Qayid Aljaysh Juyub

Story XVI: Eine wahrhaft schwarze Legende oder eine Mär ...

(...)  aus der bösen, alten Zeit

‚Wenn es eine Hölle auf Erden gibt, dann ist sie hier.‘

Unwillkürlich verfestigte sich dieser Gedanke in Feldwaibel Jäkel, dessen Vorstellungen von ‚Las Indias‘ so ganz und gar nicht dem entsprach, was ihm die erbarmungslose Realität präsentierte. Statt einer exotischen Wunderwelt und Städte voller Gold, bewohnt von Kind gleichen Ureinwohnern, befand sich der erfahrene Landsknecht in einem elenden Dschungel, dessen einziger Reichtum in den unzähligen Möglichkeiten bestand, auf unangenehme Weise ein vorzeitiges Ende zu finden. Auch die Ansiedlungen der Eingeborenen lohnte es kaum zu plündern, da man dort weniger das ersehnte, gelbe Metall fand, sondern nur wertlosen oder absonderlichen Tand. So hatte sich der Jäkel das nicht vorgestellt, als er sich für Don Franciscos, seines Zeichens Generalkapitän seiner katholischen Majestät, Expedition anwerben ließ! Aber da gab es schließlich noch den anderen Grund, der ihn an diesem Unternehmen teilnehmen ließ.
‚Verdammte, hinterhältige Heiden!‘
Dem sonst schweigsamen Berufssoldaten kam dieser bemerkenswerte Ausspruch beim Anblick der zusammengetriebenen Indios, die nun in apathischem Entsetzen auf dem Boden kauerten, unwillkürlich über die Lippen. Auch dieses Mal erwies sich das heroische Abschlachten für die Soldaten Christi als äußerst unergiebig, da wie gewöhnlich in der soeben ‚befriedeten‘ Siedlung der Eingeborenen keinerlei Edelmetalle zu finden waren. Eine Abteilung von 75 Konquistadoren unter dem Kommando Jörgs von Wutzenbrunz überfiel im Morgengrauen in gewohnter Manier das friedlich schlafende Dorf, um dessen Einwohner größtenteils routiniert abzuschlachten und deren irdischen Besitztümer zum Ruhme Spaniens und der Christenheit zu rauben. Don Francisco entsandte den erfahrenen Hauptmann und seine Schar Söldner aus dem ‚Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation‘ den großen Fluss herunter, um den Heiden mit Feuer und Schwert die Segnungen der christlichen Religion zu bringen. Nebenbei sollte Wutzenbrunz möglichst viele Nahrungsmittel für die darbende Armada beschaffen und alles Gold einsammeln, das sich finden ließ. Natürlich ermöglichte den Überraschungsangriff nur ein im Voraus entsandter Erkundungstrupp, der von den gastfreundlichen Indios willkommen geheißen und mit Geschenken ausgestattet wurde, um nach der Rückkehr ins Lager der Soldaten Christi die Position dieses Sündenpfuhls indigener Naivität dem Zorn Gottes bekannt zu machen.
‚Halte Er sein vorlautes Maul! Er spreche nur, wenn Er gefragt werde!‘
Wutzenbrunz blitzte den vorlauten Mietling förmlich an.
‚Aber Seine Worte sind nicht unwahr. Ergreifet nun einen dieser unsagbaren Wilden meine getreuen Gesellen und befraget ihn peinlich, damit er uns verrate, wo die habgierigen Heiden ihr Gold versteckelt haben!‘
Gelangweilt und um seine vorherigen Worte wiedergutzumachen griff sich Jäkel recht unsanft einen der unglücklichen Gefangenen -einen älteren Herrn von würdevollem Aussehen- und stieß ihn in Richtung seines Herrn und Gebieters, der sein Opfer belustigt betrachtete.
‚Wohlan Du schmutziger Heide, nun gestehe: Wo ist denn das Gold?‘
Erklärend deutete die Zierde deutschen Hochadels auf seine vergoldete Gürtelschnalle.
‚Wo Gold?!‘
‚Chii chaunoda mhondi dzinouraya kubva kwatiri? Hatina chatakaita kwauri?‘
Im Folgenden wird es der geneigte Leser noch mit einigen Leuten zu tun bekommen, die in fremden Zungen reden werden. Natürlich sprechen von Wutzenbrunz und seine lustige Truppe munterer Totschläger nicht hochdeutsch, sondern eher derartiges:
Uns ist in alten mæren wunders vil geseit
von helden lobebæren, von grôzer arebeit,
von freuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,
von küener recken strîten muget ir nu wunder hœren sagen
Wohl unhistorisch, aber der Verständlichkeit halber, lassen wir die Personen einfach modernes Deutsch schwätzen, gelle!
Des Hauptmann Begehren nicht verstehend, antwortete der Heiler des Dorfes.
