Heinz Werner

Wandel (Change)


(Für e-stories Januar 2020)

Unter Wandel versteht man Veränderungen. Dabei wird zwischen sozialem Wandel (gesellschaftlich) und Lebenswandel (praktische Lebensführung) unterschieden.
Sozialer Wandel bedeutet prinzipielle Veränderungen einer Gesellschaft in ihrer sozialen und kulturellen Struktur. Wandel meint aber auch Aufbruch – zu neuen Zielen, manchmal sogar zu einem neuen Leben. Oft werden Veränderungen von außen erzwungen: durch gesellschaftliche, wirtschaftliche oder politische Umwälzungen, meistens durch vorgegebene, unveränderliche weltweite Gegebenheiten. Häufig jedoch sind sie individuell gewünscht und durch uns selbst oder durch unsere geheimen Wünsche und Sehnsüchte bestimmt.Wir müssen nicht immer den vorgezeichneten Wegen (Mainstream) folgen, sondern haben durchaus die Möglichkeit, Wandel nach unseren Fähigkeiten und Bedürfnissen, in seltenen Fällen sogar nach unseren Träumen, zu gestalten. Aristoteles hat das treffend beschrieben, indem er sagte:

Wir können den Wind nicht ändern, aber
wir können die Segel richtig setzen.


Jeder von uns erlebt Wandel auf höchst persönliche Art und Weise. Manchmal nehmen wir die Veränderungen überhaupt nicht wahr – oder nur verzögert, Oft aber treffen sie uns urplötzlich und aus heiterem Himmel. Sie können von überall her kommen. Sind unser Job oder unser wirtschaftliches Umfeld so solide und dauerhaft wie wir glauben? Sind wir auf die Herausforderungen der Digitalisierung, maschinelles Lernen und Künstlicher Intelligenz vorbereitet, verstehen wir diese Entwicklungen und was sie für uns bedeuten? Wie wird sich unsere Arbeit und unser gesamtes berufliches Umfeld ändern – werden wir zu den Gewinnern oder Verlierern gehören? Kann man den Versicherungen angeblicher Experten glauben, dass zwar viele Arbeitsplätze verloren gehen, aber genauso viele anderswo entstehen werden? Ist das wirklich realistisch – oder nur Wunschdenken – woher wissen die das? Vergleiche mit früheren gravierenden Erfindungen und technischen Umwälzungen sind nicht begründet, da es immer Menschen waren, die solche Umwälzungen steuerten und kontrollierten (Mensch – Maschine). Ist uns klar, dass künftig möglicherweise Maschinen mit Maschinen kommunizieren und Prozesse initiieren und alleine steuern, ohne menschlichen Einfluss und schneller und besser als wir es je könnten? Verständlich, dass diese Umwälzungen Verlustängste auslösen.
Veränderungen betreffen jedoch viele andere Bereiche unseres Lebens. Menschen, die wir einst bewunderten , wurden plötzlich irrelevant und bedeutungslos. Freunde von früher gibt es nicht mehr, Bekannte sind plötzlich anders geworden, haben sich so verändert, dass wir sie nicht mehr verstehen und schätzen. Gravierend ist diese Erkenntnis, dieser Wandel in Partnerschaften. Wie oft hört man, er/sie hat sich so verändert und ist nicht mehr die Person, die ich einstmal liebte und anbetete. Er oder sie ist ein Anderer /eine Andere geworden. Wandel kommt oft schleichend – wenn wir ihn bewusst wahrnehmen und erkennen, ist es manchmal schon zu spät.
Veränderungen kommen aus allen Bereichen und beeinflussen unser Leben, z.B. Politik, Wirtschaft, Religion, Gesellschaft, Unternehmen, Beziehungen etc. Es gab sie von Anfang an, sie sind permanent und Teil unserer Entwicklung und der Evolution. Stichworte hierzu sind Wissen im Wandel der Zeit, Technik im Wandel, Wandel des Schönheitsideals und andere. Technikferne Gesellschaften wandelten sich zu technikaffinen. Die technische Revolution Anfang des 19. Jahrhunderts zum Beispiel schuf ganz neue Arbeits- und Siedlungsformen. Wandel kann auch tief in unsere Lebensgewohnheiten eingreifen und unser gewohntes Umfeld verändern. Denken wir nur an Klimawandel. Sind wir tatsächlich dazu bereit, wissen wir, dass Klimawandel sicher nicht umsonst zu haben sein wird? Wir werden unser gesamtes Verhalten ändern müssen, z.B. Reisegewohnheiten (Massentourismus), die Art wie wir arbeiten und wohnen, wahrscheinlich sogar unsere Denkweise und unser Konzept der Zukunft.
In großen Unternehmungen gibt es ganze Abteilungen, die sich mit künftigen Veränderungen befassen und passende Strategien entwickeln sollen (Change Management). Der Wandel von Industriegesellschaften zu Wissenökonomien wird entscheidend in unser Leben und unsere Gewohnheiten eingreifen. Es gibt seriöse Wissenschaftler, die dieses Szenario sogar als Geburt einer neuen Weltordnung beschreiben.
Künftige Veränderungen werden spektakulär sein, aber unaufhaltsam. Gewisse Aspekte des Wandels können bange machen und uns überfordern. So zum Beispiel neue, mediale Formen der Nachrichtenverbreitung mit Fake News, Shitstorms, gezielte Halbwahrheiten oder gar direkte Beeinflussung durch Unwahrheiten. Ich glaube, die Umgestaltung zu dieser neuen Form der Nachrichtenübermittlung und Kommunikation ist sowohl Segen als auch Fluch zugleich. Es entstehen Abhängigkeiten von global tätigen Akteuren, die diesen Wechsel managen und dafür verantwortlich sind. Bisherige Denkweisen stoßen an Grenzen.

