Angela Pokolm

Winterträume

    
     Als ich den Wald betrat, umfing mich eine feierliche Stille. Der schmale Weg, den ich vom Sommer her so gut kannte, war kaum zu sehen. In der Nacht war frischer Schnee gefallen, aber ich fand mich auch so zurecht. Oft schon hatte ich dieses kleine Wäldchen aufgesucht, wenn etwas Schweres und Dunkles mein Herz bedrückte.

Wie still es war. Die Natur schlief. Keine Vogelstimmen waren zu hören. Nur ab und zu fiel mit leisem Flüstern etwas Schnee zu Boden, hoch oben von einem Baum, knackte ein Ast. Meine eigenen Schritte kamen mir sehr laut vor, als würde ich etwas Feierliches stören.

Schräg von der Seite fielen Sonnenstrahlen zwischen den Baumstämmen vor mir auf den Weg; die Schatten der Bäume schimmerten bläulich im weißen Schnee. Ich blieb stehen.
Die Zweige schienen mit feinster Filigranstickerei bedeckt. Das Sonnenlicht brach sich in den Schneekristallen; bei jeder Bewegung des Kopfes war es, als funkelten Diamanten.

Ich folgte der Spur der Sonnenstrahlen zwischen den Stämmen hindurch, ging direkt in die goldene Bahn hinein. Am Waldrand angekommen, lehnte ich mich an den Stamm einer kleinen Birke und schaute über das weite Feld.

In der Ferne duckten sich ein paar Häuschen in den Schnee; aus ihren Schornsteinen quoll weißer Rauch, - wie mit einem Pinsel gemalt. Der Himmel wölbte sich hoch und klar, zartblau - wie aus Glas - über dem Land. Die Sonne stand schon schräg, und der Schnee glitzerte so stark, dass ich für einen Moment meine Augen schloss. In meiner Seele stieg die Erinnerung an ein Erlebnis auf, an das ich schon lange nicht mehr gedacht hatte.

   

     Ich glaube ich war etwa 16 Jahre alt. Es war Weihnachtszeit. Das Land war von tiefem Schnee bedeckt, unser Häuschen fast ganz zugeschneit. Und kalt war es, viel kälter als hier, bitter kalt. Damals kannte man noch keine Zentralheizung, nur in der großen Küche wurde geheizt, wo sich tagsüber die ganze Familie aufhielt. Der Frost malte die herrlichsten Blumen an die Fenster. Wenn man darauf hauchte, zerflossen die Blüten, verschwammen, bildeten sich im Nu wieder neu. Und jedesmal anders. Ein faszinierendes Spiel für meine Geschwister und mich.

Wie jedes Jahr um diese Zeit wollten wir die Großeltern besuchen, wo dann stets alle Verwandten zusammenkamen. Wir freuten uns schon lange vorher darauf, denn es war für uns ein großes Erlebnis, all die vielen Onkels und Tanten, Vettern und Basen wiederzusehen; ganz abgesehen von dem Festmahl, das die Großeltern für uns bereit hielten. Das war ein Leben!

Mit am meisten Spaß bereitete uns die Fahrt selbst. Es war immer ein richtiges Abenteuer, wenn wir mit dem Pferdeschlitten über das verschneite Land fuhren. Die Glöckchen am Geschirr klingelten, und wenn man gut aufpasste, konnte man sogar einen Eiskobold sehen.

Schon tagelang vorher beobachteten wir das Wetter, denn nur wenn viel Schnee lag und dieser zudem noch gefroren war, das heißt eine ziemlich feste Eisdecke bildete, konnten wir mit dem Schlitten fahren. Andernfalls müssten wir den Zug benützen, was nicht nur um einiges länger dauerte, sondern für uns Kinder auch recht langweilig war, vor allem für die jüngeren Geschwister.

 

Dieses Jahr hatte der Winter es gut mit uns gemeint und uns eine wunderbare Schlittenbahn beschert.

Doch ein dunkler Schatten lag über unserer Familie. Es war das erste Mal, dass Mama nicht dabei war. Ein heißer, gewittriger Sommertag hatte uns Mamascha, die Seele unserer Familie, genommen. Sie hatte ein Lücke hinterlassen, mit der sich keiner von uns anfreunden konnte. Papascha arbeitete sehr viel, um über den Schmerz hinweg zu kommen. Und auch wir Geschwister waren oft traurig. Nicht selten kam es vor, dass einer von uns mit einer Neuigkeit zur Tür hereinstürmte, mit dem Ruf: „ Mamascha, hör nur, was mir passiert ist!“ Und gleich darauf verstummte: Mamascha war nicht mehr da.

