Claudia Savelsberg

Die Tochter des Buchhalters

Jörg war Buchhalter und ein sehr pedantischer Mensch, nicht nur im Beruf Jeder Tag war auf die Minute genau durchgetaktet. Der Wecker klingelte um 6 Uhr, dann ging Jörg ins Bad, wo er genau eine halbe Stunde verbrachte. Dann setzte er sich an den Frühstückstisch, den er immer am Abend voher eindeckte. Jeden Morgen aß er zwei Scheiben Brot: eine mit Wurst oder Käse, die andere mit Erdbeermarmelade. Dann machte er seine Brotdose für die Mittagspause fertig. Zwei Vollkornbrötchen mit Wurst, dazu einen Apfel oder eine Banane und einen Schokoriegel. Punkt sieben Uhr verließ Jörg das Haus und fuhr zu seiner Firma, in der er schon seit 25 Jahren arbeitete. Seine Vorgesetzten schätzen seine ruhige und zuverlässige Art, bei den Kollegen war er nicht besonders beliebt. Seine pedantische Art wurde oft belächelt.

Auf Jörgs Schreibtisch herrschte eine penible Ordnung, die Kugelschreiber waren nach Farben sortiert. Wenn ein Kollege sich einen ausborgte und an die falsche Stelle zurücklegte, geriet Jörg in Rage. Seinen Kaffee trank er jeden Tag aus einem ganz bestimmten Henkelbecher, den niemand sonst benutzen durfte. Das wäre ein Sakrileg gewesen. Nach Feierabend fuhr Jörg zu seiner Schwester, die mit ihrer Familie ganz in der Nähe wohnte. Dort nahm er sein Abendessen ein, dann fuhr er zu sich nach Hause, sah die Post durch und las die Tageszeitung. Um 20 Uhr schaltete er die Nachrichten im Fernsehen ein, schaute vielleicht noch einen Film oder eine Show. Gegen 22 Uhr ging er zu Bett, vorher hatte er die Sachen, die er am nächsten Tag anziehen wollte, säuberlich zurecht gelegt.

Freitags konnte er das Büro früher verlassen, dann fuhr er in einen großen Supermarkt, um seine Wocheneinkäufe zu erledigen. Am Samstag wusch er seinen Wagen und putzte die Wohnung. Sonntags rief Jörg um Punkt 10 Uhr seine Mutter an, dann ging er in seine Stammkneipe, um mit zwei Freunden einen Frühschoppen zu machen und Skat zu spielen. Er trank zwei Bier, nie mehr oder weniger. So lebte er Jahr für Jahr, seine Tage liefen mit der Präzision eines Uhrwerks ab. Jörg war zufrieden mit seinem Leben. Er kannte es ja nicht anders.

Dann kam der Tag, an dem sein Leben völlig aus den Fugen geriet. Es begann damit, dass er den Wecker nicht hörte, was ihm noch nie passiert war. Er beeilte sich mit duschen und frühstücken, weil er nicht zu spät in die Firma kommen wollte. Doch wegen eines Verkehrsunfalls war eine Straße beidseitig gesperrt, und er musste eine Umleitung fahren. Nervös und verschwitzt kam er endlich in der Firma an. Auf Unvorhergesehenes war er einfach nicht vorbereitet, es brachte ihn aus der Fassung. Beim Abendesssen erzählte er seiner Schwester von diesen fürchterlichen Vorfällen, was sie nachsichtig zur Kenntnis nahm. Jörg verabschiedete sich relativ nervös, er wollte schnell nach Hause.

Es war ein dunkler und nebliger Novembertag, und die junge Frau, die plötzlich aus dem Nichts auftauchte und auf die Strasse lief, sah Jörg im letzten Augenblick. Er machte eine Vollbremsung und kam zum Stehen, er hatte die Frau nur ganz leicht mit dem rechten Kotflügel gestreift. Jörg sprang sofort aus dem Wagen, um zu sehen, ob sie sich verletzt hatte. Beim Versuch, ihm auszuweichen, war sie hingefallen und hatte sich den Fuß verstaucht. Jörg entschuldigte sich und wollte sie zum Arzt bringen, was sie ablehnte. Im Licht einer Straßenlaterne sah Jörg sie näher an. Sie war sicher nicht älter als achtzehn Jahre. Ihre Haare waren fettig und ihre Kleidung schmutzig, am Hals war sie tätowiert und ihre Augenbrauen waren gepierct. Diese junge Frau passte so gar nicht in Jörgs Weltbild. Sie nahm ihren Rucksack wieder auf: „Es ist ja nichts passiert, ich gehe weiter.“ Jörg zögerte, er wusste nicht, was er machen sollte. Er konnte diese Frau nicht einfach auf der Strasse stehen lassen. Eine innere Stimme flüsterte. Er sagte: „Ich nehm Sie mit zu mir, dann kann ich mir wenigstens ihren Knöchel ansehen.“ Die junge Frau lächelte: „Okay, ich komm mit. Ich heiße Petra.“

