Hans K. Reiter

Ernstfall - Ablauf einer unglaublichen Begebenheit aus Bayern

Als das wissenschaftliche Team am 6. Januar sich anschickt, das Forschungszentrum in München-Garching zu verlassen, um den zwei Kilometer entfernten Augustiner anzusteuern, konnten sie nicht vorhersehen, dass dies ihr Leben für einige Zeit verändern sollte.

Sie nahmen den Überfall nicht wahr, nur zufällige Zeugen des Geschehens konnten später darüber berichten. Allerdings ergaben ihre Schilderungen kein eindeutiges Bild der Vorgänge. Die einen wollen einen plötzlichen, grellen Feuerschein wahrgenommen haben, andere lediglich einen dumpfen Schlag, wie bei einer gewaltigen Explosion.

Nichts von beidem hat sich zugetragen!

Neurologen erklären dieses Phänomen, dem Zeugen oft unterliegen, damit, dass Erinnerungen aus dem Unterbewusstsein das Bewusstsein überlagern und dem Betroffenen vorgaukeln, dass er das, was er schildert, tatsächlich erlebt hat.

Zahlreiche Studien belegen diesen Zusammenhang. Auslöser kann ein so gewaltiges Ereignis sein, wie es über die Gruppe der Wissenschaftler hereinbrach.

In diesem Augenblick tut sich ein nicht überbrückbares Problem auf. Wieso kann der Berichterstatter behaupten, die Ereignisse seien andere gewesen, als von den Zeugen geschildert? Es handelt sich schließlich nicht um eine Fiktion, wo der Schreiberling sagen kann, was er will! Wie kommt er dazu, von einem Überfall zu sprechen, obwohl er zum Zeitpunkt des Ereignisses nicht einmal vor Ort war?

 

Der Reihe nach:

An Heilig Drei König begaben sich die Freunde Gernerich Gabinsky und Wolfram Folgesam in den frühen Morgenstunden an die Isarauen. Geblendet von der malerischen Schönheit des Flusslaufes liefen sie, ohne auf die Uhr zu blicken, immer weiter und weiter.

 

Zur gleichen Zeit brach ein Trupp Infanteristen der Bundeswehr auf, um von Freising aus, immer entlang der Isar, flussaufwärts vordringend, das Forschungszentrum Garching zu erreichen. Die Übung hatte zum Inhalt, eine angenommene Bedrohung durch eine Terrorgruppe abzuwehren. Schwerpunkt, der Forschungsreaktor, ein tatsächlich hochsensibles Atomkraftwerk im Kleinformat.

Gegen 10:00 Uhr, so steht es im Übungsprotokoll der Bundeswehr, traf der Infanterietrupp auf Gabinsky und Folgesam. Alle Beteuerungen der beiden waren zwecklos, die Infanteristen nahmen sie als vermeintliche Terroristen in Gewahrsam.

 

Heilig Drei König, 10:30 Uhr: Drei Männer und eine Frau verstauen zwei Zelte, Schlafsäcke und andere Utensilien in mitgeführte Rucksäcke, säubern den Lagerplatz von Spuren, die auf ihr Verweilen hätten Rückschlüsse geben können, schulterten die Lasten und folgen einem Pfad durch die Isarauen in Richtung Garching. Das Gebiet des Forschungszentrums erreichen sie eine Stunde später, gegen 11:30. Ihr Ziel, der Reaktor. Niemand hindert sie, niemand nimmt Notiz davon, als die Gruppe den Schutzzaun des Geländes mittels eines Schneidewerkzeuges öffnet.

12:10 Uhr: Die Vier entledigen sich ihrer, von allerlei Gegenständen entleerten Rucksäcke und verstauen diese im nahen Gebüsch.

Sie tragen jetzt Tarnkombis, dazu militärische Mützen, jeder bewaffnet mit einer Maschinenpistole, dazu mehrere Magazine am Gürtel, an welchen, unschwer zu erkennen, auch Handgranaten baumeln, ferner eine Art Pistole, die sich bei näherer Betrachtung als Elektroschockwaffe entpuppt.

 

12:23 Uhr: Eine Gruppe Personen verlässt das angrenzende Gebäude und begibt sich in Richtung Pforte, um offensichtlich das Forschungsgelände zu verlassen.

 

12:25 Uhr: Die drei Männer und die Frau sind untereinander mit Sprechfunk verbunden. Man kann es an den Ohrstöpseln erkennen, aus denen spiralförmige Kabel in eine Tasche am rechten Oberarm der Kombis hineinreichen, dem Aufbewahrungsort der Funkgeräte nebst Mikrofon.

