Manfred Ende

Erna kommt

Erna kommt…

Eine Ostfriedgeschichte von Manfred Ende

 

»Erna kommt«! rief Elfriede und schwenkte einen rosafarbigen Briefumschlag.

»Die hat mir noch gefehlt«, murrte Ostfried. Er mochte die Vierundachtzigjährige nicht sonderlich. Erna war ihm zu eitel. Fragte man sie nach dem Alter, log sie aus der 84 eine 48. Sie besaß unschuldig weißes Haar und ihr Gesicht war eine Aneinanderreihung unzähliger Falten. Sie aß viel und gut, vorwiegend beim Italiener, und sie verschmähte keinen Rotwein. Ihr Schlafzimmer daheim ähnelte der Künstlergarderobe einer Filmdiva. Aus ihrem Badezimmer quollen Parfüm-Wolken, die jeden Rauchmelder in Gang setzen konnten. Auch ging sie regelmäßig zur Fußpflege, nahm Ganzkörpermassagen und gönnte sich wöchentlich eine Dauerwelle. Ihr Rheumaleiden bekämpfte sie mit Pferdesalbe und ihre Falten mit Antifaltencreme de lux. Eine üppige Witwenrente ermöglichte es ihr, sich jugendlich zu kleiden. Nur auf die Schuhe mit langstieligen Pfennig-Absätzen musste sie wegen ihrer künstlichen Hüftgelenke verzichten.

Erna war total dem Leben zugewandt. Sie trug einen Sport BH, Größe F und spielte mit dem Gedanken, sich für die heißen Tage ein Tanger-Höschen zuzulegen.

Erna erschien bereits wenige Tage nach ihrem Brief und Ostfried durfte fünf, mit Kleidern und Kosmetikartikeln voll gestopfte Koffer ins Haus tragen.

»Die kommt mir nicht ins Haus«, hatte er noch Minuten vor Ankunft des Zuges gewettert. Aber für die Gastlichkeit war Elfriede zuständig und die hatte entschieden: »Erna kommt und bleibt! Basta! Die wenigen Wochen gehen auch vorüber.«

Da hatte Ostfried seine Kreislauftropfen verlangt und später zur Bierflasche gegriffen.

Erna schien ihre neue Besuchsadresse veröffentlicht zu haben, die Post brachte Paketweise Versandhauskataloge und Werbeprospekte ins Haus.

«Wenn‘s so weiter geht«, können wir einen Papierladen aufmachen«, tobte Ostfried.

Aber Elfriede beschwichtigte. »Es hat auch sein Gutes«, meinte sie, denn Erna war großzügig, spendierte schon mal einen Zehn-Euro-Schein und Ostfried bekam, seinem Hobby zu Liebe, einen Satz Angelhaken geschenkt.

So vergingen die Tage. Während Ostfried, betäubt von Düften nach Kamille, Lavendel und Sonstigem aus dem Badezimmer, im Fernsehsessel schlummerte, empfing Erna die Werbevertreter für Staubsauger, Kosmetikfläschchen und Modechournale.

Eines Morgens, Ostfried schmierte sich gerade hausgemachte Brombeermarmelade aufs Brot, klingelte es wieder an der Haustür.

»Wir geben nichts, wir nehmen nichts«! schrie Ostfried.

Doch Elfriede hatte der jungen Blonden mit dem schwarzen Vertreterkoffer bereits geöffnet und Erna rief aus ihrem Zimmer »Nur immer herein«!

»Jetzt reicht es!«, tobte Ostfried und rannte, das mit Marmelade beschmierte Küchenmesser im Anschlag, über den Flur. Er öffnete Ernas Stubentür und wurde Zeuge eines ungeheuerlichen Vorganges.

Die blonde Vertreterin öffnete einen schwarzen Koffer und entnahm ihm ein, dem Modetrend entsprechendes, rosafarbiges Flatter-Hemd, das sie Erna triumphierend unter die Nase hielt. »Unsere neueste Kreation, knitterfrei und modisch schick, für nur 70 Euro. Auch Ratenzahlung ist möglich«, sagte die Blonde und überreichte ihre Visitenkarte.

Erna las und wurde plötzlich totenbleich, stöhnend fiel sie auf das Sofa.

Die Visitenkarte flog Ostfried vor die Füße, der hob sie auf und las: »»Modische Textilien für die letzte Ruhe.«« Beerdigungsinstitut Brigitte Heimgang.

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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