Markus Zinnecker

die Tänzer

Der kleine Park war einst der Garten des Stadtpalais. Ein silbern glänzender Teich, bevölkert von glitzernden Goldfischen und einigen Enten, umstanden von uralten Bäumen. Eine riesige Trauerweide taucht ihre Äste ins Wasser. Rhododendren überwuchern die alte Mauer, ihre Blüten wetteifern mit den Rosen. Der Rasen, der der Stolz jedes englischen Landschaftsgärtners wäre, bildet eine sanfte Brücke zwischen den einzelnen Zonen. Strahlend weißer Kies bildet die Wege. Das Palais mit seiner strengen neogotischen Fassade im Hintergrund wirkt wie ein strenger Wächter des grünen Kleinodes. Es ist kein alter Adelssitz, sondern war einst das Heim eines reichen Fabrikanten. Heute dient es als Seniorenresidenz. Der Park steht der Allgemeinheit als Rückzugsort zur Verfügung. Die Architektur der Vergangenheit, sowohl die des Gartens als auch die des Gebäudes, bildet eine Insel der Beständigkeit im Ozean des Fortschritts. Wie die Wogen des Meeres ein winziges Eiland umspülen mögen, so wirkt die moderne Stadt um das zeitlose Ambiente von Park und Palais. Doch wie so manche einsame Insel wurde auch der Park nur selten besucht. Meist waren es die Bewohner des Seniorenheims, die hier spazieren gingen.

An warmen, hellen Sommertagen ereignet sich in jenem kleinen Park immer wieder ein Wunder. Ein Wunder, das diejenigen die es kennen, tief berührt und in Ehrfurcht staunen lässt.

 

Wenn die Sonne den kleinen Teich zum Glitzern und die Rosenblüten zum Strahlen bringt, ist der Schatten der uralten Trauerweide am Teich ein willkommener Ort des Rückzugs und der Ruhe. Das ferne Summen der Stadt, die ewige Symphonie aus den Geräuschen des Verkehrs, der Stimmen und dem gelegentlichen Getöse einer Maschine, tritt in den Hintergrund. Es macht Raum für eine andere Melodie, für eine seltsam melodische Melange aus dem Gesang der Vögel in den Baumkronen und dem leicht melancholischen Klang der Drehorgel, die drüben an der Wiese gespielt wird. Von der Bank unter der Trauerweide aus ist der Drehorgelspieler gerade noch so zu erkennen. Ein älterer Mann mit langen, grauen Haaren, der einen altmodischen Anzug trägt. Als sei er einem alten Foto entstiegen steht er da, vor der Kulisse des Palais. Eine Schwarz-Weiß-Fotografie aus dem neunzehnten Jahrhundert, die auf geheimnisvolle Weise zum Leben erwacht ist.

Über den Kiesweg vom Seniorenheim her gehen langsam zwei Gestalten. Ein Mann und eine Frau, das Haar so weiß wie der Kies auf dem Weg und leicht gebeugt gehen sie, Arm in Arm langsam auf den Drehorgelspieler zu. Mit einem sanften, abwesend wirkenden Lächeln, sehen sie ihn an und hören ihm zu. Nach einiger Zeit, nicht plötzlich, sondern ganz sanft, ganz allmählich, löst er seinen Arm von ihrem, ergreift ihre Hand und beginnt mit ihr zu tanzen. Kein wilder, schneller Tanz, so etwas ist der Jugend vorbehalten. Langsam und mit bedächtiger Anmut bewegen sie sich zum Klang aus dem Leierkasten.

Eine seltsame Magie geht von diesem Bild aus, zieht mich in seinen Bann und lässt mich die Bank unter der Weide verlassen. Am Rand der Rasenfläche steht eine junge Frau, auf einen Rechen gestützt sieht sie den Tänzern zu. Unbewusst bleibe ich neben ihr stehen. Sie sieht zu mir herüber und fragt, leise, fast flüsternd, als könnten laute Worte den Zauber brechen: „Wissen sie, wer die beiden sind?“ „Nein.“ Für einen Moment sehen wir wieder zu, dann sagt sie, noch immer ganz leise und sanft: „Sie wohnen beide drüben im Heim. Er schon seit ein paar Jahren, wegen Alzheimer. Sie ist seine Frau, aber er weiß es nicht mehr. Vor ein paar Monaten ist sie auch ins Heim gezogen. Seitdem passiert jeden Tag ein Wunder.“

Ich verstand nicht, was sie meinte, wollte schon fragen, doch sie sprach weiter: „Sie begegnen sich jeden Morgen auf dem Weg zum Frühstück und jeden Tag sieht er sie, in seiner eigenen Welt des Vergessens, zum ersten Mal.“ In ihre Stimme mischte sich nun etwas, das bisher nicht da gewesen war. Ein Unterton der Rührung und des tiefen Staunens. Leise sprach sie weiter, erzählte mir, dass er sich jeden Tag erneut in sie verliebte. Das die düstere Macht der Krankheit nicht tief genug in seinen Geist vorgedrungen war, um jene Verbindung zu zerreißen. Bei schönem Wetter gingen die beiden oft im Park spazieren, wo sie der Gärtnerin begegneten. Irgendwann lernte diese so ihre Geschichte kennen. Die Frau erzählte ihr, dass sie ihren Mann 1940 zum ersten Mal sah und er sich schon damals auf den ersten Blick in sie verliebte. In jenen dunklen Tagen, als Dämonen tobten, aber doch die junge Liebe nicht zerstören konnte.

An jenem Tag dauerte das Wunder vielleicht eine Viertelstunde, zusammen mit der Gärtnerin sah ich den Tänzern zu. Solange bis der Drehorgelmann sich mit einer ausladenden Verbeugung, die wunderbar zu seinem altmodischen Auftritt passte, von ihnen verabschiedete. Aus den Tänzern wurden wieder Spaziergänger, die mit langsamen Schritten in Richtung des Palais verschwanden.

Die Gärtnerin ging wieder an ihre Arbeit und ich meines Weges. Doch ganz verlassen konnte ich den Park seither nie mehr. Sooft ich dorthin zurückgekommen bin, weder der Drehorgelmann noch die Gärtnerin oder die beiden Tänzer waren dort. Vielleicht war es nur ein Traum.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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