Steffen Herrmann

Der Putsch. 5. Stalins Tod

Der Krieg ging nun ins achte Jahr. Die Deutschen waren seiner müde geworden. Eine gewisse Mattigkeit hatte sich verbreitet, auch ein von Resignation umhüllter Zorn. Die vielen Toten! Zwar lieferten die Amerikaner weiter Waffen: so viele und so leistungsfähige, dass Deutschland den Krieg gar nicht verlieren konnte. Zwar kämpfte man inzwischen auf russischem Territorium. Doch es gab immer wieder Rückschläge, manchmal empfindliche Niederlagen.

Das war Deutschland 1947. Heillos verschuldet bei den vereinigten Staaten. Rückzuzahlen nach dem Endsieg, so stand es in den bemerkenswerten Verträgen. Der aber liess auf sich warten. Und das Grauen der Front! Die Truppen waren auf ganze Landstriche gestossen, wo die Dörfer zerstört, die Einwohner niedergemacht worden waren. Alte, Kinder, Frauen … Und es waren nicht die Deutschen gewesen, die das verbrochen hatten. Sie stiessen auf Massengräber, wo ganze Bataillone exekutiert worden waren, die Leichen stapelten sich. Von den eigenen Leuten niedergemetzelt! Stalins Schergen wüteten schlimmer als jemals zuvor.

Die Humanisierung des Krieges, die Stauffenberg von Anfang an, gegen den Widerstand vieler Militärs durchgesetzt hatte, hatte sich bewährt. Auf Kriegsverbrechen stand die Todesstrafe. Hunderte Offiziere hatte Staufenberg am Anfang seiner Herrschaft hinrichten lassen, noch 1945 hatte es Exzesse der Gewalt gegeben.

«Wir haben denselben Feind wie ihr!» hiess es auf Flugblättern, die tonnenweise über den russischen Linien abgeworfen wurden. «Wir kommen als Befreier, nicht als Besatzer. Unser Stalin hiess Hitler, der ist tot und verdammt.»

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Die Nachricht von Stalins Tod schlug ein wie eine Bombe. Stauffenberg las gerade den täglichen Lagebericht, als Tresckow hereinstürmte.

«Stalin ist tot.» schrie er. Dann schnaufte er kurz und sprach ruhiger weiter. «Man weiss nicht viel, aber es ist anzunehmen, dass er umgebracht worden ist. Von seinen eigenen Leuten des inneren Zirkels.»

«Wer tritt an seine Stelle.»

«Berija.»

Berija! Ein Sturm von Gedanken schoss durch Stauffenbergs Kopf. Aber er wollte erst erfahren, was sein Freund davon dachte.

«Was denkst du von ihm?»

«Ein sehr kluger Mann. Intelligent wie Stalin auch, vielleicht intelligenter, dazu ein hervorragender Organisator. Natürlich ein übler Typ, ein Sadist der schlimmsten Sorte.»

«Der russische Himmler.»

«Das trifft es.»

Stauffenberg dachte nach: «Was ändert sich für uns?»

«Vielleicht vieles.» entgegnete Tresckow. «Berija will verhandeln.»

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Bals darauf traf ein langes Telegramm ein, in fehlerlosen Deutsch. Es wirkte so, als wäre es schon früher geschrieben, so ruhig und durchdacht war es.

«Hmm.» machte Stauffenberg.

«Wir haben den Krieg fast gewonnen.» meinte Tresckow. Warum jetzt verhandeln? Warum einen halben Sieg, wenn man einen ganzen kriegen kann? Das Volk würde es nicht verstehen.»

«Das Volk ist müde.» entgegnete Stauffenberg. «Es will nicht noch eine Million toter deutscher Männer.»

«Willst du etwa darauf eingehen?»

Was Berija anbot, war eine grossflächige Gebietsabtretung. Russland bis hinter Petrograd, die Ukraine und natürlich das Baltikum sollten deutsches Gebiet werden. Der gesamte Moskauer Raum würde russisch bleiben. Dazu wollten sie einen ‘Freundschaftsvertrag’.

«Wenn wir die Russen nicht zu einer bedingungslosen Kapitulation bringen und sie direkt vor der Nase haben, wird es nie ruhe geben!»

«Vielleicht ist es genau umgekehrt gab Stauffenberg zurück. «Wir können unmöglich bis nach Wladiwostok. Ganz Sibirien zu besetzen, das ist unmöglich, diese weiten räume fressen alles und jeden. Denk dir einmal, wir nehmen Moskau ein. Was wird der Kreml machen? Sie werden sich rechtzeitig in die Taiga absetzen und dort verbunkern. Sie werden uns dann attackieren, wenn sie die Zeit für geeignet halten. Die Russen werden nie auf Moskau verzichten.»

«Ich weiss nicht.» murmelte Tresckow. «Ein Freundschaftsvertrag! Ist das nun reiner Zynismus?»

«Ich denke nicht.» sagte Stauffenberg. «Eher ist es wohldurchdacht. Denke doch, wer nach dem Endsieg unser grösster Rivale, unser entschiedener Gegner sein dürfte. Die Amerikaner …. Vielleicht können wir die Russen noch brauchen.»

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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