Eva Königseder

Er & Sie

Alles um mich herum dreht sich. Ich nehme all die Stimmen nur mehr zur Hälfte wahr. Trotzdem nehme ich einen Schluck nach dem anderen von der mittlerweile dritten Bierflasche vor mir. Ich werfe immer wieder Blicke zu ihm. Wie er sie ansieht, mit ihr redet. Es stört mich. Ich hasse sie, warum muss er ausgerechnet sie lieben? Wieder ein Schluck des hopfigen Gebräus. Er fährt ihr zart durchs Haar, rückt näher an sie. Ich schließe meine Augen. Obwohl ich durch den Alkoholkonsum schon ein wenig eingeschränkt bin, weiß ich, dass ich es nicht verkrafte, mir die beiden noch länger so anzusehen. Ich öffne meine Augen wieder, drehe den Kopf schnell in die andere Richtung. Die Flasche vor mir nehme ich schon höchst verschwommen war, trotzdem setze ich zu einem erneuten großen Schluck an. Ich kann es nicht lassen. Vorsichtig stehe ich auf. Mein Gleichgewichtssinn ermöglicht es mir kaum zwei Schritte hinter einander gerade und ohne anhalten zu gehen. Trotzdem kämpfe ich mich bis zum Regal vor. Ich umklammere die erstbeste Flasche, das größte Glas, das ich finden kann und wackle zum Tisch zurück. Während ich mir die durchsichtige Flüssigkeit großzügig in das Schnapsglas fülle, sehe ich immer wieder zu den beiden. Sie haben bemerkt, dass ich zu den hochprozentigen Sachen gegriffen habe. Er steht auf und holt zwei weitere Gläser. Während er ihr den Schnaps einschenkt, nehme ich zwei große Schlucke. Ein letzter, als er sein Glas befüllt. Mit den beiden trinke ich noch ein Glas voll. Erst jetzt spüre ich, wie scharf der Alkohol ist. Mein Hals brennt, als hätte ich Feuer geschluckt. Doch ich muss nur einen Blick auf die beiden werfen, schon trinke ich weiter. Ich verkrafte es nicht, ihn so zu sehen. Wie oft hat er mir im nüchternen Zustand versprochen, die Finger von ihr zu lassen und wie oft haben ein paar Schluck von diesem Gift seine Meinung wieder geändert? ! Oft genu g, hatte ich mit ihm vereinbart, ihr nicht mehr durchs Haar zu fahren, geschweige denn ihr die Zunge in den Hals zu stecken. Doch nun ist es wieder so weit. Der Alkohol spricht aus ihm und er ist kein guter Sprecher! Ich sehe den beiden zu, wie sie sich gegenseitig beinahe verschlingen. Länger halte ich das nicht aus, ohne komplett durchzudrehen. Ich trinke den Rest meines Biers in einem Zug aus, schenke mir ein letztes Mal den Schnaps nach und leere ihn auch diesmal in wenigen Sekunden. Wackelnd erhebe ich mich. Ohne ein Wort zu verlieren gehe ich stur an den beiden vorbei. Ich merke, wie der Schnaps erst jetzt so richtig anschlägt. Mir wird übel, meine Beine zittern und Tränen steigen mir in die Augen. Kurz bevor ich den Raum verlassen habe, drehe ich mich ein letztes Mal um. Er sieht mich an, was mich sehr wundert, denn das heißt ja, dass er seinen Blick von ihr gelöst hat. Ich starre ihn an, den Tränen nahe. Keine Reaktion von ihm. Er nickt bloß kurz zum Abschied und knutscht weiter mit ihr rum. Ich breche automatisch in Tränen aus. So schnell, wie meine unsicheren Beine es zulassen verlasse ich die Küche. Mit einem lauten Knall fällt die Tür hinter mir ins Schloss. Auch die Haustüre des alten Hauses werfe ich mit Schwung hinter mir zu. Tränen laufen mir in Vielzahlen übers Gesicht. Kurz bleibe ich stehen und überlege, ob ich einfach zurück gehen und die beiden anschreien soll, doch ich entscheide mich anders. Was würde es mir bringen? Er würde mich höchstens noch mehr hassen. Sie hätte dann wiedermal gewonnen. Ich hasse mich dafür wie ich aussehe, wie ich bin und wie ich mit solchen Situationen umgehe. Ich hasse mich dafür, Gefühle für ihn zu empfinden, ihn für mich allein haben zu wollen. Ich weiß genau, dass es so niemals kommen wird. Mir ist klar, dass ich für ihn immer die kleine nervige Person, die sich heimlich in ihn verliebt hat bleiben werde. Und auc! h fü ;r das hasse ich mich. Tränen laufen wie Wasserfälle über