Klaus Mallwitz

Bärenstarke Beweise (1)

Bärenstarke Beweise
Beweis Nummer 1
 
Frau Bärenstärke ist 86 Jahre alt. Oder 88. Egal.
Sie könnte auch als Zweijährige durchgehen. Oder als konfirmiert gelten. Oder als tot.
Je nachdem, wer sie grad ertragen muss.
Je nachdem, wer sie grad ertragen möchte.
Jedem so, wie´s ihm gefällt.
Wichtig ist lediglich, dass sie sich liebt, dass sie sich kennt, dass sie sich wohl fühlt, sowohl in sich als auch in ihrer Umgebung. Und das tut sie. Und wie sie das tut. Oder doch nicht?
 
Schauen wir mal, was Frau Bärenstärke alles kann. Bleiben wir ganz offen, seien wir tolerant und vermeiden alle rhetorischen Versuche, sie mit Worten zu verunsichern. Und falls Sie das Gefühl haben, Ihnen wird beim Lesen dieser Geschichte schlecht, dann lesen Sie nur die letzten zwei oder drei Seiten. Blättern Sie einfach vor….. und Sie werden staunen, wie sich Frau Bärenstärke vom Müll befreit. Also, lesen wir einfach gemeinsam weiter. Es beginnt mit dem vergangenen Tag, also mit gestern.
 
Gestern wurde ihr, also der Frau Bärenstärke, vom 64jährigen Wohnungsnachbarn Onkel Schmalschlitz mitgeteilt, dass er sie nicht erziehen könne, da sie offiziell doch volljährig sei. Er wäre aber gerne bereit, ihr ab und zu einen Hund zum Streicheln vorbei zu bringen. Sie bräuchte nur ein paar Knochen für den Vierbeiner locker zu machen, gerne auch von ihrer eigenen Schulter oder vom Nacken, da spare sie eine Menge Geld, und schon sei sie eine wunderbare Hundeliebhaberin zum schnuckeligen Liebhaben, denn die Hundeversorgung mittels Knochen sei der hundehundsmenschlichste Beweis dafür, dass sie ein echtes, ein herzensgutes, nach Lebkuchenherz schmeckendes Herz in sich tragen würde.
 
„Das tut doch nicht not“, antwortete Frau Bärenstärke, „das macht doch schon mein schnuckeliger Nachbar Steffen-Friedhelm Alleskönner! Der bringt mir täglich seinen Hund in meine gemütliche Wohnung rein. Das ist ein gestandener Hundeeigentümer. Dem gebe ich sogar täglich ein paar Scheinchen, damit er sein Hündchen gut versorgen kann! Der Nachbar Alleskönner ist ja so goldig, fast so goldig wie sein Hund! Aber wenn Sie auch mal etwas Gutes tun wollen, dann überreichen Sie mir doch einen kleinen 50-Euro-Schein! Den gebe ich dem ach so netten Friedhelmchen Alleskönner! Damit kann er seinem Hündchen ein großes Leckerli kaufen. Und der gute Hundebesitzer behält das Restgeld vom fürs Leckerli von mir ausgehändigten Geld für sich, nach seiner Aussage seien das meist nur zwei bis drei Euro. Aber auch das ist Geld für ihn. Sagt er. Und das kann der so gut gebrauchen, quasi als ein kleines Taschengeld, denn der hat immer so viele Schulden am Nacken! Oder im Nacken? Ne, am Hals. Oder? Wie nennt man so was? - Egal, es kann jedenfalls einen Menschen ganz schön jucken, so was.
Ach, bin ich froh, dass ich schuldenfrei bin. Ich habe so viel geerbt, dass ich sogar vier bis fünf Lebensmittelgeschäfte kaufen und auf ex aufessen könnte. Und zwei weitere würde ich verschenken. Eins für Herrn Alleskönner, das andere für seinen niedlichen Hund. Ja, gerecht bin ich schon! Man soll nicht übertreiben! Das hab´ ich gelesen. Es stand auf der Titelseite im Tratsch-Blatt. Da stand, man solle hinsichtlich des Alkoholgenusses niemals übertreiben. Und ich denke, wenn etwas für den Alkoholgenuss wichtig ist, ist es doch auch grundsätzlich wichtig. Ja, ja. Ich lese viel. Da wird man schlau von. Das kann ich beweisen! Schon im Kindergarten sagte mir die Kindergärtnerin, Fräulein Frauke Hungerliebe hieß die, dass ich intelligenter nach Lösungen, nach dem knock out suche, als es Cassius Clay jemals getan hätte, weil ich meine Zwillingsschwester immer direkt auf die Nase geschlagen habe, nicht indirekt! Einfach ganz direkt! Und kein Hieb ging daneben! Ich habe immer getroffen! Ganz ehrlich! Wie auch heute noch beim DART-Spiel. Ob Faust oder Pfeil, ich traf und treffe genau dahin, wo es sein muss! Das gelingt mir sogar ohne hinzugucken, ohne zu sehen, wen es erwischt. Genau deshalb wohnt meine Schwester ja auch auf dem Friedhof, direkt neben Muhammad Ali alias Cassius Clay. Oder muss es heißen, „Cassius Clay alias Muhammad Ali“? Ich meine den Boxer, nicht den Hund. Ich meine den Menschen, der mein Lieblingsboxer war. Dem gelangen immerhin insgesamt 37 K.O.-Siege. Bei dem galt: Jede dritte Linke: ein Treffer! Bei mir gilt schon seit Ewigkeiten, also, wie ich schon erwähnte, seit meiner Kindergartenzeit, da gilt bei mir: Ein jeder Hieb: ein Treffer! Wow! Verstehen Sie diesen herrlichen Ausdruck ´wow´ richtig? Damit ist nicht der moderne Hundejargon gemeint. Um Gottes Willen! Das heißt einfach nur ´super` oder so ähnlich.
Aber bleiben wir beim Thema! Lenken Sie nicht ab! Sie wollten mir einen Fünfziger rausrücken?“
 
