollen Regenbogen entstehen, ein eindruckvolles Schauspiel von Farben, dem sich mein Mann nicht entziehen kann, aber ich bin so kaputt vom vielen Herumlaufen, dass ich mich in der Vorhalle auf den Boden setze, die angenehme Kühle der Steine auf meinen heißen Füssen genieße und einfach nur die Bilder an den Decken betrachte. So plötzlich wie der Regen kam hört er auf und wir schlendern über eine dampfende Engelsbrücke über den Tiber zurück zu unserem Hotel.

Unsere Köpfe sind so satt von all den Sehenswürdigkeiten, obwohl wir nicht alles gesehen haben, doch unsere Mägen sind so leer, dass wir nicht lange nach einem Restaurant suchen wollen und noch mal bei Valentino vorbei schauen, uns das italienische Essen so wie den Rotwein schmecken lassen und das nächtliche Leben bei, bis weit nach Mitternacht, angenehmen Temperaturen genießen.

Dieses wundervolle Wochenende ging so schnell vorbei, dass wir beinah unseren Flieger nach Mailand verpassen. Genau wie im Film laufen wir mit Koffer und den Tickets in der Hand die Gangway entlang um dann grinsend von den Stewardessen in Empfang genommen zu werden und atemlos in der Maschine Platz zu nehmen, eine Erfahrung auf die ich gerne verzichtet hätte, aber trotzdem kann ich nur, genau wie Audrey Hepburn als Prinzessin Anne sagen, Rom, war unbeschreiblich schön.







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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.09.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Schmetterlinge im Bauch und Kopf von Hartmut Pollack



"Schmetterlinge im Kopf und Bauch" ist mein holpriger lyrischer Erstversuch. Mit Sicherheit merkt man, dass es keine Lektorin gab, wie übrigens auch bei den anderen beiden Büchern nicht. Ungeordnet sind viele Gedichte, Gedankenansätze, Kurzgeschichten chaotisch vermengt veröffentlicht worden. Ich würde heute selbstkritisch sagen, ein Poet im Aufbruch. Im Selbstverlag gedruckt lagern noch einige Exemplare bei mir. Oft schau in ein wenig schmunzelnd in dieses Buch. Welche Lust am Schreiben von spontanen Gedanken ist zu spüren. Ich würde sagen, ein Chaot lässt grüßen.

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