Auf der Fahrt schwiegen sie. Jörg wusste nicht, auf was er sich da eingelassen hatte, er hatte keinen Plan. In Jörgs Wohnung angekommen, sagte Petra ganz spontan: „Es ist alles so sauber. Da kann ich mich ja mit meinen dreckigen Klamotten nirgendwo hinsetzen.“ Jörg zögerte einen Moment, von der Situation überfordert. Dann raffte er sich auf und sagte, dass sie gerne duschen könnte. Er gab ihr ein flauschiges Badetuch und einen Jogginganzug, der ihm zu klein war. Er wusste nicht, was er tat und warum er es tat. Er folgte einer inneren Stimme. Während Petra im Bad war, kochte Jörg Tee und schmierte Brote. Sie hatte doch bestimmt Hunger. Petra kam aus dem Bad und lächelte Jörg fröhlich an. Er sah sie an und bemerkte, dass sie eine durchaus hübsche Frau war mit ihren blonden Locken und den großen blauen Augen. Und ihr Lächeln war so herzlich. Er fand sie sympathisch, was ihn irritierte. Petra aß mit großem Appetit, und dann begann sie aus ihrem Leben zu erzählen.

Sie war achtzehn Jahre alt. Vor zwei Jahren war ihre Mutter an Krebs gestorben, ihren Vater hatte sie nie kennengelernt. Ihre Mutter hatte ihr nur gesagt, dass sie diesen Mann sehr geliebt hatte. Nach dem Tod ihrer Mutter war sie zu ihrem Freund gezogen. „Er war meine erste große Liebe“, sagte sie und fügte hinzu: „Er war ziemlich flippig, aus Liebe zu ihm habe ich mich tätowieren und piercen lassen. Können Sie sich das vorstellen?“ Jörg nickte schweigend, er wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Es passte nicht in sein Weltbild. Petra nippte an ihrem Tee, dann erzählte sie weiter: „Irgendwann fing der Kerl an zu koksen. Als er für den Stoff kein Geld mehr hatte, verkaufte er alle Möbel und die wenigen Wertgegenstände, die wir hatten. Auch meine ganzen Sachen.“ Als sie Jörgs entsetzten Blick sah, fügte sie hinzu: „Keine Angst, ich habe keine Drogen genommen. Würde ich auch nie tun.“ Jörg atmete auf. Ungerührt fuhr Petra fort: „Schließlich wollte er mich auf den Strich schicken. Als ich mich weigerte, hat er mich vor die Türe gesetzt. Das war vor zwei Tagen. Da hab ich dann eben zwei Tage auf der Strasse gelebt. Ein Glück, dass ich Ihnen vor das Auto gelaufen bin. Bei Ihnen ist es schön und gemütlich. Vielen Dank für das Abendessen und die Dusche. Ich möchte Ihnen nicht weiter zur Last fallen, ich gehe gleich.“ Jörg schluckte. Was er gehört hatte, musste er erstmal verdauen. Da saß eine junge Frau auf seinem Sofa und servierte ihm eine Lebensgeschichte, die jenseits seiner bürgerlichen Vorstellungen lag.

Jörg hüstelte verlegen und sah Petra an: „Nein, Sie können diese Nacht hierbleiben und sich ausruhen.“ Er wusste nicht, warum er das sagte. Eine innere Stimme flüsterte es ihm ein. Petra nahm sein Angebot dankend an und lächelte. Nachdem Jörg für sie die Bettcouch hergerichtet hatte, schickte er vorsorglich eine Mail an die Firma, dass er am nächsten Tag nicht zur Arbeit kommen würde. Er schlief unruhig, irgendwas war heute in seinem Leben passiert.

Als er am nächsten Morgen die Küche kam, hatte Petra bereits den Frühstückstisch gedeckt. „Ich hoffe, ich habe alles richtig gemacht. Ich weiß ja nicht, was Sie morgens essen.“ Jörg war überrascht von ihrer Höflichkeit und ihren guten Manieren. Außerdem konnte sie sich gut ausdrücken, was er nach dem ersten Eindruck nicht erwartet hätte. Nach dem Frühstück rief er seine Schwester an und bat sie, ihm einige Kleidungsstücke zu bringen, die ihre Tochter nicht mehr trug. Petra war begeistert und dankte ihm überschwänglich: „Sie sind ein richtig lieber Mensch. So einen Vater wie Sie hätte ich gerne gehabt.“ Jörg wurde verlegen und wandte sich ab, Petra sollte nicht sehen, dass ihre Worte ihn gerührt hatten. Sie war eine wirklich nette junge Frau.

