Tobi Prel

contra apogäum

Es war der Morgen nach dem Aufstand. Das tiefe Schwarz der vergangenen Nacht begann sich langsam in das verheißungsvolle helle Gelb des anbrechenden Tages zu wandeln. Der still vor sich hin rieselnden farblos erscheinende Schneefall kommentierte bekümmert den klaren Blick auf die Unendlichkeit der Sterne und die Kälte des Moments. Und hoch am Firmament zog ein zynisch glänzendes blaues Juwel ruhig seine Bahnen, die Erde.

Das Feuer im Heizhaus Omni Karst hatte das Fass zum Überlaufen gebracht. 90 Menschen starben dabei, fast ausschließlich Mütter und ihre Kinder, es waren all jene die eine Zuflucht vor der Kälte in dem gläsernen Bau gefunden hatten. Als Joar Duu spät in der Früh ebendort ankam, war es jedoch schon zu spät. Die wenigen Kolonisten, die den Flammen entkommen konnten, lagen erfroren vor der Ruine verstreut, denn ohne Schutz vor dem Wind und den niedrigen Temperaturen, waren es nur Augenblick die ihnen blieben. Eine Nacht hier konnte bis zu 40 Stunden dauern. Das überlebt ohne Unterkunft niemand und schon gar nicht ohne Wärme. Nicht einmal die Asche der Überreste des Heizhauses glimmte noch.

Seit knapp einem Jahrzehnt waren die Temperaturen auf dem winzigen Saturn Mond konstant gesunken. Die wenigen Landstriche, die dank der irdischen Technik einst grün gelb gediehen, waren seit Ewigkeiten unter dem eiskalten Weiß versteckt, dass bis auf diesen Fleck am Südpol bereits den Großteil des Himmelskörpers fest in seiner Hand hatte. Einige der jüngeren Kinder kannten dies nur noch aus Erzählungen und verblassten Videogramm Projektionen. Es war eine gefühllose Landschaft, wo einst Optimus und Gründergeist fruchteten. Von der Erde empfing man seit langem nur noch vereinzelt Funksprüche mit Durchhalteparolen. Man hätte die Wintersaison unterschätzt, die viel länger andauerte als in den vergangenen 40 Jahren Forschung je gemessen wurde. Selbst die verheißungsvollen Luftmaschinen hatten schwer mit der dünnen Atmosphäre und der Kälte zu kämpfen und waren bei Weitem nicht mehr so effizient wie früher. Kamen zu Beginn noch in halbjährlichen Abständen Versorgungstransporte, stellten sich diese vor knapp vier Jahren komplett ein. Vor drei Jahren brach schließlich der Kontakt mit der Mutterwelt gänzlich ab bzw. wurde er eingestellt, wie man heute, dank Joar Duu weiß. Die letzte Transporterrakete explodierte kurz nach dessen Start auf der Erde. Dies war der Anlass zum Entschluss, dass es zu gefährlich sei weitere Güter zu schicken, bis man die Ursachen der Katastrophe geklärt hatte. Was letztlich auch die Wartung der Kommunikationssatelliten zwischen den beiden Welten beinhaltete, die nun nach und nach ausfielen. Das war jedenfalls die offizielle Erklärung, die man uns den Koloniebewohnern erzählte, um die Hoffnung und Moral aufrecht zu erhalten. Doch die Anspannung war enorm und wuchs mit jedem weiteren Tag. Konnten wir anfangs die digitale mediale Unterhaltungsvielfalt der Erde nutzen, wann es uns beliebte und mit unseren Verwandten dort oben sprechen so oft es beliebte, waren es am Ende nur noch zwei Stunden pro Woche, die die Verbindung hielt. Bis schließlich komplette Stille herrschte. Wortloses Rauschen auf den Monitoren. Nun waren wir auf uns allein gestellt. Es kam zu Gewalt, Plünderungen und einem Leben das dem Naturzustand glich, wie ihn Thomas Hobbes bereits vor Jahrhunderten erkannt hatte. Denn die Ressourcen wurden jeden Tag knapper. Selbst die 12 Heizhäuser, Zuflucht und Garten zugleich, konnten den Bedarf nach Nahrung und der Sehnsucht der Kolonialisten nach grüner Natur nicht lange decken. Die Kolonielords begegneten dieser Entwicklung mit harter Hand und starren Regelungen, was hätten sie auch für eine andere Wahl gehabt, um die Ordnung aufrecht zu erhalten und gegen Zweifel, Panik und Misstrauen vorzugehen? Dort oben waren wir den Menschen nichts mehr wert, hier unten zählte aber jeder Einzelne von uns, denn es ging ums gemeinsame Überleben. Bald beschlossen die Kolonielords einen radikalen Weg einzuschlagen, den eigenen Weg. Da die Temperatursituation sich permanent verschlimmerte und die Ressourcen nur berechenbar lange anhielten, war die Lebensfähigkeit auf diesem kargen Trabanten, auf dem es weder Niederschlag geschweige denn fruchtbaren Boden gab, nur noch eine Frage der Zeit und davon blieb nicht mehr viel übrig. Vor zwei Monaten sank die Temperatur auf Minus 37 Grad Celsius, der neuste Höchststand seit der Ersterforschung des Himmelskörpers. Hier unten, weit draußen in der Ferne des Alls, waren wir der Willkür der Natur und des rauen kosmischen Klimas hilflos ausgesetzt. Gleichgültig, wie vergessen.

