Jürgen Behr

Der Brief

Der Brief

Immer, wenn die Tage grau sind, wie der Himmel, der sich über sie wölbt, fühle ich mich, als sei es ein letzter Tag, irgendein letzter Tag, vor einer Abreise, vor einem Abschied, vor irgendetwas. Dann fällt Regen; meist ist es feiner Regen, fast nur Nebel, der sich senkt. Und es sieht so kahl aus da draussen, wenn man am Fenster steht. Ich warte gerne an Fenstern und geniesse das angenehme Gefühl, dass bald etwas geschehen müsse, etwas, auf das zu warten sich lohnt. Schliesslich ist Warten eine sinnvolle Beschäftigung, auch an Regentagen, oder ganz besonders dann.

Es ist auch schon geschehen, dass mich Leute gefragt haben, worauf ich denn immer warte, wenn ich ans Fenster gelehnt vor mich hin starre. „Ich“, gebe ich ihnen zur Antwort, „warte auf den Postboten; er muss mir den Brief bringen. Wisst ihr? – den Brief“. „Welchen Brief?“ fragen sie dann und schauen mich ganz lange an, ganz lange. „Den Brief“, sage ich dann nur, „eben nur den Brief. Wüsste ich, wer ihn mir sendet, und was er enthält, müsste ich denn noch warten?“ Sie lachen dann, sie lachen so viel, immer lachen sie und gehen, dort hinaus in den Regen, der langsam fällt. Grau, undurchdringlicher Nebel, der ist wie eine Mauer, ja gerade so.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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