Markus Zinnecker

Enola Gay

In einem Museum in den Vereinigten Staaten von Amerika steht ein altes Flugzeug. Natürlich ist es nur eines von vielen alten Flugzeugen, die in vielen Museen des Landes zu sehen sind. Auf den ersten Blick unterscheidet es sich auch nicht großartig von all den anderen Relikten der Luftfahrtgeschichte. Der blank gewienerte und auf Hochglanz polierte Aluminiumrumpf der Maschine glitzert im Licht der Scheinwerfer, die vier Propeller stehen akkurat ausgerichtet vor den riesigen Motoren. Ein undeutlicher Geruch nach Öl und altem Gummi geht von der Maschine aus. Vermischt sich mit den Gerüchen der anderen Flugzeuge die in der Halle stehen.

Das Flugzeug, gebaut von Boeing, Typenbezeichnung B-29, trägt die Seriennummer 44-86292, es ist einer von vielen Tausend schweren Bombern, die in den USA während des Zweiten Weltkrieges gebaut wurden. Heute, Jahrzehnte nach ihrem letzten Flug, schweigen die Motoren und Maschinengewehre. Die Türen des Bombenschachts stehen offen, geben den Blick frei auf die verwaiste Behausung des Todes.

Wie gesagt, es ist ein ganz gewöhnliches, altes Flugzeug. Auf den ersten Blick zumindest, denn von ihm geht eine seltsame Aura aus. Ein finsterer Schatten scheint über der Maschine zu schweben, wie eine dunkle Wolke, die niemals vergeht. Eine kleine Tafel erzählt die besondere Geschichte jenes Flugzeugs, das von seiner Besatzung einst den Namen Enola Gay erhielt. Benannt nach der Mutter eines ihrer Piloten.

In den frühen Morgenstunden des 6. Augusts 1945 ging die Besatzung zu ihrer Maschine, der Einsatz war tausendfach geübt worden, jeder Handgriff tief verinnerlichte Routine. Zwölf Männer und eine tödliche Fracht rasten über die Startbahn der kleinen Pazifikinsel Tinian. Kurs Nord, Nord-West, in Richtung Japan. Um 8 Uhr 15 Ortszeit hatte die Maschine ihr Ziel erreicht, in zehntausend Meter Höhe öffneten sich die Türen des Bombenschachtes und die einzelne Bombe, die sich darin befunden hatte, fiel heraus. Der Pilot zwang das Flugzeug sofort nach dem Abwurf in eine scharfe Kurve und verließ das Zielgebiet so schnell wie möglich.

Genau wie es die Ingenieure vorherberechnet hatten, explodierte die Bombe sechshundert Meter über dem Boden, etwa eine Minute nach dem Abwurf. Eine Sekunde später hatte die Druckwelle der Explosion achtzig Prozent des Zielgebietes dem Erdboden gleich gemacht. Die Hitze der Detonation entzündete Feuer in bis zu zehn Kilometern Entfernung. Einige Zeit später ging radioaktiver Regen über dem nieder, was einst die Stadt Hiroshima gewesen war. Die erste Atombombe der Geschichte war gefallen, die Welt war nicht mehr dieselbe wie zuvor.

Diese Geschichte erzählt das alte Flugzeug in seinem Museum. Die Aura des Todes, die es bis heute für diejenigen umgibt, die für solche Dinge empfindsam sind, hat es seit jenem Tag nie verlassen. Es scheint, als würde sich ein Feuer in der polierten Hülle spiegeln. Das Feuer der atomaren Hölle? Vielleicht, aber möglicherweise auch das Feuer der Hoffnung, denn Enola Gay erzählt noch eine andere Geschichte.

Auf der Tafel, die die Geschichte beschreibt, sind auch einige Fotos zu sehen. Alte Bilder des Flugzeugs und der zerstörten Stadt. Aber auch ein Foto das nicht so recht zu passen scheint. Ein weißer Kranich, gefaltet aus einem Bogen japanischen Papier. Origami heißt die Kunst, Papier zu kleinen Skulpturen zu falten. Eine alte japanische Legende erzählt, dass demjenigen, der tausend solcher Kraniche faltet, die Götter einen Wunsch gewähren.

Sadako Sasaki war zwei Jahre alt, als die Atombombe auf Hiroshima fiel. Sie hatte Glück, scheinbar zumindest, wurde zu dem, was man in Japan eine Hibakusha nennt. Jemanden, der die Atombombenabgriffe auf Hiroshima und Nagasaki überlebt hat. Wie viele andere Hibakusha auch, erkrankte Sadako an Leukämie. Sie begann Kraniche zu falten, denn sie glaubte an die Zauberkraft der alten Legende. Doch die Götter hatten andere Pläne, versagten ihr den Wunsch auf Heilung und den Sieg über den Krebs.

Die Geschichte des Mädchens und seiner Kraniche ging um die Welt, wurde zu einer Keimzelle des Widerstandes gegen Atomwaffen im Besonderen und Gewalt im Allgemeinen. Der weiße Papierkranich ist heute ein Symbol des Friedens, der Versöhnung und der Hoffnung auf eine bessere Welt, nicht nur in Japan. Die Motoren Enola Gays mögen für immer verstummt sein, doch die Kraniche fliegen, überall wo noch Gewalt und Hoffnungslosigkeit herrschen. Die Hoffnung ist eine der stärksten Kräfte, sie kann da gedeihen, wo Feindschaft überwunden und Grenzen eingerissen werden. Auch in den scheinbar kleinen Konflikten, die jeder kennt und die allzu oft ihre ganz eigenen Atombomben und unschuldige Opfer kennen.

Wir sollten niemals vergessen, dass es zu jeder Enola eine Sadako gibt, mindestens!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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In meinen Gedichten, schreibe ich mir meine eigene Realität, meine Träume auch wenn sie oft surreal, meistens abstakt wirken. Schreiben bedingt auch meine Sprache, meine Denkmechanismen mein Gefühl für das Jetzt der Zeit.

Ich vernehme mich selbst, ich höre tief in mich rein, bin bei mir, hier und jetzt. Die Sprache ist dabei meine Helfershelferin und Komplizin, wenn es darum geht, mir die Wirklichkeit vom Leib zu halten. Wenn ich mein erzähltes Ich beschreibe, beeinflusse, beschneide, möchte ich begreifen, wissen, welche Ursachen Einflüsse bestimmte Dinge und Menschen auf mein Inneres auf meine Handlung nehmen, wie sie sich integrieren bzw. verworfen werden um mich dennoch im Gleichgewicht halten können.

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