Klaus Mallwitz

Vor der Haustür



Turtula Tortenheber (87) aus Hamburg-West steht an ihrer frisch im zebraverwechselbaren Farbton gestrichenen Haustür in Hamburg-Ost und blickt auf ein frisches halbes, gefrorenes sowie erfrorenes Hähnchen (7/365) aus Hamburg-Süd, das am Straßenrand für sie abgelegt wurde. Sie hebt es behutsam auf, beißt einen Happen davon ab und sieht plötzlich, wie Fernando Frühstückslaune (38) aus Hamburg-Mitte schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite ein Schnitzel (4/365) aus Nord-Haiti mit vor wenigen Minuten abgelaufenem Haltbarkeitsdatum an der Leine ausführt.

Turtula: Hallo Fernando! Schön, Sie zu sehen.
Fernando: Ja. Danke.
Turtula: Meine Urenkelin hat gestern geheiratet. Den Norbert. Das ist ein echter Mann. Der trug in der Hochzeitsnacht eine schicke Uniform. Das war die von General Oberstleutnant Gustl Frostig, der im 2. Weltkrieg heldenhaft gestorben ist, nur für das Vaterland. Ich bin sicher, der liebe Gott im Himmel bewaffnet ihn tadellos!
Fernando: Ich muss weiter. Auf Wiedersehen, Frau Tortenheber!
Turtula: Das hör ich gern! Das hört man nicht jeden Tag, dass jemand mich wiedersehen will. 
Fernando: Ja, ich muss dann mal. Auf Wiedersehen!
Turtula: Sie müssen? Ich hab oben ein WC. Wenn Sie wollen, kommen Sie doch einfach hoch zu mir. Ich zeig Ihnen gerne mal den Norbert. Den hat Kai-Josef, ein Schwager vom Neffen meiner Cousine, wie ein echter Fotograf, also der hat den, der hat einfach mal „knips“ gemacht, und schon war mein Norbert fotografiert. Da trägt er die schicke Uniform, von der ich Sie, Ihrem Wunsch entsprechend, gerade informiert habe. Sie wissen schon…
Fernando: Das ist sehr aufmerksam, mir Ihre Toilette anzubieten, aber ich muss jetzt los, ich hab eine Verabredung.
Turtula: Das ist was anderes, das kann ich verstehen. Wenn Sie wollen, schauen Sie sich kurz noch Norberts Uniform an, dann brauchen Sie nur noch einen minimalen Gang schneller wieder zurück laufen, und Sie kommen pünktlich an Ihr Ziel. Wo wollen sie denn hin?
Fernando: Ich muss zu einer Besprechung.
Turtula: Wie aufregend! Das klingt ganz wichtig. Sie glauben gar nicht, wie sehr ich solche Diskussionen, wie wir sie jetzt führen, liebe. Sie haben doch ganz sicher den Quali?
Fernando: Ich bin 38 und habe Politikwissenschaft studiert.
Turtula: Mein Gott! Das war damals auch mein Wunsch, aber es gab so viele Menschen, die das auch machen wollten. Da hab ich dann gesagt: „Ach, mir reicht der Quali!“
Ich trete gerne zurück, wo ich kann!
Fernando: Ja, dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend. Ich muss jetzt weg.
Turtula: Das ist immer ärgerlich, wenn man etwas muss. Das verstehe ich ja so gut. Wenn Sie wollen, erzähle ich Ihnen mal, was meine ermordete Schwiegermutter alles tun musste, als sie noch lebte.
Fernando: Ihre Schwiegermutter wurde ermordet?
Turtula: Ja.
Fernando: Von wem?
Turtula: Das bereden wir am besten auf meiner Couch. Da ist es schön warm. Kommen sie einfach mit hoch!
Fernando: Ich muss weg. Ich hab ´ne wichtige Sitzung.
Turtula: Was ist wichtiger? Ein ganz normal-wichtiges Politikrockergeschwätz oder ein Gespräch mit einer jungen, naja, einer fast jungen Frau, deren Schwiegermutter umgebracht worden ist?
Fernando: Frau Tortenheber! Ich muss weiter!
Turtula: Ja, sagen Sie das doch gleich! Dann verabschieden wir uns jetzt voneinander und dann gehen Sie zur Politik und ich ziehe mich verzweifelt heulend auf meine Couch zurück und schau den Schlagerstadel mit den Musikstars des Jahres im Fernseher an.