Wandel ist oft auch Grund zur Hoffnung. In ihrem Welthit „Wind of Change“ meinten bereits 1989 (als Single veröffentlicht 1991) die Scorpions, bei einem Gang der Moskva entlang zum Gorky Park, den Wind des Wandels zu spüren. Sie wollten die Magie des Moments einer Sommernacht nutzen und hofften, die Kinder von morgen könnten ihre Träume mit uns teilen. Damals schien dies eine realistische Option zu sein. Leider wissen wir heute, dass es nicht so kam. Die Erwartungen und Träume sind nicht wahr geworden.

Die Geschwindigkeit der Veränderungen ist größer geworden und zwingt uns, flexibler zu reagieren und uns diesem schnellen Wandel anzupassen. Gewohnheiten und Kenntnisse von gestern sind morgen schon obsolet und werden durch neue Techniken ersetzt. Lebenslanges Lernen wird für diejenigen, die zu den Gewinnern zählen möchten, unabdingbar.

Natürlich gibt es auch positive Aspekte des Wandels. Die Veränderungen, die er auslöst, öffnen das Tor zu einer toleranteren Gesellschaft. Dies aber nur, wenn wir das wollen und wenn wir bereit sind, die Möglichkeiten anzunehmen und die neue Offenheit begrüßen. Sprachbarrieren sind einfacher zu überwinden (hochentwickelte und einfache Übersetzungssysteme), Entfernungen spielen praktisch keine Rolle mehr. Es macht wenig Mühe, fremde Kulturen und Mentalitäten kennenzulernen. Die Frage ist nur, sind wir damit nicht schon überfordert. Haben wir mehr Angst vor dem Neuen, vor den damit einhergehenden Anpassungen – auf beiden Seiten – als dass wir neugierig und offen sind. Gerade im Moment scheint es, als ob viele den genau entgegengesetzten Weg gehen wollen und das Heil mehr in Abschottung und in der Rückkehr zu Nationalismus sehen.
Die nahezu unbegrenzten technischen Möglichkeiten geben uns die Chance zu einer menschlicheren und günstigeren sogenannten Work-Life Balance. Sie ermöglichen – bei gleicher Produktivität – mehr individuelle Freiheit, mehr Freizeit und bieten deshalb ausgiebigere Gelegenheiten zu sozialer Kommunikation. Es bleibt mehr Zeit für Familie, Partner und Freunde. Wenn sich der Einzelne mehr gesellschaftlich oder ehrenamtlich engagieren wollte, hier ist die Chance. Richtig genutzt, sollte dies einer der entscheidenden Vorteile des derzeitigen Wandels sein. Im persönlichen Bereich können wir ganz neue Erfahrungen sammeln und zu neuen Ufern aufbrechen. Berufliche Neuorientierung ist eines der Stichworte.
Wandel durch neue Techniken kann ganze Landstriche oder Regionen verändern und Entwicklungsmöglichkeiten schaffen, die es vorher nicht gab. Zum Beispiel schnelle, flächendeckende Internetabdeckung und dadurch Arbeitsplätze in Regionen, die bisher unterversorgt waren. Indigene Regenwald-Gemeinden erhalten saubere Energie durch Solaranlagen
(Projekt: Imagine Light).
Als positiv müssen auch die viel größeren Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, des Warenangebots und der kulturellen Vielfalt angesehen werden. Wir lernen Sportarten und künstlerische Tätigkeiten kennen, von denen wir früher keine Ahnung hatten. Wir haben virtuellen Zugang zu Galerien und Museen, die uns sonst versagt blieben. Wir können Teil haben an einer Welt, die größer, bunter, interessanter und vielfältiger ist. Ob das in jedem Fall und für alle gilt, ist durchaus diskutabel. Vielversprechend erscheinen die Chancen, die sich im sozialen und medizinischen Bereich abzeichnen (Pflegeroboter, computergesteuerte Operationen etc.). Sind wir
vorbereitet, uns einem unbekannten Arzt anzuvertrauen, der irgendwo sitzt und uns via Telemedizin helfen und heilen will?

