Inge Hoppe-Grabinger

Spaziergang in Berlin


Wenn der Wetterbericht sagt, es würde sich demnächst eintrüben,
dann muss man sich ganz schnell aufraffen, um ganz schnell einfach
loszulaufen. "Tschüss, ich gehe spazieren. Bis später."  Und dann
konsequent die Straßen vermeiden, die man schon kennt. Ganz am
Anfang geht das natürlich nicht, aber ganz schnell erreicht man die
Straßenecken, deren Namen man noch nie gehört hat.
Ich nähere mich dem Schöneberger Gasometer, aber seltsamerweise
gelingt es mir nicht, mich ihm wirklich zu nähern. Die Straßen, die
ich entlanglaufe, sind  offenbar weitgehend  vom Krieg verschont
worden. Jede Menge Häuser aus der Gründerzeit und an vielen
Häusern  im ersten Stock sechs oder acht  Fratzen (?), alle gleich
aussehend.  Ich begrüße sie , denn trotz ihres gleichen Aussehens
sind sie tausend mal lebendiger als die Monotonie  an den neueren
Häusern. Ich laufe immer auf den sonnenbeschienenen Seiten entlang,
es sei denn, irgendetwas irritiert mich, was ich mir anschauen muss.
Im Schatten entdecke ich einen Klavierladen, ramschig und düster.
Im Schaufenster steht ein zerlegtes Klavier. Zum ersten Mal betrachte  ich
die tausend Glieder  und erfahre, dass die normalerweise sichtbare  einzelne
Taste nur ein kurzes Stück der gesamten Taste ausmacht.
Die Welt des Klavierstimmers. Dabei gab es vor kurzem in einem Supermarkt
das rollbare Klavier. Sah aus wie eine Stoffbahn und konnte von l, 6O  mtr.
auf ein Bündel reduziert werden. Und mit Strom war es  jederzeit in Betrieb
zu setzen. Ich hätte so gern ein Klavier mit nur 5  Oktaven. So etwas gab es,
ich hab ein kaputtes Exemplar  in Kreuzberg gesehen. Aber man wollte es
mir nicht verkaufen.

Es gab noch einen Anlass, auf die Schattenseite zu wechseln. Direkt an einer
Ecke gab es ein Sarggeschäft.  Eigentlich ist man doch in der letzten Zeit dazu
übergegangen, in solchen Geschäften  einem den Anblick von "letztendlichen"
Ausblicken zu ersparen. Aber hier stand er: der Sarg, schwarz und unübersehbar.
Und umsäumt war er von  gestempelten Briefmarken, abgelöst von Briefen,
aus aller Welt.

In der Sonne stand dann ein kaputtes Fahrrad mit nur einem Rad. 
Daran ein Zettel: man möge es doch bitte schmücken!  
Und das war es: Rosa und golden, liebevoll umrankt von üppigen
Girlanden.

l8. Jan. 2O2O  - ihg  









 

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