Patrick Rabe

Ein normaler Tag im Leben eines arbeitslosen Künstlers

 

oder

Die Cola des Sportunbegeisterten vorm Elfmeter des Tormanns

 

"Ich habe ihnen einen Vorschlag zu machen!", sagte der Mann hinter dem Schreibtisch. "Die volle Verbumfidelung ihrer Träume!"

Ich nickte und räusperte mich unsicher.

"Ist das das Angebot, das man nicht ablehnen kann?", fragte ich wenig überzeugt und insgeheim etwas enttäuscht.

"Das könnte sein.", sagte mein Gegenüber mit vielsagendem Nullgesicht. Irgendwo in meinem Hinterstübchen fragte ich mich auch kurz, ob es sich um ein nichtssagendes Vielgesicht handeln könnte, das gewohnt war, Zahlen mit vielen Nullen zu bewegen.

"Wissen sie.", sagte ich, "Ich weiß nicht genau, was 'Verbumfidelung' bedeutet. Und bevor ich das nicht weiß, möchte ich meine Träume einem solchen Prozess nicht aussetzen."
 

"Ääääächt?????", das wissen sie nicht?, fragte der kleine, grüne Gnom, der daraufhin unter dem Schreibtisch des Plattenbosses hervorkroch. "Das weiß doch heute jedes Kind. Dieter Bohlen hat es bei DSDS gesagt, in der 30. Staffel irgendwo zu irgendwem aus der Jury. 'Den verbumfideln wir jetzt richtig!"

"Das klingt eher nach fertigmachen...", rief ich entsetzt.

"Neeeeeiiiin.", sagte der Mann hinter dem Schreibtisch. "Das ist ein Phantasiewort und bezieht sich auf eine deutsche Kinderbuchserie über einen dämlichen, dicken Jungen namens Bumfidel."

Jetzt kam ich richtig ins Schwitzen. "Äh, heißen Leute in Deutschland etwa so?"

"Nein!", sagte der Plattenboss, nun mit ziemlich rauhem Unterton. "Leute in Deutschland heißen Edeka, Aldi, Rewe und Lidl. Wollen sie nun diesen Plattenvertrag oder nicht?"

"Äh, wie gesagt, ich würde erst mal gerne ergoogeln, was 'Verbumfidelung" heißt, sagte ich.

Der Plattenboss sah mich freundlich und ein wenig traurig an. "Wenn ich das wüsste..."

Dann stand er auf, und nahm eine goldene Schallplatte von der Wand. Er legte sie auf seinen Tisch und streichelte sie. Gedankenverloren murmelte er immer wieder: "Komm doch. Wo bist du bloß!"

 

Zögernd stand ich auf, zog einen Zettel mit meiner Telefonnummer aus der Tasche und legte ihn neben den mittlerweile weinenden Plattenboss auf den Tisch.

 Ich erkannte etwas in ihm, über dessen Enthüllung nur noch eine feine Membran lag. Einen Menschen. Einen Menschen mit einem guten Herzen.

Ich fragte mich, ob es Berufe gibt, die einen Menschen zu etwas werden lassen, was er nie sein wollte.  Irgend etwas in mir sagte  mir, dass es nicht am Beruf lag. Mehr an der Art, wie man ihn machte. Und, worauf es einem im Leben wirklich ankam. Vor mich hinsinnend verließ ich das Büro.

 

Als ich die Tür schloss, hörte ich einen wütenden Schrei. Erschrocken drehte ich mich um, und öffnete sie noch einmal. Der Plattenboss hatte die goldene Schallplatte genommen und dem kleinen, grünen Gnom über den Kopf gedroschen. "Göla!", rief er aufgebracht, "Warum bringen sie mir immer so beknackte neue Wörter bei, die die Musiker, die wir unter Vertrag nehmen wollen, selber nicht kennen!?"
"Ich heiße nicht Göla.", wisperte der Gnom. "So nennen die Ostdeutschen aus Sachsen und Thüringen das, was wir in Amerika Cola nennen."

 

Allmählich fragte ich mich, ob es in der Musikindustrie überhaupt irdgendwo Leute gab, die kein Rad abhatten.

 

Ich ging nach draußen, stieg in meine alte Gitarre und hielt mich an einer U-Bahn fest. Oder umgekehrt. Mehrere Leute fanden das wohl absonderlich. War mir aber egal. Denen jetzt auch noch erklären zu müssen, dass das, was ich gerade machte, ein angewandtes Bob-Dylan-Zitat war, das mir die Kraft gab, diesen ganzen Blödsinn durchzustehen, hätte mich die letzten Nerven gekostet.

"Guck mal!", rief ein kleines Mädchen, und zupfte seine Mutter am Arm. "Da ist King Kong! Er hat wieder diese blonde Frau unter dem Arm und jetzt nimmt er bestimmt die U-Bahn und schmeißt sie durch die Luft!"

Zum Glück öffneten sich jetzt die U-Bahn-Türen und ich stieg ein. Auf in ein neues Abenteuer.

 

 

© by Patrick Rabe, 24. Januar 2020, Hamburg.

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