Klaus Mallwitz

Gespräche im Gefängnis (1)

Er sitzt mir gegenüber.
Mein Mörder.
Nicht Mörder,
er wollte ja nur…
 
mich ermorden.
Wollte er?
Wirklich?
 
Es ist lange her,
40
oder 41 Jahre,
da kommt er einfach…
 
Genau weiß ich es nicht.
Obwohl ich alles notiere,
was mich bewegt.
Seit ich neun war,
mach ich das.
Einfach so.
Irgendwas will raus aus mir.
Irgendwas.
 
NeunJahre alt.
Aber das habe ich mir damals nicht notiert.
 
Er ist 22.Er kommt.
Ich bin 22. Er kommt.
 
Wir sind gleich alt.
 
Er kommt
von hinten,
mit einem Messer.
 
Von hinten.
Er schreit,
ich spring zur Seite,
schwenke mit dem Arm,
treffe sein Gesicht.
Er stürzt.
Zwei oder drei Männer stürzen sich auf ihn.
Zwei oder drei.
Ich blute.
Hinten am Hals.
An der Schulter
Rechts am Oberarm.
Ich hab Angst.
 
 
Drei Zeiten später.
 
Vielleicht auch vier.
 
Er sitzt mir gegenüber.
Ich sitze ihm gegenüber.
In der Zelle.
Im Gefängnis.
 
Zwei Männer.
In Uniform.
An der Tür.
Schauen mich an.
Schauen mich an,
nicht ihn.
 
Schauen mich an.
Ich denke nicht.
Ich schaue meinen Mörder an.
Nicht meinen Mörder.
Ich schaue einen Mann an,
der mich töten wollte.
Es ist ja,
Gott sei Dank
misslungen.
Einfach misslungen.
 
Nur deshalb schreib ich heute.
 
Nur deshalb kann ich schreiben.
Heute.
Ich schreibe über meine
Begegnung…
Mit ihm….
Und da sind zwei Fremde
in Uniform.
Ich kann mich nicht erinnern,
ob sie eine Waffe trugen.
 
Ich kann mich nicht erinnern.
 
Ich sehe in das Gesicht,
ins Gesicht
des Menschen, der mir gegenüber sitzt.
Eines Menschen.
 
Ich sehe in seine Augen.
Ich sehe in seine Stirn.
Da bewegt sich etwas.
Da bewegt sich viel.
Da bewegt sich alles.
Würmer.
Projiziere ich die da rein?
Diese Würmer?
In seine Stirn?
in sein Hirn?
In seine Augen?
 
Und da sehe ich,
da zwängt sich etwas hindurch,
durch diese Würmer,
Schreie
Da bewegen sich Schreie,
lebendige Schreie….
 
Für einen Moment schaue ich
zur Tür,
 
zu den Augen
der Uniformierten.
Die nicken kurz
und freundlich,
die Köpfe,
die Köpfe mit den Augen
der Uniformierten.
Ja,
sie nicken.
Sie nicken zwei Mal.
Sie nicken.
 
Ich schau in die Augen
meines Gegenübers.
 
Ich entdecke Tränen.
Ich höre die Worte
„Das wollt´ ich nicht!“
 
Ich schlucke.
Ich schlucke.
 
Ich…
 
Nichts.
 
Ich ahne.
 
Ich ahne etwas.
Ich ahne etwas Fürchterliches.
Ich ahne, dass ich verstehe.
 
Meinen Mörder,
meinen Beinahe-Mörder,
meinen
Nicht-Mörder….
 
Jetzt,
jetzt, wo ich schreibe,
hör ich auf
 
zu schreiben.
Ich schreibe morgen weiter.
Jetzt muss ich aufhören
.
Ich kann nicht aufhör´ n,
muss,
muss,
muss weiter schreiben.
 
Also:
 
Ich sitze ihm gegenüber.
 
„Das wollt´ ich nicht!“
Er sagt das leise.
 
Ganz leise.
Ohne Erektion.
Wie ein Geheimnis.
Es klingt
Wie ein „DANKE!“.
Ein Mörder sagt „danke“.
Ein Nicht ganz-Mörder
sagt einfach
„DANKE“!
Ich höre „Das wollt´ ich nicht!“
Aber ich spüre „DANKE“!
 