In der wachsenden Verzweiflung riefen die Kolonielords zum Bau riesiger Schiffe auf, um auf eigene Faust zurück zur Erde zu kehren. Gefertigt werden sollten diese aus Materialien der Wohnbauten in den Randgebiete der Stadt sowie den Ruinen der ersten Heizhäuser, die zunehmend ausfielen und zusammenbrachen. Das erforderte Opfer. Hunderte starben, durch die harschen Temperaturen, Obdachlosigkeit oder die harte Arbeit. Doch die Koloniebewohner waren sich bei einem Beschluss nie einiger gewesen.

Aber die Kolonielords belogen uns, wie wir dank Joar Duu nun wissen. Insgeheim standen einige von Ihnen weiter in Kontakt mit der Erde. Sie wollten die gigantischen Schiffe niemals nutzen, um die Bewohner zu retten, sondern um den Rest des wertvollen Brennmetalls zusammen mit ihren eigenen Existenzen von dem kargen Eisfelsen zu schaffen.

Damals wurden die meisten von uns mit Versprechen auf diese ferne Welt gelockt. Den Versprechen nach Abenteuer, Patriotismus, Forscherdrang, Ruhm und Pioniergeist. In Wirklichkeit waren wir jedoch nichts weiter als Sklaven in ihren Minen, um das seltene Brennmetall zu fördern, dass auf der Erde einst ein Vermögen wert war. Nun waren wir entbehrlich geworden, das war die bittere Wahrheit. Die Kosten-Nutzen-Rechnung des Unternehmens führte zu keinem positiven Ergebnis mehr. Der Markt war anscheinend nach 15 Jahren Vollversorgung mit dem Rohstoff überschwemmt. Nun sollten wir hier unten sterben, zurück gelassen ohne irgendeine Form von Solidarität oder Mitgefühl. Wir wurden zu Opfern einer genauso simplen, wie distanzierten Wirtschaftsmechanik und somit zu einer gescheiterten Expedition erklärt.