Mögen Sie gute Schlager?
Fernando: Nicht wirklich.
Turtula: Ich vermute mal, Sie haben das gleiche Problem wie ich. Ich mag auch nicht jeden Schlager. Ich mag ungefähr 85 bis 90 Prozent der Schlager aus dem Fernseher. Besonders gefallen mir die männlichen Sänger, die wissen, was Liebe ist. Ich träume jedes Mal, wenn ich die höre… und viele Stars sehen so gut aus. Allerdings hat niemand den Mut, sich mal ein wenig revolutionär zu kleiden.
Fernando: Revolutionär?
Turtula: Es macht mir einen so großen Spaß, mich mit Ihnen so produktiv zu unterhalten. Ich merke, Ihnen geht es nicht nur ums Wissen, sondern auch um Gefühle. Und Sie sind so wissbegierig. Wie ich auch!
Fernando: Was meinten Sie mit revolutionär?
Turtula: Revolutionär? Das hab ich doch gar nicht gesagt. Das ist ein kriegerischer Begriff. So was sagt man nicht.
Fernando: Sie meinten vorhin, niemand von den Schlagersängern hätte den Mut, sich revolutionär zu kleiden.
Turtula: Ach, das meinen Sie. Ja, das ist mir nur so ´rausgerutscht. Und außerdem meinte ich nicht die Schlagersänger, sondern die Stars, die Schlagerstars. Gerade die müssen doch ordentlich aussehen. Aber keiner von denen trägt eine anständige Uniform. Norbert hätte immer so was angezogen. Wollen Sie mal sehen, wie schick der aussah … im Ehebett?
Fernando: Ich muss jetzt los.
Turtula: Das verstehe ich so gut. Wenn ich mal weg muss, dann hält mich niemand auf. Da kann ich Sie voll und ganz verstehen. Dann lassen Sie mich jetzt nur noch kurz erklären, was mir ganz, ganz wichtig ist. Ich muss nur kurz überlegen, was es war. Und dann, wenn es mir wieder eingefallen ist, dann überlege ich, wie ich es Ihnen am besten erklären kann, ohne dass es Ihnen weh tut. Ich gelte als Mensch, der niemandem weh tut kann. Ich denke, Sie glauben mir das doch, oder?
Fernando: Ja, warum soll ich Ihnen nicht glauben? Aber ich muss jetzt leider zur Sitzung. Es tut mir leid, aber wir können ja ein anderes Mal weiter reden. Wissen Sie, ich…
Turtula: Ja, freilich. Es ist mir ganz wichtig, wenn Sie mir klar zum Ausdruck bringen, wann Sie sich von mir entfernen müssen. Sie müssen mir nicht einmal den Grund nennen, warum Sie weg müssen. Das geht mich gar nichts an, verstehen Sie?
Fernando: Ja, freilich.
Turtula: Na, sehen Sie! Es spricht doch wirklich nichts gegen ein ehrliches Gespräch. Mit Ihnen kann man sich so gut verständigen! Sie reden auch nicht so viel drum herum. Andere reden und reden. Ich bin da manchmal tatsächlich überfordert, verstehen Sie?
Fernando: Ja, natürlich, aber…
Turtula: Was meinen Sie mit „aber“? Sie wollen mir sicher jetzt nicht widersprechen, aber irgendetwas haben Sie wohl doch nicht so ganz verstanden. Sprechen Sie es frei heraus, frei aus der Seele heraus! Ich kann sehr gut zuhören. Also, wenn ich gleich ausgeredet habe, können Sie mir sagen, wo bei Ihnen der Schuh drückt. Sie können mir alles sagen, auch, wenn Sie fürchten, ich würde Ihnen einen Strick aus irgendetwas drehen. Nein, dafür bin ich bekannt! Ich höre und staune, meistens jedenfalls. Also mir tut es so gut, mit Ihnen zu sprechen. Und Sie erzählen so viele interessante Dinge. Ich würde Sie gerne mit Norbert bekannt machen. Sie werden sich ganz bestimmt auf Anhieb mit ihm verstehen. Wenn der von dem Krieg erzählt, dann bleibt kein Auge trocken. Der war auch mal in Afghanistan. Da hat er glatt 24 Terroristen erschossen. Auf Anhieb! Freilich, so ein Tod ist immer ärgerlich, vor allem für die Mütter. Aber da muss man halt durch. Ich stelle mich allen Müttern zur Verfügung, die ein bisschen Trost brauchen. Aber bisher hat noch keine Mutter angerufen. Nur sieben Väter insgesamt, aber Männer müssen selbst mit so etwas zu Recht kommen. Hab ich Recht?