Ich will nicht sagen, es ist eine Zeit zwischen alt und neu, bestimmt aber zwischen Gewohntem und Neuem. Mobilität wird sich generell verändern, individueller Verkehr wird teurer werden. Ist das gerecht, passt es in bisherige Schemata bzw. Antwortmuster? Ähnliches gilt für Energie, da wir mit die höchsten Strompreise in Europa haben und sich Verteilungsspielräume reduzieren werden (dank einer planlosen und verfehlten Energiepolitik – ein Wandel, den es so besser nicht gegeben hätte). In der Wirtschaft werden die Umbrüche noch gravierender sein. Digitalisierung und Vernetzung – in allen Branchen und über alle Handelsstufen hinweg – werden entscheidende Kriterien sein. Die sogenannte Plattformökonomie (internetbasiertes Geschäftsmodell, das Anbieter und Kunden auf einem digitalen Marktplatz zusammenbringt) wird an Bedeutung gewinnen. Organisationsformen und Aufgabenfelder staatlicher und gesellschaftlicher Akteure müssen neu definiert werden. Werden wir endlich lernen, mit unseren Daten sparsam und verantwortlich umzugehen? Werden wir versuchen, Veränderungen selbst zu gestalten und nicht anderen zu überlassen? Wollen wir, dass anonyme Organisationen die kommenden Umbrüche alleine in ihrem Sinn gestalten, wir letztlich also nur noch reagieren können?
Es gibt gerade im Moment Geschehnisse, die schon Angst machen können. Da sind die fürchterlichen Waldbrände in Australien mit Milliardenschäden und Verwüstungen, die noch lange nachwirken werden. Sieht so die Apokalypse (Weltuntergang, Ende der Geschichte) aus? Wir beobachten den Generationenkonflikt in Bezug auf Klimawandel, der tiefere Ursachen und Wirkungen haben wird, als wir annehmen. Die einen verlangen sofortigen und radikalen Wandel, die anderen wollen an Bestehendem und am Status-quo festhalten. Gibt es da Brücken oder werden Veränderungen Lösungen erzwingen?

Vielversprechend sind neuere Entwicklungen vieler Start-ups, die in Nischen vorstoßen und Märkte abdecken, die bisher nicht erschlossen sind. Es sind Bemühungen mutiger junger und kreativer Unternehmer, die trotz hoher Hürden und bestehender Risiken die Herausforderungen annehmen und Wandel positiv gestalten wollen. Eine Vielzahl der entwickelten Apps sind tatsächlich sehr hilfreich und können uns das Leben – beim täglichen Einkauf und besonders im Gesundheitsbereich – erleichtern und helfen, Gefahren früher zu erkennen und rechtzeitig gegenzusteuern.

Wenn wir Wandel als ständigen Begleiter und als Chance begreifen, können wir kommenden Wechseln gelassener entgegensehen. Wandel fängt immer bei uns selbst an. Schließlich bedeuten Veränderungen auch neue Entwicklungen. Es liegt an uns, wie und wohin wir uns entwickeln – wir müssen das Neue nur wollen und erwartungsvoll optimistisch begrüßen. Es wäre schade, würden wir aus Angst vor kommenden Umbrüchen (aus Zukunftsangst) unsere Gegenwart belasten. Wandel muss im Kopf beginnen und Leib und Seele erfassen. Es ist durchaus verständlich und legitim, Angst vor der Zukunft zu haben, wir müssen aber nicht.

Heinz Werner

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Heinz Werner:

cover

Stream of thoughts: Stories and Memories – for contemplating and for pensive moments (english) von Heinz Werner



Do we know what home is, what does this term mean for modern nomads and cosmopolitans? Where and what exactly is home?
Haven't we all overlooked or misinterpreted signs before? Are we able to let ourselves go during hectic times, do we interpret faces correctly? Presumably, even today we still smile about certain encounters during our travels, somewhere in the world, or we are still dealing with them. Not only is travveling educating, but each travel also shapes our character, opens up our view for other people, cultures and their very unique challenges.
Streams of thoughts describes those very moments - sometimes longer, sometimes only for a short time - that are forcing us to think and letting us backpedal. It is about contemplative moments and situations that we all know.

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