‚Was wollt ihr feigen Mörder von uns? Wir haben euch nichts getan?‘
‚Teuflischer Ungläubiger, Deine Zaubersprüche werden Dir nichts helfen gegen den Zorn des Herrn!‘
Irritiert blickten die in einvernehmlichen Unverständnis Parlierenden die schmächtige und schmutzige Gestalt an, die soeben auf der Bildfläche erschien. Padre Contreras begleitete als einziger Spanier die Söldnerschar und kam der Diener des Herrn bei jenen zivilisatorischen Events auf seine klerikalen Kosten, da er nach der Pazifizierung ahnungsloser Eingeborenendörfer in christlicher Nächstenliebe gerne jene von ihrem irdischen Elend mittels liebevoll errichteter Scheiterhaufen befreite, die er der Hexerei verdächtigte oder in ihrem finsteren Aberglauben verharrten; in der Regel handelte es sich dabei um alle überlebenden Indios – ein Mordsspaß für die christliche Soldateska. Der berüchtigte, Menschen und Bücher verbrennende, Bischof von Yucatan, Diego de Landa, ordnete als seelsorgerischen Liebesdienst den eifrigen Gottesknecht der Expedition bei, da dieser selbst für die episkopalen, inquisitorische Bemühungen von zu grausamer Frömmigkeit war. Don Francisco wiederum hatte, obwohl er sich als frommer Massenmörder in iberischer Manier bemühte, päpstlicher als der Papst zu sein, keine rechte Verwendung für den geistesgestörten Seelsorger. So beschloss der Generalkapitän, die pyromanischen Talente des ungeliebten Priesters seinem deutschen Fähnlein zur Verfügung zu stellen, wohl wissend, dass Contreras sich einzig mit Wutzenbrunz verständigen konnte, der als einziger seiner Truppe über rudimentäre Spanischkenntnisse verfügte. Die Deutschen bildeten für den spanischen Feldherrn den entbehrlichsten Teil seiner multikulturellen Armada, die er dementsprechend auf allerlei unerquickliche Missionen sandte, da er das Leben seiner Männer ähnlich wertschätzte, wie das Wohlbefinden der mitgeführten Bombardenkugeln.
‚Contreras, Du haben Feuer vorbereitet? Warum Du hier?‘
Unzufrieden mit dem unerwarteten Auftauchen des Dieners des Herrn fuhr der Söldnerhauptmann den selbst für die unhygienischen Verhältnisse der damaligen Zeit sehr übelriechenden Kleriker in seinem schlechten Spanisch förmlich an. Der sah den Deutschen nur hochmütig an, um salbungsvoll zu antworten.
‚Die Scheiterhaufen sind errichtet! Ich will nun den Heiden predigen, damit sie durch die Weisheit des Wort Gottes ihre Sünden bekennen mögen und freudig das reinigende Feuer der himmlischen Gerechtigkeit erwarten. Halleluja!‘
‚Ich verhören König von Indios, damit annimmt Christus. Contreras kannst suchen Hexe für verbrennen!‘
Der listige, deutsche Offizier wusste nur zu gut, dass der keusche Padre ziemlich scharf auf Frauen war, an denen er seine kranke Sexualität ausleben konnte. Bedingt durch seine Impotenz zog der Priester es vor, die Objekte seiner Begierde dem Feuer zu übergeben, um sich an deren Qualen zu weiden. Mit lustvoll glühendem Blicke betrachtete der heilige Mann wohlgefällig ein besonders hübsches Exemplar unter den weiblichen Gefangenen.
‚Ich kann den Odem des Bösen bei jener Hure des Teufels erkennen, denn der Herr ist mit mir. Übergebt mir das Hexenweib, damit sie auf der Folter ihre heidnischen Untaten bekenne und…‘
‚Hatschi…‘
Der irritiert die Unterhaltung verfolgende ‚König der Indios‘, Wutzenbrunz und der fromme Eiferer blickten überrascht Jäkel an, der sich die laufende Nase mit seinem Ärmel abwischte.
‚Mögen die hohen Herren mir verzeihen…‘
Der erfahrene Landsknecht hatte sich diese leichte, aber hartnäckige Erkältung schon in Europa kurz vor der Einschiffung nach ‚Las Indias‘ eingefangen und wurde sie einfach nicht los. Contreras wiederum nahm die Störung wie gewöhnlich zum Anlass für einen hysterisch klerikalen Ausbruch.
‚Caramba! Ich wusste es: Schon hat das Teufelsweib einen der Unsrigen verhext. Geschwind auf den Scheiterhaufen mit ihr! Sie alle sind Hexen und müssen sofort der heiligen Folter unter meiner Aufsicht unterworfen werden…‘
‚Was kreischet das stinkende Mönchlein da? Jäkel, nehme Er ein paar Mann, suche Er eine Wilde für den Pfaffen aus und helfe er ihm bei der Inquisition und Hinrichtung! Bedenke Er aber, dass ich die Schändung von Wildlingen mit dem Tode bestrafe, denn eine solche Schande mit minderwertigem Blute kann ich nicht dulden!‘
Im Prinzip hatte der Söldnerhauptmann nichts gegen den altehrwürdigen Landknechtsbrauch alles zu vergewaltigen, was in Reichweite war, aber als archaischer Rassist duldete Wutzenbrunz eher Sodomie unter seiner Truppe als sexuelle ‚Beziehungen‘ mit den sogenannten Wilden.
‚Zu Befehl, Eure Gnaden! Hinz und Kunz, ihr kommt mit. Greift mir die alte Vettel da!‘
Mit einer herrischen Geste unterbrach Junker Jörg die mit Kastratenstimme vorgebrachte Gezeter des Fanals der Nächstenliebe.
