Gisela Welzenbach

Kleine MVG-Geschichte - Meine Mutter, die fesche Schaffnerin

Was mich als Kind sehr interessierte war die Tätigkeit meiner Mutter als Straßenbahn- schaffnerin. Ich fand es toll, wenn sie aus ihrem Münzapparat, den sie um die Hüfte getragen hatte, ausleerte und das Geld zusammenzählte und sorgfältig in eine Liste eintrug. Diese Liste hatte ich immer mit besonderem Interesse „inspiziert“. Irgendwie hat mir die so gut gefallen und hätte am liebsten selber was reingekritzelt. Alles eingenommene Geld wurde dann natürlich bei der nächsten Schicht abgegeben. Durch ihre Schichtarbeit war sie zu sehr unterschiedlichen Zeiten zu Hause und ich beneidete sie nicht, wenn sie in der Frühe um 4.00 Uhr aufstehen musste oder mal spät abends heim kam. Mir hat ihre Uniform sehr gut gefallen und meine Mutter war eine sehr hübsche Schaffnerin. Klar hatte sie da auch ihre Verehrer.

In den 60iger Jahren wurde sie sogar mal gefilmt und der Film bzw. die Aufnahmen, wo sie zu sehen ist, ist eingebettet in eine Dokumentation vom Bayerischen Rundfunk über die Geschichte und Entwicklung der Straßenbahn in München, wo auch der Weiß Ferdl sein berühmtes Lied von der Linie 8 singt (wenn man ihn auch nicht sieht sondern eben hört).

Zu dieser Zeit hat sich in der Geschichte der Straßenbahn in München ein schlimmes Unglück zugetragen.

Ich weiß nicht, wie viele sich noch an diese Katastrophe erinnern können. Und ob sich überhaupt noch jemand daran erinnert. Die jüngere Generation hat vermutlich gar keine Ahnung, wenn es ihnen nicht irgendwer berichtete. Ich selbst war zu der Zeit, als es passierte, 3 ½ Jahre alt. Mir wurde es später erzählt. Und so erinnere ich nun daran.

Für mich war und ist dies von besonderer Bedeutung, weil meine Mutter Gott sei Dank mit dem Leben davon gekommen ist.


Der 17. Dezember 1960

Am 17. Dezember 1960 spielte sich in München ein Drama ab und das ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit. Die Stimmung war nicht mehr weihnachtlich, sondern nur noch von Entsetzen geprägt: Am letzten Samstag vor Heilig Abend stürzte ein Flugzeug am Rande der Innenstadt ab.

Meine Mutter hatte genau zu dieser Zeit Dienst und war nur einige Minuten mit ihrer Straßenbahn fahrplanmäßig hinter der verunglückten Straßenbahn. Sie muss noch das ganze verstörende Chaos miterlebt haben. Zusammen mit dem Straßenbahnfahrer und den anderen Fahrgästen hatte sie ein Riesenglück, nicht in der vorher fahrenden Straßenbahn zu sein. Ganz zu schweigen von den dazu gehörigen Familien.

Da ich damals noch zu klein war, konnte ich meine Mutter darüber nicht befragen. Als ich erwachsen war, wurde mal davon gesprochen. Daher weiß ich auch nur, dass dies passiert ist. Heute kann ich meine Mutter leider nicht mehr befragen, da sie nicht mehr lebt. Ich wollte aber jetzt genauere Informationen über dieses tragische Unglück und forschte ich nach um es zu erzählen.

An jenem Tag um 14.05 Uhr war eine zweimotorige amerikanische Maschine in München-Riem vollgetankt gestartet; Ziel war Norfolk in England. An Bord waren zwanzig Menschen, darunter zwölf Studenten der Universität Maryland. Sekunden nach dem Start fällt der linke Motor aus. Die Piloten wollen in einer Schleife über München zum Flughafen zurückkehren und die Feuerwehr wurde für eine Notlandung alarmiert.

Doch im dichten Nebel über München übersahen die Piloten die 97 Meter hohe Sankt-Paulskirche am Rande der Theresienwiese; sie streifen eine der Turmspitzen. Ein Teil der linken Tragfläche brach ab. Sekunden später stürzte das Flugzeug fast senkrecht auf die belebte Kreuzung ab. Einer der Motoren wurde gegen einen Wagen der Straßenbahnlinie 10 geschleudert und der auslaufende Treibstoff entzündete sich an den abgerissenen Oberleitungen. Alles stand schlagartig in Flammen.

Alle Passagiere des Flugzeugs starben, Fußgänger wurden von den Trümmern erschlagen und auch die Menschen in der Straßenbahn kamen nicht mehr lebend heraus. Nur vier Menschen schafften es lebend aus dem Wagen – aber auch sie starben später im Krankenhaus an ihren Brandwunden. Es war ganz schlimm.

Die Feuerwehr konnte zwar die brennenden Trümmer und ein angrenzendes Reifenlager schnell löschen. Aber es änderte nichts an den schlimmen Folgen der Katastrophe. Es starben 52 Menschen und 25 wurden verletzt. Und man kann es kaum für möglich halten aber Hunderte von Gaffern drängten sich an der Unfallstelle und mussten von der Polizei teilweise mit Gewalt zurückgedrängt werden. Es war einfach unmöglich.

