Helmut Wurm

Sokrates und "Ich bin Demokratie leid"

Irgendwo in Europa ist wieder einmal eine der vielen, auf die Nerven gehenden Wahlen und Wahlprogramme. Vor einem Cafe stehen viele Wahlplakate im Halbkreis angeordnet. Auf den Wahlplakaten sind teilweise Fotos von Politikern und teilweise politische Programme zu sehen. Die Einzelpersonen sind beeindruckende, imponierende, starke Politiker, die dafür werben, ihnen endlich die Macht zu geben, das politische Durcheinander aufzuräumen und die soziale Unordnung und Ungerechtigkeit zu beseitigen. Die Wahlplakate mit den Texten verweisen auf Ziele, die einzelne Parteien alleine oder in Koalition mit anderen erreichen wollen.

In dem Cafe sitzen Menschen und diskutieren, teilweise heftig. Unter ihnen sitzt auch Sokrates und hört nachdenklich zu. Es ist beunruhigend, was er da hört. Es fällt auf, dass eine zunehmende Sehnsucht nach starken politischen Persönlichkeiten besteht, dass die Menschen das ermüdende politische Prozedere und die Parteien-Streitereien innerhalb demokratisch-republikanischer Prozesse leid haben.

Ein Anwesender: Ich habe Demokratie, dieses politische Hin und Her, das Gezänke und die Ziele-Vielfalt leid. Es dauert ja Monate, bis alle Politiker sich und ihre Meinung öffentlich produziert haben, bis man ein Ergebnis erreicht hat… Eine starke Person, egal ob Mann oder Frau, muss her… Alles muss einfacher werden… Ich will keine Demokratie mehr, ich bin sie leid!

Ein anderer Cafe-Besucher: Und alles, was dann als politische Ergebnisse beschlossen wird, sind doch nur Kompromisse, faule Kompromisse, über die keiner wirklich zufrieden ist. Die Zeit der Halbherzigkeiten muss endlich aufhören… Ich will keine Demokratie mehr, ich bin sie leid!

Ein weiterer Besucher: Und Demokratie ist doch in Wirklichkeit keine Regierung des Volkes, sondern eine Bühne, auf der sich all die vielen kleinen und großen Wichtigtuer, Geltungssüchtige, Egomanen produzieren können. Das fängt in den Ortsverbänden bei den dortigen Gruppierungen und den Stadträten an und geht dann hinauf bis auf die staatliche Ebene. Die vielen Politiker wollen doch nur ihren Geltungsdrang befriedigen, Recht haben, andere niederringen, sich produzieren…

Ein bekannter früherer Psychologie-Professor der Uni Heidelberg hat einmal gesagt, dass Politiker und Schauspieler ähnliche innere Konstitutionstypen hätten, sie wollten sich nur auf den Bühnen darstellen… Ich habe das leid. Ich will keine Demokratie mehr!

Sokrates: Jetzt möchte ich mich doch besorgt in die Diskussion einschalten. Demokratie hat viele Schwächen, das stimmt. Aber sie bewahrt doch vor der Gewalt der Diktatoren. Das ist immer noch besser als der Zerfall der politischen Kräfte in lauter kleine Grüppchen…

Ein entschiedener vierter Cafe-Besucher: Das mag stimmen, aber immer war das auch nicht so. Es stimmt, dass nach Krisenzeiten, Kriegen demokratische politische Strukturen es erleichtern, einen neuen Anfang zu machen, denn jeder kann seine Ideen und Kräfte voll einbringen… Aber dann degeneriert Demokratie allmählich zu einer Bühne für Meinungs-Verbissene und Sich-Darstellungs-Süchtige. Das ist bei uns mittlerweile nun so geworden. Ich will deshalb keine Demokratie mehr, ich bin sie leid!

Sokrates: Aber was ist denn Euere Alternative, Euer Wunsch, Euere Hoffnung? Ein neuer Diktator?

Andere Besucher (abwechselnd): Einen neuen Diktator nicht unbedingt, aber eine neue Autorität… Ein starker Mann muss nicht unbedingt ein Diktator sein… Ein Diktator kann auch gut und nützlich sein… Die Abschaffung all der vielen Parteien und ein einfacheres politisches System… Mehr Ruhe, keine Wahlkämpfe und Wahlen, kein politisches Gezänke und keine faulen Kompromisse… Wir Wähler sind doch nur Publikum, dumme Masse zur Beeinflussung für Politiker... Die Politiker halten sich sogar Psychologie-Professoren, die ihnen Ratschläge geben, was sie als Wahlprogramme aufstellen und wie sie diese Themen formulieren sollen… Ich habe es satt, ein beeinflussbares Kaninchen zu sein… Ich bin Demokratie leid

Sokrates: Ihr sucht also wieder Autoritäten… Aber irgendwann sind solche Autoritäten dann doch meistens Diktatoren geworden, das zeigt die Geschichte…

Der entschiedene Besucher: Das kann sein, aber jetzt habe ich Demokratie leid, das ganze Gezänke, Diskutieren, den Zerfall in lauter politische Grüppchen… Ich denke jetzt nicht an das, was später kommen könnte, ich habe die politische Gegenwart leid. Und das ist überall um uns herum auch so zu beobachten… Die Zeit der Demokratie geht dem Ende zu. Die Politiker haben in ihren demokratischen Euphorien zu viele Fehler gemacht, haben die historischen Chancen nach dem 2. Weltkrieg und nach dem Zerfall des Kommunismus gegen die Wand gefahren… Genau wie die so hoch gelobte Marktwirtschaft!

Sokrates: Dann geht Europa wieder schweren Zeiten entgegen. Ich mache mir Sorgen…

(Aufgeschrieben zum Jahresbeginn 2020 vom discipulus Sokratis, der sich auch Sorgen macht…)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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