‚Schweige! Ich geben Oberhexe Dir! Du richten und töten und kommen, wenn ich rufe! Dann Du darfst verbrennen alle!‘
Derweil interpretierte der Heiler des Dorfes die für ihn unverständlichen Geschehnisse dahingehend, dass diese hellhäutigen Wesen keine Menschen sein konnten, sondern böse Wesen aus den ‚Neun Höllen‘! Als sich zwei der Dämonen auch noch an seiner Frau zu schaffen machten, griff der unbeaufsichtigte alte Mann in einem verzweifelten Versuch den Söldnerführer an. Der wiederum war so überrascht, dass er durch die schwächliche Attacke des Angreifers zu Boden ging. Die die Indios umgebenden Kriegsknechte hingegen reagierten dafür umso rascher und begannen mit Begeisterung das Massaker an den Gefangenen, während der fanatische Priester schrill das ‚Te Deum‘ dazu sang. (…)

Er hatte im Tempel des ‚Ch'íich' báalam kaano‘ in der Stadt des Ursprungs die Bilder des drohenden Unheils vor Monaten gesehen. Zunächst gelang es dem ‚Wanderer zwischen den Welten‘ nicht den Sinn seiner Visionen zu entschlüsseln, zu fremd blieben die Eindrücke, die sich in seinem Geist manifestierten. In seinem Inneren sah er für ihn unbekannte, menschenähnliche Kreaturen, die eine gewisse Ähnlichkeit Wutzenbrunzes Mörderbande besaßen. Dann wieder die untergehende Stadt voller sterbenden Menschen und den Dschungel, der alles verschlang.Letztlich aber realisierte der Weltengänger, dass eine tödliche Gefahr von außen drohte, die selbst die mächtigen Verteidiger der Stadt mit militärischen Mitteln nicht abwenden konnten, sondern die der mächtige Schamane nur selbst stoppen konnte. So brach der ‚Weltengänger‘ auf, um mit der Hilfe der Geisterwelt den Quell des Übels zu finden. Seine Suche erwies sich einfacher als gedacht, da nicht nur die spirituellen Fähigkeiten ihn leiteten, sondern auch die Überlebenden der europäischen Friedensmission ihm den Weg wiesen. Seit Tagen beobachtete der Wanderer die fremdartigen Eindringlinge, ohne dass sich diese seiner Gegenwart bewusstwurden. Es fiel dem Schamanen zunächst schwer, die Gedanken der Fremden bildhaft zu erfassen, aber schließlich gelang es just in dem Augenblick, als Wutzenbrunz und Contreras sich mit den Gefangenen verlustierten. Das Ende des Gemetzels erschien ihm der rechte Augenblick, einzugreifen. (…)

Der Söldnerführer vermochte den Blutrausch seiner Männer nicht aufzuhalten! Obwohl die ihn mehr fürchteten als den jeweiligen Feind oder die ewige Verdammnis, ignorierten die Landsknechte die gebrüllten Befehle ihres Vorgesetzten, der sich schnell wieder aufrappelte, und setzten ihr blutiges Handwerk fort. Nicht, dass sich irgendeine Regung mit menschlichen Mitgefühls für die unglücklichen Eingeborenen in des deutschen Edelmanns Brust regte, vielmehr überwog die aristokratische Gier nach Gold und die verschwindend geringe Wahrscheinlichkeit, den Ort desselben aus den Gefangenen herauszupressen.
Verdrießlich betrachtete Wutzenbrunz das blutige Werk seiner getreuen Krieger.
‚Ihr verfluchten Hundsfötte, wie könnt ihr es wagen, meine Befehle zu ignorieren? Ich sollte euch Bastarde pfählen lassen!‘
‚Seine Hochwohlgeboren möge verzeihen, aber wir wähnten Ihro kostbares Leben in Gefahr!‘
Feldwaibel Jäkel hatte sich beim Morden zurückgehalten, aber sich wenig bemüht, die Landsknechte von ihrem blutigen Tun abzuhalten. Normalerweise exekutierte sein aristokratischer Herr erfolglose Unteroffiziere für weniger, aber da bereits Leutnant und Fähnrich samt einem Viertel der Truppe nach der Landung an ungastlichen, amerikanischen Gestaden zwischenzeitlich an allerlei Ungemach verstorben war, konnte der Hauptmann nicht auf seinen erfahrenen Untergebenen verzichten.
‚Ich sollte Ihm seine vorlaute Zunge herausschneiden lassen! Wir sprechen uns noch!‘
Derweil fühlte sich Contreras, der seinen disharmonischen Gesang schon einige Zeit zuvor zum Wohle aller misshandelten Horchorgane beendete, bemüßigt, seine Freude über die soeben beendete Schlächterei zum Ausdruck zu bringen.
‚Halleluja! Preiset den Herrn in seinem gerechten Zorn! Siehe, die Heiden liegen niedergestreckt wie die gottlosen Amalekiter in ihrem Blute. Gelobt sei der Herr! Wir sind die Ritter Jesu - Kreuzritter! Lasset uns beten:
Pater Noster,
qui es in caelis,
sanctificetur nomen tuum…‘
Selbst den dumpfen Landsknechten war das ‚Vaterunser‘ auf Latein geläufig, ohne natürlich dessen Inhalt zu verstehen. So sank die mörderische Truppe mit Ausnahme ihres Anführers und seines Feldwaibels andächtig auf die Knie. Während Jäkel spöttisch grinste, schüttelte Wutzenbrunz sein verfettetes Haupt.
‚Et ne nos inducas in tentationem: sed libera nos a malo.
Quia tuum est regnum et potestas et Gloria in saecula.
