Gherkin

Wie ich beinahe den III. Weltkrieg ausgelöst hätte



Sehr zufrieden saß ich im Eurostar von Brüssel nach London, die Fahrtzeit beträgt nur etwa 2 Stunden und 40 Minuten. Mit 300 km/h rast der Zug durch die Landschaft, phänomenales Reisen. Nette Menschen im Zug, die meisten Geschäftsreisende. Sie haben alle ihre Laptops auf den Knien und hämmern in die Tastatur, oder sie haben ihr Handy in Betrieb, wischen und starren, glotzen und schmunzeln.   

Ich war kurz eingenickt. Die cremefarbenen, sehr elegant wirkenden und wunderbar bequemen Sitze luden geradewegs zum Schlummern ein, schreckte eines dumpfen Geräusches wegen auf, bemerkte die vier Herren dort, wir hatten den Eurotunnel noch nicht passiert, Coquelle lag vor uns, mit ihren schwarzen Sonnenbrillen und einem merkwürdigen Emblem auf dem rechten Arm. Düster aussehend, ein wenig beängstigend. Was hatte das Zeichen zu bedeuten? Ich nutzte mein unscheinbar und unauffällig wirkendes Mini-Fernglas per App an meinem Handy.

Und erblickte eine Art Auge. Geheimnisvoll. Ich konnte es nicht genau ausmachen, dieses Auge, denn die Herren saßen weiter entfernt. Sie flüsterten miteinander. Es kam mir so vor, als hätte ich es hier mit einer Art Geheimbund zu tun. Alle in ganz hervorragend geschnittenen, tadellos sitzenden schwarzen Anzügen, alle mit diesen  merkwürdigen Blues Brothers Sonnenbrillen. Und sie flüsterten.

Sehr gut gekleidete Herren mittleren Alters. Einer hatte einen Aktenkoffer auf den Knien. Dort sah ich dann, zu meinem Entsetzen, das SS Zeichen. Ich erschrak, in meinem Kopf polterten die Gedankengänge durcheinander, fast so, als wäre ich gerade zur Bordtoilette unterwegs, als unser Eurostar eine Vollbremsung machte.

Ich konnte es nicht fassen. Wer besitzt denn die Dreistigkeit, das mir so verhasste Zeichen der Waffen-SS offen zur Schau zu tragen? Wer besitzt diese Chuzpe? Ich musste schlucken. Was war jetzt zu tun? Ich konnte das nicht so einfach hinnehmen. Mein Herz hämmerte wie wild. Leider war ich allein unterwegs, sonst hätte ich mich ja mit dem Mitreisenden beraten können. Ich konnte auch schlecht den Sitz-Nachbarn darauf aufmerksam machen: „Hey Sie, da drüben sitzen vier Nazis, was wollen wir jetzt unternehmen?“ Meine Sitznachbarin war eine hübsche junge Dame. Die wollte ich „damit“ nicht belästigen. Zudem schlummerte sie friedlich.

Diese Dreistigkeit machte mich echt fertig. Ich suchte mit dem Mini-Fernglas diese doppelte Siegrune, fand sie, hielt sie viele Sekunden im Blickfeld. Eindeutig. Jedoch auf gelbem Grund, mit rotem Zeichen. Fassungslos setzte ich das Glas ab. So etwas war mir noch nie passiert. Sicher, ich hatte schon als Gegen-Demonstrant auf einer Neonazi-Kundgebung hinnehmen müssen, dass ein Verblendeter den ‘Hitlergruß’ zu zeigen die frechdreiste Stirn besaß, aber das hier? Das ist nicht zu fassen!

So offen und deutlich. Und keiner unternimmt etwas. Ja, sind wir denn schon so weit, alles klaglos hinzunehmen, was uns diese finstere Meute unterjubeln möchte? All die Abzeichen, Wimpel, Fahnen und Runen? Nein, ich war nicht gewillt, das klaglos und ohne jedes Aufhebens hinzunehmen. Ich wollte etwas unternehmen. Ich MUSSTE etwas unternehmen.

Nochmals, bevor ich einen Fehler machte, suchte ich mit dem Mini-Fernglas alles nach Beweisen ab. Unterhalb des Ärmel-Emblems sah ich dann das Doppel-S, und darunter stand noch: Section of the British Community. Da haben wir es also. Diese Nazis stammten aus Großbritannien. Und ganz offensichtlich waren sie stolz darauf.

Die Verbreitung und die Verwendung dieser Symbole ist in Deutschland strafbar. Wie steht es denn damit im Ausland? Wir befanden uns gerade auf französischem Boden und ich wollte sofort einen Zugbegleiter zu diesem unglaublichen Vorfall sprechen. In aller gebotenen Ruhe sah ich mir die 4 Herren, ihre Ärmelzeichen und, vor allem, den Aktenkoffer sehr genau an. Ich starrte und glotzte, bis ich die absolute Gewissheit in dieser Angelegenheit hatte: Ja, das waren Nazis im gesetzten Alter, offensichtlich in geheimer Mission nach London unterwegs. Ohne Zweifel Besserverdienende.

Dieser schlanke, schwarze Scanno Leder Aktenkoffer kostete sicherlich gute 1000 €. Verunziert mit dem SS-Symbol. Entsetzlich.

