Ingo R. Hesse

Toleranz ist keine Einbahnstraße

Vor etwa vier Jahren hatte der nun zweiunddreißigjährige Malte die Stelle in der Einkaufsabteilung dieser Im- und Export Firma angetreten. Viele seiner Freunde und Verwandten hatten ihn damals gewarnt. Ein von einem moslemischen Migranten inhabergeführter, kleiner Betrieb. Da würden doch Kulturen aufeinander prallen. Und außerdem wisse man ja nicht, ob man ihn, den „Ungläubigen“ dort respektieren würde.

 

Inzwischen waren aber die Warner von damals still geworden. Und Malte war dankbar für jeden Tag, den er hier arbeiten durfte. Nicht zuletzt, weil er sich das kleine Büro mit Hatice, der Nichte des Inhabers, teilte.

 

Die tägliche Nähe zu ihr und die freundliche Art dieser sechsundzwanzigjährigen orientalischen Schönheit, hatten den Mann in Malte nicht unberührt gelassen. So hatte er schon nach ein paar Monaten erste zaghafte Flirt-Versuche unternommen. Doch sie hatte stets auf ihre unvergleichlich naiv wirkende Art so getan, als habe sie das nicht bemerkt.

 

Erst seit etwa einem halben Jahr waren sie sich dann doch etwas näher gekommen. Wirklich nur etwas. Aber für Malte so weit, dass er sich schon in rosigen Farben eine Zukunft mit ihr ausmalte. Immerhin war sie eine moderne junge Frau, die in Kleidung, Frisur und Auftreten in nichts den deutschen jungen Frauen, die Malte kannte nachstand.

 

Nur in einem für ihn sehr unbequemen Punkt, unterschied sie sich doch von den meisten anderen jungen Frauen. Denn als er sich ein Herz gefasst und sie gefragt hatte ob sie ihn zu einem Open-Air-Konzert begleiten würde, hatte sie zwar nach einigem Zögern zugestimmt. Aber unter der Bedingung, dass ihr Onkel, der ihr ihre verstorbenen Eltern ersetzte und den sie sehr liebte, einverstanden wäre. Und selbstverständlich müsse er, Malte, ihn um Erlaubnis bitten.

 

Nie würde er die Gefühle vergessen, mit denen er eines Tages kurz nach Feierabend an die Tür des Chefbüros geklopft hatte. Aber nachdem der Chef ihn einige endlos scheinende Minuten hatte schwitzen lassen, hatte er doch eingewilligt. Nicht ohne ihm eine genaue Uhrzeit für die Rückkehr seiner Nichte und einige Verhaltensregeln mit auf dem Weg zu geben. Und irgendwie scheinbar zu sich selbst hatte er zum Abschied gemurmelt „Toleranz ist keine Einbahnstraße!“.

 

Doch nun, ..heute, nachdem Hatice Malte schon zu einer Dichterlesung, einem Stadtfest und einer Public-Viewing-Veranstaltung begleiten gedurft hatte, stand er leicht gehemmt und etwas frierend, nur mit seiner Badehose bekleidet vor der Damen-Dusche im Freizeitbad der Nachbarstadt.

 

Erinnerungen kamen auf. An damals als er zum ersten Mal mit Lennja, der Schwester eines seiner Fußball-Kameraden hier gewesen war. Erste verstohlene Blicke in fast kindlicher Unbefangenheit. Erste Berührungen der nackten Haut. Erste … .

 

Maltes Herz blieb stehen! Von den Zehenspitzen bis zum Haaransatz durchströmten ihn mehrere heiß-kalte Wellen. Als er bemerkte, wie weit sein Mund offen stand und dass sich die letzte Hitze eine dieser Wellen sicherlich dunkelrot in seinem Gesicht fest gesetzt hatte, versuchte er sich zu fangen. Doch es gelang ihm nur teilweise.

 

Mit allem hätte er rechnen können. Aber doch nicht damit! Oder doch?

 

Hatice, die zugegebenermaßen selbst in diesem, ihren ganzen Körper, ihr langes schwarzes Haupthaar und selbst ihr Kinn und die Ohren bedeckenden, schwarz-rotem Etwas aus Neopren umwerfend aussah, lächelte ihn an. Mit einer Mischung aus verschmitzt, ängstlich und frech. „Habe ich meinem Onkel versprochen!“ Und als sie bemerkte, dass Malte immer noch nicht sprechen konnte, legte sie mit einem Lächeln noch ein kaum hörbares „Toleranz ist keine Einbahnstraße!“ nach.

 

Flucht, sich tot stellen oder angreifen. Was käme nun für Malte in Frage? Er wusste es nicht. Doch dann zog er sie zu sich heran und legte seine Arme um sie. „Niemand kann jetzt sagen ich hätte Dich angefasst!“ grinste er. Doch sie wand sich aus seiner Umarmung und ging ins nahe gelegene Warmwasser-Becken.

 

Begleitet von den Augen der meisten anderen Badegäste. Malte folgte ihr. Und auch er wurde beäugt. Unterschiedlichste Gefühle und Einschätzungen trafen ihn wie Pfeile. Er versuchte, Bewunderung in irgend einem der Gesichtsausdrücke zu finden. Vergeblich. Verwunderung ja. Verachtung vielleicht. Der alte Mann mit dem überlangen, nassen Kinnbart dachte sicher Malte sei Moslem und zwinge seine Frau zu dieser .. .

 

Wie es mit ihm und Hatice weitergehen würde, war ihm nicht klar. Aber ganz sicher war er sich, dass er zunächst einmal diese Stunden im Freizeitbad möglichst mit erhobenem Haupt hinter sich bringen würde. Und erst wenn er wieder ganz für sich alleine wäre, ..würde er das alles noch einmal auf sich wirken lassen. Mit offenem Ergebnis.

 

Ein Blick in Hatices Augen sagte ihm, dass auch sie einiges zu bedenken hätte. Aber auch nicht hier an diesem Ort.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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