Helmut Wurm

Sokrates und "Ich bin die Marktwirtschaft leid"

Ein ziemlich extremer Politiker hat eine öffentliche Rede angekündigt und viele Zuhörer sind gekommen. Meistens sind es mit ihrer Lebenssituation unzufriedene Personen, aber manche machen auch einen deutlich intellektuellen Eindruck. Welcher politischen Richtung oder Partei der Redner angehört, ist nicht ganz klar und ist auch nicht so wichtig. Jedenfalls möchte er die Marktwirtschaft einschränken oder ganz abschaffen. Er gibt dafür Gründe aus der Gegenwart und auch aus der Geschichte an.

Der Kerninhalt seiner provozierenden Rede ist: Die Marktwirtschaft ist ungerecht, sie spaltet eine Gesellschaft in Arme und Reiche, sie nimmt keine oder nicht genug Rücksicht auf die Schwachen und Kranken, auf die weniger Arbeitsfähigen und Belastbaren und sie lässt alle sozialen Werte verkümmern. Es gehe nur noch ums Geld, ums Verdienen. Dafür würden auch die Umwelt und die globalen Ressourcen geopfert… Der vortragende Politiker will deswegen keine Marktwirtschaft mehr!

Sokrates sitzt unter den Gekommenen, beobachtet und hört zu und macht sich seine ernsten Gedanken.

In der anschließenden Diskussion werden von den meisten die Grundthesen des Redners durch Einzelbeispiele vertieft:

- Die Reichen zahlten prozentual die wenigsten Steuern. Das Hauptsteueraufkommen, mit dem der Staat wirtschaften kann, erbrächten die mittleren Sozialschichten… Diese Steuer- Ungerechtigkeit habe man leid!

- Die Reichen legten ihre Gewinne nicht in sozial nützlichen Anlagen und Zwecken an, sondern in Häusern, Autos, privatem Wohlstand und Luxus. Davon könnten sie nicht genug haben… Diese Besitz-Ungleichheit sei man leid!

- Die Reichen zerstörten die Umwelt mit ihren Projekten zur Gewinnsteigerung und hätten dabei keine Skrupel… Diese Rücksichtslosigkeit sei man leid!

- Die schönsten Wohngebiete und Urlaubsgebiete hätten sich die Reichen reserviert. Die Masse der Bevölkerung müsste sich mit weniger attraktiven Wohngebieten und einfacheren Wohnungen und Urlaubsregionen zufrieden geben… Man sei diese ungleiche Aufteilung der Schönheiten der Welt leid!

- Die Marktwirtschaft habe auch die Medizin verdorben und gespalten. Die besten Kliniken und Ärzte seien auch die teuersten. Nur die Reichen könnten sich modernste medizinische Betreuung leisten. Die Ärmeren würden nur pflichtgemäß behandelt und müssten früher sterben. Und weil das hemmungslose Gewinnstreben auch viele Ärzte erfasst hätte, hätte das dazu geführt, dass es in den ländlichen, ärmeren Regionen immer weniger Ärzte gäbe… Man sei diese Ungleichheit in der medizinischen Versorgung leid!

- Die… 

Das alles ist für Sokrates zu einseitig und deshalb meldet er sich auch zu Wort.

Sokrates: Es gibt nicht nur die Marktwirtschaft, die bekanntlich viele Fehler hat, es gibt ja auch die Soziale Marktwirtschaft. Von der werde hier nicht geredet.  

Der Redner: Die Soziale Marktwirtschaft war anfangs eine gute Idee. Damals, nach dem Krieg, gab es noch nicht diesen Reichtum auf der einen Seite und diese Einfachheit auf der anderen. Aber mittlerweile ist diese geplante Soziale Marktwirtschaft völlig korrumpiert worden durch das allgemeine Streben nach immer mehr Geld, Besitz und Wohlstand in allen Sozialschichten. Aber wer viel Geld hat, der kann schneller mehr Geld dazu verdienen, schneller seinen Besitz vermehren als der ärmere Bürger. Diese Ungleichheit der Chancen ist eine der Ungerechtigkeiten der Marktwirtschaft und hat die guten Ansätze der Sozialen Marktwirtschaft verdorben… Deshalb bin ich das Gerede um die Soziale Marktwirtschaft leid!

Sokrates: Aber die freie Initiative der Menschen innerhalb der Marktwirtschaft hat doch den Fortschritt in Technik, Wissenschaft und Wirtschaft sehr gefördert. Marktwirtschaft ist das beste Mittel gegen wirtschaftliche Stagnation.

Der Redner: Aber zu welchem Preis! Der wirtschaftliche Fortschritt gleicht einer fetten Beute, von der sich die großen Raubtiere die besten Stücke holen, während die anderen nur die mageren Reste und Knochen bekommen. Gleichmäßig ist der gestiegene Wohlstand nicht verteilt worden… Deshalb bin ich das ganze Gerede über die Fortschritte durch eine Marktwirtschaft leid! Ich möchte, dass ökonomische Fortschritte und Wohlstandszunahmen allen Sozialschichten gleichermaßen zugute kommt… Weil das in der Marktwirtschaft nicht ist, bin ich sie leid!

(Er geht unter dem Applaus der Zuhörer aus dem Saal)

Sokrates (murmelt vor sich hin): Wenn ich jetzt einmal ganz ehrlich bin, dann kann ich manche Beschwerde gegen die Marktwirtschaft und auch gegen die Soziale Marktwirtschaft verstehen. Die Marktwirtschaft hatte spätestens nach dem 2. Weltkrieg und nach dem Zusammenbruch des diktatorischen Kommunismus eine echte Chance in der Welt. Aber sie ist immer mehr zum freien, ungezügelten globalen Kapitalismus geworden. Der Drang nach  immer mehr Gewinnen hat sich immer mehr verselbstständigt, so wie im 19. Jh. Und die Soziale Marktwirtschaft wurde immer mehr nur noch eine schön klingende Phrase… Ich fürchte, dass eine Demokratie die Schwächen der Marktwirtschaft, besonders der globalen Marktwirtschaft, nicht  mehr beseitigen kann. Dazu bedarf es einer konsequenteren neuen Staatsform… Im Sozialismus war nicht alles falsch… Da gab es in jedem Ort einen Arzt und die wichtigsten Handwerker und Dienstleistungen… Da waren die Unterschiede im Besitz erträglich… Ob es einen Mittelweg, eine Synthese geben kann zwischen Marktwirtschaft und Planwirtschaft? Versucht das gerade China?... Ich kann auch manchen verstehen, der die moderne globale Marktwirtschaft leid ist.

(Er geht nachdenklich ebenfalls aus dem Saal)

 

(Aufgeschrieben vom discipulus Sokratis im Januar 2020, der ebenfalls die einseitige Rede des Politiker hörte)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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