Manfred Ende

Kirmes in B

 

Kirmes in B.

 

Während die Kleinsten auf Holzpferden, Plaste-Schweinen und Feuerwehrautos im Kreis herum fuhren, schossen wir Großen auf Makkaroni-Röhrchen. Mit 16 Jahren zielten wir schon gekonnt über Kimme und Korn, was vom Schießbudenbesitzer mit Papier-Rosen belohnt wurde, die wir den Mädchen schenkten, ohne sie dabei, aus Verlegenheit, anzusehen. Aber eigentlich war ich es nur, der die Dorfschönen nicht, ohne rot zu werden, ansehen oder gar ansprechen konnte. Alle wussten das. Ich war unheilbar schüchtern, errötete bereits, wenn in der Nähe ein weibliches Stimmchen zu hören war.

Jeder Schuss ein Volltreffer!” rief der Schießbuden-Mann. Aber Volltreffer landeten, wenn es um Mädchen ging, nur die anderen.

Wer will nicht hoch hinaus in einem Alter, da die Wege noch offen sind. Es zog mich zum Riesenrad, und dort geschah es.

Meine Freunde drängten mich gewaltsam in die Gondel, schubsten eines der Mädchen hinterher und sprangen im letzten Moment zurück. Dann verschlossen sie die Tür und johlten wie Indianer auf dem Kriegspfad.

Ich war allein mit dem Mädchen, das Monika hieß und das ich seit Wochen aus der Ferne verehrte.

Wir saßen uns in einer schwankenden Gondel gegenüber, die sich langsam in den Himmel hob. Monika lächelte und ich wusste, dass, wenn sie mich nicht für blöd halten sollte, ich jetzt irgend etwas sagen musste, etwas Nettes, Kluges.

»Tut mir echt leid«, sagte ich mit seltsam heiserer Stimme.

Sie lächelte. Etwas spöttisch, wie ich fand. Sie blickte gelangweilt auf die dunklen Punkte am Boden, die sich wie Ameisen hin und her bewegten.

»Willst du aussteigen?« fragte ich, als wir die Hälfte unserer Himmelfahrtstrecke erreicht hatten.

»Phhh«, machte sie und schnäuzte in ein Spitzen-Taschentuch, das nach grünem Apfel roch.

Wir nahmen Fahrt auf, Oben und Unten wechselten einander ab und meine Ohren fingen Musik und Stimmen ein, die sich verloren, wenn wir den höchsten Punkt erreicht hatten.

Ich beobachtete sie unauffällig aus den Augenwinkeln. Schmales Gesicht, kurzes, dunkles Haar, über das der Sommerwind wie übers Kornfeld strich. Und der Mund, kirschrot und ebenmäßig, wie ich ihn so nie zuvor gesehen hatte.

Wenn sie wenigstens niesen müsste, dann könnte ich über die Nachtkühle reden, oder allgemein übers Wetter und könnte ihr meine Jacke borgen.

»Warum schielst du?« fragte sie plötzlich.

»Ich schiele nicht, ich gucke.«

»Und warum guckst du?«

Weil du mir gefällst, wollte ich sagen, aber ich blieb stumm und spürte, wie mir die Röte ins Gesicht schoss.

»Bist ein komischer kleiner Kauz«, sagte sie und bekam Fältchen auf die Stirn.

Peng, das saß. Den komischen Kauz hätte ich ihr verziehen, aber »Kleiner« war zu viel.

Mit der Kränkung war alle Schüchternheit verflogen, Trotz und Stolz drängten sich in mir hoch. Ich kreuzte meine Arme über die Brust und bemusterte sie auffällig dreist von oben bis unten. Dann verzog ich das Gesicht, als würde ich mich vor einer Spinne ekeln.

Aber die Spinne hatte schokoladenbraune Augen und diese winzigen Fältchen auf der Stirn.

»Hochmut kommt vor den Fall!«. Ich bemühte mich um einen sonoren Klang in der Stimme.

»Vor dem Fall«, verbesserte sie. Dazu lachte sie. Mit Zähnen, weiß wie Zuckerwatte.

