Claudia Savelsberg

Wenn ich einmal tot bin

Wenn ich einmal tot bin, dann werde ich irgendwo im Jenseits landen. Im Himmel vielleicht? Unter Himmel kann ich mir aber nix vorstellen. In der Hölle vielleicht? Ja, darunter kann ich mir was vorstellen, vermutlich ist es dort auch spannender als im Himmel. Ich im Jenseits, wie soll das funktionieren? Ich würde am liebsten auf einem großen funkelnden Stern sitzen und meine Hunde bei mir haben. Von diesem Stern aus könnte ich die „lieben Hinterbliebenen“ beobachten, was die natürlich nicht wissen. Wäre auch besser so – für alle Beteiligten.

Ich habe kein Testament hinterlassen, weil es in meinem Leben keine „Vermögenswerte“ gibt, wie es offiziell heißt. Die Familie wird meine kleine Wohnung durchforsten auf der Suche nach Wertgegenständen und eventuellem Tafelsilber. Dinge, die sie versilbern könnten. Der Blick in meine Schmuckschatulle wird enttäuschend ausfallen; denn ich habe keine Kronjuwelen im Angebot. Sie werden dann mein Sparbuch finden, die darauf befindliche Summe wird die Kosten für Beerdigung und Leichenschmaus decken. Erleichterung macht sich breit, man wird mich also angemessen unter die Erde bringen können. Ein einfacher Sarg wird’s tun und ein kleiner Kranz mit den letzten Wünschen „In Liebe Deine Familie.“ Ich sitze auf meinem Stern und grinse breit – wie gut die alle heucheln können nach meinem Ableben. Dann setzen sie eine Anzeige in die Tageszeitung, weil es sich nun mal so gehört. Von meinem großen funkelnden Stern kann ich lesen, dass ich „plötzlich und unerwartet“ aus ihrer Mitte gerissen wurde. Welche Mitte denn, bitteschön? Zu Lebzeiten war ich nicht in ihrer Mitte, weil sie sich alle nur um sich selbst gekümmert haben. Aber so ein Text macht eben einen guten Eindruck und zeugt von Trauer und Mitgefühl. Man möchte sich selbst feiern – ich bin schon längst vergessen, nicht mehr präsent. „Plötzlich und unerwartet“, diese Formulierung lassen sich Nachbarinnen auf der Zunge zergehen und heucheln Mitgefühl. Die erste sagt: „Nun ja … Sie hat auch ungesund gelebt, geraucht und keinen Sport gemacht.“ Die zweite setzt nach: „Ich will ja nichts sagen, aber sie soll auch getrunken haben...“ Alles logische Erklärungen mein plötzliches Ableben, weil sie ja nicht wirklich was über mich und mein Leben gewusst haben. Die dritte Nachbarin merkt an: „Soviel ich weiß, hat sie Kurzgeschichten geschrieben und sie dann im Internet eingestellt. Was soll man davon halten? Sie war ein bisschen merkwürdig, die liebe Verstorbene.“ Dann reichen sie pflichtgemäß meiner Familie ihre schweißnasse Hand und drücken ihre Anteilnahme aus. Das gehört sich nunmal so. Eine Freundin sagt: „Sie war ein lieber und empathischer Mensch, hat sich immer hingebungsvoll um ihren Hund gekümmert.“ Die erste Nachbarin empört sich noch nach meinem Ableben: „Aber zweimal hat sie ihren Köter an meine Hecke scheissen lassen und den Haufen dann nicht weggemacht.“ Ich sitze auf meinem großen funkelnden Stern und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Das denken sie also über mich?!? Sollen sie doch. In der Totenmesse findet der Pastor salbungsvolle Worte über mich. Er macht eben seinen Job. Dabei kannte er mich nicht, weil ich seit Jahrzehnten keine Kirche mehr von innen gesehen habe. Aber meine Familie hat ihm sicher einen Spickzettel zugesteckt. Pflichtgemäß zücken einige der Anwesenden ein Papiertaschentuch und zerdrücken eine Krokodilsträne für „unsere liebe Verstorbene.“ Langsam werde ich auf meinem großen leuchtenden Stern nervös, auch meine Hunde knurren schon.

Nach der Totenmesse geht es zum Leichenschmaus. Alle sind froh, dazu eingeladen worden zu sein. Meine Familie hat sich nicht lumpen lassen, es war ja genug Geld auf meinem Sparbuch. Es gibt nicht nur Kaffee und Kuchen, sondern auch eine große Auswahl an kalten Platten. Jeder darf auf meine Kosten nach meinem Ableben fressen und saufen, so viel er will. Davon machen sie alle gerne Gebrauch. Auch die Nachbarinnen, die sich jetzt nach einem doppelten Cognac plötzlich um freundliche Worte bemühen. Ich sitze immer noch auf meinem großen funkenden Stern und beobachte dieses verlogene Szenario. Jetzt habe ich eindeutig genug. Ich lasse mich mit meinen Hunden auf die Erde beamen und lande mitten auf der Kaffeetafel. Allgemeines Entsetzen, das Stück Butterkuchen bleibt im Hals stecken, der Cognac schmeckt nicht mehr. Ich grinse breit und sage: „Jetzt bin ich wieder da, ein Wunder ist geschehen. Freut euch doch. Esst ruhig weiter, ist ja alles bezahlt. Trinkt einen Cognac auf mein Wohl.“ Stille, manchmal ein verlegenes Räuspern. Wieder werden Papiertaschentücher gezückt mit denen sich die Trauergemeinde diskret die Schweißtropfen von der Stirn wischen will. Ich grinse nochmal, setze nach: „Von oben, von meinem großen funkelnden Stern konnnte ich alles mit ansehen. Verstanden? Das ganze verlogene Verhalten. Ich bin euch sogar noch dankbar; denn dann kann ich wieder mal eine Satire schreiben und im Internet einstellen. Kapiert? Und ihr müsst noch einge Jahre mit mir leben ….!“ Merwürdigerweise ergriffen alle die Flucht. Es waren doch noch viele der kalten Platten unberührt …. und es gab ja auch noch den Butterkuchen …..

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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