Ich stand langsam auf, und näherte mich den vier Herren gemessenen, höchst gemächlichen Schrittes. Leise sagte ich zur ersten Brille links, wobei ich nochmals die Rune genau in Augenschein nahm: „Hello gentlemen, I’m German. I would have liked to speak to you 4 briefly...“ Zu meiner Verwunderung antwortete der Angesprochene mit deutlich fester Stimme, in leicht holprigem Deutsch: „Sie können auch ruhig deutsch mit uns reden, wir waren gerade zu einer Fortbildungsveranstaltung in Oberbayern (AHA! Ich dachte sofort: Berchtesgadener Land, Obersalzberg, frohe Tage am Kehlberg verbracht, was die Herren, wie?), setzen Sie sich doch bitte...“

Wenn dich 4 gestandene Nazis einladen, doch bitte Platz zu nehmen, dann wird dir leicht mulmig. Doch ich nahm tapfer Platz. Sofort hub ich an: „Hören Sie, die Herren. Mag sein, dass Sie jetzt denken, so ziemlich jeder Deutsche ist ein verkappter Nazi. Aber ich versichere Ihnen: Wir haben zur Demokratie zurück gefunden. Wir lieben die Demokratie. Und wir dulden nicht, ich wiederhole: NICHT, dass Sie jetzt aus den Löchern gekrochen kommen, um uns vom Ausland aus zu infiltrieren! Wir wollen mit Nazis nie wieder etwas zu tun haben. Auch, wenn sich da und dort eine braune Laus tummelt, wir wissen damit umzugehen. Weit über 90 % der deutschen Bevölkerung ist fertig mit diesem entsetzlichen Scheißdreck, und möchte niemals wieder etwas damit zu tun haben. Sie jetzt hier zu sehen, wie sie sich an all den kranken Werten ergötzen und sich flüsternd zusichern, die Weltherrschaft binnen kürzester Zeit an sich reißen zu wollen, Sie mit Ihrer Nazi Section of the British Community, Sie mit Ihrer schrecklichen Gesinnung und dem Wissen, erneut die halbe Welt in Schutt und Asche zu legen... Ach was sage ich da, die halbe Welt... Sie wollen die ganze Welt erledigen, habe ich recht? Alles in die Luft jagen, richtig? Moslems, Juden, Christen und alle anderen! Metzeln, meucheln, morden, einen Weltkrieg vom Zaun brechen.“

Ich hatte mich in Rage geredet. Der von mir so angeschnauzte Herr sah mich nur kurz an und hangelte sich dann hoch. Er schrie: „Emergency stopp order. Emergency stopp order!!“ Per Funksignal wurde der Nothalt eingeleitet. Der sofort herbei eilende Fahrdienstleiter fragte entsetzt, was in aller Welt denn los sei. Diese Person war Franzose, da stand ein Deutscher, dort saßen 4 Engländer, die Hälfte unserer Passagiere in diesem Waggon waren Niederländer und Belgier. Ein Tumult setzte ein, wie es der Eurostar vielleicht noch nie zuvor gesehen hatte.

Auf Veranlassung des Fahrdienstleiters wurde ich sofort, noch im Zug, durch ihn persönlich, in Gewahrsam genommen und an der Station Ashford der dortigen Polizei übergeben. Wie sich jetzt herausstellte, hatten die 4 Herren Anzeige erstattet, und zwar wegen Volksverhetzung, Rufmordes und Verleumdung. Ich hätte sie als Nazis, als Kollaborateure beschimpft, die den 3. Weltkrieg planten. Die Drähte glühten zwischen Berlin und London. Meine Intervention hatte diplomatische Verwicklungen zur Folge. Der deutsche Botschafter in London wurde einbestellt. Die Queen, die sich sonst nie äußerst, sprach von einem Dilemma niemals zuvor gekannten Ausmaßes. Boris Johnson raufte sich die Haare.

Letztlich stellte sich heraus, dass die 4 Herren Sun Starers waren, ähnlich der schrägen „Trainspotters“, nur, dass diese armen Narren in die Sonne zu starren pflegten. Wer es hier am längsten aushielt, konnte den Tagessieg davon tragen. Und das Abzeichen am Ärmel war leider lediglich The Symbol for visual disability, also das Zeichen für eine starke Sehbehinderung. Sie finden es zur Überprüfung am Ende dieser Geschichte. Und wer sich jetzt immer noch fragt, was das SS zu bedeuten hatte, na ja, dem kann ich nicht mehr helfen. Das ist nämlich das, leider sehr verunglückte Zeichen der Sun Starers.

Nur unter Mühen, und mittels 7 Telefonaten zwischen Johnson und Heiko Maas, sowie der hernach erfolgten Einschaltung von Merkel und Steinmeier, konnte letztlich ein Krieg gerade noch so, und wirklich, es war sehr, sehr knapp abgewendet werden. Jedenfalls ist die englisch-deutsche Freundschaft MERKlich abgekühlt. In allen Punkten schuldig der Anklage: Ich. Werde wohl noch bis gut 2044 sitzen müssen. Für einen Fehler, den ich sicher für den kompletten Rest meines Lebens bereuen werde.

Sollten Sie je im Eurostar sitzen: Nutzen Sie kein Minifernglas und geben Sie nichts auf Symbole, Embleme und Abzeichen. Sehen Sie einfach weg. Das ist besser so. Glauben Sie mir. Wenn Sie mir Briefmarken und Zigaretten schicken, schenke ich Ihnen ein Foto von mir. Bitte schicken Sie das Päckchen an "Gherkin Green, Bronzefield, Justizvollzugsanstalt Ashford". Vielen Dank. Die Weißen sind hier in der Minderheit! Geld wäre auch gut. Dankeschön.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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