Amen. Lasset uns nun die Leichen der Ketzer und Hexen zum Wohlgefallen des Herrn zerstückeln, auf das alle anderen Heiden dem Licht der göttlichen Weisheit teilhaftig werden und sich zum wahren Glauben bekehren! Vorwärts, christliche Soldaten!‘
Zur Gänze vermochte der aristokratische Offizier den Ausführungen des begeisterten Seelenhirten nicht zu folgen, aber allmählich ging ihm der lästige Pfaffe ziemlich auf die Nerven.
‚Schweig Priester! Sonst vielleicht schnell bei Gott!‘
Da Contreras zwar gerne andere Menschen quälte und sich an deren Leiden ergötzte, gebrach es ihm doch an jeder Art von Mut, sodass der tapfere Gottesknecht es vorzog, mit bleichem Gesicht zu schweigen und das Zittern seiner Hände zu unterdrücken.
‚Es scheint mir, dass wir einen vergessen haben!‘
Jäkel deutete auf den seltsamen, alten Mann, der plötzlich in 30 Schritt Abstand am Dschungelrand unbemerkt aufgetaucht war und sich der Truppe langsam näherte. (…)

Der Wanderer wusste, dass er sich auf ein gefährliches Spiel einließ. Nicht völlig sicher, ob es gelang, musste er sich doch seinen Zielen bis auf neun Schritt nähern, um ihre Gedanken und Emotionen beeinflussen zu können. Inzwischen hatte der Weltengänger erfasst, wie verrückt die Eindringliche nach dem ‚Dreck der Götter‘ waren.
‚Gold wissen wo!‘
Der Ausruf des Unbekannten ließ die Truppe erstarren, da der Alte dies in ihrer Landessprache von sich gab. Der aristokratische Söldnerführer und seine Schar waren dermaßen perplex, dass sie erst reagierten, als das offensichtliche Sprachgenie in ihrer Nähe.
‚Teufelswerk! Tötet den heidnischen Teufel!'
Contreras erlangte als erster die Fassung wieder. Der fanatische Priester verstand natürlich die Worte des Indios nicht, aber ihm war klar, dass diese wohl in der Sprache der deutschen Barbaren gerufen wurden.
Normalerweise hätte Wutzenbrunz dem zugestimmt, aber unerklärlicherweise empfand er eine gewaltige Wut auf den Pfaffen und eine ebenso große Neugier den Fremden betreffend. Seinen Säbel aus der Schwertscheide reißend, trennte der vornehme Fähnleinführer dem in frommer Verzückung zeternden Padre mit einem gewaltigen Hieb das Haupt vom Rumpfe, sodass der Kopf des heiligen Mannes mit hasserfüllter Grimasse in hohem Bogen in die Abfallgrube des geschändeten Dorfes flog, während die Blutfontäne aus dem Halsstumpf munter sprudelte.
‚Ich habe Dich gewarnt, Mönchlein!‘
Hier ist es vermutlich vonnöten, dem geneigten Leser einige erklärende Worte hinsichtlich der erstaunlichen Wendung der Dinge zu geben. Wie bereits erwähnt verfügte unser alter Schamane über ganz ungewöhnliche Fähigkeiten. Hinsichtlich seiner telepathischen Talente empfing er die Gedanken seines Gegenübers als visuelle Information. So kamen die linguistischen Talente des ‚Weltengängers‘ dadurch zustande, dass bspw. das Wort ‚Gold‘ mit bestimmten Imaginationen verbunden war. Ebenso gelang es unserem Mann -wie bereits angedeutet- sich sozusagen in kurzer Entfernung in den Verstand anderer ‚einzuhacken‘ und dort Emotionen hervorzurufen oder zu verstärken. Seine wertvollste Gabe war wohl der Blick durch die Zeit, den ihr euch ungefähr so wie Galadriels Spiegel beim alten Tolkien vorstellen müsst. Absurd? Wissenschaftlich belegt, ist das Wesen der Zeit nicht linear. Habt ihr euch eigentlich einmal Gedanken darüber gemacht, dass ‚Geistererscheinungen‘, UFOs …etc… eventuell Schatten der Vergangenheit oder Zukunft sein könnten; aber weiter zur Geschichte.
Trotz der vordergründigen Frömmigkeit der Truppe, rief der grausame Tod des Priesters außer Überraschung keine weiteren Reaktionen hervor. Zwar fühlte Jäkel den Hass auf seinen Führer übermächtig werden, aber das hatte weitaus andere Gründe persönlicherer Natur. Mühsam beherrschte sich der Feldwaibel und beschloss, auf eine bessere Gelegenheit zu warten.