meine Wangen und fallen schwer auf den nassen Boden. Ein kühler Luftzug lässt die Tränen einfrieren. Mir fährt ein kalter Schauer über den Rücken. Ich kuschle mich fester in meinen Pulli. Doch die Kälte findet mühelos ihren Weg. Ich werde schneller und schneller, doch durch die Geschwindigkeit wird auch die Unsicherheit von Schritt zu Schritt größer. Im Schatten einer großen Linde, die neben dem gepflasterten Weg steht, halte ich kurz an. Die Tränenbäche sind wie Eislaufbahnen auf meinen erhitzten Wangen, der Wind fährt mit einer stechenden Kälte über mich, meine Beine können mich nicht länger halten. Ich breche zusammen. Der Aufprall erinnert meine Tränensäcke wieder daran, Vollgas zu geben. Die Umgebung wird verschwommener und verschwommener. Irgendwann kann ich mich nicht mehr daran erinnern, warum ich so hilflos am Boden hocke. Um mich herum fallen schwere Tropfen vom Himmel. Hin und wieder zischt in der Ferne ein greller Blitz auf die Erde, kurz später folgt ein lautes, dumpfes Donnergeräusch. Ich rapple mich mühevoll auf, habe* das Gefühl, mich übergeben zu müssen, doch es vergeht sofort wieder. Ich wanke die letzten Meter nach Hause. Jeder Schritt schmerzt. Ich schaffe es gerade noch, mich mit letzter Kraft die Treppen zu meinem Zimmer nach oben zu ziehen. Ohne mich gewaschen zu haben, lasse ich mich in mein Bett fallen. Nur so halb wird mir bewusst, dass ich durch das Gewitter, welches draußen nun voll in Gange ist, komplett nass geworden bin. Ich ziehe mich bis auf die Unterwäsche aus, lege mich unter die Decke. Zuerst wird mir schwindelig, doch als ich einen Fuß auf den Boden stelle, wird es etwas besser. Es dauert nicht lange, bis meine Augenlieder zu schwer sind, um länger offen zu stehen. Kurz später hört auch mein Gehirn auf, den Abend immer wieder zu wieder! holen. Durch einen leisen Schluchzer werde ich wach. Ich öffne verschlafen meine Augen. um mich herum ist noch alles dunkel, es kann also nicht sehr viel Zeit vergangen sein. In der Finsternis erkenne ich eine dunkle Gestalt, die sich langsam zu meinem Bett vortastet. Ich bleibe so ruhig wie möglich liegen. Durch das viel zu schnelle aufwachen ist mir wieder übel geworden, doch diesmal reiße ich mich zusammen. Die Person braucht nur mehr wenige Schritte und schon hat sie mein Bett erreicht. Mein Tod könnte nahen, doch ich sehe weder ein Messer noch irgendein anderes Mordinstrument in den Händen des Fremden. Wieder entfährt ihm ein Schluchzer. Plötzlich weiß ich, mit wem ich es zu tun habe. ER steht vor mir, sieht mich von oben an, schwankt ein bisschen. Der Geruch von Bier und Schnaps hängt in der Luft. Er bückt sich vorsichtig zu mir hinunter und hebt meine Decke ein kleines Stückchen an. Zitternd legt er sich neben mich. Ich spüre, wie die Nässe und die Kälte sich ausbreiten. Es scheint, als würde es ihm auch auffallen, denn er beginnt so leise wie möglich, sich auszuziehen. Ich atme tief durch und lege dann meinen Arm um seine Schultern. Er sieht mich kurz an, platziert dann seinen Kopf auf meiner Brust. Seine Haare sind nass, trotzdem durchfahre ich sie. Ich spüre, wie sein Herz schlägt. Er legt seinen Arm an meine Taille und schluchzt erneut. Ich fahre ihm vorsichtig über die Wangen. Meine Fingerspitzen berühren seine weiche Haut nur ganz leicht, ich spüre, wie ihm Tränen über die Wangen laufen. Tränen, wie sie bei mir in Bächen rannten, laufen auch ihm vereinzelt übers Gesicht. Ohne ihn zu fragen, was passierte, ahne ich, dass sie etwas gesagt, oder getan hat, was ihn verletzte. Doch obwohl ich genau weiß, dass er viel lieber bei ihr seine würde, genieße ich den Augenblick sehr. Ich drücke ihm einen liebevollen Kuss in die Haare, dann schließe! ich mei ne Augen, genau wissend, dass er den Kuss wohl niemals erwidern wird.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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