Fernando: Das ist sehr, ich meine, nein, also…
Turtula: Sie müssen gar nichts sagen jetzt. Ich weiß genau, was Mütter brauchen. Ich bin selbst eine Mutter, eine echte! Keine Schwiegermutter! Keine Stiefmutter! Keine Rabenmutter! Ich bin eine großartig liebende Mutter. Ich habe zwar noch nie ein Mutterkreuz erhalten, aber ich glaube, das ist schon abgeschafft worden. Nach dem Tod von Herrn Hitler ist es nicht mehr so, wie es einmal war. Ach, das macht mich richtig traurig so was. Es ist schrecklich, wie sich die Welt verändert. Jetzt gibt es schon seit über 70 Jahren keinen Weltkrieg mehr. Ich hab genau nachgezählt. Es müssten sogar mehr als 75 Jahre sein, ich schau gleich mal nach, ich hab es mir aufgeschrieben. Wenn Sie mal einen kurzen Moment warten können!
Fernando: Schauen Sie ruhig nach. Ich geh zwischenzeitlich zu meiner Sitzung. Wenn ich zurückkomme, können Sie mir dann ja sagen, wie viele Jahre es schon keinen Krieg mehr hier gibt. Ich hoffe, wir verfehlen uns dann nicht.
Turtula: Ich pass auf. Ich stelle mich auf meinen Flur, direkt neben der Garderobe, wo auch die Uniform von meinem Norbert hängt, und dann schaue durch den Spion. Wenn ich dann das Flurlicht erkenne, gebe ich acht, ob Sie es sind. Sie brauchen dann oben an meiner Tür gar nicht mehr klingeln. Das spart Zeit, und Zeit ist Geld.
Fernando: Ja, Frau Turtula, so machen wir es. Auf Wiedersehen.
Turtula: Auf Wiedersehen, lieber Norbert. Ach, entschuldigen Sie, jetzt hab ich Sie verwechselt. Aber Sie tragen mir solch einen Versprecher sicher nicht nach, oder?
Fernando: Nein, ganz gewiss nicht!
Turtula: Sie sind so anders als die anderen Männer. Sie sind fast so gut wie mein Norbert. Ich glaub, ich hab Ihnen schon von ihm erzählt, oder?
Fernando: Ja, natürlich, vorhin.
Turtula: Was hab ich denn über ihn gesagt? Ich hoffe, nur Gutes!
Fernando: Ja, er besitzt eine Uniform und so…
Turtula: Sie passen so gut auf, was man Ihnen erzählt. Ja, das ist richtig. Ich habe Ihnen von Norbert schon viel erzählt. Falls Sie davon schon etwas vergessen haben sollten, erkläre ich Ihnen alles noch ein zweites Mal. Da steigt automatisch Ihr Erkenntnisgewinn. Kommen Sie doch kurz mit nach oben. Wir setzen uns auf die Couch und machen es uns ganz bequem. 
Fernando: Ich muss doch zur Sitzung!
Turtula: Sie können gerne bei mir sitzen! Ich besitze eine Couch. Die war ganz schön teuer. Aber Norbert hat sie zum Glück bezahlt. Der ist reich. Er bekam für jeden gefallenen Soldaten, den er zum letzten Fall brachte, 25.000 Euro. Oder Dollar, ich weiß es nicht genau. Aber ich frag ihn mal. Warten Sie, ich gehe schnell noch hoch, da ist das Telefon. Ich rufe ihn an, und ich bin dann blitzschnell wieder bei Ihnen. Und dann können Sie ruhig und schön langsam zu Ihrem Treffen eilen. 
Fernando: Ja, gehen Sie. Ich warte….
Turtula: Wenn der Norbert aber nicht ans Telefon geht, dann sage ich Ihnen Bescheid. Dann können wir es in einer halben Stunde noch mal versuchen.

Turtula Tortenheber eilt die Treppen hinauf. 
Sie hofft auf das baldige Wiedersehen, das ganz schnelle Wiedersehen.

Fernando Frühstückslaune wirft das inzwischen erkältete Schnitzel in Turtulas Briefkasten
und rennt freudestrahlend zu seinem wichtigen Treffen.
Er hofft, … und weiß nicht, worauf er hoffen soll.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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