‚Also Alter, Er weiß, wo wir Gold finden können?! Spreche Er geschwind, sonst möge Er eine Folter über sich ergehen lassen, wie sie selbst der Herr Jesu nicht ertragen musste!‘
Mit unmenschlicher Selbstbeherrschung gelang es Jäkel, nicht nach den wohlbekannten Worten auf den aristokratischen Folterer loszugehen. Vor vielen Jahren hatte er diese bereits vernommen, bevor Wutzenbrunz -damals Bauern-Jörg genannt- seinen Vater zu Tode foltern ließ. Zwanzig Jahre zuvor erhoben sich die Bauern im Süden Deutschlands gegen ihre unmenschlichen Herren. Geschunden und durch Frondienst ausgepresst macht eine Inflation, deren Ursachen wesentlich das viele, geraubte Edelmetall aus der neuen Welt und die Geldpolitik gewissenloser Bankiers -nein, ich spreche hier nicht von der EZB, obwohl es Gemeinsamkeiten gibt- waren, erhoben sich die verzweifelten, verhungernden Bauern. Der Bauern-Jörg war selbst unter den Schlächtern, die den Aufstand blutig niederschlugen berüchtigt. Das Verbrechen des Vaters Jäkels bestand einfach darin, dass er als Schulze und überzeugter Lutheraner versuchte, sein Dorf neutral zu halten; außerdem war er für seine Verhältnisse ziemlich wohlhabend; das wohl das größte Verbrechen in den Augen Wutzenbrunzes. Von Luther -der forderte die ‚lieben‘ Herren auf, die ‚viehischen‘ Bauern möglichst grausam zu bestrafen- und sonstigem Beistand verlassen, fiel die blühende Siedlung den plündernden Horden des Bauern-Jörgs, der sich damals gerne mit dem jugendlichen Siegfried verglich, zum Opfer. Da das Dorf wohl an dem Aufstand unbeteiligt war, ließ der aristokratische Söldnerführer Gnade walten und befahl in christlicher Barmherzigkeit, der überlebenden, männlichen Bevölkerung ab dem 12 Lebensjahr ‚nur‘ die rechte Hand abzuhacken. Jäkel war damals 10 Jahre alt und entging nur knapp dem Gnadenakt des wahren Edelmannes. Damals lernte er besser Täter als Opfer zu sein und für ewig einen unauslöschlichen Hass auf den Mörder seines Vaters. Wutzenbrunz versank nach der Revolte in der Versenkung, bis Jäkel ihn -inzwischen erfahrener Soldknecht- zufällig vor circa einem Jahr entdeckte und sich anwerben ließ. Geduldig wartete der Feldwaibel seitdem auf eine günstige Gelegenheit, bei der er auch mit seinem Leben davonkommen konnte.
‚Kommen, zeigen Gold Stadt!‘
Mit einem wölfischen Grinsen betrachtete der alternde, verfettete Bauernschinder den unbekannten Wohltäter fast freundlich.
‚Kameraden, Gott ist mit uns! Der Herr hat ein Wunder geschehen lassen und diesen Heiden überkommen, damit er in unserer Zunge rede und uns den Weg weise, damit wir das schöne Gold aus den Klauen des Antichristen befreien!‘
Dieser frömmelnde Ausbruch und die ungewohnte Bezeichnung als ‚Kameraden‘ –‚Hundesöhne‘ stelle normalerweise die am wenigstens abwertende Bezeichnung dar, mit denen der stolze Edelmann seine heruntergekommene Truppe titulierte - sorgte innerhalb der christlichen Soldateska für nicht geringe Überraschung.
Gönnerhaft wandte sich des Teufels Hauptmann an denjenigen seiner Gefolgsleute, den er trotz aller Widerborstigkeit für seinen zuverlässigsten Mann hielt.
‚Jäkel, nun mögen die Träume von Reichtum und Ruhm in Erfüllung gehen! Er und meine getreuen Legionen werden ihren gerechten Anteil an der Beute empfangen, wenn die Heiden zu ihrem eigenen Wohle unterworfen und vernichtet sein werden! Jedem Mann verspricht Euer Cäsar pro tausend Pfund schimmernden Goldes drei ganze Silbermünzlein! Was sagt Er?‘
Dem Angesprochenen erschien es durchaus angemessen, seinen überaus ‚großzügigen‘ Vorgesetzten, der anscheinend wieder ganz zu sich fand, schon alleine wegen des infamen Angebots in eine bessere Welt zu befördern. Angesichts seiner Genossen, die zwar unübertroffen Menschen morden konnten, aber ansonsten den teutonischen Kadavergehorsam sozusagen mit der Muttermilch eingesogen hatten, besann sich der Feldwaibel eines Besseren.
‚Ihro Gnaden ist zu huldreich! Möge der großmächtige Feldherr aber bedenken, dass unsere Anzahl gering ist und selbst der räudigste, heidnische Köter noch beißen kann. Vielleicht sollte man zur Armada zurückkehren und die ungläubige Brut mit der vereinten Kraft der Armee Christi vernichten!‘
Neben realistischen Erwägungen spielte bei diesem gewagten Vorschlag auch noch eine Rolle, dass zwar das Leben eines Soldaten im Allgemeinen und speziell das seiner deutschen Söldner Don Francisco weniger galt, als das eines Huhns, aber selbst der sparsame Spanier seinen geringgeschätzten Schergen einen höheren Beuteanteil gewährte.
‚Mit diesen spanischen Gecken teilen? Er enttäuscht mich tief! Möge Er mit seinem hochverräterischen Geschwätz innehalten, sonst darf Er dem Mönchlein Gesellschaft leisten. Ein Bauerntölpel wie Er versteht ohnehin nichts von den Feinheiten der Strategie, die möge Er der Noblesse überlassen. Bedenket christliche Soldaten, der Pizarro und der Cortez haben ganze Imperien dieser heidnischen Teufel mit einer Handvoll tapferer Männer unterworfen und unendliche Beute gemacht! Ein jeder Überlebender soll eine Flasche Rumverschnitt von Lidl als Weihnachtsgratifikation bekommen! Was sagt ihr, ihr Hundsfötte? Wollt ihr eurem Führer folgen für Tod und Glorie?‘
‚Führer befiehl, wir folgen Dir!‘
Unendlicher Jubel brandete unter den Mordgesellen auf. Einzig Jäkel behielt einen kühlen Kopf, fand sich jedoch mit der Lage ab und hoffte inständig, den Todeswunsch seines Anführers bald mit eigener Hand erfüllen zu können.
