Manfred Ende

Glücksrad

   Jahreswechsel stand vor der Tür und Elfriede in der Küche, um Pfannkuchen zu backen. Sie summte: Morgen Kinder, wird’s was geben! Sie hatten ihren Ostfried, einer Wohltätigkeitsidee folgend, ins Fernsehstudio zur Sendung Glücksrad eingeladen. Es wurden ausschließlich Bewerber aus den neuen Bundesländern gebraucht, denen es bisher noch wenig vergönnt gewesen war, vom gesamtdeutschen Wirtschaftswunder zu profitieren. Elfriede saß pünktlich mit der Nachbarin vorm Fernseher. „Da ist er!“ rief sie euphorisch und zeigte auf die Nr. 3 der Kandidaten. „Ja, das ist unser Ostfried!“ begeisterte sich nun auch die Nachbarin. „Mein Ostfried,“ verbesserte Elfriede, immerhin war sie seit dreißig Jahren mit ihm verheiratet. Der Moderator stellte die Kandidaten vor. „Ihr Beruf ?“
„Kurzarbeiter,“ antwortete Kandidatin Nr.1, eine Randberlinerin mit einem satten Speckgürtel um den Hüften. Was sie vorher gemacht habe, wollte der Moderator wissen, aber er wartete die Antwort nicht ab, denn Zeit ist Geld beim Fernsehen. Kandidat Nr.2, ein kleines, hageres Männchen aus Thüringen, verkündete stolz, bereits selbständig zu arbeiten, als Harkenzinkenschnitzer. Und seine Frau würde derweil die Bratwürstel verkaufen, in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, volkstümlich auch als ABM-Stelle bezeichnet... Hier unterbrach ihn der Moderator, denn da war noch Ostfried, der Kandidat Nr.3 aus Brandenburg. Elfriede rutschte unruhig im Sessel hin und her. „Ach, hoffentlich hat er seine Blutdrucktabletten...“ bangte sie. Aber Ostfried schien gefasst, gab ruhig seinen Vorruhestand bekannt und antwortete auf die Frage nach seinen Hobbys wahrheitsgemäß: „Skat kloppen, Sense kloppen, Teppich kloppen!“ „Der ist bekloppt!“ rief Elfriede, immerhin sah das halbe Dorf zu. Die erste Runde ging an die Randberlinerin, magere dreihundert D-Mark. Ostfried hatte vor Aufregung die Konsonanten mit Vokalen verwechselt, er drehte das Rad dreimal auf Bankrott. Runde zwei gewann der Harkenzinkenschnitzer aus Thüringen, der die gesamte Palette abräumte, vom Luxuskaffeesieb bis zur kompletten Ausrüstung einer Seilschaft.
„Noch ist nicht aller Tage Abend,“ meinte Elfriedes Nachbarin, die insgeheim auf den Sonderpreis, eine Reise in die Schwarzwaldklinik spekulierte, nicht ganz uneigennützig, denn Elfriede war schlecht zu Fuß mit ihren Krampfadern. Jetzt drehte Ostfried wieder das Rad. Elfriede schrie auf, die Zuschauer kreischten, der Zeiger zeigte auf die Höchstsumme 5000. Ostfried, angesichts derart rosiger Aussichten etwas durcheinandergeraten, brachte jetzt seine ureigenen Wünsche über die Lippen: „Ich kaufe ein Lokal!“ rief er unter dem Gejohle des Publikums. „Sie kaufen ein Vokal,“ verbesserte der Moderator. Elfriede aber drückte hastig auf den Knopf ihrer Fernbedienung, um ihrem Ostfried, der einen hochroten Kopf bekommen hatte, etwas die Farbe wegzunehmen. Dann aber zeigte sich, was wirklich in Ostfried steckte. „Wer A sagt, muss auch B sagen!“ rief er. Dann kaufte er U und E, setzte R und M dazu und auf der Tafel erschien das Wörtchen Mauer. „Mauerblümchen!“ schrie Elfriede. Dazu zeigte sie beschwörend zum Blumentopf auf ihrer Fensterbank. War es nun reiner Zufall oder Telepathie, die vom Dorf ins Fernsehstudio reichte, Ostfried wiederholte, was Elfriede vorgesagt hatte, und gewann. Die Assistentin zeigte ein perlweißes Lächeln und Ostfrieds Stimme überschlug sich vor Eifer: „Für Elfriede das Lockenwickler Set,“ waren seine letzten Worte nach Aufzählung der Preise. 
Elfriede war stolz auf ihren Ostfried, Freudentränen kullerten über ihre Wangen. Die Freude der Nachbarin war verhaltener, hatte sie doch umsonst auf die Schwarzwaldklinik gehofft. Ostfried wurde Tagessieger und durfte um den Hauptpreis spielen. Dabei lief er zu großer Form auf, die Buchstaben kamen wie aus der Pistole geschossen und reihten sich zu dem Wörtchen Ost aneinander. „Ostfried!“ schrie er. „Nicht Persönlichkeiten, Ereignisse sind gefragt,“ erläuterte der Moderator. Und dann hatte Ostfried den lichtesten Moment seines Lebens. „Aufschwung Ost!“ rief er. Sofort zischten Feuerwerkskörper durch das Studio und Beethovens Neunte erklang. Von der Decke schlängelten Konfettischlangen und verfingen sich in den Haaren der Assistentin. Ostfried war der Gewinner eines fabrikneuen Trabant de Lux mit Hängerkupplung. „Aber den haben wir doch schon!“ rief Elfriede entsetzt, während eine Stimme im Hintergrund die endlosen Vorteile der Pappe pries. Letzteres aber konnte Elfriede nicht mehr hören, sie war längst ihrer Nachbarin ohnmächtig in die Arme gesunken.  
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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