Markus Zinnecker

Kijimuna

Irgendwo in Japan, in einer jener hypermodernen Städte, die nur aus Glas und Stahl zu bestehen scheinen, gibt es einen Park. Eine grüne, von hingebungsvoll arbeitenden Gärtnern perfekt gepflegte Oase der Natur inmitten einer Wüste der modernen Zivilisation. In den Park gehen fast nur Einheimische, Touristen verirren sich nur selten hierher. Einmal, an einem wunderbar sonnigen Sommertag, geschah es aber doch, dass sich ein Tourist in den Park verirrte. Es war eine junge Frau aus Europa, die für einige Zeit auf eigene Faust in Japan umherreiste, um das Land und seine Bewohner kennenzulernen. Sie hatte bereits recht gut Japanisch gelernt und war damit in der Lage, die üblichen Touristenwege zu verlassen.

Der Park war fast völlig verlassen, die meisten Menschen gingen ihrer Arbeit nach. So auch der Gärtner, der gerade dabei war einige Ziersträucher in Form zu schneiden. Irgendwann trat er einige Schritte zurück um sich sein Werk aus der Ferne zu besehen, zufrieden sah er die adrett gestutzten Pflanzen an, die sich wieder perfekt ins Gesamtbild des Parks einfügten. In diesem Moment hörte er eine Stimme, die ihn mit deutlich vernehmbarem Akzent fragte: „Entschuldigen sie, wo geht es zum Busbahnhof?“ Er drehte sich um und sah die junge Frau mit dem riesigen Rucksack. „Da sind sie hier aber ganz falsch. Der Busbahnhof ist auf der anderen Seite der Stadt. Ein weiter Weg.“ Ein Anflug von Verzweiflung legte sich auf ihr Gesicht, als sie antwortete: „Ohje, da habe ich mich wohl wieder verlaufen. Wissen sie, ich lerne noch Japanisch. Sprechen geht gut, aber beim Lesen habe ich noch Schwierigkeiten.“ Irgendetwas an ihrer Art drang zu ihm vor, eine seltsame Mischung aus Bewunderung und Mitleid. Er sagte: „Ich kann sie ein Stück mitnehmen, es ist ungefähr meine Richtung.“ Er zeigte auf den kleinen Pritschenwagen, der auf dem Kiesweg stand. Das typische Fahrzeug eines Gärtners, mit Hacken, Rechen und Erde auf der Ladefläche. „Arigato*“ war alles, was sie sagte, aber der Ausdruck ihrer Augen verriet, wie tief ihre Erleichterung war.

Während der Wagen langsam durch den Park rollte, sah sie aus dem Fenster, ihr Blick wanderte über die akkurat angelegten Beete und gestutzten Sträucher, den Teich in dem glitzernde Koi umher schwammen, und zu einem struppigen, wild wuchernden Baum, der mitten auf einer Rasenfläche stand. „Der Park ist wunderschön“ sagte sie „aber der Baum dort, der ist anders als alle anderen Pflanzen hier. Wieso darf er wild wachsen?“ Der Gärtner lächelte: „Weil es ein ganz besonderer Baum ist. Der Baum des Kijimuna.“ Dann erzählte er ihr vom Kijimuna, vom Baumgeist, der in jenem Baum wohnte. Von jenem mächtigen Zauberwesen, das denjenigen, denen es gegönnt war ihn zu sehen, in der Gestalt eines kleinen Kindes erschien. Davon, dass der Baumgeist mit seinem Zauber des Guten denjenigen half, die ebenfalls Gutes taten.

Vor langer Zeit, als es die Stadt noch nicht gab und hier kein Park, sondern ein dichter Wald war, floh ein Mensch vor seinen Feinden. Im Wald stürzte er in eine Grube und kam nicht mehr heraus. Der Kijimuna bemerkte das und blickte vorsichtig über den Rand der Grube. „Was hast du in deinem Leben Gutes getan?“ Fragte er den Menschen in der Grube. „Ich habe erst vor zwei Tagen meinem Nachbarn einhundert Yen geliehen, damit er seine Schulden bei einem bösen Samurai bezahlen konnte.“ „Warum hast du das getan?“ Fragte der Kijimuna weiter. „Weil mir der Nachbar letztes Jahr beim Pflügen geholfen hat.“ „So hast du nichts Gutes getan“ sagte der Kijimuna und fuhr fort: „Gutes tun heißt es aus freien Stücken tun, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten.“ Dann wandte er sich ab und ging in den Wald. Der Mensch saß noch immer in der Grube.

Am nächsten Morgen ging der Kijimuna wieder zur Grube und sah zum Menschen hinunter. „Was hast du in deinem Leben Gutes getan?“ Fragte er den Menschen. Dieser erinnerte sich an den Tag zuvor und antwortete: „Ich habe der Witwe, die am Stadtrand wohnt, einen Sack Reis gegeben.“ „Warum hast du das getan?“ Fragte der Kijimuna weiter. „Weil sie sonst verhungert wäre.“ Antwortete der Mensch. Da sprang der Kijimuna zu ihm hinunter in die Grube und ergriff seine Hand. Dann spukte er auf den Boden und siehe da: An jener Stelle wuchs mit rasender Geschwindigkeit eine Ranke. Schnell ergriff der Kijimuna die Ranke mit der freien Hand und schon wurden beide, Kijimuna und Mensch, nach oben aus der Grube gezogen.

 

Für einen kleinen Moment kehrte Stille im Wagen ein, dann sagte der Gärtner: „Da ist der Busbahnhof“ und hielt am Straßenrand an. Die junge Frau stieg aus und bedankte sich, außerdem, wollte sie ihm etwas Geld geben, doch er sagte: „Denken sie an die Geschichte. Der Kijimuna ist immer noch da und wer weiß, vielleicht falle ich auch einmal in eine Grube.“ Lächelnd fuhr er davon, die Straße zum Park zurück, weil der Busbahnhof wohl nur sehr ungefähr in seiner Richtung lag. Die Touristin sah ihm noch einen Moment nach. Ab diesem Tag begleitete sie der Kijimuna auf ihrer Reise durch Japan und später auch zurück nach Hause. Was gut ist, denn den Kijimuna braucht jeder Mensch von Zeit zu Zeit, denn wir alle fallen gelegentlich in die eine oder andere Grube.




*
Arigato = jap. Danke

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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