Freilich sollte man an dieser Stelle erwähnen, dass zumindest Hernando Cortez mehr als nur eine ‚Handvoll‘ Totschläger aufbot, um die Azteken zu vernichten – ich glaube, bei der endgültigen Belagerung und Erstürmung Tenochtitláns waren an die 1000 Spanier beteiligt. Neben den übelsten Formen von Täuschung, Betrug und Verrat besaßen die Eroberer Mexikos und Perus mächtige, indianische Verbündete, die hofften, mit Hilfe der Europäer ihre indigenen Zwingherren loszuwerden und ohne deren Unterstützung die Konquistadoren kläglich gescheitert wären. Im Prinzip galten die nativen Alliierten den Eroberern als nützlich Idioten, die die offensichtliche Tatsache nicht begriffen, dass der geringste spanische Bettler den Invasoren unendlich mehr galt, als der edelste, eingeborene Kazike.
Hochmütig lächelnd wartete Wutzenbrunz, bis sich der Jubel seiner einfältigen Volksgenossen legte.
‚Was ist nun mit Ihm, dem Jäkel? Will Er nun auch seinem obersten Kriegsherrn folgen?‘
‚Bis in den Tod, Ihro Gnaden!‘
‚Na also! So mag Er sich wieder in meiner Huld sonnen und nur Seinen Beuteanteil verlieren! Bewache Er mir den Alten gut, damit der uns zum Golde führe, denn Er haftet mit seinem Kopfe dafür, dass der Heide nicht entfliehe oder Schaden nehme, bis uns jene Reichtümer gehören. Dann mag zu Ehren des verblichenen Pfaffen mit dem Ungläubigen ein Autodafé mit anschließendem Freudenfeuer veranstaltet werden.‘
Wieder jubilierten die dumpfen Massen.
Derweil hätte der Weltengänger zwar ein schnelleres Ende bevorzugt, aber die Beeinflussungsversuche auf denjenigen, den er als Unterführer erkannte, zeigten nicht ganz die gewünschte Wirkung. Dafür wirkte die Manipulation auf den primitiv gierigen und grausamen Geist des deutschen Aristokraten umso mehr; ein zufriedenstellendes Resultat.
‚Ihr jetzt kommen! Viel, viel Gold!'
‚Feldwaibel, nehme Er fünf Mann und bilde Er mit dem Heiden die Vorhut! Vorwärts Marsch, ihr Hunde!‘ (…)

‚Hatschii!‘
Es war der vierzehnte Tag nach dem Aufbruch und Jäkels chronische Erkältung machte sich einmal mehr bemerkbar.
‚Krieger krank?‘
Missvergnügt blickte der Feldwaibel seinen Gefangenen an, der mit erstaunlicher Geschwindigkeit sich immer besser in der Landessprache der Landsknechte ausdrückte.
‚Halt die Fresse, Du Bastard! Wenn es nach mir ginge, würdest Du schon längst im Fegefeuer schmoren!‘
Derweil entwickelte sich der Marsch für ‚Tod und Glorie‘ hauptsächlich in ersterer Richtung. Es erschien fast, als hätte sich die Natur gegen die fremden Invasoren verschworen. In den wenigen Tagen fiel allerlei giftiges und anderes Getier über die Truppe her, während die immer weiter in den Dschungel vordrang. Unerklärlicherweise und unbemerkt desertierten jede Nacht einige der Männer offensichtlich in Anfällen geistiger Umnachtung -naja, wie der geneigte Leser inzwischen bemerkt haben dürfte, waren die meisten Landknechte sowieso nicht die hellsten Birnen im Kronleuchter- in den lebensfeindlichen Urwald. Zunächst richtete der sehr auf Disziplin bedachte Wutzenbrunz die verantwortlichen Wachen eigenhändig hin; sozusagen nach dem Motto: Ein deutscher Offizier handelt schnell, hart und falsch. Als dem eisernen Hauptmann jedoch allmählich das Kanonenfutter ausging, beließ dieser es mit einem gewaltigen Anpfiff und einigen Ohrfeigen. Von den stolzen Konquistadoren waren letztlich 29 leicht ausgemergelte Gestalten geblieben, zumal es deren genialer Führer in seiner weisen Voraussicht und Gier versäumte, sich ausreichend zu proviantieren, obwohl geplünderte Vorräte en masse im gebrandschatzten Dorf zur Verfügung standen. Noch einfacher wäre es gewesen, sich genügend Wasser aus dem großen Fluss zu beschaffen, der nun in unerreichbarer Ferne lag. So hungerten denn die Verteidiger des christlichen Abendlandes und litten entsetzlichen Durst; natürlich mit Ausnahme ihres glorreichen Anführers.
‚Herr Feldwaibel Jäkel!‘
‚Was gibt es Kunz?‘
‚Der Herr Hauptmann befiehlt Euch und der Vorhut mitsamt dem Gefangenen vor seinen Gnaden zu erscheinen!‘
Jäkel nickte den Resten seines Kommandos, dem Doppelsöldner Hinz, kurz zu und stieß den alten Schamanen unsanft in die gewünschte Richtung, um nach einigen Minuten den verhassten Kriegsherrn zu erreichen, der mit seinen kläglichen ‚Legionen‘ auf einer der seltenen Lichtungen wartete.