„Das kann ich leider nicht tun, liebe Frau Bärenstärke“, antwortete Herr Schmalschlitz, „ich habe kein Geld bei mir!“
„Dann zeigen Sie mir bitte mal Ihr Portemonnaie! Es ist in Ihrer linken Hosentasche zu finden!“
Herr Schmalschlitz zeigte ihr seine Geldbörse, in der sich tatsächlich fünf Zehner
und 3,20 Euro in Münzen befanden.
Nach der Entnahme der Scheine und einer 2- und einer 1-Euromünze gab sie ihm das Portemonnaie zurück.
„Das ist mir auch schon mal passiert“, sagte sie. „Ich war mir ganz sicher, dass ich kein Geld in meinem Geldsäckel hatte. Und siehe da, plötzlich waren ein paar Tausender darin. Da habe ich zum Glück ein paar Würstchen kaufen können, nicht für mich. Ich kann ja verzichten. Nein, für das schnuckelige Hündchen von Herrn Alleskönner hab´ ich die gekauft, diese ach so schnuckeligen Würstchen. Und der, also der Herr Alleskönner, der nimmt die Leckerlis so dankbar an! Und er reicht sie weiter, weiter ans Hundchen. Da merke ich sofort, das kommt bei ihm alles von innen heraus. Der sprüht vor Autorität oder wie das heißt, irgendwie so, oder Authentizität oder so. Hach, so macht das Geben Spaß! Vor allem mir. Ja, mir macht das Geben Spaß! Ich renn schnell hoch, da freut er sich! Ach, wie aufregend ist meine Schenker-Laune, und die ist immer auf Trab!“
 
