Heinz Lechner

Die gute Tat

 

 

Es war Freitag, kurz vor 12.

Ich befand mich noch im Laboratorium. Hatte noch einige Arbeiten abzuschließen, bevor es ins Wochenende ging.

Mein Arbeitgeber, ein Zahnarzt, dessen Praxis sich in den gegenüberliegenden Räumen befindet, hatte bereits Feierabend gemacht.

Ich sage gerne „Laboratorium“, das hört sich viel imposanter und wichtiger an, als nur „Dentallabor“. Man kann mit diesem Wort viel mehr Eindruck schinden. Das hat aber jetzt mit dieser Geschichte rein gar nichts zu tun.

Ich hörte ein leises, zaghaftes Klopfen. Ein sympathisches, unaufdringliches Klopfen. So zart, dass man ein kleines, schüchternes Mädchen oder ein schwaches, altes Weiblein an der anderen Seite der Tür vermutete. Aufgrund dieses Tones glaubte ich schon zu wissen, dass der Eintretende ein Zeitgenosse mit Anstand und Niveau sein musste.

Tatsächlich trat ein alter Mann in einem gepflegten schwarzen Wintermantel ein. Sehr gross und hager. Ich starrte ihn an, denn er war eine imposante Erscheinung. Seine Hautfarbe hatte ein sehr ungesundes, fahles Graugelb und seine Ohren waren noch größer als meine. Aber er besaß eine kultivierte Art, dass merkte man sofort.

Ich hatte den Eindruck, das sich dieser Mensch bereits im Spätherbst seines Lebens befand. Er hätte sicherlich einen idealen Hauptdarsteller für einen dieser Old School - Gruselfilme abgegeben. Sofort fiel mir ein Name ein, der sich mir die Haare meines Unterarmes aufstellen ließ : Vincent Price!

Freundlich, fast unterwürfig erklärte er mir, dass die Praxis gegenüber schon verschlossen sei und von seinem künstlichen Gebiss ein Stück rausgebrochen wäre und er nun dieses nicht mehr tragen könne wegen der scharfen Stelle und nein, das fehlende Stück habe er verloren.

Er hielt ein zerknülltes Papiertaschentuch, welches sich gewiss schon seit geraumer Zeit in seiner Manteltasche befand, in der Hand.

Ob man die fehlende Stelle nicht wieder schliessen könne, fragte er, während er mir seine Prothese reichte, wegen der scharfen Stelle, wiederholte er sich. Leider ist das nicht möglich, antwortete ich, dafür müsste der Zahnarzt einen Abdruck nehmen, - aber der ist ja schon im Wochenende. Wären sie zehn Minuten früher gekommen,...

Nun wurde seine Stimme eindringlich klagend: aber ich muss doch meine Prothese tragen können, am Wochenende! Und essen und die scharfe Stelle, und überhaupt,......

Dann kam es zu einer lähmenden, fast peinlichen Sprechpause.

Er versuchte etwas zu sagen, aber es wurde nur ein Glucksen und undefinierbares Stottern. Nun erbarmte ich mich endlich und machte ihm einen Vorschlag, den er begeistert annahm.

Ich könnte ihnen diese scharfe Stelle abschleifen, bot ich ihm an. Hocherfreut sprudelte ein befreiendes Ja, geht das? aus ihm heraus.

Ein paar Tage können sie das schon tragen, sagte ich, aber nächste Woche sollten sie nochmal kommen, - dann reparieren wir es „richtig“. Seine Miene erhellte sich rapide.

Ich ging mit der Prothese an meinen Arbeitsplatz, schliff die scharfe Stelle rund und glättete sie. Diese Vorgang dauerte nur etwa zwei Minuten. Deshalb hatte ich auch gar nicht dran gedacht, dem Herrn einen Sitzplatz anzubieten. So stand er die Zeit über im Eingangsbereich.

Als ich mit der provisorisch reparierten Prothese wieder vor ihn trat, bemerkte ich die Ausdünstung.

In dieser kurzen Zeit hatte sich bereits ein leicht strenges Aroma breitgemacht. Der Geruch der reifen Leute. Er war nicht unbedingt abstossend, jedoch sehr verbraucht und altmenschlich, obwohl weder Nikotin noch Alkohol aus seiner Ausdünstung zu erkennen war, wie es doch so oft bei Greisen der Fall ist.

Es war mehr dieser vornehme, erdige, aber schon müffelnde, überständige Geruch des sich im letzte Abschnitt seines Lebens befindenden menschlichen Wesens. Noch ohne der Aura der Fäulnis und der Verwesung, aber penetrant genug, dies als äusserst unangenehm zu empfinden, besonders für einen Menschen wie mich, der in 10,15 Jahren selbst diese Aura des Ablebens mit sich herumschleppen wird, - so er noch lebte.

Freudig nahm er die Prothese an sich und wollte sie sogleich in sein Taschentuch einwickeln. Ich riet ihm, sein Kauwerkzeug erst einmal anzuprobieren, dass tat er denn auch, zeigte sich zufrieden damit und bedankte sich ein weiteres Mal.

Auf die Idee, für diese Rettung aus einer Notlage einen Obolus einzufordern kam ich gar nicht. So sehr hatte mich der bemitleidenswerte Auftritt dieses Herrn beschäftigt.

Erst nachdem er sich eiligst verabschiedet hatte, kam mir der Hauch eines Verdachts, das dieser arme Mann sich vielleicht aufgrund mangelnder Liquidität so überhastet verabschiedet hatte. Mir war das egal, ich empfand dies als meine gute Tat des Tages.

Als er gegangen war, öffnet ich aus verständlichen Gründen sofort alle Fenster in den Räumen. Am Fenster zur Strassenseite blieb ich stehen und blickte hinaus. Ich wollte dem Mann hinterher sehen. Aber ich konnte ihn nicht entdecken. Vermutlich war er nach links abgebogen und befand sich nun im toten Winkel.

Im toten Winkel.....

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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