Danke, dass du
gekommen bist.
Er sagt es nicht.
Er sagt nur:
 
„Das wollt´ ich nicht!“
 
Wohin schau ich?
Ich ertrage die Würmer nicht,
die Würmer in seinen Augen.
Ich ertrage ihr Weinen nicht,
ihre Qualen,
ihre Schmerzen.
 
Das riecht nach Unschuld.
Das riecht nach ehrlich, nach.
rein. Nach warmer Reinheit.
Die Würmer sind rein.
Ich ertrag sie nicht.
Oder:
Ich ertrag es nicht, wie sie sich quälen.
 
Plötzlich kommt es aus mir raus:
„Sprich! Warum?- Warum hast du es getan?“
 
Stille.
 
Immer noch Stille.
 
Er fasst meine Hand,
die rechte, die auf dem Tisch liegt.
Ich spüre seine Hand.
Und er sagt:
„Es gibt kein WARUM!“
Aber alles muss doch einen Grund haben,
will ich sagen, aber ihm kullern die Tränen aus den Augen.
Ich krieg kein Wort heraus…
aus mir…
Kein Wort.
Ich höre ein Schluchzen.
Ich höre sein Schluchzen.
Es ist so zart,
so weich,
so leise.
Dann geschieht es:
Ich ziehe meine rechte Hand zurück.
Raus aus seiner….
Und schaue auf den Tisch.
Ich kann seine Tränen nicht sehen,
obwohl mir die Tränen so bekannt vorkommen.
Aber ich kann
sie nicht sehen,
Ich will sie nicht sehen.
Und da bemerke ich,
wie meine Tränen sich befreien,
aus dem Gefängnis heraus,
aus dem Gefängnis hinter den Augen…
 
Wir sitzen uns gegenüber
im Gefängnis.
 
„Warum?“
Plötzlich schreie ich:
„WARUM?“
 
Ich blicke in sein Gesicht,
er dreht seinen Kopf
zur Seite,
nimmt seine Hände,
verkrampft sie ineinander…
 
„Für Mord gibt es kein WARUM!“,
flüstert er.
Da schießt es mir durch den Kopf,
da schießt es durch mein Gehirn,
dieser Gedanke:
Du hast mich ja gar nicht ermordet!
Und dann passiert es.
Ich schreie,
ich schreie,
ich schreie es aus mir heraus:
„Du hast mich ja gar nicht ermordet!“
 
Doch.
NEIN!
Doch!
NEIN!
DOCH
 
Noch einmal Stille.
 
„Und wenn ich dich nicht ermordet habe, dann habe ich dich gefoltert…. Und du wirst nie wieder diese Freiheit fühlen, diese wirkliche Freiheit. Ohne Angst! Ohne Quall!“
 
„Woher willst du das wissen?“, frage ich mit zitternder Stimme.
Woher willst du das wissen?
Woher willst du wissen, dass ich überhaupt,
dass ich überhaupt,
dass ich,
dass ich überhaupt
 
dieses Gefühl der Freiheit kenne?
Sag es, sag es!
Sag es!
 
SAG ES!“
 
 
 
„Weil…
ich weiß nicht,
ich ,
also weil,
weil,…
es ist doch so:
ich habe dich verletzt!“
 
„Ja, klar, aber…“
 
„Bitte, lass es mich erklären!“
 
Ich schau ihm wieder in die Augen und nicke.
 
Und er sagt mit klarer, leiser Stimme:
„Ich wurde auch überfallen. Ich wurde…
 
Ich wurde...
 
Ich wurde misshandelt.
Mir ist so bewusst, was ich getan hab.
So etwas hinterlässt nur…,
wie soll ich das sagen?
 
Ich wollte dich nicht töten.
Es kam ganz plötzlich.
Ich bin…
Ich bin…
Ich bin…
verliebt,
total verliebt….
Und du,
du hast mir meine Liebe gestohlen.
Du hast mich eingetragen. Zwei Wochenenden hintereinander!
Ich konnte sie drei ganze Wochen nicht sehen.
Ich liebe eine Frau. Ich liebe sie. Und ich musste drei Wochen
hier sein,
hier,
nur, weil du mich eingetragen hast,
für die Wache,
am Wochenende.
Das hab ich nicht ausgehalten.
Ich konnte nicht anders.
 
