Bernhard Pappe

Das (Weihnachts)Türchen

 

Oh, du fröhliche,

oh, du selige,

oh, du gnadenreiche,

oh, du besinnliche

Weihnachtszeit.

 

Die Tage vor den Feiertagen haben mich nicht mit Besinnlichkeit und Fröhlichkeit überschüttet. Mit Gnade und Seligkeit genauso wenig. Ist die Vorweihnachtszeit nicht immer voller Hektik? Man hört dies aus vielen Mündern.

Lange Autofahrten, emotionale Diskussionen, Krankenhausbesuche in gedrückter Atmosphäre. Damit waren die Dezembertage reichlich gesegnet. Es stellte sich ein Gefühl ein, ferngesteuert zu sein. Da war nur noch ein geringer Raum für mein eigenes Wollen, für mein Ich.

Wie entsteige ich einer solchen Enge? Ganz einfach, ich öffne ein Türchen. Es ist jedoch kein Türchen, hinter dem sich im Advent Süßes verbirgt. Es ist an keine Zeit des Jahres und an keinen Ort gebunden. Das Türchen ist dort, wo ich bin. Ich schließe die Augen und es erscheint vor mir. Eine einfache Holztür, deren Anstrich gealtert ist. Ich drehe ihren Knauf und der Weg ist frei, um auf eine Holzveranda zu gelangen. Sorgsam schließe ich die Tür. Ein Blick zurück gewährt mir keine Details des Raumes, aus dem ich gekommen bin. Im Moment ist das auch gar nicht wichtig. Ich trete an das Geländer heran und stütze mich mit den Händen ab, lasse mich von dem Ausblick auf die Bucht mit ihren Palmen, ihrem Strand und ihrem blauen Wasser vereinnahmen. Die kleine Holztreppe der Veranda endet direkt im hellen Sand. Ich weiß, dass Sand und Wasser noch warm sind von der Energie des Tages. Ich gebe der Verlockung nicht nach und nehme vielmehr in dem Schaukelstuhl auf der Veranda Platz. Auf dem Tisch daneben wartet ein Glas Rotwein auf mich. Es ist immer ein Glas kräftigen Rotweines da, wenn ich an diesen Ort komme.

Dieser Ort ist still, nur der Schaukelstuhl verursacht auf dem Holzboden der Veranda ein unmittelbares Geräusch. Sicher ist da ein Rauschen der Wellen, sicher ist da ein Säuseln des Windes in den Palmen. All das gehört in diese Realität und ist dicht mit diesem Ort verwoben.

Ich trinke hin und wieder ein Schlückchen des vorzüglichen roten Weines, während der Tag dunkelt und die Sonne unaufhörlich dem Horizont nahekommt. Von meinem Schaukelstuhl aus schaue einfach nur auf diese Bucht und ein tiefer Friede erfüllt mich. Meine Gedanken hängen wie Früchte in diesen Palmen, ich kann sie später holen und genießen. Noch ein letzter Schluck Rotwein, im Glas verbleibt ein Rest. Ich will und darf es nicht bis zu seiner Neige leeren, noch nicht. Während ich mich erhebe, um noch einmal an das Geländer zu treten, vollführt der Schaukelstuhl für eine Weile seine Bewegungen ohne mich.

Ich mache einen tiefen Atemzug, nehme mit seltsamer Gleichzeitigkeit Fremdheit und Vertrautheit der Landschaft in mir auf. Würde ich jetzt die wenige Stufen der Holztreppe zum Sandstrand hinabsteigen, um zum Ufer zu laufen, dann würde ich wahrscheinlich ein Boot finden, um damit auf den Wassern des Meeres zu reisen. Vielleicht wartete gar ein Freund am Boot auf mich. Nein, nicht heute.

Die Sonne hat den Horizont erreicht. Oranges Leuchten füllt den Himmel aus. Der Tag hängt sich den Mantel des Abends um. Ich wende mich zur Tür hin, meine Hand erfasst ihren Knauf und meine Augen erfassen noch einmal diesen traumhaften Ort. Der Abschied kommt ohne Worte aus. Beherzt öffne ich die Tür, ich muss vor dem Dunkelwerden zu Hause sein…

 

© BPa / 01-2020

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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