Es war ein Freitag, und er wollte wie immer seinen Wocheneinkauf im Supermarkt machen. Ohne Bedenken ließ er Petra allein in seiner Wohnung. Als er nachhause kam, hatte sie aufgeräumt, Staub gesaugt und den Kaffeetisch gedeckt. Jörg war freudig überrascht. Er musste sich eingestehen, dass er Petra zunehmend mochte. Sie ihn offensichtlich auch; denn sie vertraute sich ihm an: „Sie sind ein kluger Mann und haben bestimmt einen guten Beruf. Sie haben eine schöne Wohnung. Wirklich gute Verhältnisse, wie man so sagt.“ Jörg nickte schweigend. Petra lächelte und legte für einen Moment ihre Hand auf seine. Dann schaute sie versonnen aus dem Fenster in den Garten: „Wissen Sie, ich habe den Realschulabschluss, und dann habe ich eine Ausbildung zur Steuerberaterin angefangen. Ein interessanter Beruf, finde ich. Da muss man ganz schön korrekt sein, fast schon pedantisch. Verstehen Sie, was ich meine?“ Wieder nickte Jörg schweigend. Für einen Moment glaubte er, sich selbst reden zu hören. Es konnte alles nicht wahr sein. Der gestrige Tag, an dem er diese junge Frau getroffen hatte, mit der er jetzt so vertraut zusammen saß. So als würden sie sich schon ewig kennen.

Petra sah ihm direkt ins Gesicht: „Als meine Mutter starb, fiel ich in ein großes Loch. Hatte keine Lust mehr aufs Leben und brach meine Ausbildung ab. Zwei Jahre lang habe ich mit meinem Freund nur von Tag zu Tag gelebt ohne einen Gedanken an das Morgen. Aber jetzt ist Schluss damit. Ich werde meine Ausbildung zu Ende machen.“ Jörg hörte ihr fasziniert zu, sein Leben war immer gradlinig verlaufen. Irgendwann würde er heiraten, Kinder bekommen und ein Haus bauen. Das hatte er schon als junger Mann geplant. Aber heute, mit 45 Jahren ,war er immer noch Junggeselle. Er hatte beruflich alles erreicht, aber er hatte keine Familie.

Als hätte Petra seine Gedanken lesen können, sagte sie: „Fühlen Sie sich manchmal allein? Ich schon. Ich habe immer einen Vater vermisst.“ Jörg fühlte Tränen in sich aufsteigen, irgendetwas zog ihn zu dieser jungen Frau hin. Eine innere Stimme flüsterte. Petra fuhr sich mit einer nervösen Geste durch die Haare und sagte betont burschikos: „Aber warum erzähle ich Ihnen das alles. Ich wollte Sie nicht belasten. Ich habe Ihre Gastfreundschaft jetzt lange genug ausgenutzt. Morgen gehe ich. Ich danke Ihnen für alles, was Sie für mich getan haben.“ Dabei lächelte sie, aber ihr Lächeln wirkte aufgesetzt. Jörg bemühte sich, die plötzliche Spannung im Raum zu überspielen: „Wissen Sie was? Wenn Sie morgen gehen wollen, dann lade ich Sie heute zum Abendessen ein. Ich kenne einen guten Italiener.“ Petra stimmte begeistert zu. Das Essen genossen sie in heiterer Stimmung. Jörg trank sogar ein Glas Wein. Er freute sich, Petra an seiner Seite zu haben und blickte immer wieder in ihr strahlendes Gesicht. Offenbar hielt der Kellner sie für seine Tochter. Jörg widersprach nicht. Eine innere Stimme flüsterte. Als sie das Restaurant verließen, bedankte sich Petra für den schönen Abend und hauchte Jörg einen Kuß auf die Wange.

Wieder zuhause angekommen, wollte Petra gleich ihren Rucksack packen. Jörg schaute ihr schweigend zu. Er wollte sie nicht gehen lassen. Petra war nervös, und plötzlich lag wieder diese Spannung im Raum. Hektisch zerrte sie an ihrem Rucksack. Ein Foto fiel heraus. Petra hob es auf und reichte es Jörg: „Das ist meine Mutter. Wollen Sie mal sehen?“ Er schaute auf das Foto, das eine hübsche blonde Frau zeigte. Es war Brigitte. Die Frau, die er vor achtzehn Jahren geliebt hatte. Sie hatte ihn verlassen, weil sie seine pedantische Art nicht mehr ertragen konnte. Aber er hatte sie nie vergessen können. Er schaute auf das Foto, Tränen liefen über seine Wangen. Seine innere Stimme wurde lauter, ganz deutlich und klar. Jetzt wusste wer, warum er sich zu Petra so hingezogen fühlte – sie war seine Tochter.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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