Es ging wieder nach unten, wir näherten uns dem Lachen der Zuschauer und für Sekunden war es, als würden wir ihre Köpfe streifen. Sie winkten uns zu, für Augenblicke, dann ging es wieder hinauf. Als unsere schaukelnde Laube am höchsten war, hielten wir plötzlich. Zu früh, wie ich bemerkte, denn das “I love you” des Songs bedurfte noch einiger Wiederholungen und die Ausstiegsplattform befand sich, unerreichbar für uns, zwischen zwei Gondeln.

Wir sahen, wie ein Kerl mit Tür breitem Kreuz seine tätowierten Arme gegen den Himmel streckte. Er zerrte an Hebeln, klopfte gegen Schaltschränke und faltete die Hände zum Stoßgebet. Vergeblich. Der Allmächtige hatte in die Speichen gegriffen und ein Rädchen menschlicher Technik außer Gang gesetzt, aus einer Laune heraus - oder in weiser Voraussicht.

Wie immer er Regie geführt hat, das schmale Gesicht des Mädchens mir gegenüber verriet nicht die winzigste Spur von Angst.

Ich zählte die Gondeln ab: sie liebt mich, - sie liebt mich nicht...

Noch war ich nicht reihum, da unterbrach sie mein Gedankenspiel.

»Hast wohl Angst, Kleiner?«

»Angst, was ist das?« fragte ich.

»Angst ist die Schwester vom Mut«, antwortete sie und lachte, lachte - als wollte sie nie wieder damit aufhören.

Ihr Spott traf mich wie Nesseln, meine Wangen brannten, im Hinterkopf nisteten Rachegedanken.

Oh Chef im Himmel, erbarme dich unser, lasse uns ausnahmsweise recht lange hier oben hängen, damit ich meine Rachepläne in die Tat umsetzen kann.

Eine Gondel hängt an einem einzigen Stahlbolzen, der dem Wind und dem Regen ausgesetzt ist. Kann das nicht gefährlich werden, für Leib und Leben? Ich begann, mir die Umstände auszumalen, ließ Splinte verrosten und Seile reißen, gerade soviel, das Gondel und Leben noch am seidenen Faden hingen.

Ich beobachtete sie und fand, dass sie jetzt häufiger auf ihrem Sitz hin und her rutschte. Sie spitzte den Mund und pfiff lässig eine Melodie mit, die der Wind von einem Kinderkarussell herauf trug.

Aus meinem Racheplan machte ich einen Denkzettel, ließ Splinte wieder entrosten und tragende Bolzen festsitzen. Aber gänzlich ungestraft sollte sie mich nicht ausgelacht haben, einige Minuten Angst hielt ich für angemessen.

Also starrte ich angestrengt nach oben und sagte nachdenklich: »Muss ja nichts bedeuten.«

Sie folgte meinem Blick und ich meinte, nun etwas besorgter schon: »Irgend was stimmt da nicht.«

»Mit dir stimmt was nicht!« sagte sie bissig.

Ich schluckte es runter.

»Da, da oben ist es!« rief ich möglichst erschrocken und zeigte auf die Aufhängung..

Aber sie nannte mich einen romantischen Sterne-Gucker und empfahl mir einen Optiker im Ort.

»Nein, nein - ist die Aufhängung, sieht verdammt komisch aus,« beharrte ich.

Ihr Lachen brach ab, wie das Lied einer zerschellten Spieluhr.

»Sieht verdammt gefährlich aus!«, bohrte ich weiter, und war bemüht, besorgt aber nicht ängstlich zu wirken.

»Wieso?« Ihrer Stimme fehlte der gewohnte Spott.

Jetzt nur nicht weich werden, dachte ich und sah nach unten, wo es dem Kerl mit den Riesenfäusten gelungen war, den Schaltschrank aufzubekommen. Seine Arme drehten sich wie Schraubenzieher ins Innere, dann verlöschten ein Paar Lämpchen und der Kerl sprang mit einem Aufschrei zurück, rieb sich die bemalten Arme und schimpfte auf alte und neue Technik. Die Zahl der Neugierigen vergrößerte sich, Ratgeber und Schnaps-Selige strömten aus Bierbuden und Würstchen-Zelten herbei.

Derweil schien Monika mehr und mehr nervös zu werden. Was eigentlich los sei, wollte sie wissen.

»Ja, wenn ich das wüsste!« Ich blickte wieder bedenklich drein.

»Warum geht’s nicht abwärts?«, fragte sie nun schon ängstlicher.