Sie ließ Herrn Schmalschlitz bärenfreundlich stehen, eilte schnellen Schrittes zu ihrem schnuckeligen Nachbarn, dem Herrn Alleskönner in den 2. Stock hinauf und reichte ihm schweren Herzens zwei der fünf erworbenen Scheinchen, die der goldige Herr gut gelaunt in seine Hosentasche quetschte. „Wenn die Einnahmen stimmen, läuft alles wie geschmiert…, da bin ich so freundlich, so richtig…“, dachte er, ohne zu wissen und ohne zu spüren, dass er es tatsächlich dachte.
Und Frau Bärenstärke?
Die plumpste nach einem anstrengenden Tag in ihren Fernsehsessel hinein und verpasste es aufgrund der Tiefenschärfe ihrer Gedanken, in den Fernseher hineinzuschauen. Sie hätte in ihm die gerade begonnenen „Nachrichten zum Wegwerfen“ verfolgen können. Dann hätte sie erfahren, wie Juwelier Goldprinz heute um die Mittagszeit einen Hundehasser vom Finanzamt betrogen hat. Hätte, hätte, hätte! Hätte sie nur aufgepasst! Es hätte ihr helfen können, das Leben noch facettenreicher zu gestalten, noch mehr Würstchen kaufen zu können, „Fräulein“ Hungerliebe zeigen zu können, dass sie nun noch schlauer sei als sie es damals war, damals im Kindergarten. Die Chance, ihre eigene Klugheit zu übertreffen, war vertan. Sie dachte nach. Statt den Nachrichten zu lauschen, dachte sie. Denken war eine ihrer Stärken. Sie dachte:
„Ja, der ist wirklich super, dieser Nachbar! Ein richtiger Hundenachbar!
Aber der Schmalschlitz… Was hat der böse Schmalschlitz gesagt? Der zweifelt an meiner Volljährigkeit? Ist der denn blind? Die Volljährigkeit sieht man mir doch an! Jeder sieht sie. Jeder bewundert meine Volljährigkeit! Sogar meine Schwester hat mich immer bewundert, obwohl ich damals noch nicht einmal konfirmiert war. Na ja, die Mathilde! Vielleicht war sie ´ne Ausnahme. Damals. Heute bewundert mich eigentlich niemand mehr, weil ich halt zu klug bin für alle, zumindest für die hundelosen Bürger! Aber egal. Ganz egal. Ich bin ganz tief in mir ein Weltstar. Weil ich so viel weiß! Da braucht man nur meine Zähne anzuschauen, dann weiß man so was! Ja, guckt der mich überhaupt an, wenn ich mit ihm spreche? Hat der mich jemals angeschaut? Ich sage ein kräftiges, ein bärenstarkes Pfui zu so was! Na, warte, Bürschchen! Jetzt komme ich!“
 
Ein Bärenhunger nach Rache wütete in ihr. Sie zückte ihre Polaroid Kamera, lief mit ihr zur Nachttischschublade und zog ihre Geburtsurkunde heraus, knallte sie auf den Küchentisch und fotografierte sie von oben, von links, von rechts und von unten. Das „Foto von unten“ zeigte leider nichts außer etwas von einer Tischunterkante. Die anderen Fotos waren zwar leicht verwackelt, aber immerhin war da überall ein Geburtsdatum zu erkennen. Das verriet ihre Volljährigkeit. Sogar dreifach! Drei Fotos, drei Mal Volljährigkeit!
 
Mit den drei aus ihrer Sicht gelungenen Fotos rannte sie zum Hausverwalter und schrie ihm von Weitem schon entgegen: „Herr Segeljäger, Herr Segeljäger, schauen Sie, schauen Sie, das ist der Beweis! Na? Schauen Sie doch! Da steht mein Geburtsdatum! Bin ich leerjährig? Der Schmalschlitz ist ein Lügner, ein Arschloch, ein Verräter! Hier ist ganz klar zu erkennen, dass ich volljährig bin! Jaja, ich hab´s doch gewusst! Der Schmalschlitz ist ein Dreckschwein! Schmeißen Sie ihn raus aus dem Haus! Schmeißen Sie ihn ins Altersheim!“
 
Herr Segeljäger öffnete seinen Mund, um zu antworten. Es misslang ihm, denn Frau Bärenstärke schrie sofort weiter: „Yippie! Yippie..., dieser Dreck behauptet einfach, ich sei nicht volljährig! Aber ich hab´s bewiesen, ich hab´s grad bewiesen! Ich hab Beweise! Hieb und stichfest! Ach, mich juckt es grad so richtig, oben und unten… oh, tut das gut! Herr Segeljäger, kommen Sie, tanzen wir…. Ich habe Beweise, drei echte Beweise!“
 
