Francois Loeb

Nachsätze

Er habe sich gute Nachsätze vorgenommen, bemerkte mein Jugendfreund, den ich nach 60 Jahren ganz per Zufall wieder traf. Und das kam so: Wir hatten als Jugendliche, nein, wir waren nur grosse Kinder, uns stets am Dorfbrunnen des Heimatortes getroffen. Und nun im hohen Alter war ich von Jugendsehnsucht getrieben dorthin gefahren. Nein gepilgert, denn kein handfester Grund rief mich dahin. Weder hatte ich noch Verwandte oder bewusste Bekannte in diesem Dorf, aber eine innere Stimme rief mich zu meiner Kindheit. War es die Sehnsucht nach meiner ersten Liebe, der ich in den Jugendjahren mehr platonisch als körperlich huldigte, oder sonst ein mir nicht bewusst bekannter Freud’scher Grund, der mich wie ein starker Magnet dorthin zog? Ich buchte im einzigen bescheidenen Gasthof des Orts ein Zimmer, Zimmerchen wäre der bessere Ausdruck als ich sah was ich mir über das Internet eingebrockt, nein, eingebröckelt hatte. Ein Bett mit Knopfbewehrter Matratze, auf echten bei jeder Bewegung quietschenden Bettfedern ruhend, ein riesiges Federbett, das mich nachts schwitzen und dieses abwerfen liess, so dass ich fror, ein Nachttischchen aus Buchenholz, ganz ohne Schubfach, dafür mit einem gehäkelten Deckelchen bekleidet. Ein Waschtisch mit einer Porzellanschüssel und einem bis zum obersten Rand gefüllten Wasserkrug und dann natürlich der obligate altmodische Nachttopf mit dem Metalldeckel der allfällige üble Gerüche für sich behalten sollte. Als ich zum Abendmahl in die Gaststube schritt, in der sich als ich eintrat über 20 Köpfe in meine Richtung drehten, waberte Bratenduft durch die Stube. Im Preis des Zimmers war das Essen inkludiert und so wurde mir gleich, als ich am kleinen Ecktischchen das verschämt wie ein Mauerblümchen wohl bereits lange Gastlos verblieben, ein Topf mit wohl duftender Suppe hingestellt, auf der sieben Fettaugen mich mit Vehemenz anblickten, mein schlechtes Gewichtsgewissen dabei aktivierten. Ich brach das Brot, das folgsam in einem Korb neben der Suppe auf Verzehr wartete. Die Blicke der Abendrundengäste brannten durch meine Kleidung auf meiner Haut. Meine Ohren spitzen sich in deren Richtung um wenigstens einige Worte des aufgekommenen Getuschels aufzufangen. Doch vergebens. Einzig ein Brabbelbrei, der so flüssig wie die Suppe daher kam, konnte ich ausmachen. Der Hauptgang, Sauerkraut mit allerlei fleischlichen Genüssen, wurde von der alten Magd aufgetragen. Es mundete. Der Geschmack der Jugend löste angenehme Kräuselschauer auf.meiner Zunge aus, um daraufhin einen körperlichen Begehr nach frischer Dezemberluft so stark in meinem Inneren wachsen zu lassen, dass ich unvermittelt aufstand, die übergrosse Serviette, als sei diese ein Fehdehandschuh, mit Stoff-Geklirre (Stoff kann wie langsam und ruhig zerbrechendes Porzellan erklingen) auf meinen noch immer eingedeckten gedeckten, Nachtisch gierigen Tisch warf, damit die Blicke der Mitgäste nochmals auf mich fokussierend.
Minusgrade empfingen mich, die Gesichtshaut kitzelnd, mir dadurch ein Lächeln abfordernd, auf der Dorfstrasse, auf der nur alle langen Wimpernschlägeaugenblicke ein Motorfahrzeug knirschend, die kleinen Steinchen der frisch geteerten Strasse aufwerfend, an mir vorbeifuhr. Meine Schritte wandten sich dem Dorfbrunnen zu, an dem wir als Kinder so oft und lang, auch winters uns unser Liebesleid gegenseitig beichtend, dabei die dünne Eisschicht zerbrechend, gesessen hatten. Und dort sass er. Mein Jugendfreund. Ich erkannte ihn sofort an seiner spitzen Nase, seinen schwulstigen Lippen. Er brach sanft das dünne Eis des Dorfbrunnens. Sprach leise vor sich hin in dieser Silvesternacht. Ohne mich zu bemerken. Ganz in sich und sein Eigengespräch vertieft:
„Dieses Jahr fasse ich keine guten Vorsätze, nur um diese dann zu brechen“; ein tiefer Seufzer entrang sich dabei seiner Brust, „die breche ich doch Jahr für Jahr bereits wenige Tage nach der Jahreswende. Besser sind da Nachsätze. Gute selbstverständlich“, kleine Atemdunstschwaden verliessen bei diesen Worten seinen Mund, während er weiteres Eis, diesmal heftiger im Unterbecken des Brunnens zerschlug. „Denn die Rückschau“, fuhr er fort, „ermöglicht erst all das Gute zu sehen, dass einem im Leben widerfuhr“. Erneut lösten sich jetzt Nebelschwaden, die aus seinem Herzen zu kommen schienen von seiner Gestalt, die je näher ich nun kam, immer undeutlicher zu erkennen war, sich als nicht vorhanden erwies als ich den eisigen Brunnenrand berührte. Das dünne Eis in beiden Brunnenbecken war unberührt ...

Alles erdenklich Gute für 2020 wünscht
François

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Mit dem Schreiben und Dichten, ist das so eine Sache.So war ich oft der Meinung, nur lyrisch Schreiben zu können, falls ich mich in einem annähernd, seelischen Gleichgewicht befände, erkannte aber bald die Unrichtigkeit dieser Hypothese.Wichtig allein, war der Mut des Eintauchens.Das Eins werden mit dem kollektiven Fluss des Ganzen. Meine Gedanken, zärtlich zu Papier gebrachten Gefühle,schöpfte ich stets aus diesem Fluss.

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