Durch den Flugzeugabsturz an der Sankt-Paulskirche entstand wieder die Diskussion, den Flughafen in Riem nach außerhalb zu verlegen. Noch an der Unfallstelle forderte der damalige Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, dass der Flughafen Riem aufgelöst werden sollte. Nach langen politischen und juristischen Streitereien entstand erst nach 32 Jahren der neue Münchner Flughafen im Erdinger Moos und ging in Betriebnahme. Am 17. Mai 1992 schloss der Flughafen Riem seine Pforten.
An der Unfallstelle nahe der Theresienwiese erinnert seit 1961 eine einfache Bronzetafel an die Katastrophe: „Zum Gedenken an die 52 Todesopfer des Flugzeugunglücks vom 17. Dezember 1960“. Ein sehr trauriges Ereignis in der Münchner Straßenbahn-Geschichte.

Jetzt noch ein paar schöne Erinnerungen aus meiner Straßenbahnzeit.

Wenn ich Ferien hatte und meine Mutter nachmittags Dienst, dann durfte ich sie auf ihrer Fahrt begleiten. Da war ich damals so zwischen sechs und acht Jahre alt. Ich

stand neben ihr und die Leute lächelten mich freundlich an. Manchmal bekam ich auch Schokolade geschenkt; das fand ich natürlich dann schon auch schön.

Bei bestimmten Strecken war es oft sehr voll und ich machte mich ganz klein. An der Endhaltestelle war immer etwas länger Pause und dann durfte ich mich in Mutters Schaffnersitz setzen und über das Mikrophon Haltestellen ausrufen (wenn niemand mehr im Zug war) und mit dem Fahrer sprechen. Ich kam mir ganz toll vor. Die Haltestange benutzte ich als Kletterstange und turnte wie ein Affe rum (nur an der Endhaltestelle und ohne Fahrgäste!).

In den 60iger Jahren gab es noch ein paar alte Straßenbahnen aus der Vorkriegszeit. Es waren Holzbänke so angeordnet, dass man sich gegenüber saß und der Mittelgang war frei. Da es für die Schaffner in diesen alten Wägen keine Sitzgelegenheit gab bzw. sich während des Dienstes nicht hinsetzen durften, musste meine Mutter während einer ganzen Schicht über – ausgenommen an den Endhaltestellen – stehen. Das war schon ganz schön anstrengend.

Die Türen gingen nicht automatisch auf sondern mussten per Hand aufgeschoben werden. Bin da auch mal mitgefahren aber die „neueren“ Straßenbahnen haben mir besser gefallen.

Manchmal, wenn es möglich war, hat mein Vater meine Mutter nach Ende ihrer entsprechenden Schicht (hat sich ja auch immer geändert) am frühen Abend am Depot der Straßenbahnen in der Einsteinstraße abgeholt. Ich bin dann immer mitgefahren und habe mich gefreut, wenn sie kam. Ich war als Kind sehr dafür, dass sich die Straßenbahnen dann auch mal ausruhen durften.
Ich glaube, es gab kein Kind in ganz München, das mit seiner Mutter während ihrer Tätigkeit als Schaffnerin mitfahren und das erleben durfte (oder vielleicht doch?).

So nach und nach ging man dazu über, die Schaffner abzubauen. Zuerst war es so, dass in den beiden Straßenbahnwaggons im hinteren Teil diese mit je einem Schaffner besetzt waren. Man musste dort auch immer einsteigen zum Fahrschein kaufen. Dann wurde auf einen Schaffner reduziert und dieser saß im zweiten Waggon der Straßenbahn. Auch da musste man natürlich zum Fahrscheinkauf dort einsteigen. Ich frag mich natürlich, wie ehrlich die Leute waren und nicht im vorderen Waggon eingestiegen sind. Ich kann mich leider gar nicht mehr erinnern, wie das kontrolliert wurde, sporadisch oder anders.

Später war ich recht traurig, als man die Schaffner gar nicht mehr brauchte. Am 30.05.1975 wurde der letzte Schaffner verabschiedet. Meine Mutter hörte eher auf, da mein Bruder als der Dritte im Bunde der Geschwister, im Februar 1968 auf die Welt kam. Sie arbeitete dann bis zur Rente später bei der Post.

Eine Ära ging dahin und – wie ich meine – ein Stückchen Leben vom alten München war auf immer dahin. Ich habe es ja selber erlebt, wenn Leute, die sich nicht auskannten, meine Mutter fragten und immer eine kompetente Auskunft von ihr bekamen. Und wie froh sie darüber waren.

Jetzt stehen die Leute manchmal ratlos vor einem gesichtslosen Fahrkartenapparat, der weder redet, noch hübsch anzusehen ist, noch freundlich und zuvorkommend Auskunft gibt.

Mehr und mehr wird der Mensch durch Maschinen und Apparate ersetzt und ein Stück Menschlichkeit geht dadurch nun mal verloren, da kann man sagen was man will. Schade, dass meine Mutter niemals Zeit hatte und vermutlich auch nie daran gedacht hat, ihre Erlebnisse, die sie hatte, aufzuschreiben. Ich könnte mir denken, dass dies eine recht interessante Geschichte geworden wäre, auch im Hinblick auf die damalige Zeit in München, als sie in den 50iger Jahren als Schaffnerin ausgebildet wurde und was sie danach alles mit den Fahrgästen so erlebt hat. Ein Stück Zeitgeschichte Münchens unter diesem Aspekt wäre lebendig geworden.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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