 

12.27 Uhr: Anweisung der Frau an die Männer: „Sie werden uns unweigerlich in weniger als zwanzig Sekunden sehen. Wir können nichts riskieren. Sobald sie in Sichtweite sind, mit Elektroschock ausschalten. Ich selbst und Nummer drei schalten jeweils zwei Ziele der Gruppe aus. Nummer eins nimmt den ersten links, Nummer zwei den zweiten und so weiter. Noch Fragen?“

 

12:28 Uhr: Von den Geschossen der Elektroschockpistolen getroffen, wälzen sich die Mitglieder des wissenschaftlichen Teams am Boden. Die im Tarnkombi springen herbei, fesseln blitzschnell deren Handgelenke mit Klebeband auf den Rücken und verpassen jedem noch ein Band über den Mund. Eilig ziehen sie die Körper vom Weg ins Grün daneben.

 

12:30 Uhr: Ungehindert betreten die Angreifer das Gebäude.

 

Anmerkung: Niemand scheint etwas bemerkt zu haben. Wie sich später herausstellte, waren die Überwachungskameras im fraglichen Zeitraum zwecks Wartungsarbeiten abgeschaltet.

 

12:32 Uhr: Beim Versuch, in den Reaktor einzudringen, lösen die Vier unbemerkt Alarm aus.

 

Minuten später rasen mehrere Fahrzeuge des zivilen Sicherheitsdienstes, als Garching-Security ausgewiesen, auf das Gebäude zu. Bewaffnete Männer springen heraus, drängen in das Gebäude, andere verteilen sich außerhalb.

Alles läuft perfekt ab, wie trainiert und unzählige Male geprobt.

 

12:34 Uhr: Die Eindringlinge ergeben sich kampflos, es fallen keine Schüsse.

12:37 Uhr: Letzte Aufzeichnung der GoPro-Kameras an den Kombis der überwältigten Gruppe.

12:42 Uhr: Die Gruppe der wissenschaftlichen Mitarbeiter wird von ihrer misslichen Lage befreit.

 

„Es tut uns leid“, entschuldigt sich der Einsatzleiter von Garching-Security bei den Leuten. „Es sind leider einige Dinge nicht so gelaufen, wie geplant. Unsere Leute haben angenommen, Sie gehören zum Team und tragen Schutzkleidung gegen die Elektroschocks, denn eigentlich sollte heute, an Heilig Drei König, niemand im Reaktorbereich arbeiten. So war es mit der wissenschaftlichen Leitung vereinbart.“

Es dürfte nun auch aufgeklärt sein, warum der Berichterstatter mit Fug und Recht schreiben konnte, was er geschrieben hat. Dass es ein Überfall gewesen ist, wissen wir jetzt auch.

Die Befragung der Zeugen, war echt. Es war Teil der Übung, festzustellen, wie und was Unbeteiligte im Falle eines Terrorangriffes tatsächlich mitbekommen.

Fazit: nicht sehr viel!

 

Übrigens, jede Übung bedarf der exakten Vorbereitung. Es darf deshalb angenommen werden, dass alles genau, wie geplant, abgelaufen ist, auch wenn der Einsatzleiter sich formal anders geäußert hatte. Selbst Gernerich Gabinsky und Wolfram Folgesam haben zugegeben, Angestellte der Sicherheitsfirma zu sein und niemals auf die Idee zu kommen, an Heilig Drei König eine Isarwanderung zu machen.

Die Infanteristen sind leider auf die beiden Ablenkkörper, wie das in der Fachsprache genannt wird, Gabinsky und Folgesam, hereingefallen und wären im Ernstfall keine Hilfe gewesen. „Das wird sich ändern“, hatte deren Kompaniechef schneidig verkündet und dem Trupp drei Wochendausgangssperren verpasst.

 

Und die wissenschaftlichen Mitarbeiter?

„Die bekommen eine Prämie, dann wird der Schmerz schon nachlassen“, sagte einer, der es wissen muss.
 

Nachtrag: Überwachungskameras und anderes Gerödel gaukeln eine Sicherheit vor, die nicht gegeben ist! Dass sie, wie in unserem Fall, zwecks Wartung abgeschaltet waren, war nicht Teil der Übung.

gezeichnet; Heribert M. Wohlauf, Protokollführer, Garching-Security

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