Eva Juhre

Hagebuttentee

Draußen regnete es. Der Wind rüttelte an den schwarzen Ästen, die den frostblauen Himmel in unterschiedliche Formen unterteilten. Langsam rannen Regentropfen an der kalten Fensterscheibe hinunter, die ich von meinem Bett aus sehen konnte. Es war einer dieser nassfeuchten Novembertage, an denen die Kälte schon morgens ihre kalten Finger unter meine Bettdecke streckte.

Ich dachte an sie. Wo sie wohl war? Ich starrte die dunkelgrüne Tasse an, die ich seit zwei Tagen auf meinem Schreibtisch stehen hatte. Sie stand nicht gerade. Ebenso wie der Rest des kleinen Raumes. Alles war schräg. Die Tasse erinnerte mich an den Tee, den wir zusammen getrunken hatten. Immer nur Hagebuttentee. Er schmeckte scheußlich sauer, aber wir schnitten Äpfel in kleine Stückchen und ließen sie in die blutrote Flüssigkeit fallen und darin schwimmen. Einmal verschluckte ich mich beim Trinken an einem Apfelstücken und hustete bestimmt fünf Minuten, während sie lachte. Lachte. Sie lachte tatsächlich. Sie prustete nicht wie ich, aber sie lächelte. Es war zwar ein trauriges Lächeln, aber es sah so frei aus. Normalerweise hatte ich das Gefühl, ihre eigenen Gedanken würden sie einsperren. Anschreien. Ich sah ihr Gesicht noch vor mir. Es war das letzte Mal, das ich sie sehen würde. Hatte sie in diesem Moment gewusst, das ich nun hier liegen würde? Das sie nicht mehr da sein würde? Wieso hatte sie sich freiwillig dafür entschieden?

Ich drehte mich auf die andere Seite. Oder besser: ich versuchte vorsichtig, die vielen Schläuche so zu positionieren, dass sie sich nicht verhedderten. Meine Bettdecke raschelte laut in der Stille. Die Stille. Sie war das Schlimmste hier. Sie ließ mir Platz, um nachzudenken. Immer und immer wieder. Der Infusionsschlauch in meiner Armbeuge pikste. Noch zwei Wochen, sagten sie. Dann war ich bei ihr.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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