‚Jäkel, bringe Er mir den verräterischen Heiden vor, damit ich ihn richten kann!‘
Der Angesprochene tat, wie ihm geheißen. Angesichts der demoralisierten Söldnerschar erschien es ihm für einen Augenblick klug, den Mörder seines Vaters bei ausreichender Nähe zu töten, aber ein für ihn unerklärliches Gefühl der Resignation lähmte ihn in seinem Vorhaben.
‚So Bube, Er wagt es den Imperator mit seinen heidnischen Teufeleien zu täuschen. Begreift Er denn nicht, welch niederes Wesen Er ist und welche Auszeichnung es für einen Untermenschen wie Ihn darstellt, dass Er dem Ruhme und der Bereicherung des größten Führers aller Zeiten dienen darf?‘
Natürlich hatte der Weltengänger ganz ohne präkognitive Fähigkeiten eine solche Situation vorausgesehen und wunderte sich eigentlich nur, dass sie erst so spät auftrat; das Timing jedoch passte perfekt.
‚Grosses K'éek'eno', nur wenige Stunden von Grab von ‚ Ch'íich' báalam kaano‘. Grab nur wenige Stunden vor Stadt und ‚el Dorado‘. Viel Gold in Grab!‘
Dem greisenhaften ‚Buben‘ bereitete es keine Schwierigkeiten dem dumpfen Verstand des ehemaligen Bauernschinders zu beeinflussen, zumal auch die Habgier des Aristokraten ihr Werk verrichtete. Der wiederum fühlte sich durch den einleitenden Titel ‚ K'éek'eno‘, der für ihn ähnlich wie ‚Kaiser‘ klang, furchtbar geschmeichelt, nicht ahnend, dass dies die Bezeichnung für ein einheimisches Rüsseltier war. Mit fanatisch leuchtenden Augen blitzte der Führer seine getreuen Jammergestalten an.
‚Kameraden, der Endsieg ist nahe! Noch eine letzte Anstrengung und wir werden zu meinem ewigen Ruhme in die Analen eingehen. Viele sind auf dem Felde der Ehre gefallen, aber wollt ihr Hunde denn ewig leben? Nur wir müssen hart sein! Kameraden, wollt ihr den totalen Krieg? Noch radikaler und totaler als er bereits ist?‘
Ein krächzendes, aber einmütiges ‚Ja‘ ertönte aus fast allen ausgedörrten Kehlen mit erneuter Begeisterung. Nur Jäkel verfluchte insgeheim sein Schicksal, das ihn mit derartigen Schwachköpfen verband, die ihre erbärmliche Lage verkennend, freudig aufgrund sinnloser Phrasen förmlich ins Verderben stürzten und schwieg unbemerkt.
‚Jäkel, Er begleite den Heiden wiederum mit der Vorhut! Vorwärts, Gott mit uns!‘
‚Jawohl, mein Führer!‘ (…)

‚Hier Grab von ‚Ch'íich' báalam kaano‘!‘
Unvermittelt hatte der Dschungel sich gelichtet und der sich bietende Anblick verschlug Jäkel förmlich den Atem. In circa hundert Schritt erhob sich eine drei Meter hohe, kunstvoll bearbeitete Statue, die offensichtlich ein Fabelwesen -offensichtlich ein Hybrid aus Vogel, Schlange und unbekannter Raubkatze- darstellte. 200 Fuß dahinter erhob sich eine kunstvoll errichtete Stufenpyramide, die sich unschwer als wahrhaft architektonisches Meisterwerk erkennen ließ. Das Beste in des Feldwaibels Augen war natürlich, dass die Statue aus massivem Gold und funkelnden Edelsteinen bestand.
Der geneigte Leser möge sich verdeutlichen, dass die abendländischen Kulturheroen massig unersetzliche Kunstwerke zerstörten und einschmolzen, um daraus handliche Goldbarren zu gießen.
‚Kunz, hole sofort den Hauptmann und den Rest! Sage denen, dass wir das Grab erreicht haben und ich solange die Stellung halte. Abtreten!‘
In Rekordgeschwindigkeit erschienen Wutzenbrunz und sein verbliebenes Mordgesindel in kampfbereiter Blutdürstigkeit. Der beabsichtigte eigentlich dem hilfsbereiten Indio den verdienten Lohn eines Verräters zu zahlen und nach dessen Ableben den Angriffsbefehl zu geben, aber litt im entscheidenden Augenblick unter unerwarteter Entschlusslosigkeit.
‚ K'éek'eno warten mit Krieger. Ich zu ‚Ch'íich' báalam kaano‘ aus Gold gehen, damit sehen, dass kein Hinterhalt und niemand hier!‘
‚Jäkel, er begleite den heidnischen Teufel und stoße ihn nieder, wenn er uns verrate. Dann fechte er tapfer gegen die heidnischen Unholde, damit Er meinen Rückzug decke!‘
Der Hass, der sich in dem Himmelfahrtskommandierten bildete, ließ in wortlos den Weg mit seinem Begleiter antreten. Der tapfere Söldnerführer wiederum übersah die sonst mit sofortiger Enthauptung geahndete Respektlosigkeit, geblendet von all dem Reichtum, der ihm nun zufallen sollte.
In wenigen Minuten erreichten der Gefangene und unfreiwilliger Kerkermeister das Meisterwerk präkolumbischer Kunst. Nach einer guten Viertelstunde folgten der Fähnleinführer mitsamt dem Rest der Truppe vorsichtig.