Aber das ist keine Entschuldigung!
Mord,
Mord, oder,
Mordversuch….
Dafür gibt es niemals ein „WARUM“!
Ich kann niemanden verletzen.
Und hab es doch getan.
Ich weiß nicht, wie und überhaupt, und…
 
Wie soll ich um Verzeihung bitten können?
WIE?
WIE?
 
Er schlägt seine Stirn auf den Tisch,
drei Mal,
vier Mal.
 
Ich dreh mich zu den Herren in den Uniformen.
Einer von ihnen eilt zu uns.
Er hebt den Kopf des Mannes vorsichtig hoch,
ganz vorsichtig.
 
Das greift tief in mein Herz hinein.
Ein Wächter hebt vorsichtig
den Kopf eines Beinahe-Mörders,
eines,
eines,
 
eines
MENSCHEN!
 
In dem Augenblick weiß ich nicht,
ich weiß nicht,
und ich sage:
„Ich weiß nicht…“,
und stehe auf.
 
„Es tut mir leid“, sagt er, und ich gebe dem Uniformierten ein Zeichen, er könne wieder zurück zur Tür…
Ich antworte ihm sofort, ganz leise,
aber auch mit klarer, deutlicher Stimme,
und ich spüre dabei,
ich meine es ganz arg ernst,
ganz ehrlich,
ich sage:
„Es ist mehr, als leid tun…“
 
Er blickt hoch, er schaut mir mit seinen verweinten Augen in meine tränenbehangenen Augen,
fragend, aufgeregt, leicht zitternd mit dem Gesicht und mit den Händen,
und ich spreche es aus, was ich sehe, was ich spüre, was ich empfinde,
was ich wirklich empfinde:
„Es tut dir nicht einfach leid…
 
Es tut dir
weh,
 
fürchterlich weh.
 
Fürchterlich
 
WEH!“
 
Einer der Uniformierten kommt zu mir, sagt freundlich:
„Wir müssen langsam zum Ende kommen. Es gibt gleich Abendbrot hier! Wenn Sie möchten, und wenn Sie dürfen, kommen Sie einmal wieder!“
 
„Ich, ich, …
Ich verzeihe dir!“, sage ich,
„ich verzeihe dir alles. Es ist alles ganz anders.
Es gibt nichts zu verzeihen.
Weißt du, ich war auch einmal verliebt. Und wenn ich an deiner Stelle gewesen wäre, und du,
du…,
du wärst
an meiner Stelle gewesen,
 
ich weiß nicht,
es hätte mir genauso passieren können!“
 
Ich gehe. Er bleibt sitzen
Er weint.
Ich weine.
Mein Beinahe-Mörder und ich, wir weinen beide zusammen.
Aber es ist anders, es ist anders.
Es ist so:
Er weint.
Ich weine.
Zwei Menschen weinen zusammen.
 
Zwei Menschen weinen gemeinsam.
 
Und die Tränen sind nicht traurige Tränen.
Es sind vielleicht auch keine Freudentränen.
 
Es sind die Tränen der Hoffnung.
Die Tränen der Kraft.
Die Tränen der Liebe.
Menschentränen.,
 
Heute bin ich 63.
Er müsste auch 63 sein.
Nein!
Er ist 63,
wenn er noch lebt.
 
Ich weiß nicht, ob er noch lebt.
Ich denke jeden Tag an ihn.
An meinen Beinahe-Mörder,
An meinen Freund.
An einen Menschen.
 
Gestern las ich in der Zeitung:
 
„63-jähriger ersticht Ehefrau aus Eifersucht
und springt aus dem 4. Stock. – Tot!“
 
Ich bin 63.
Er müsste auch 63 sein,
wenn er noch lebt.
 
 
Er ist einfach 63 und bleibt es.
Erst mal.
 
Nächstes Jahr ist er 64.
Und ich bin 64,
 
wenn ich noch leb.
 
Übernächstes Jahr ist er 65.
Übernächstes Jahr bin ich 65.
Übernächstes Jahr sind wir beide 65.
Wenn wir noch leben.
 
Wenn wir nicht vorher ermordet werden.
Oder uns selbst ermorden.
 
Aber wer denkt denn an so was?
 
Und in 37 Jahren werden wir dreistellig….
 
wenn er noch lebt…
und ich noch lebe.
 
Vielleicht leben wir ja sogar mal in einer gemeinsamen Zelle.
 
Natürlich als Unschuldsengel!
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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