»Nun bleib mal ganz ruhig,« riet ich, »vor allem nicht bewegen, verstanden?«

Sie nickte eifrig. »Kann man erkennen, dass da oben..?«

»Na, logisch!«

»Und wie?«

Ich machte ein wichtiges Gesicht und sagte: „Siehst du die roten und grünen Lämpchen um uns? Daran ist es zu erkennen.«

Als sie mich ungläubig ansah, streckte ich mich und erzählte ihr, was ich so in Fachbüchern gelesen hätte. Von Sternschaltungen, Dreieckschaltungen, Wechselschaltungen, - vermischt mit dem kirchhoffschen Gesetz, brachte noch den Pythagoras ins Spiel und erläuterte die unverzichtbare Funktion des Nullleiters. Daraus schlussfolgerte ich, dass einige Lämpchen zu hell leuchteten und blickte ihr in die Augen.

»Woher weißt du das alles?«, staunte sie.

»Das geübte Auge eines Elektrikers«, antwortete ich.

»Du bist Elektriker?«

»Ja, im zweiten Lehrjahr!«

Schweigen war zwischen uns, nur die Musik und das Lachen unten waren zu hören.

Plötzlich ruckte die Gondel an, nur wenige Meter, dann wieder Stillstand.

Monika schrie erschrocken, rutschte nach vorn, - mir entgegen. Für Sekunden umklammerten ihre Hände meinen Arm, aber noch ehe ich mutig sie ganz in die Arme nehmen konnte, fing sie sich wieder, setzte sich aufrecht und stammelte: »Entschuldigung.«

»Kann das noch lange dauern?«, fragte sie gespielt gleichgültig und schielte auf die bunten Lämpchen. Dabei zitterte sie und ich bot ihr meine Jacke an.

Sie schüttelte den Kopf.

Da begann ich mit dem zweiten Teil meines Denkzettels.

Also, - da gab es mal einen Fall im Erzgebirge. Da hat eine Seilbahn die ganze Nacht lang gestanden, 50 Meter über‘m Gletscher, bei 20 Grad minus.

Monika sah mich ungläubig an, ihr Zittern verstärkte sich.

Ja, und da saß mein Onkel drin, erst am anderen Morgen konnten sie vom Hubschrauber geborgen werden, mit einer 50 Meter langen Strickleiter, und drei Zehen hat er sich erfroren, weil er auf Zehenspitzen nach der Strickleiter gehangelt hat. Mich schüttelte es selbst, aber es war mir gelungen, meine Jacke um ihre Schulter zu legen.

Sie saß jetzt neben mir, lehnte sich eng an mich und zitterte wie Espenlaub.

Ich wollte sie an mich drücken, eventuell einen Kuss riskieren, aber in dem Augenblick ruckte die Gondel wieder an und wir fuhren gleichmäßig der Erde entgegen.

Monika schrie freudig auf, streckte die Arme nach unten, als wollte sie die Erde an sich heran ziehen.

Ein großes »Hallo« empfing uns. Es hieß, irgend eine Sicherung wäre durchgebrannt.

Meine Freunde umringten mich lachend. »Na, was hast du mit ihr gemacht?«

»Ach«, sagte ich, »über Intimes redet man nicht!«

Der tätowierte Riese drängelte: »Avanti, avanti, - alles aussteigen, Time is money..!«

Er zerrte uns aus der Gondel und Monika entflog wie eine Feder im Wind.

»He, meine Jacke!«, rief ich.

»Hol sie dir!«, klang es aus einer Mädchentraube und ich war sicher, es war Monikas helle Stimme.

 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Manfred Ende).
Der Beitrag wurde von Manfred Ende auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Manfred Ende:

cover

Die Kicker von Lindchendorf von Manfred Ende



Humorvoll schreibt der Autor über eine Kindheit im Jahr 1949 in einem kleinen Dorf in der damaligen "Ostzone".
Armut ist allgegenwärtig und der Hunger ein ständiger Begleiter. Für den 11 jährigen Walter, mit der Mutter aus Schlesien vertrieben, ist es eine Zeit des Wandels, der Entdeckungen. Einfallsreichtum und Erfindungsgabe gehören zum Alltag.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Humor" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Manfred Ende

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Brieftreue von Manfred Ende (Humor)
Hunde denken anders. von Walburga Lindl (Humor)
Muschi von Norbert Wittke (Freundschaft)