Herrn Segeljäger verschlug ´s die Sprache. Und als er sie wiederfand, da kam kein Laut heraus, weil Frau Bärenstärke so viel Tolles zu erzählen hatte:
„Hier ist der Beweis! Ich habe hier den Beweis! Das ist er! Das ist der Beweis! Und hier,…, und hier…. Schauen Sie, Herr Segeljäger! Das ist doch ganz klar, ganz eindeutig! Wer behauptet denn da, ich sei nicht volljährig? Gucken Sie genau hin! Schauen Sie auf das Geburtsdatum! Hier steht es! Direkt unter meinem Namen! Frau Christel-Tine-Muschi-Bärenstärke, … das bin ich! Sagen Sie ruhig Muschi zu mir! Und ich bin wirklich volljährig! Hier ist der Beweis! ..., drei Bilder, drei Beweise! Ich hab´s bewiesen! Das ist der Beweis! Eindeutig! Ich hab´s! Der Schmalschlitz lügt! Hier, der Beweis!
 
Herr Segeljäger knallte die Tür vor ihrer Nase zu. Das war kein Nasentreffer. Sie war, was die Treffsicherheit anging, allen Menschen überlegen. Das war sie schon damals, im Kindergarten. Ihre Schwester könnte das sogar bestätigen! Die leidet heute noch im Grab daran, an den Nasentreffern ihrer Zwillingsschwester. Die Narben beweisen es!
„Ich bin besser als Sie und ihr alle!“, schrie sie gegen die Tür. „Ich werde Fotos machen! Ich werde Mathilde fotografieren! Ich öffne ihr Grab und mache Fotos! Vom Knochen! Vom Nasenknochen. Knochen sind der Beweis, dass ich ein Herz in mir trage. Ich bräuchte nur ein paar Knochen locker machen, das hat sogar der Schmalschlitz gesagt. Und genau das hab ich getan! Das hab ich getan! Das hat der Schmalschlitz mir klar gemacht! Das hab ich ihm zu verdanken! Ein paar Knochen! Einen von Mathilde, und jetzt, jetzt lockere ich einen vom Schmalschlitz. Den Nasenknochen? Warum nicht? Das liegt mir, darin bin ich geübt. Das müsste ich können. Ich bin auch ein Könner, genauso wie Herr Alleskönner. Aber vielleicht komm ich da nicht ran, an die Schmalschlitznase. Dieser Drecksack ist zu groß. Was tun? Ich hab´s! Ich könnte seine Kniescheibe wählen. So schlecht ist der Fettsack ja gar nicht, der Schmalschlitz! Der hat ja sogar Kniescheiben zum Kaputtschlagen. Das bringt mich auf Ideen! Ich könnt´ die Welt umarmen!“
 
Ja, Frau Bärenstärke stand weder einsam noch verlassen, sondern inmitten von tausend herzzerreißenden Ideen vor der Tür vom Herrn Segeljäger und brüllte… Sie brüllte so leidenschaftlich, so viel Neues, und so herrlich laut, dass es bis zum Bahnhof hin zu hören war.
 
Frau Bärenstärke bemerkte bereits nach 58 Minuten, dass sie allein vor einer Tür stand und beschloss spontan und ohne nachzudenken, in ihre Wohnung zu verschwinden. Eine prima, eine kluge Frau! Sie rannte in ihre Wohnung. Der Fernseher war noch an. Aus der Reihe „Hungerliebe ist heute“ lief gerade die 329. Folge, die den Titel „Volljährig war gestern“ trug. 328 Mal hat sie schon die Sendung verfolgt. Keine Sendung hat sie bisher verpasst. Und nun?
In dieser Nacht schaute sich Frau Bärenstärke zum ersten Mal etwas für sie viel Wichtigeres an als „Hungerliebe ist heute“, nämlich drei Fotos.
Drei Beweise.
Drei!
 
Das vierte, das Tischunterkantenfoto,
das zerbiss sie,
leise schmollend. Hungerliebe?
Dann suchte sie eine kleine Eisenstange…
für die Kniescheibe.
Und dann griff sie
zum Fotoapparat, dieser Sofortbildkamera,
einem Geschenk von Fräulein …
NEIN!
Sie griff
zur Sofortbildkamera,
einem Geschenk von Frau…
Hungerliebe. Sie dachte FRAU! Und sie dachte das „Frau“ ganz ehrlich. Sie dachte es nicht, weil sie sich modern zeigen wollte, sich selbst modern sehen wollte. Sie dachte „Frau“, weil sie „Frau“ spürte, in sich selbst, und auch plötzlich in ihr, in der alten Kindergärtnerin. Warum? Egal, sie dachte an Frau Hungerliebe. Ohne Hintergedanken. Einfach so.
 