Ich, als die Älteste, musste nun die Rolle Mamas übernehmen, so gut ich konnte. Freilich half mir Marussja, die Frau unseres Knechtes; aber sie hatte selber einen großen Haushalt mit 6 Kindern und daher nicht viel Zeit und Kraft übrig. Und für eine 16Jährige war die Sorge für eine 5köpfige Familie manchmal schon arg schwer.

 

Aber heute wollten wir uns freuen. Heute würden wir mit dem Pferdeschlitten fahren!

Papa hatte uns schon zeitig früh geweckt. Es war noch dunkel. Während Marussja für uns Tee kochte und das übliche Mus anrührte, sorgte ich dafür, dass meine Geschwister mit ihrer Morgentoilette so rasch wie möglich fertig wurden. Das war keine so leichte Aufgabe. Meine Brüder pflegten gerne mit Wasser und Seife eine Schlacht zu veranstalten. Und Lydja, das 5jährige Schwesterchen, musste beim Waschen und Anziehen beaufsichtigt werden. Papa und Jurka, unser Knecht, hatten unterdessen schon die Pferde gefüttert und vor den großen Schlitten gespannt.

Als wir nach einem kurzen, hastigen Frühstück - wir waren alle zu aufgeregt, um tüchtig essen zu können - dick vermummt mit Fellmänteln und -mützen und Filzstiefeln auf den Hof hinaustraten, empfing uns eine beißende Kälte. Es war windstill und so kalt, dass der Atem sofort zu Reif gefror.

Ganz weiß bedeckt waren damit die Köpfe der Pferde. Schwarz hob sich der winterliche Nachthimmel über uns, an dem ein kalter runder Mond stand. Ein Meer von Sternen glitzerte hoch und unendlich fern. Im Osten zeigte sich ein zaghafter heller Schein: Der Vorbote des beginnenden Wintertages.

Jurka leuchtete mit der Laterne, während Papa die Körbe mit den Geschenken im Schlitten verstaute, die Marussja und ich gestern zurechtgemacht hatten. Inzwischen waren die Brüder schon hineingeklettert. Papa setzte Lydotschka in ihre Mitte, und ich deckte meine Geschwister fest mit Felldecken zu. Ich selbst durfte vorne bei Papa sitzen, worüber ich mich immer sehr freute, denn da hatte ich ihn einmal ganz für mich allein und fühlte mich richtig erwachsen. Manchmal übergab mir Papascha sogar die Zügel, und es war für mich stets ein herrliches Vergnügen, pfeilschnell mit Wagen oder Schlitten über das Land zu fliegen.

Der Boden des Schlittens war mit Stroh aufgefüllt und mit heißen Backsteinen angewärmt, sodass wir auch an den Füßen nicht zu frieren brauchten.

Ich sah Papa von der Seite an und bemerkte wohl den traurigen Schatten, der über sein Gesicht flog. Und ich verstand ihn: Mamascha.

Jurka hatte die ganze Zeit über den ungeduldig stampfenden Krassá, das Leitpferd, am Zaum festgehalten. Nun gab er ihn frei, trat zurück. Papascha klatschte mit der Peitsche, ruckte an den Zügeln und die Pferde trabten an.

Wir schauten zurück und winkten Jurka und Marussja, die während unserer Abwesenheit Haus und Tiere hüten würden. Immer kleiner wurde das Licht der Fenster unseres Hauses, immer winziger das helle Funkeln der Laterne. Bald umfing uns nur mehr die Dunkelheit der Winternacht.

Lustig klangen die Glöckchen in der klaren Luft. Hei, wie der Schlitten so leicht und schwerelos dahinglitt! Wir fuhren nach Osten, in den dämmernden Morgen hinein. Der helle, jetzt fast grünlich schimmernde Streifen am Horizont verbreiterte sich immer mehr. Die Sterne verblassten zusehends, und auch der Mond verlor seinen kalten Glanz. Alles schien die Formen zu verlieren, zu verschwimmen, sich im milchigen Grau der Dämmerung aufzulösen.