Als Joar Duu davon erfuhr rief er zur Rebellion auf. Nicht jeder wollte es glauben. Veränderung fordert Überwindung, man muss seine Bequemlichkeit aufgeben und akzeptieren, dass alles falsch ist, was einem sonst Sicherheit versprach. Das schürte den Radikalismus. Doch den meisten wurde es im Laufe der vergangenen Nacht klar, ob sie es nun wollten oder nicht. Eine Wahl hatten sie schon lange nicht mehr. Joar Duu scharrte seine Minenarbeiterkollegen um sich und drohte den Kolonielords mit der Niederlegung der Arbeit in den Brennmetallaminen. Er wollte die Wahrheit von ihnen hören, über die Gerüchte, um die Verschwörung mit der Erde und war gewollt die gesamte Bevölkerung dafür erfrieren zu lassen. Eine lange Zukunft erwartete sie hier ohnehin nicht mehr. Doch die Herrscher dachten nicht daran sich zu beugen. Mit dem Feuer im Heizhaus Omni Karst versuchten sie die Wiederstandssympathisanten hart zu treffen, so wie sie es bisher immer taten. Doch es war das letzte öffentliche Heizhaus auf dem Mond und in der Hand der Minenarbeitern. Aber das Schlimmste war nicht mehr abzuwenden, denn das Gegenteil war der Fall, es war bereits zu spät, die Kolonielords waren zu weit gegangen. Der Wille der Aufständischen bach nicht, er vereinte sie.

Joar Duu stürmte das Sendehaus, ein weiß graues rundes Kugelförmiges Gebäude das auf einem Berghang weit über der Koloniestadt thronte und der zentrale Sitz der Koloniallords war. Es war ein brutaler, blutiger Kampf der unzähligen das Leben kostete, denn beide Seiten warfen sich alles entgegen, Männer, Frauen, mechanische Läufereinheiten uvm., das sie hatten. Am Ende siegte aber Joar Duu. Er machte die Informationen über die Intrigen öffentlich, alle, ohne Ausnahme und projezierte sie auf die noch funktionsfähigen Kommunikationsmonitore in der Stadt. Er hatte die Unterdrücker bezwungen.

Doch die Wahrheit, die er fand war grausam. Nur eines der drei gigantischen Schiffe konnte mit dem Material der Gebäude vollendet werden. Und es hatte gerade einmal die Kapazität, um ein Viertel der Bevölkerung zu befördern. Selbst wenn die anderen beiden Transporter mit gleicher Größe hätten gefertigt werden können, besäße man in der gesamten Kolonie nicht genug Treibstoff um alle zur Erde zu schaffen. Seit Monaten nahmen die Kolonielords daher die Opfer durch die harschen Überstunden und öffentliche Hinrichtungen bewusst in Kauf, um die Anzahl möglicher Passagiere zu senken, die Bevölkerungmenge zu regulieren. Die Herrscher waren Verräter und erhielten dafür vom Unternehmen eine horrende Summe als Anreiz. Ein weiteres Versprechen von der Erde.

Joar Duu kommentierte dies alles nicht. Er ging nach seinem Sieg zitternd und mit schwerem Atem das restliche Stück der Anhöhe entlang bis er am Rand der vereisten Felsen, die weit über dem Ozean, an dem die Koloniestadt grenzte, trohnten, angekommen war. Dann setzte er sich in den Schnee. Es war eine kalte, klare aber finstere Nacht. Hinter ihm flackerten die orangen Flammen der zerstörten Kolonie, die sich meterhoch in den Himmel streckten und unbeständig etwas Licht und seltene Wärme spendeten. Joar Duu streckte seine Hand aus, um etwas von den Flocken, die tonlos vom Himmel herunterrieselten aufzufangen und sie schließlich mit zwei Fingern zu zerreiben. Dann nahm seinen Helm ab und betrachtete es genau. Sein Gesicht war von groben Falten gezeichnet. "Bist du Schnee oder Asche? Ach, was macht das schon für einen Unterschied", murmelte er still zu sich und wischte seine Handschuhe mit einem zufriedenen Lächeln an seiner Jacke ab. Dann wandte sich sein Blick gen Himmel und er atmete mit einem kräftigen Zug tief die dünne Luft der Atmosphäre ein. Von dieser Küstenklippe aus konnte man deutlich die Sterne am Himmel erkennen. Auch das blaue Juwel leuchte klar und intensiv dort oben und lächelte zynisch auf die Köpfe der Kolonialisten hier am Ende der Galaxie herunter.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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