Und Frau Bärenstärke warf beides in den Müll…
die Eisenstange und diesen Beweislieferanten, der sich Kamera nannte.
Beides,
und sie dachte zum ersten Mal in ihrem Leben….
Ist es wahr, sie konnte denken? Hat sie nachgedacht?
Sie spürte plötzlich eine Kraft.
 
Eine ganz ehrliche Kraft, irgendwo in ihr, ganz tief.
Eine Stimme hatte diese Kraft. Die Kraft sprach leise:
„Du bist doch auch ein Mensch! Du! Ja, du! Zeig es doch! Zeig es dir selbst! Schlag es dir selbst um die Ohren! Als allererstes zeig es dir selbst! Schrei es aus dir heraus! Schrei es nicht raus, um irgendetwas zu zeigen, schrei es heraus, weil es in dir steckt, weil es raus muss! Einfach nur raus damit! Mach dich frei!“
 
„Ich will ein Mensch sein!“, schrie Frau Bärenstärke!“
 
Und die Stimme flüsterte leise:
„Du willst nicht! Du bist! Du bist es, sobald du willst! Du bist! Ein Mensch!“
 
„Ich bin ein Mensch“, flüsterte nun die Frau Bärenstärke und schluchzte leise.
Der Schrei kam geflüstert aus ihr heraus. Das tat so gut.
„Ja“, antwortete die Stimme, „du bist ein Mensch. Du bist wertvoll. Du bist! Und du hast eine Kraft in dir. Die wird dich beschützen. Deine eigene Kraft, dein Glaube an dich. Und da brauchst du niemanden zu beseitigen, niemanden zu bestechen, niemanden zum Gott erheben, niemanden, niemanden, niemanden. Du bist eine von allen…, du lebst im Miteinander! Und du liebst. Du hast Kraft für das Leben!“
 
„Die geb ich weiter“, dachte sie plötzlich. „Die geb ich allen Hundebesitzern weiter!“
„Allen Hundebesitzern?“, fragte die Stimme.
Da kam ein zweiter Gedanke. Ein ganz neuer Gedanke. Wie vom Himmel. Ganz plötzlich:
„Mathilde….
Schwester…
 
Schwester…..“
Mathilde war ihre hundelose Schwester.
Ein Mensch.
Ein Mensch ohne Hund.
Ein Mensch mit gebrochener Nase.
„Schwester!“, schrie Frau Bärenstärke.
 
Und Frau Bärenstärke kam ein dritter Gedanke:
„Ich selbst hab´ ja auch keinen Hund! Und ich bin ein Mensch!
Oder doch nicht?“
 
Sie schaute in den Spiegel im Bad.
Und sie sah in das Gesicht einer Frau, die sie nicht erkannte. Oder einfach nur
nicht erkennen wollte. Oder doch?
Sie blickte in ihre Spiegelaugen.
Sie umkreiste die Spiegelaugen, sah die Wangen, die schönen, die zarten Falten, die kleinen Pickel, die…
 
Es war ihr Gesicht.
Es war tatsächlich ihr eigenes Gesicht.
Und sie beobachtete das Gesicht.
Es begann, sich zu verändern,
dieses Gesicht.
 
Die Falten, die Pickel, der verbitterte Blick…, sogar das Alter des Gesichts verschwamm vor ihren Augen, erblasste,…
Da wurde alles ganz egal,
auf einmal ganz egal. Das war alles plötzlich gar nicht mehr da, obwohl sie es immer gesehen hatte. Es war anders. Da war ein Gefühl. Da war Stärke. Eine wahrhaftige Bärenstärke. Und kein Hass…
Es war so einfach
eigentlich…
und…
 
so wirklich. - Nicht da, nicht wichtig! Einfach weg…
Keine Verbitterung…
 
Die Augen...
Plötzlich lächelten ihr die eigenen Augen entgegen.
Sie lächelte zurück.
Die Spiegelaugen lächelten ganz lieb, ein zweites Mal zurück.
Und sie lächelte wieder zurück.
Sie lächelte nun ein ganz, ganz kleines bisschen zärtlicher…
Die Spiegelaugen lächelten noch ein klein wenig zärtlicher zurück, noch zärtlicher, als sie es
mit ihren eigenen Augen gerade getan hat.
 