Der ‚Weltengänger‘ hielt nun die Zeit für das Finale gekommen. Hier an der Pforte der Geisterwelt, sollten die Eindringlinge ihr wohlverdientes Ende finden. (…)

Mit funkelnden und auf die Statue fixierten Augen stand fast sabbernd vor Gier der vollendete Edelmann vor dem goldenen Bildnis.
‚Ihr Ritter des Kreuzes, tapfere Soldaten Christi, stürzet nun das Bildnis des Antichristen um und zerhacket es in kleine Stücke! Passt mir aber auf die Edelsteine auf! Ich hänge jeden Mann, der meinem Eigentum einen Kratzer zufügt! Macht schon, ihr verdammten Hunde!‘
‚ K'éek'eno warten! Ich noch sagen müssen!‘
Mit einer herrischen Geste bedeutete der Kunstliebhaber seinen Schergen zunächst von ihrem Tun abzulassen. Vielleicht hatte der Indio noch mehr Reichtümer zu bieten!
‚Was willst Du dummer Wilder denn? Sprich geschwind!‘
‚Dies Land der Toten! Du und andere Menschenmörder sterben hier zu Ehren von ‚Ch'íich' báalam kaano‘!‘
‚Hinterhältiger Barbar! Du teuflischer Heide wirst eine Folter über Dich ergehen lassen müssen, wie sie selbst der Herr Jesu nicht ertragen musste! Ergreifet (…)‘
Jäkels Katzbalger, der mit unglaublicher Wut bis zum Heft in den Rücken des Mörders seines Vaters gestoßen wurde, schnitt dem Aristokraten förmlich das Wort ab. Im Gegensatz der zu förmlich vor Überraschung erstarrten Soldateska, handelte Doppelsöldner Kunz geistesgegenwärtig und griff hurtig den verräterischen Feldwaibel an, der wiederum seinen Katzbalger mit einem heftigen Ruck aus dem Rücken des verhassten Bauern-Jörgs entfernte und sich verteidigte. Im weiteren Verlauf verreckte der tapfere Edelmann laut jammernd und sich einnässend am Fuße der Statue, während unter seinen Soldknechten ein sinnloses Gemetzel stattfand. Geradezu trunken vor Blutgier töteten sich die Landsknechte sich gegenseitig, ohne dass der hintergründig lächelnde Schamane irgendwelche Beachtung fand. Schließlich war nur ein verwundeter Jäkel von all den verhinderten Erobern übrig, der sich schwankend zu Füßen des wundervollen Bildnisses setzte und in resignierender Wut den erst jetzt wahrgenommenen Schamanen anstarrte.
‚Du hast das alles geplant?‘
‚Ja! Der Tod war euer Gott und er hat euch geleitet. Euer Ende habt ihr mit euren Taten selbst bestimmt. Du bist der Letzte und sollst nun die Freiheit haben, zu sterben, wie es Dir gefällt!‘
Jäkel schloss kurz unfreiwillig die Augen und fand sich alleine unter all den Leichen wieder, als er sie öffnete. Der Feldwaibel machte es kurz und gab sich mit seinem Misericordia den Gnadenstoß. (…)

Ende gut, alles gut? Keineswegs!
Nach einem Monat machte sich Don Francisco höchstpersönlich mit dem noch kampfkräftigen Teil seiner Armada -circa 50 Mann- auf, die furagierenden Deutschen nebst den dringend benötigten Lebensmittel zu suchen und verscholl ebenfalls. Allerdings fand der spanische Hidalgo entgegen leserschaftlicher Erwartungen sein Ende nicht durch den ‚Weltengänger‘, sondern aufgrund eines ausgeklügelten Hinterhaltes Eingeborener, die sich ungern von den Europäern ‚zivilisieren‘ lassen wollten. Der Rest der Expedition gab nach zwei weiteren Monaten arg dezimiert auf und entwich nach Panama.
Der Schamane kehrte zwar in die heilige Stadt zurück, trug aber unbemerkt den Fluch des weißen Mannes in sich. Als Mensch mit besonderen Fähigkeiten war der ‚Weltengänger‘ einer der Wenigen, die sich gegenüber aus Europa eingeschleppten Krankheiten resistent erwiesen. Nichtsdestotrotz hatte er sich bei Jäkel angesteckt und infizierte unwissentlich diejenigen, die er eigentlich schützen wollte, mit dem verheerenden Resultat, dass eine Weltkultur aufgrund eines ‚harmlosen Schnupfens‘ für immer verschwand.
Der geneigte Leser sollte wissen, dass noch mehr als die Waffen und Grausamkeit des weißen Mannes seine Krankheiten den Genozid an der indianischen Bevölkerung verursachten. Die Isolation der ‚Neuen Welt‘ bedingte, dass die Ureinwohner nicht in der Lage waren, entsprechende Antikörper zu bilden; später setzten die europäischen Kolonisten dies gezielt als Waffe ein, da man bspw. verbündete Indianerstämme nach getaner Arbeit mit pockenverseuchte Decken für ihre Treue ‚belohnte‘.
Die Visionen des Schamanen wurden im Stile einer griechischen Tragödie gerade deshalb wahr, weil dieser versuchte das Unglück abzuwenden.
So versank die Stadt, aus denen einst die Vorfahren jener Begründer der Hochkulturen in Mesoamerika und Peru aufbrachen, um ein einzigartiges Licht zu entzünden, nach einigen Jahren im Urwald als ein Ort zerbrochener Hoffnungen.
Als die Spanier einige Jahrzehnte später zurückkehrten, fanden sie nichts als Urwald.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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