Wir waren alle ganz still geworden. Hatten wir anfangs noch scherzhafte Bemerkungen ausgetauscht, waren wir jetzt gefangen in dem Zauber der Stunde zwischen Nacht und Tag. Es war nichts zu hören außer den Glöckchen am Geschirr, dem Traben der Pferde und dem Knirschen der Schlittenkufen auf dem hartgefrorenen Schnee.

Dunkle Schatten huschten an uns vorüber. Feine weiße Gestalten winkten uns zu und traten ins Grau zurück. Kobolde und Feen, Trolle und Elfen - oder waren es nur Bäume und unser eigener Atem? Wer kann das schon unterscheiden in dieser Stunde zwischen Traum und Wirklichkeit?!

 

Ein zartes rötliches Leuchten hatte sich im Osten erhoben, es wurde immer stärker und breitete sich zusehends weiter aus, erfasste nicht nur den Himmel, sondern auch das Land. Die endlose Schneefläche vor uns begann sachte zu glühen, als hätte jemand in eine riesige Glut geblasen und diese würde nun ihr feuriges Licht weithin sichtbar ausstrahlen.

Die Kälte schien noch stärker geworden zu sein. Papa hatte dicken Reif auf seinen buschigen Augenbrauen. Um Mund und Nase hatte er einen Schal geschlungen, wie wir Kinder auch, der von der Atemluft steif wie ein Brett gefroren war.

 

Da ergoss sich vor uns eine flüssige Goldader auf den Schnee. Alles schien in Flammen zu stehen, zu verbrennen. Langsam, ganz langsam, schob sich ein rotglühender Ball am Himmel empor. Man konnte nur einen winzigen Augenblick hinsehen, dann musste man geblendet die Augen schließen. Es war, als wäre die Tür zum Paradies offen und wir könnten direkt in den Himmel hineinschauen. Wie im Märchen vom Goldfinger.

Wenn Mamascha das sehen könnte!

Oder war es nicht ein Gruß von ihr an uns, ihre Lieben, die sie allzu früh hatte zurücklassen müssen?

Ich schob meine Hand unter der Felldecke hervor und legte sie auf Papas Arm. Er wandte sich um, und ich sah in seine ernsten und gütigen, tiefblauen Augen. Und ich wusste, dass er jetzt so fühlte wie ich.

Langsam verblasste das Glühen, die Tür zum Paradies schloss sich wieder.

Die Sonne ging auf, und es begann ein strahlender Wintertag. Wir konnten nun auch schon das Birkenwäldchen erkennen, von dem es gar nicht mehr weit bis zum Posthaus war. Dort würden wir unsere Fahrt unterbrechen und uns ein wenig ausruhen, bevor wir den Rest des Weges zu den Großeltern antraten.

 

          Benommen hob ich den Blick. Die Sonne war schon am Untergehen und sandte lange rötliche Strahlen auf den Schnee

Ich wusste nicht gleich wo ich war – alles schien mir auf einmal so fremd – und wischte mir über die Augen. Da merkte ich, dass mein Gesicht von Tränen überströmt war.

Ich trat zurück in den schon dämmerigen Wald und machte mich auf den Heimweg. In meinem Herzen war eine leise Wehmut; aber der dumpfe Druck, die düstere Stimmung, war einem tiefen Frieden gewichen.

 

Angela Pokolm

 

 

 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Angela Pokolm).
Der Beitrag wurde von Angela Pokolm auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Finderlohn und andere Stories von Susanne Henke



Dreizehn Kurze mit Biss von einsatzfreudigen Fußballfans, kreativen Werbefachleuten, liebeskranken Kaufhauskunden und modernen Kopfgeldjägern.
Und dann:
"Auf dem Weg zum erfolgreichen Abitur will ein privates Institut seine Schützlinge begleiten. Ein langer, für das Institut lukrativer Weg, denkt Frank, als der etwa sechzehnjährige Rotschopf neben ihm in sein Handy grölt:
'Wir sin¹ grad in Bahn, Digger!'"

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)

Angela Pokolm hat die Funktion für Leserkommentare deaktiviert

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Zauberhafte Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Angela Pokolm

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Das Lied der Lerche von Angela Pokolm (Romantisches)
Ihr Freund, der Baum von Christa Astl (Zauberhafte Geschichten)
Zwangserkrankung - Mein Weg aus der Angst von Anschi Wiegand (Lebensgeschichten & Schicksale)