Eine Träne…
kullerte aus den Spiegelaugen.
Ganz langsam…
die Wange hinab.
Und aus ihren Augen kullerte auch eine Träne.
Beide kullerten,
Hand in Hand,
Menschenauge und Spiegelauge,
und lächelten…
Auge in Auge,
statt Auge um Auge.
Glücklich.
Ein Geben.
Ein Nehmen.
Ein Spüren.
 
Und die Augen begannen, miteinander zu spielen.
Und ihr Leuchten bewegte alles,
alles unter ihr, alles über ihr, alles neben ihr.
Alles war in Bewegung.
Alles lebte.
„Das bin ich?“, schrie sie.
„Ich bin frei!“
 
Und sie weinte.
Sie weinte sich lebendig…
und konnte sich…
lieben.
Sie begann, Menschen zu lieben…
Sie spürte, sie kann lieben.
Sie liebt.
Sie liebt den Menschen,
einfach den Menschen.
Mit oder ohne Hund,
mit oder ohne Geld.
 
Sie ist eine von allen.
 
Das war alles so neu.
 
Und dann kam der nächste Gedanke, ein letzter in der Nacht.
Ein Gedanke!
Ein Gedanke, der aus dem Herzen kam:
 
„Morgen sag ich zu Herrn Schmalschlitz DANKE.
Mit den Augen sag ich es.
Und er wird verstehen,
von Herz zu Herz…
Ich bin 87 Jahre jung! Oder 87 Jahre alt.
Ob 2, ob 90, ob konfirmiert oder nicht
Egal!
 
Und wenn er keinen Hund besitzt!
Und wenn ich noch so viel zu meckern hab´.
Ha,…
Wenn ich meckere, bin ich eine Ziege.
Ha! Ich bin eine bärenstarke Ziege.
Ha. Ich bin, ich war, ich bin, ich war….
 
Egal!
 
Einfach nur egal!
 
Ich bin –
 
im
 
Miteinander!
 
Ich bin –
 
wie ihr…
 
ich bin Mensch…
 
nur anders…
 
aber gleich-
wertvoll……
 
Danke.
Einfach Danke!
 
Ja,
gleich-
 
wertvoll…
 
Ja, liebe Leserinnen und Leser,
das war eine wahre Geschichte, ohne wenn und aber.
Und wissen Sie, was ich grad erfahren habe?
Frau Bärenstärke schreibt gerade ein Buch über Herrn Alleskönner.
Ich bin schon ganz neugierig, ob sie in diesem Buch auf alle beleidigenden Begriffe verzichtet oder nicht. Es macht mich neugierig wie sonst was. Ich will wissen, ob auch Herr Alleskönner zum richtigen Menschen wird. Ich bin mir nicht sicher. Aber dann spüre ich in mir den Gedanken:
Was einer Frau Bärenstärke gelingt, kann auch einem Herrn Alleskönner gelingen.
Die Realität wird es zeigen. Und Frau Bärenstärke schreibt alles ganz genau auf.
 
Für Sie, liebe Leserinnen und Leser, ist sie da, diese bärenstarke Frau, weil sie sich selbst (und auch Sie alle!) zum Fressen gerne hat. Da braucht sie keine Würstchen mehr.
Leckerlis waren gestern – Leben ist heute – und morgen.
 
Ich verabschiede mich und wünsche Ihnen allen alles Liebe, viel Bärenkraft, ab und zu ein Würstchen, gerne auch vegetarisch oder auch ohne Fleisch und ohne Knochen, und vor allem wünsche ich Ihnen, dass Sie sich wertschätzen. Es gibt keinen einzigen Menschen auf der Welt, der das nicht verdient hätte.
Keinen!
 
Ihr Klausius mal witzig, mal weniger alias
Klaus Mall….. na?
Richtig!
…witz
(sag ich doch!)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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